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Full text of "Terrorismus und Kommunismus: Anti-Kautsky"

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HERAUSGEGEBEN 

VOM 

WESTEUROPÄISCHEN SEKRETARIAT 
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der Kommunistischen Internationale 

IN KOMMISSION : 

VE HLAGSß UCUUANDLUNG CAM tlOYM. NACHF. LOUIS CAHNbllY, HAMBURG 11 




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DRUCK: HAMBURG AUGUST 1920 

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Inhalt. 


. 1 Seite 

Vorwort 

I. Das „Kräfteverhältnis“- 1 

II. Die Diktatur des Proletariats 8 

III. Demokratie 16 

„Entweder Demokratie oder Bürgerkrieg“. . • . . iß 
Die imperialistische Entartung der Demokratie . 19 

Die Metaphysik der Demokratie 24 

Die Konstituierende Versammlung 29 

IV. Der .Terrorismus 34 

Die Preßfreiheit 44 

Der Einfluß des Krieges 49 

V. Die Kommune von Paris und Sowjet-Rußland ... 53 

Der Mangel an Vorbereitung bei den sozialisti- 
schen Parteien der Kommune 53 

Die Pariser Kommune und der Terrorismus . . 57 

Das eigenmächtige Zentralkomitee und die „de- 
mokratische“ Kommune 60 

Die demokratische Kommune und die revolutio- 
näre Diktatur 62 

Die Pariser Arbeiter von 1871. — Der Peters- 
burger Proletarier von 1917 68 

VI. Marx und — Kautsky 73 

VII. Die Arbeiterklasse und die Sowjetpolitik 79 

Das russische Proletariat .* . 79 

Die Sowjets, die Gewerkschaften und die Partei . 84 

Che Bauernpolitik 90 

Die Sowjetmacht und die Fachleute 94 

Die internationale Politik der Sowjetmacht ... 98 

VIII. Die Probleme der Organisation der Arbeit . . . . 105 

Die Sowjetmacht und die Industrie 105 

Bericht über die Organisierung der Arbeit . . . 109 

Die Arbeitspflicht 110 

Die Militarisierung der Arbeit 113 

Die Arbeitsarmeen 125 

Einheitlicher Wirtschaftsplan! 130 

Kollegialität und Einzelverwaltung 134 

Schlußwort zum Bericht . 138 

IX. Karl Kautsky, seine Schule und sein Buch .... 147 
Statt eines Nachwortes 157 


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Vorwort. 

Anlaß zu diesem Buch gab Kautskys gelehrte Schmähschrift 
desselben Titels*). Die vorliegende Schrift ist in dem Zeitabschnitt 
der erbittertsten Kämpfe mit Denikin und Judenitsch begonnen 
und zu wiederholten Malen durch die Ereignisse an der Front 
unterbrochen worden. In jenen schweren Tagen, als die ersten 
Kapitel geschrieben wurden, war die ganze Aufmerksamkeit 
Sowjetrußlands auf die rein militärischen Aufgaben gerichtet. 
Vor allem mußte selbst die Möglichkeit des sozialistischen wirt- 
schaftlichen Schaffens verteidigt werden. Mit industriellen Arbei- 
ten konnten wir uns nicht viel mehr beschäftigen, als zur Befrie- 
digung der Fronten nötig war. Die wirtschaftliche Verleumdung 
Kautskys waren wir gezwungen, hauptsächlich mit Bezugnahme 
auf seine politische Verleumdung, zu entlarven. Die ungeheuer- 
lichen Behauptungen Kautskys, als seien die russischen Arbeiter 
zur Arbeitsdisziplin und zur wirtschaftlichen Selbstbeschränkung 
nicht fähig,’ konnten wir bei Beginn dieser Arbeit — vor beinahe 
einem Jahr — zunächst durch Hinweise auf die hohe Diszipliniert- 
heit und den Heldenmut der russischen Arbeiter an den Fronten 
des Bürgerkrieges widerlegen. Diese Erfahrung war mehr als 
genügend zur Widerlegung der kleinbürgerlichen Verleumdungen. 
Jetzt aber, nach einigen Monaten, können wir uns den Tatsachen 
und Beweisgründen zuwenden, die unmittelbar aus dem Wirtschafts- 
leben Sowjetrußlands geschöpft sind. , 

Sobald der militärische Druck nachgelassen hatte — nach der 
Zerschmetterung von Koltschak und Judenitsch und nach den 


*) Terrorismus und Kommunismus. Ein Beitrag zur Naturgeschichte (1) 
'der Revolution von Karl Kautsky. Berlin 1919. 




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— II - 

entscheidenden Schlägen, die wir Denikin beigebracht hatten, nach 
dem Friedensschluß mit Estland und dem Beginn der Verhandlungen 
mit Litauen und Polen, vollzog sich im ganzen Lande ein wirt- 
schaftlicher Umschwung. Das schnelle und konzentrierte Ueber- 
tragen der Aufmerksamkeit und Energie von den früheren Auf- 
gaben auf andere, die von ihnen ganz verschieden waren, die aber 
nicht kleinere Opfer erforderten, ist ein unwiderlegbares Zeugnis 
der machtvollen Lebensfähigkeit des Sowjetregimes. Trotz aller 
politischen Prüfungen, körperlichen Leiden und Schrecken, sind 
die werktätigen Massen unendlich weit von politischer Auflösung, 
moralischem Verfall oder Gleichgültigkeit entfernt. Gerade durch 
das Regime, das ihnen zwar einerseits große Lasten aufgebürdet, 
andererseits aber ihrem Leben einen Sinn und ein hohes Ziel gegeben 
hat, bewahren sie eine hohe moralische Elastizität und eine in der 
Geschichte beispiellose Fähigkeit, die Aufmerksamkeit und den Wil- 
len auf Gesamtaufgaben zu konzentrieren. Gegenwärtig wird in 
allen Industriezweigen ein energischer Kampf um die Festsetzung 
einer strengen Arbeitsdisziplin und Erhöhung der Produktivität 
der Arbeit geführt. Die Organisationen der Partei, die Gewerk- 
schaftsverbände, die Fabrikleitungen wetteifern auf diesem Gebiet, 
unterstützt durch die gesamte öffentliche Meinung. Eine Fabrik 
nach der andern verlängert freiwillig durch Beschluß ihrer Gene- 
ralversammlungen den Arbeitstag. Petersburg und Moskau gehen 
mit gutem Beispiel voran und die Provinz richtet sich nach Peters- 
burg. „Samstage“ und „Sonntage“ d. h. freiwillige und unbezahlte 
Arbeit in den Stunden, die zur Erholung bestimmt sind, finden 
immer größere Verbreitung und ziehen Hunderttausende und Aber- 
hunderttausende in ihren Kreis. Die Intensität und Produktivität 
der Arbeit am „Samstag“ und „Sonntag“ zeichnen sich, nach der 
Aussage von Fachleuten pnd dem Zeugnis der Zahlen, durch stau- 
nenswerte Höhe aus. 

Die freiwilligen Mobilisationen für Arbeitsaufgaben werden 
in der Partei und im Jugendverband mit derselben Begeisterung 
durchgeführt, wie früher die Mobilisationen für Kampf aufgaben. 
Die freiwillige Arbeit ergänzt und beseelt die Arbeitspflicht. Die 
unlängst geschaffenen Komitees für Arbeitspflicht umfassen mit 
ihrem Netz das ganze Land. Die Heranziehung der Bevölkerung 



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— III - 

zu Massenarbeiten (Reinigen der Wege von Schnee, Reparatur des 
Eisenbahngeleises, Holzfällen, Holzbeschaffung und Transport, ein- 
fache Bauarbeiten, Gewinnung von Schiefer und Torf) nehmen immer 
breiteren und planmäßigeren Charakter an. Die sich immer mehr 
erweiternde Heranziehung der Truppenteile zur Arbeit wärt bei 
Fehlen von hohem Arbeitsaufschwung vollständig undurchführbar. 

Es ist wahr, wir leben in Verhältnissen eines schweren wirt- 
schaftlichen Verfalls, der Erschöpfung, der Arbeit, des Hungers. 
Das ist aber kein Beweisgrund gegen das Sowjetregime. Alle Ueber- 
gangszeiten waren durch ähnliche tragische Züge gekennzeichnet. 
Jede Klassengesellschaft (das Sklaventum, die feudale, die kapita- 
listische Gesellschaft) verschwindet, nachdem sie sich erschöpft hat, • 
nicht einfach vom Schauplatz, sondern wird durch angestrengten 
inneren Kampf gewaltsam hinweggefegt. Der Kampf legt den be- 
teiligten oft Entbehrungen und Leiden auf, die größer sind als die- 
jenigen, gegen die sie sich erhoben hatten. 

Der Uebergang von der Feudalwirtschaft zur bürgerlichen 
Wirtschaft — ein Aufschwung von gewaltiger fortschrittlicher Be- 
deutung — stellt eine ungeheuerliche Leidensgeschichte vor. Wie 
sehr auch die Leibeigenen unter dem Feudalismus litten, wie schwer 
es auch das Proletariat unter der Herrschaft des Kapitalismus hatte 
und hat, niemals haben die Leiden der Werktätigkeiten eine solche 
Schärfe erreicht, wie in dem Zeitabschnitt, als das alte Feudalsystem 
gewaltsam gebrochen wurde und dem neuen Regime den Platz 
räumte. Die französische Revolution des 18. Jahrhunderts, die ihren 
gigantischen Schwung dem Andrang der gequälten Massen ver- 
dankt, vertiefte und verschärfte ihre Leiden für eine längere Zeit 
außerordentlich. 

Palastrevolutionen, die nur zu einem Personenwechsel an der 
Spitze führen, können in kurzer Zeit vollzogen werden, fast ohne 
sich im Wirtschaftsleben des Landes widerzuspiegeln. Anders die 
Revolutionen, die ganze Millionen Werktätiger in ihren Wirbel 
ziehen. Welche Form auch eine Gesellschaft haben mag, sie beruht 
auf Arbeit. Dadurch, daß die Revolution die Volksmassen der 
Arbeit entzieht, sie für eine längere Zeit in den Kampf wirft und 
infolgedessen ihre Produktionsbeziehungen stört, bringt sie der 

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— IV — 

Wirtschaft Schläge bei und drückt sie zu einem wirtschaftlichen Zu- 
stand herab, den sie an ihrem Eingänge erreicht hatte. Je tiefer die 
soziale Umwälzung ist, je mehr Massen sie berührt, je länger sie 
dauert, desto mehr zerstört sie den Produktionsapparat, desto mehr 
verheert sie die Vorräte. Hieraus folgt nun der Schluß, der keines 
Beweises bedarf, daß der Bürgerkrieg die Wirtschaft schädigt. Das 
aber auf die Kosten des Sowjetwirtschaftssystems stellen zu wollen, 
ist dasselbe, wie ein neues menschliches Wesen für die Geburts- 
wehen dei Mutter verantwortlich zu machen, die es zur Welt ge- 
bracht hat. Die Aufgabe besteht darin, den Bürgerkrieg zu ver- 
kürzen. Das jedoch wird nur durch Entschlossenheit des Handelns 
erreicht. Aber gerade gegen die revolutionäre Entschlossenheit ist 
das ganze Buch Kautskys gerichtet. 

* * 

* 

Seit dem Erscheinen des Buches, das wir besprechen, haben 
sich nicht nur in Rußland, sondern in der ganzen Welt und vor 

allem in Europa die größten Ereignisse zugetragen oder haben sich 

bedeutende Prozesse, die die letzten Stützen des Kautskyanismus 

untergraben, weiter entwickelt. 

In Deutschland hat der Bügerkrieg einen immer erbitterteren 
Charakter angenommen. Die äußere organisatorische Macht der 
alten Partei und Gewerkschaftsdemokratie der Arbeiterklasse hat 
nicht nur nicht die Bedingungen für einen friedlicheren und huma- 
neren Uebergang zum Sozialismus geschaffen, was aus der jetzigen 
Theorie Kautskys folgt, sondern sie ist im Gegenteil zu einer der 
Hauptursachen des langwierigen Charakters des Kampfes, bei immer 
mehr an wachsender Erbitterung desselben, geworden. Je konser- 
vativer die deutsche Sozialdemokratie geworden, desto mehr Kräfte, 
Leben und Blut muß das von ihr verratene deutsche Proletariat 
in den aufeinanderfolgenden Attacken gegen die Festen der bürger- 
lichen Gesellschaft verausgaben, um sich im Prozeß des Kampfes 
selbst eine neue, wirklich revolutionäre Organisation zu schaffen, 
die fähig ist, es zum endgültigen Siege zu führen. Die Verschwö- 
rung der deutschen Generäle, die vorübergehende Machtergreifung 
durch dieselben und die darauf folgenden blutigen Ereignisse 
haben von neuem gezeigt, was für einen kläglichen und nichtigen 


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Mummenschanz die sogenannte Demokratie unter den Bedingungen 
des Zusammenbruchs des Imperialismus und des Bürgerkrieges 
ist. Die Demokratie, die sich selbst überlebt hat, entscheidet nicht 
eine Frage, lindert nicht einen Gegensatz, heilt nicht eine Wunde, 
verhindert weder die Aufstande von rechts noch von links — sie 
ist kraftlos, unbedeutend, verlogen und dient nur dazu, die rück- 
ständigen Schichten des Volkes, besonders des Kleinbürgertums, 
in Verwirrung zu bringen. 

Die von Kautsky im Schlußteil seines Buches ausgedrückte 
Hoffnung, daß die westlichen Länder, die „alten Demokratien“ 
Frankreich und England, die zudem noch vom Siege gekrönt sind, 
uns das Bild der gesunden, normalen, friedlichen, . echt Kautskya- 
nischen Entwicklung zum Sozialismus zeigen werden, ist eine der 
sinnlosesten Vorstellungen. Die sogenannte republikanische Demo- 
kratie des siegreichen Frankreich ist gegenwärtig die reaktionärste, 
blutigste und verderbteste Regierung von allen, die jemals auf der 
Erde existiert haben. Ihre innere Politik ist in demselben Maße wie 
ihre auswärtige Politik auf Furcht, Gier und Vergewaltigung ge- 
baut. Andererseits geht das französische Proletariat, das mehr als 
jemals irgend eine andere Klasse betrogen worden ist, immer mehr 
zur direkten Aktion über. Die kleinlichen Unterdrückungen, mit 
denen die Regierung der Republik die allgemeine Konföderation 
der Arbeit überhäuft hat, beweisen, daß sogar der syndikalistische 
Kautskyanismus, d. h. der heuchlerische Verständigungssozialis- 
mus, im Rahmen der bürgerlichen Demokratie keinen legalen Platz 
finden kann. Die Revolutionisierung der Massen, die Erbitterung 
der Besitzenden und der Zusammenbruch der Zwischengruppierun- 
gen — drei parallele Prozesse, die die Nähe des erbitterten Bürger- 
krieges bedingen und verkünden — vollzogen sich vor unseren 
Augen während der letzten Monate in Frankreich in vollem Tempo. 

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In England gehen die Ereignisse, die in der Form 
abweichen, denselben Hauptweg. In diesem Lande, dessen herr- 

0 

sehende Klasse gegenwärtig mehr denn je die ganze Welt unter- 
drückt und beraubt, haben die demokratischen Formeln sogar als 
Werkzeug der parlamentarischen Taschenspielerei ihre Bedeutung 
verloren. Der auf diesem Gebiet tüchtigste Fachmann Lloyd George 
wendet sich jetzt nicht an die Demokratie, sondern an den Verband 




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eler konservativen und liberalen Besitzenden gegen die Arbeiter- 
klasse. In seinen Argumenten ist auch nicht eine Spur von der de- 
mokratischen Verschwommenheit des „Marxisten“ Kautsky ge- 
blieben. Lloyd George steht auf dem Boden der Klassenrealitäten, 
und eben deshalb spricht er die Sprache des Bürgerkrieges. Die 
englische Arbeiterklasse mit dem ihr eigentümlichen schwerfälligen 
Empirismus nähert sich dem Abschnitt ihres Kampfes, vor dem die 
heldenhaftesten Seiten des Kampfes um die Verfassung des Chartis- 
mus verblassen werden, wie die Pariser Kommune vor dem nahen 

siegreichen Aufstand des französischen Proletariats verblassen wird. 

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Eben deshalb, weil die historischen Ereignisse während die- 
ser Monate mit rauher Energie ihre revolutionäre Logik entwickeln, 
fragt der Verfasser des Buches sich, ob eine Veröffentlichung noch 

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nötig sei. Ist es noch nötig, Kautsky theoretisch zu widerlegen? 
Besteht ein theoretisches Bedürfnis nach Rechtfertigung des revo- 
lutionären Terrorismus? 

Leider — ja. Die Ideologie spielt in der sozialistischen Be- 
wegung ihrem Wesen nach eine ungeheure Rolle. Sogar für das 
empirische England ist der Zeitpunkt eingetreten, wo die Arbeiter- 
klasse eine immer mehr anwachsende Nachfrage nach theoretischer 
Verallgemeinerung ihrer Erfahrung und ihrer Aufgaben aufweisen 
muß. Indessen enthält die Psychologie, sogar die proletarische, 
die furchtbare Trägheit des Konservatismus, um so mehr, als es 
sich im gegebenen Fall um nichts anderes handelt, als um die über- 
lieferte Ideologie der Parteien der zweiten Internationale, die das 
Proletariat erweckt haben und noch unlängst so mächtig waren. 
Nach dem Zusammenbruch des offiziellen Sozialpatriotismus 
(Scheidemann, V. Adler, Renaudel, Vandervelde, Iienderson, Ple- 
chanow u. a.) bildet der internationale Kautskyanismus (der Stab 
der deutschen Unabhängigen, Friedrich Adler, Longuet, ein be- 
trächtlicher Teil der Italiener, Huysmans, die englischen „Unab- 
hängigen“, die Gruppe Martow u. a.) den wichtigsten politischen 
Faktor, auf den sich das Gleichgewicht der kapitalistischen Gesell- 
schaft stützt. Man kann sagen, daß der Wille der werktätigen 
Massen der ganzen zivilisierten Welt, der vom Gang der Ereignisse 
unmittelbar angetrieben wird, gegenwärtig ungleich revolutionärer 



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- VII - 

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ist als ihr Bewußtsein, auf dem noch die Vorurteile des Parlamen- 
tarismus und des Verständigungssozialismus lasten. Der Kampf um 
die Diktatur der Arbeiterklasse bedeutet für den Augenblick einen 
harten Kampf gegen den Kautskyanismus innerhalb der Arbeiter- 
klasse. Die Lügen und die Vorurteile des Verständigungssozialis- 
mus, die noch die Atmosphäre vergiften, müssen beiseite geworfen 
werden. Dem unversöhnlichen Kampf gegen den feigen, zu Halb- 
heit neigenden und heuchlerischen Kautskyanismus aller Länder 
soll dieses Buch dienen. 

* * 

* 

P. S. Jetzt (Mai 1920) haben sich über Sowjetrußland die Wol- 
ken wieder zusammengezogen. Das bürgerliche Polen hat durch 
seinen Ueberfall auf die Ukraine einen neuen Angriff des Welt- 
imperialismus auf Sowjetrußland eröffnet. Die größten Gefahren, 
die von neuem die Revolution bedrohen, und die Ungeheuern Opfer, 
die der Krieg den werktätigen Massen auferlegt, stoßen die russi- 
schen Kautskyaner wiederum auf den Weg des offenen Widerstandes 
gegen die Sowjetmacht, d. h. tatsächlich auf den Weg der Unter- 
stützung der Würger des sozialistischen Rußland. Es ist das Schick- 
sal der Kautskyaner, der proletarischen Revolution helfen zu wollen, 
wenn es gut um sie bestellt ist, und ihr alle möglichen Hinder- 
nisse in den Weg zu legen, wenn sie besonders hilfsbedürftig ist. 
Kautsky hat schon zu wiederholten Malen unsern Untergang vor- 
ausgesagt, der das beste Zeugnis dessen sein soll, daß er, Kautsky, 
theoretisch Recht habe. Dieser „Erbe Marx*“ ist so tief gefallen, 
daß sein einziges ernstes politisches Programm die Spekulation auf 
den Zusammenbruch der proletarischen Diktatur ist. 

Er wird auch dieses Mal fehlgehen. Die Zerschmetterung des 
bürgerlichen Polen durch die rote Armee, die von kommunis- 
tischen Arbeitern geführt wird, wird eine neue Manifestation der 
Macht der proletarischen Diktatur sein und gerade dadurch dem 
kleinbürgerlichen Skeptizismus (Kautskyanismus) in der Arbeiter- 
bewegung den entscheidenden Schlag versetzen. Trotz der wahn- 
sinnigen Wirrnis der äußeren Formen, Losungen und Farben hat 
unsere zeitgenössische Geschichte den Grundinhalt ihres Prozesses 


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— VIII - 

außerordentlich vereinfacht und läßt ihn auf den Kampf des Impe- 
rialismus mit dem Kommunismus hinauslaufen. Pilsudski kämpft 
nicht nur um die Länder des polnischen Magnaten in der Ukraine 
und in Weißrußland, nicht nur um den kapitalistischen Besitz und 
die katholische Kirche, sondern auch um die parlamentarische De- 
mokratie, um den demokratischen Sozialismus, um die zweite Inter- 
nationale, um das Recht Kautskys, der kritische Schmarotzer der 
Bourgeoisie zu bleiben. Wir kämpfen um die Kommunistische 
Internationale und die internationale Revolution des Proletariats. 
Der Einsatz ist von beiden Seiten hoch. Der Kampf wird hart- 
näckig und schwer sein. Wir hoffen auf den Sieg, denn wir haben 
alle historischen Rechte auf ihn. 

Tj. Trotzki . 

Moskau, 

den 29. Mai 1920. 



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I. Das „Kräfteverhältnis“ . 

Ein Beweisgrund, den die Kritik am Sowjetregime Rußlands 
und besonders die Kritik des revolutionären Versuchs der Auf- 
richtung desselben in anderen Ländern unveränderlich wieder- 
holt, — das ist der Beweisgrund des Kräfteverhältnis- 
ses. Das Sowjetregime in Rußland sei utopisch, denn „es ent- 
spricht nicht dem Kräfteverhältnis“. Das rückständige Rußland 
könne sich nicht Aufgaben stellen, denen das vorgeschrittene 
Deutschland gewachsen sei. Aber auch für das Proletariat Deutsch- 
lands wäre es ein Wahnsinn, die politische Macht zu ergreifen, 
da dies „gegenwärtig“ das Kräfteverhältnis stören würde. Der 
Völkerbund sei unvollkommen, dafür entspreche er aber dem Kräfte- 
verhältnis. Der Kampf um den Sturz der imperialistischen Herr- 
schaft sei utopisch, — dem Kräfteverhältnis aber entspreche die 
Aenderung des Versailler Vertrages. Wenn Longuet hinter Wilson 
herläuft, so geschehe das nicht infolge der politischen Haltlosigkeit 
Longuets sondern im Namen des Gesetzes des Kräfteverhältnisses. 
Der österreichische Präsident Seitz und der Kanzler Renner müs- 
sen, nach der Meinung Friedrich Adlers, ihre kleinbürgerliche 
Trivialität auf zentralen Posten der bürgerlichen Republik üben, denn 
sonst würde das Kräfteverhältnis gestört werden. Zwei Jahre 
vor dem Weltkriege setzte mir Karl Renner, damals noch nicht 
Kanzler sondern „marxistischer“ Anwalt des Opportunismus, aus- 
einander, daß das Zarenregiment vom 3. Juni, d. h. der von der 
Monarchie gekrönte Bund der Großgrundbesitzer und Kapitalisten, 
sich in Rußland unausbleiblich im Laufe einer ganzen historischen 
Epoche halten würde, da dies dem Kräfteverhältnis entspreche. 

Was ist denn dies Kräfteverhältnis für eine sakramentale 
Formel, die den ganzen Verlauf der Geschichte, en gros und en 
detail, bestimmen, lenken und erklären muß? Warum eigentlich tritt 
diese Formel des Kräfteverhältnisses in der jetzigen Schule Kauts- 
kys unabänderlich auf, als Rechtfertigung der Unentschlossenheit, 
der Stagnation, der Feigheit, des Treubruchs und des Verrats? 

Unter „Kräfteverhältnis“ versteht man alles, was man will: 
die erreichte Höhe der Produktion, die Stufe der Klassendifferen- 
zierung, die Zahl der organisierten Arbeiter, den Klassenbestand 




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der Gewerkschaftsverbände, manchmal das Resultat der letzten Par- 
lamentswahlen, nicht selten den Grad der Nachgiebigkeit des Mini- 
steriums oder die Stufe der Unverschämtheit der Finanzoligarchie, 
— am häufigsten endlich jenen summarischen politischen Eindruck, 
den der halbblinde Pedant oder der sogenannte reale Politiker 
empfängt, der, obgleich er sich die Phraseologie des Marxismus 
aneignet, sich in der Tat von den abgeschmacktesten Kombinationen, 
spießbürgerlichen Vorurteilen und parlamentarischen „Merkmalen“ 
leiten läßt. Nach einem Getuschel mit dem Direktor des Polizei- 
departements wußte der österreichische sozialdemokratische Poli- 
tiker in der guten und gar nicht so alten Zeit immer ganz genau, 
ob — dem Kräfteverhältnis nach — eine friedliche Straßendemon- 
stration am 1. Mai in Wien zulässig wäre oder nicht. Für die 
Ebert, Scheidemann und David wurde das Kräfteverhältnis vor nicht 
zu langer Zeit durch die Anzahl der Finger gemessen, die ihnen 
Bethmann-Hollweg oder Ludendorff in eigener Person beim Emp- 
fang im Reichstage entgegenstreckten. 

Nach Friedrich Adler würde die Errichtung einer Sowjetregie- 
rung in Oesterreich eine verderbliche Störung des Kräfteverhält- 
nisses sein : die Entente würde Oesterreich dem Hunger preisgeben. 
Als Beweis wies Adler auf dem Rätekongreß — Juli 1919 — auf 
Rußland und Ungarn hin, wo es in jener Periode den ungarischen 
Rennern noch nicht gelungen war, mit Hilfe der ungarischen Adler 
die Räteregierung zu stürzen. Auf den ersten Blick konnte es in der 
Tat scheinen, daß Friedrich Adler in Bezug auf Ungarn Recht be- 
halten habe: die proletarische Diktatur wurde dort gestürzt und 
ihre Stelle nahm das Ministerium des Friedrich ein. Es ist aber 
durchaus zulässig zu fragen, ob letzteres dem Kräfteverhältnis ent- 
sprach? Auf jeden Fall wären Friedrich und sein Huszar auch 
nicht zeitweilig an die Macht gestellt worden, wenn die rumänische 
Armee nicht da wäre. Hieraus folgt deutlich, daß man bei der Er- 
klärung des Schicksals der Sowjetmacht in Ungarn das „Kräfte- 
verhältnis“ in mindestens zwei Ländern in Betracht ziehen muß: in 
Ungarn selbst und in dem benachbarten Rumänien. Es ist aber 
nicht schwer zu begreifen, daß man dabei nicht Halt machen darf: 
wäre in Oesterreich die Rätediktatur vor dem Eintritt der unga- 
rischen Krisis errichtet worden, so hätte sich der Sturz der Sowjet- 
regierung in Budapest als eine ungleich schwierigere Aufgabe er- 
wiesen. Folglich muß auch Oesterreich mit der verräterischen Poli- 
tik Friedrich Adlers in das Kräfteverhältnis eingeschlossen werden, 
das den vorläufigen Sturz der Sowjetmacht in Ungarn bestimmte. 

Friedrich Adler selbst sucht jedoch den Schlüssel zum Kräfte- 
verhältnis nicht in Rußland und Ungarn sondern im Westen, in 
den Ländern Clemenceaus und Lloyd Georges: sie haben Korn und 
Kohle in Händen, Kohle und Korn aber sind, besonders in unserer 



3 


Zeit, ein ebenso erstklassiger Faktor in der Mechanik des Kräfte- 
verhältnisses wie die Kanonen in der Lasalleschen Verfassung. Der 
erhabene Gedanke Adlers besteht bei Lichte besehen folglich darin, 
daß das österreichische Proletariat so lange nicht die Macht er- 
greifen dürfe, bis ihm dies von Clemenceau (oder von Millerand, 
d. h. dem Clemenceau zweiter Sorte gestattet werde. 

Jedoch auch hier ist die Frage zulässig: entspricht Clemenceaus 
Politik selbst dem wirklichen Kräfteverhältnis? Auf den 
ersten Blick mag es scheinen, daß die Gendarmen Clemenceaus, — 
die die Arbeiterversammlungen auseinanderjagen, die Kommunisten 
verhaften und erschießen, — das Kräfteverhältnis genügend, wenn 
auch nicht beweisen, so doch sicherstellen. Aber hier kann man 
nicht umhin, daran zu denken, daß die terroristischen Maßnahmen 
der Sowjetmacht, d. h. dieselben Haussuchungen, Verhaftungen 
und die Anwendung der Todesstrafe, — nur gegen die Gegenrevo- 
lutionäre gerichtet, — von so manchem für einen Beweis dessen 
gehalten werden, daß die Sowjetmacht dem Kräfteverhältnis nicht 
entspricht. Vergeblich würden wir jedoch gegenwärtig in der gan- 
zen Welt nach einem Regime suchen, das zu seiner Aufrechterhal- 
tung nicht harte Massenrepressalien anwendet. Das bedeutet, daß 
die feindlichen Klassenkräfte nach Durchbruch der Hülle eines jeden, 
darunter auch des „demokratischen“ Rechts, bestrebt sind, ihre 
neuen Wechselbeziehungen durch schonungslosen Kampf zu 
bestimmen. 

Als in Rußland das Sowjetsystem errichtet wurde, erklärten es 
nicht nur die kapitalistischen Politiker, sondern auch die sozialisti- 
schen Opportunisten aller Länder für eine freche Harausforderung 
des Kräfteverhältnisses. In dieser Beziehung bestanden keine Mei- 
nungsverschiedenheiten zwischen Kautsky, dem habsburgischen 
Grafen Czemin und dem bulgarischen Ministerpräsidenten Rados- 
lawow. Seit der Zeit ist die österreichisch-ungarische und die 
deutsche Monarchie zusammengebrochen, und der mächtigste Mili- 
tarismus der Welt zu Staub geworden. Die Sowjetmacht hat sich 
behauptet. Die siegreichen Ententeländer haben alles, was sie 
konnten, mobilisiert und ihr entgegengeworfen. Die Sowjetmacht 
hat standgehalten. Hätte man Kautsky, Friedrich Adler oder Otto 
Bauer vor zwei Jahren vorausgesagt, daß die Diktatur des Prole- 
tariats in Rußland erst dem Andrang des deutschen Imperialismus, 
darauf in ununterbrochenem - Kampf dem Imperialismus der 
Ententeländer standhalten werde, so würden die Weisen der Zweiten 
Internationale solch eine Prophezeiung für eine lächerlich falsche 
Auffassung des Kräfteverhältnisses gehalten haben. 

Die Wechselbeziehungen der politischen Kräfte werden in jedem 
gegebenen Augenblick unter dem Einfluß der grundlegenden und 
abgeleiteten Machtfaktoren verschiedener Stufen gebildet und nur 


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— 4 — 

in ihrer tiefsten Grundlage werden sie durch die Entwicklungsstufe 
der Produktion bestimmt. Die soziale Struktur des Volkes bleibt 
hinter der Entwicklung der Produktivkräfte sehr stark zurück. 
Das Kleinbürgertum und insbesondere die Bauernschaft erhalten 
ihre Existenz aufrecht, nachdem ihre Wirtschaftsmethoden längst 
aufgegeben und von der produktiv-technischen Entwicklung der 
Gesellschaft verurteilt und überholt sind. Das Bewußtsein der 
Massen bleibt seinerseits außerordentlich hinter der Entwicklung 
der sozialen Verhältnisse zurück; das Bewußtsein der alten sozialis- 
tischen Parteien bleibt um eine ganze Epoche hinter der Stimmung 
der Massen zurück und das Bewußtsein der alten Parlaments- und 
Trade-Unionsführer, das reaktionärer als das Bewußtsein ihrer 
Partei ist, stellt einen erstarrten Klumpen vor, den die Geschichte 
bis zum gegenwärtigen Augenblick weder zu verdauen noch auszu- 
stoßen vermochte. In der friedlichen parlamentarischen Epoche, 
bei der Widerstandfähigkeit der sozialen Beziehungen, wurde allen 
laufenden Berechnungen — ohne schreiende Fehler — der psycho- 
logische Faktor zugrunde gelegt: es wurde angenommen, daß die 
Parlamentswahlen mit genügender Vollkommenheit das Kräftever- 
hältnis widerspiegelten. Der imperalistische Krieg hat, nachdem 
er das Gleichgewicht der bürgerlichen Gesellschaft gestört, die 
volle Untauglichkeit der alten Kriterien offenbart, die jene tiefen 
historischen Faktoren absolut nicht berühren, die sich in der vor- 
hergehenden Epoche allmählich angehäuft haben und jetzt mit einem 
Mal hervorgetreten sind und die Bewegung der Geschichte 
bestimmen. 

Die politischen Routiniers, die unfähig sind, den geschichtlichen 
Prozeß in seiner Gesamtheit, in seinen inneren Widersprüchen und 
Gegensätzen zu erfassen, stellten sich die Sache so vor, als ob die 
Geschichte das sozialistische Regime gleichzeitig von allen Seiten 
und planmäßig vorbereite, so daß die Konzentration der Produk- 
tion, die kommunistische Moral des Erzeugers und des Konsumenten 
gleichzeitig mit dem elektrischen Pfluge und ,der Parlamentsmehr- 
heit reifen. Hieraus folgte ein rein mechanisches Verhältnis zum 
Parlamentarismus, der in den Augen der Mehrheit der Politiker der 
Zweiten Internationale ebenso unfehlbar die Stufe der Reife der Ge- 
sellschaft für den Sozialismus angab, wie der Manometer die Kraft 
der Dampfspannung angibt. Indessen gibt es nichts Sinnloseres, 
als solch eine machanisierte Vorstellung von der Entwicklung der 
gesellschaftlichen Verhältnisse. 

Wenn man von der Produktionsbasis der Gesellschaft an die 
Stufen des Ueberbaues: der Klassen, des Staates, des Rechts, der 
Parteien usw. verfolgt, so kann man feststellen, daß die Trägheit 
jedes weiteren Ueberbaues nicht einfach zu der Trägheit der vorher- 
gehenden Stufe addiert, sondern in vielen Fällen mit der Trägheit 



01 



r vorhergehenden multipliziert werden muß. Als Endergebnis 
enbart sich das politische Bewußtsein der Gruppen, die sich 
ge für die vorgeschrittensten hielten, im Augenblick des Um- 
wunges sich als ein kolossaler Hemmschuh der historischen Ent- 
icklung erwiesen. Gegenwärtig ist unzweifelhaft, daß die Parteien 
er Zweiten Internationale, die an der Spitze des Proletariats stan- 
en, die nicht gewillt waren, es nicht wagten und nicht verstanden 
kritischsten Augenblicke der menschlichen Geschichte die Macht 
ihre Hände zu nehmen, und die das Proletariat auf den Weg der 
perialistischen gegenseitigen Vernichtung führten, sich als ent- 
eidende Kraft der Gegenrevolution entpuppt haben. 

Die machtvollen Produktivkräfte, dieser Stoßfaktor der ge- 
ichtlichen Bewegung, erstickten in jenen rückständigen Ueber- 
auinstitutionen (Privateigentum und Nationalstaat), in die sie durch 
'e vorhergehende Entwicklung eingepfercht waren. Vom Kapita- 
mus auferzogen, klopften die Produktivkräfte an alle Wände des 
adonai-bürgerlichen Staates, ihre Befreiung vermittels sozialisti- 
er Organisation der Wirtschaft im Weltmaßstabe fordernd. Die 
rägheit der sozialen Gruppierungen, die Trägheit der politischen 
äfte, die sich als unfähig erwiesen, die alten Klassengruppierun- 
n zu zerstören; die Trägheit und der Verrat der leitenden sozia- 
tischen Parteien, die tatsächlich den Schutz der bürgerlichen 
esellschaft übernommen hatten, — das alles führte zur elementaren 
mpörung der Produktivkräfte in der Form des imperalistischen 
ieges. Die menschliche Technik, dieser revolutionärste Faktor der 
eschichte, erhob sich mit ihrer durch Jahrzehnte aufgehäuften 
acht gegen den widerwärtigen Konservatismus und den schänd- 
chen Stumpfsinn der Scheidemann, Kautsky, Renaudel, Vander- 
de, Longuet und veranstaltete vermittels ihrer Haubitzen, Mitrail- 
P usen, Dreadnoughts und Luftschiffe eine rasende Zerstörung der 
enschlichen Kultur. 

Auf diese Weise besteht die Ursache des Elends, das die 
nschheit gegenwärtig durchmacht, gerade darin, daß die Ent- 
icklung der technischen Macht des Menschen über die Natur schon 
angst für die Sozialisierung der Wirtschaft reif war, daß das 
roletariat in der Produktion eine Stellung eingenommen hatte, die 
'ne Diktatur vollkommen sicherte, während die bewußtlosen Kräfte 
er Geschichte — die Parteien und ihre Führer — sich noch voH- 
ndig unter dem Joch der alten Vorurteile befanden und nur das 
ißtrauen der Massen zu sich selbst nährten. Vor einigen Jahren 
erstand das Kautsky. „Das Proletariat ist gegenwärtig so er- 
arkt“, schrieb Kautsky in der Broschüre „Der Weg zur Macht“, 
daß es mit großer Ruhe den herannahenden Sieg erwarten kann, 
n einer vorzeitigen Revolution kann nicht mehr die Rede sein 
einer Zeit, wo das Proletariat aus der gegebenen staatlichen 



Basis so viel Kräfte gezogen hat, wie man aus ihr schöpfen konnte 
und wo ihr Umbau zu einer Bedingung seines ferneren Aufschwun- 
ges geworden ist.“ Von dem Augenblick an, wo die Entwicklung 
der Produktivkräfte, die über die Rahmen des national-bürgerlichen 
Staates hinausgewachsen sind, die Menschheit in die Epoche der 
Krisen und Erschütterungen hineingezogen hat, ist das Bewußtsein 
der Massen durch drohende Stöße aus dem relativen Gleichgewicht 
der vorhergehenden Epoche gebracht .worden. Die Routine und 
die Trägheit der Lebensgewohnheiten, die Hypnose der friedlichen 
Legalität haben ihre Macht über das Proletariat verloren. Es hat 
aber noch nicht bewußt und bedingungslos den Weg des offenen 
revolutionären Kampfes betreten. Es schwankt, denn es durchlebt 
die letzten Stunden des labilen Gleichgewichts. In diesem Augen- 
blick des psychologischen Umschwunges ist die Rolle des Gipfels, 
der Staatsmacht einerseits und der revolutionären Partei anderer- 
seits, von kolossaler Bedeutung. Ein entschiedener Stoß von rechts 
oder von links genügt, um das Proletariat: - -für eine gewisse Periode 
— nach der einen oder anderen Seite zu rücken. Das haben wir 
im Jahre 1914 gesehen, als die Arbeiterklasse durch den vereinten 
Andrang der imperialistischen Regierungen und der sozialpatrio- 
tischen Parteien mit einem Mal aus ihrem Geleise und auf den Weg 
des Imperialismus geworfen wurde. Wir sehen dann, wie die Prü- 
fungen des Krieges, die Kontraste seiner Resultate zu seinen ur- 
sprünglichen Losungen die Massen revolutionär erschüttern und sie 
für den offenen Aufstand gegen das Kapital immer fähiger machen. 
Unter diesen Bedingungen ist das Vorhandensein einer revolutio- 
nären Partei wichtig, die sich über die Triebkräfte der gegenwär- 
tigen Epoche klare Rechenschaft ablegt und die ausschließliche Stel- 
lung ihrer revolutionären Klasse in der Reihe dieser Kräfte begreift, 
die die unerschöpflichen Kräfte dieser Klasse kennt, die an diese 
Klasse glaubt, die an sich glaubt, die die Macht der revolutionären 
Methode in der Epoche der Unbeständigkeit aller sozialen Verhält- 
nisse kennt; die bereit ist, diese Methode anzuwenden und sie bis 
zu Ende zu führen, — das Vorhandensein einer solchen Partei 
stellt eine Tatsache von unschätzbarer geschichtlicher Bedeutung 
dar. 

Und umgekehrt: eine über einen traditionellen Einfluß ver- 
fügende sozialistische Partei, die sich keine Rechenschaft davon ab- 
legt, was um sie her vorgeht, die die revolutionäre Situation nicht 
begreift und daher nicht den Schlüssel zu ihr findet, die weder an 
das Proletariat noch an sich selbst glaubt, eine solche Partei ist in 
unserer Epoche der schädlichste historische Faktor, die Quelle 
von Wirren und des entkräftenden Chaos. 

Derart ist gegenwärtig die Rolle Kautskys und seiner Gesin- 
nungsgenossen. Sie lehren das Proletariat, nicht an sich selbst, 



7 


sondern an sein Zerrbild im Spiegel der Demokratie zu glauben, 
das von dem Stiefel des Militarismus in tausend Scherben geschla- 
gen ist. Entscheidend für die revolutionäre Politik des Proleta- 
riats müsse, ihrer Meinung nach, nicht die internationale Situation 
sein, nicht der tatsächliche Zusammenbruch des Kapitals, nicht der 
durch diesen Zusammenbruch hervorgerufene Verfall der Gesell- 
schaft, nicht jene objektive Notwendigkeit der Herrschaft der Ar- 
beiterklasse, eine Notwendigkeit, die aus den rauchenden Trümmer- 
haufen der kapitalistischen Zivilisation zum Himmel schreit, — nicht 
alles das müsse die Politik der revolutionären Partei des Proletariats 
bestimmen, sondern eine Zählung der Stimmen, die von den kapita- 
listischen Kalkulatoren des Parlamentarismus ausgeführt wird. Vor 
nur wenigen Jahren, wir wiederholen, schien Kautsky anderer Mei- 
nung zu sein. „Wenn das Proletariat die einzige revolutionäre 
Klasse der Nation darstellt“, schrieb Kautsky in seiner Broschüre 
„Der Weg zur Macht“, „so folgt hieraus, daß jeder Zusammenbruch 
des gegenwärtigen Regimes, ob er moralischen, finanziellen oder 
militärischen Charakters ist, den Barikrott aller bürgerlichen Parteien 
bedeutet, die für dies alles verantwortlich sind, und daß der einzige 
Ausweg aus dieser Sackgasse die Errichtung der Macht des Prole- 
tariats ist.“ — Heute aber sagt die Partei der Ohnmacht und der 
Feigheit, die Partei Kautskys, der Arbeiterklasse: „Es handelt sich 
nicht darum, ob Du gegenwärtig die einzige schöpferische Kraft 
^der Geschichte bist, ob Du fähig bist, jene herrschende Räuberbande 
zu stürzen, zu der die besitzenden Klassen entartet sind, es handelt 
sich nicht darum, daß niemand diese Aufgabe für Dich erfüllen 
kann; nicht darum, daß die Geschichte Dir keinen Aufschub gibt, 
da der gegenwärtige Zustand des blutigen Chaos Dich selbst unter 
den letzten Trümmern des Kapitalismus zu begraben droht, — es 
handelt sich darum, daß es den herrschenden imperialistischen 
Banden gestern oder heute gelungen ist, 51 Prozent Stimmen gegen 
* Deine 49 zu sammeln und die öffentliche Meinung zu betrügen, zu 
vergewaltigen und zu bestechen. — Es lebe die parlamentarische 
Mehrheit, wenn auch die Welt zugrunde geht!“ 


t 



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11. Die Diktatur des Proletariats. 

„Marx und Engels haben den Begriff der Diktatur des 
Proletariats geprägt, die Engels 1891, kurz vor seinem Tode, 
hartnäckig verfocht, — den Begriff der politischen Alleinherrschaft 
des Proletariats, als der einzigen Form, in der es die Staatsmacht 
verwirklichen kann.“ 

So schrieb Kautsky vor ungefähr zehn Jahren. Für die einzige 
Form der Macht des Proletariats hielt er nicht die sozialistische 
Mehrheit im demokratischen Parlament, sondern die politische 
Alleinherrschaft des Proletariats, seine Diktatur. Es ist vollkommen 
klar, daß, wenn mail die Aufgabe in der Abschaffung des Privat- 
eigentums an den Produktionsmitteln sieht, der einzige Weg zu 
ihrer Lösung in der Konzentrierung der ganzen Staatsmacht in 
den Händen des Proletariats und in der Schaffung eines solchen 
ausschließlichen Regimes für die Uebergangsperiode, besteht, bei 
dem die herischende Klasse sich nicht von allgem -inen, für eine 
lange Periode berechneten Normen leiten läßt sondern von Er- 
wägungen der revolutionären Zweckmäßigkeit. 

Die Diktatur ist deshalb notwendig, weil es sich nicht um 
einzelne Teiländerungen sondern um die Existenz selbst der Bour- 
geoisie handelt. Auf diesem Boden ist eine Verständigung unmög- 
lich. Hier kann nur die Gewalt entscheiden. Die Alleinherrschaft 
des Proletariats schließt, versteht sich, weder einzelne Abkommen, 
noch bedeutende Zugeständnisse, besonders in Bezug auf das 
Kleinbürgertum und die Bauernschaft, aus. Aber diese Abkommen 
treffen kann das Proletariat nur, nachdem es von dem materiellen 
Machtapparat Besitz ergriffen und sich die Möglichkeit gesichert 
hat, selbständig zu entscheiden, welche Abkommen zu treffen und 
welche im Interesse der sozialistischen Aufgabe abzulehnen sind. 

Jetzt verwirft Kautsky die Diktatur des Proletariats rundweg 
als „Gewalttat der Minderheit an der Mehrheit“, d. h. er charakte- 
risiert das revolutionäre Regime des Proletariats mit denselben 
Strichen, mit denen die ehrlichen Sozialisten aller Länder stets 



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— 9 — 

die (wenn auch von den Formen der Demokratie verhüllte) Diktatur 
der Ausbeuter charakterisiert haben. 

Nachdem er sich von der revolutionären Diktatur losgesagt hat, 
löst Kautsky die Frage der Eroberung der Macht durch das Prole- 
tariat in der Frage der Eroberung der Stimmenmehrheit durch 
die Sozialdemokratie während einer der zukünftigen Wahlkampagnen 
auf. Gemäß der juristischen Fiktion des Parlamentarismus gibt 
das allgemeine Wahlrecht dem Willen der Bürger aller Klassen der 
Nation Ausdruck und eröffnet folglich die Möglichkeit, die Mehr- 
heit auf die Seite des Sozialismus zu ziehen. Solange diese theo- 
retische Möglichkeit nicht zur Wirklichkeit geworden, müsse sich 
die sozialistische Minderheit der bürgerlichen Mehrheit fügen. Der 
Fetischismus der parlamentarischen Mehrheit ist eine grobe Los- 
sagung nicht nur von der Diktatur des Proletariats, sondern auch 
vom Marxismus und von der Revolution überhaupt. Wollte man 
die sozialistische Politik dem parlamentarischen Sakrament von 
Majorität und Minorität prinzipiell unterordnen, so würde in den 
Ländern der formalen Demokratie für revolutionären Kampf kein 
Platz sein. Wenn die auf Grund von allgemeinen Wahlen zustande- 
gekommene Mehrheit in der Schweiz drakonische Bestimmungen 
gegen die Streikenden erläßt oder wenn die vollziehende Gewalt, 
die in Amerika dem Willen der formalen Mehrheit gemäß existiert, 
die Arbeiter erschießen läßt, haben denn die schweizerischen und 
amerikanischen Arbeiter das „Recht“, durch Anwendung des Gene- 
ralstreiks zu protestieren? Offenbar nicht. Der politische Streik 
ist eine Form des außerparlamentarischen Druckes auf den „natio- 
nalen Willen“, wie dieser vermittels der allgemeinen Abstimmung 
zum Ausdruck kam. Freilich hat Kautsky selbst Bedenken, so weit 
zu gehen, wie dies die Logik seiner neuen Stellung erfordert. Durch 
einige Ueberbleibsel der Vergangenheit gebunden, ist er gezwun- 
gen, die Zulässigkeit der Einbringung von Abänderungsanträgen 
zum allgemeinen Wahlrecht durch die Tat anzuerkennen. Die 
Parlamentswahlen waren, wenigstens im Prinzip, für die Sozial- 
demokraten niemals ein Ersatz für den realen IGassenkampf, für 
Zusammenstöße, Abwehr, Angriffe, Aufstände, sie waren nur 
ein Hilfselement in diesem Kampf, wobei sie in der einen Epoche 
eine größere, in der anderen eine kleinere Rolle spielten, um in der 
Epoche der Diktatur in ein nichts zusammenzuschrumpfen. 

Im Jahre 1891 d. h. schon kurz vor seinem Tode, hat Engels, 
wie wir soeben gehört haben, die Diktatur des Proletariats als 
die einzige Form der staatlichen Macht des Proletariats, beharrlich 
verteidigt. Kautsky selbst hat diese Definition mehrmals wiederholt. 
Hieraus ist, nebenbei bemerkt, ersichtlich, was für eine unwürdige 
Fälschung der jetzige Versuch Kautskys ist, uns die Diktatur des 


2 



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— 10 — 

Proletariats als eine besondere, angeblich russische Erfindung unter- 
zuschieben. 

Wer das Ziel erreichen will, der kann die Mittel nicht ablehnen. 
Der Kampf muß mit einer Intensität geführt werden, die tatsäch- 
lich die Alleinherrschaft des Proletariats sichert. Erfordert die 
Aufgabe des sozialistischen Umsturzes die Diktatur, — „die ein- 
zige Form, durch die das Proletariat seine staatliche Macht ver- 
wirklichen kann“ — so muß die Diktatur, koste es, was es wolle, 
gesichert werden. 

Um eine Broschüre über die Diktatur zu schreiben, muß man 
ein Tintenfaß und einige Bogen Papier, vielleicht noch eine An- 
zahl Gedanken im Kopf haben. Um aber die Diktatur zu errich- 
ten und zu festigen, muß man die Bourgeoisie verhindern, die staat- 
liche Macht des Proletariats zu untergraben. Kautsky nimmt offen- 
bar an, daß dies durch weinerliche Broschüren zu erreichen sei. 
Seine eigene Erfahrung aber müßte ihm zeigen, daß es nicht genügt, 
den Einfluß auf das Proletariat zu verlieren, um den Einfluß auf 
die Bourgeoisie zu gewinnen. 

Die Alleinherrschaft der Arbeiterklasse kann nur dadurch ge- 
sichert werden, daß man die ans Herrschen gewöhnte Bourgeoisie 
zu begreifen zwingt, daß es für sie zu gefährlich sei, sich gegen 
die Diktatur des Proletariats aufzulehnen und sie durch Sabotage, 
Verschwörungen, Aufstände, vermittels ausländischer Truppen zu 
untergraben. Man muß die der Macht beraubte Bourgeoisie zwin- 
gen, zu gehorchen. Auf welche Weise? Die Pfaffen schreckten 
das Volk mit Strafen im Jenseits. Solche Hilfsmittel stehen uns 
nicht zur Verfügung. Die Hölle der Pfaffen stand ja niemals iso- 
liert da, sondern war mit dem materiellen Feuer der heiligen Inqui- 
sition, wie auch mit den Skorpionen des demokratischen Staates 
verbunden. Neigt Kautsky vielleicht zum Gedanken, daß man die 
Bourgeoisie mit Hilfe des kategorischen Imperativs zügeln könne, 
der in seinen letzten Schriften die Rolle des heiligen Geistes spielt? 
Wir können ihm unsererseits nur praktische Mithilfe für den Fall 
versprechen, wenn er sich entschließen sollte, eine kantisch-humani- 
täre Mission in das Reich Denikins und Koltschaks zu entsenden. 
Auf jeden Fall würde er dort die Möglichkeit erlangen, sich davon 
zu überzeugen, daß die Gegenrevolutionäre von Natur nicht charak- 
terlos sind, sondern daß ihr Charakter, dank dem sechsjährigen 
Aufenthalt im Feuer und Rauch des Krieges sich fester gestählt 
hat. Ein jeder Weißgardist hat sich die einfache Wahrheit zu eigen 
gemacht, daß es leichter sei, einen Kommunisten an einem Aste 
baumeln zu lassen, als ihn durch ein Buch Kautskys zur Einsicht 
zu bringen. Diese Herren hegen keine abergläubische Furcht, weder 
in Bezug auf die Prinzipien der Demokratie, noch in Bezug auf das 
Fegefeuer, um so mehr, da die Pfaffen der Kirche und der offiziellen 



i i j i 


- 11 - 

Wissenschaft im Einverständnis mit ihnen handeln und ihre kombi- 
nierten Blitze ausschließlich auf die Häupter der Bolschewiki nieder- 
sausen lassen. Die russischen Weißgardisten sind den deutschen 
und allen anderen in der Beziehung ähnlich, daß man sie weder 
überzeugen noch beschämen, sondern nur in Schrecken versetzen 
oder zermalmen kann. 

Wer prinzipiell den Terrorismus, d. h. die Unterdrückungs- 
und Abschreckungsmaßnahmen in Bezug auf die erbitterte und 
bewaffnete Gegenrevolution ablehnt, der muß auf die politische 
Herrschaft der Arbeiterklasse, auf ihre revolutionäre Diktatur ver- 
zichten. Wer auf die Diktatur des Proletariats verzichtet, der ver- 
zichtet auf die soziale Revolution und trägt den Sozialismus zu 
Grabe. 

* * 

* 

Irgendeine Theorie der sozialen Revolution ist bei Kautsky 
gegenwärtig nicht zu finden. Jedes Mal, wenn er versucht, seine 
Verleumdungen der Revolution und der Diktatur des Proletariats 
zu verallgemeinern, trägt er aufgewärmte Vorurteile des Jaures- 
ismus und des Bernsteinianertums auf. 

„Die Revolution von 1789“, — schreibt Kautsky — hat selbst 
die wichtigsten Ursachen beseitigt, die ihr einen so grausamen und 
gewalttätigen Charakter gaben, und mildere Formen künftiger ^Revo- 
lutionen vorbereitet“ (Seite 97). Nehmen wir an, daß dem so sei, 
obgleich man dann die Junitage von 1848 und die Schrecken der 
Unterdrückung der Kommune vergessen müßte. Nehmen wir an, 
daß die große Revolution des 18. Jahrhunderts, die durch die 
Maßnahmen des schonungslosen Terrors die Herrschaft des Ab- 
solutismus, des Feudalismus und des Klerikalismus beseitigte, in 
der Tat die Bedingungen zu einer friedlicheren und milderen Lösung 
der sozialen Fragen vorbereitet habe. Wenn man aber sogar diese 
rein liberale These anerkennt, so hat unser Ankläger doch durch- 
aus unrecht, denn die russische Revolution, die mit der Diktatur 
des Proletariats endete, hat gerade mit der Arbeit begonnen, die in 
Frankreich zu Ende des 18. Jahrhunderts vollendet wurde. Unsere 
Vorfahren haben sich in den vergangenen Jahrhunderten nicht be- 
müht, durch revolutionären Terror die demokratischen Bedingun- 
gen für die Milderung der Sitten unserer Revolution vorzubereiten. 
Der ethische Mandarin Kautsky täte gut, diesen Umstand in Be- 
tracht zu ziehen und nicht uns, sondern unsere Vorfahren an- 
zuklagen. 

Kautsky macht übrigens in dieser Richtung gleichsam ein 
kleines Zugeständnis. „Wohl durfte kein Einsichtiger daran zwei- 
feln, daß eine Militärmonarchie, wie die Deutsche, Oesterreichische, 


2 * 



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— 12 — 

Russische nur mit Gewaltmitteln zu stürzen sei, aber immer weniger 
dachte man (wer?) dabei an die blutige Gewalttat der Waffen, 
immer mehr an das dem Proletariat eigentümliche Machtmittel der 
Arbeitsverweigerung, den Massenstreik . . . Aber daß erhebliche 
Teile des Proletariats, wenn es einmal an der Macht sei, wieder wie 
am Ende des 18. Jahrhunderts, in Blutvergießen, Rache und Wut 
sich austoben würden, das durfte man nicht erwarten. Das hätte die 
ganze Entwicklung auf den Kopf gestellt“. (Seite 101.) 

Wie wir sehen, waren der Krieg und eine Reihe von Revolu- 
tionen nötig, um uns zu erlauben, wie es sich gehört, in den Köpfen 
einiger der gelehrtesten Theoretiker zu erblicken, was dort eigentlich 
vorgeht. Es stellt sich heraus, daß Kautsky nicht glaubte, daß man 
einen Romanow oder Hohenzollem durch Gespräche beseitigen 
könne, zu gleicher Zeit aber nahm er ernsthaft an, daß man die 
militärische Monarchie durch den Generalstreik, d. h. durch passive 
Manifestation gefalteter Hände, stürzen könne. Trotz der russi- 
schen Erfahrung von 1905 und der Weltdiskussion über diese Frage 
hat Kautsky, wie es sich herausstellt, die anarchoreformistische 
Ansicht über den Generalstreik beibehalten. Wir könnten ihn auf 
die Seiten seiner eigenen Zeitschrift „Die neue Zeit“ verweisen, auf 
denen vor 12 Jahren auseinandergesetzt wurde, daß der General- 
streik nur die Mobilisation des Proletariats und die Gegenüber- 
stellung desselben der ihm feindlichen Staatsgewalt sei, daß der 
Streik, aber an und für sich die Aufgabe nicht lösen könne, denn 
er erschöpfe schneller die Kräfte des Proletariats, als die seiner 
Feinde, wodurch die Arbeiter einen Tag später oder früher ge- 
zwungen würden, zu den Maschinen zurückzukehren. Der Gene- 
ralstreik kann nur als Voraussetzung des Zusammenstoßes des 
Proletariats mit den bewaffneten Kräften der gegnerischen Seite,, 
d. h. als Voraussetzung des offenen revolutionären Aufstandes der 
Arbeiter, eine entscheidende Bedeutung gewinnen. Nur nachdem 
sie den Willen der ihr gegen überstehen den Armee gebrochen hat, 
kann die revolutionäre Klasse das Machtproblem, die grundlegende 
Frage einer jeden Revolution, lösen. Der Generalstreik führt zur 
Mobilisation der Kräfte beider Seiten und stellt die Widerstands- 
kraft der Gegenrevolution auf eine ernste Probe. Jedoch nur in der 
weiteren Entwicklung der Kämpfe, nach Betreten des Weges des 
bewaffneten Aufstandes, kann der blutige Preis festgestellt werden, 
den eine revolutionäre Klasse für die Macht zu bezahlen haben wird. 
Daß aber die Zahlung in Blut wird erfolgen müssen, daß in dem 
Kampf um die Eroberung der Macht und um ihre Sicherung das 
Proletariat nicht nur zu sterben, sondern auch zu töten haben wird, 
— daran zweifelte kein einziger ernster Revolutionär. Zu erklären, 
daß die Tatsache des erbitterten Kampfes des Proletariats mit der 
Bourgeoisie auf Leben oder Tod, „die ganze Entwicklung auf dea 



Köpft stellt“, bedeutet nur, daß die Köpfe einiger verehrter Idt. 
logen eine Dunkelkammer darstellen, in der die Dinge Kopf stehen. 

Aber auch in Bezug auf fortgeschrittenere Kulturländer mit 
alten demokratischen Ueberlieferungen ist die Richtigkeit der ge- 
schichtlichen These von Kautsky absolut durch nichts nachgewiesen. 
Uebrigens ist die These an sich nicht neu. Die Revisionisten ver- 
liehen ihr seinerzeit grundsätzlichere Bedeutung. Sie bewiesen, daß 
das Wachstum proletarischer Organisationen in demokratischen 
Verhältnissen, den allmählichen und unbemerkbaren — reformisti- 
schen, evolutionären — Uebergang zur sozialistischen Ordnung — 
ohne allgemeine Streiks und Aufstände, ohne die Diktatur des 
Proletariats — gewährleistet. 

Damals, auf dem Höhepunkte seiner Tätigkeit, bewies Kautsky, 
daß die Klassengegensätze der kapitalistischen Gesellschaft sich, 
trotz der Formen der Demokratie, vertiefen, und daß dieser Prozeß 
unvermeidlich zur Revolution und zur Eroberung der Macht durch 
das Proletariat führen muß. 


Es hat, versteht sich, niemand den Versuch unternommen, 
die Zahl der Opfer im Voraus festzustellen, die durch den revolutio- 
nären Aufstand des Proletariats und die Herrschaft seiner Diktatur 
dargebracht werden müssen. Es war für alle jedoch klar, daß die 
Anzahl der Opfer durch die Widerstandskraft der besitzenden Klas- 
sen bestimmt werden wird. Wenn Kautsky mit seinem Buche sagen 
will, daß die demokratische Erziehung den Klassenegoismus der 
Bourgeoisie nicht gemildert hat, so kann man dem ohne weiteres 
zustimmen. 

Wenn er hinzufügen will, daß der imperialistische Krieg, der 
trotz der Demokratie ausbrach und vier Jahre wütete, die Ver- 
wilderung der Sitten gefördert, an gewalttätige Handlungsweise 
gewöhnt und die Bourgeoisie abgewöhnt habe, sich bei der Aus- 
rottung von Menschenmassen zu genieren, — so wird er auch hierin 
recht haben. Dies alles verhält sich in der Tat so. Gekämpft muß 
aber unter den Bedingungen werden, wie sie vorhanden sind. Es 
kämpfen nicht der proletarische mit dem bürgerlichen Homun- 
kulus, die der Retorte des Wagner-Kautsky entstiegen sind, sondern 
das reale Proletariat gegen die reale Bourgeoisie, wie sie aus dem 
letzten imperialistischen Blutbad hervorgegangen sind. 

In dieser Tatsache des sich in der ganzen Welt entwickelnden 
schonungslosen Bürgerkrieges sieht Kautsky das Resultat . . . der 
verderblichen Lossagung von „der erprobten siegreichen Taktik“ 
der Zweiten Internationale. 

„In der Tat ist — schreibt er — seitdem der Marxismus die 
sozialistische Bewegung beherrscht, diese bis zum Weltkrieg fast 
bei jeder ihrer bewußten großen Bewegungen vor einer großen 



I I 


— 14 — 

Niederlage bewahrt geblieben, und der Gedanke, sich djirch eine 
Schreckensherrschaft durchzusetzen, war aus ihren Reihen vollstän- 
dig verschwunden. 

„Viel trug dazu bei der Umstand, daß in derselben Zeit, in der 
der Marxismus die herrschende sozialistische Lehre wurc*i, die 
Demokratie sich in Westeuropa einwurzelte und dort begann, aus 
einem Kampfobjekt eine feste Basis des politischen Lebens zu 
werden“ (S. 100). 

In dieser „Formel des Fortschritts“ ist kein Atom von Marxis- 
mus; der reale Prozeß des Klassenkampfes, der materiellen Zusam- 
menstöße der Klassen ist in marxistischer Propaganda aufgelöst, 
die dank den Bedingungen der Demokratie angeblich die Schmerz- 
losigkeit des Ueberganges zu neuen, „verständigeren“ Formen der 
Gesellschaft sicherstelle. Das ist die vulgärste Aufklärerei, ein ver- 
späteter Rationalismus im Geiste des 18. Jahrhunderts, mit dem 
Unterschied, daß die Ideen Condorcets durch eine Vulgarisierung 
des „Kommunistischen Manifestes“ ersetzt sind. Die ganze Ge- 
schichte wird zu einem ununterbrochenen Streifen Druckpapier 
und als Zentrum dieses humanen Prozesses erweist sich der ver- 
dienstvolle Schreibtisch Kautskys. 

Man stellt uns die Arbeiterbewegung der Epoche der Zweiten 
Internationale als Beispiel hin ; diese Bewegung, die sich unter dem 
Banner des Marxismus vollzogen habe, habe bei ihren bewußten 
Aktionen keine großen Niederlagen erlitten. Aber die Arbeiter- 
bewegung, das gesamte Weltproletariat und mit ihm die ganze 
menschliche Kultur haben eine unermeßliche Niederlage im August 
1914 erlitten, als die Geschichte allen Kräften und Fähigkeiten der 
sozialistischen Parteien, unter denen die führende Rolle angeblich 
dem Marxismus, auf „fester Grundlage der Demokratie“, gehörte, 
die Bilanz zog. Diese Parteien erwiesen sich als 
bankerott. Die Eigenschaften ihrer vorhergegangenen Arbeit, 
die Kautsky jetzt verewigen möchte: Anpassungsfähigkeit, Verzicht 
auf „illegale Aktionen“, Vermeiden des offenen Kampfes, die Hoff- 
nungen auf die Demokratie als auf den Weg zu schmerzlosem Um- 
sturz — das alles ist zunichte geworden. Eine Niederlage fürchtend, 
die Massen unter allen Umständen vom offenen Kampfe zurück- 
haltend, den Generalstreik in Diskussionen auflösend, bereiteten die 
Parteien der Zweiten Internationale ihre erschreckende Niederlage 
vor, denn sie vermochten nicht einen Finger zu rühren, um die 
größte Katastrophe der Weltgeschichte: das vierjährige imperia- 
listische Blutbad, das den erbitterten Charakter des Bürgerkrieges 
vorausbestimmte, zu beseitigen. Man muß wahrlich eine wattierte 
Kappe nicht nur über die Augen sondern auch über Nase und Ohren 
ziehen, um uns jetzt, nach dem rühmlosen Zusammenbruch der 
Zweiten Internationale, nach dem schimpflichen Bankrott ihrer 



Partei, der deutschen Sozialdemokratie, nach dem blutigen Blöd- 
sinn des Weltblutbades und der gigantischen Wucht des Bürger- 
krieges, den Tiefsinn, die Loyalität, die Friedfertigkeit und die Be- 
sonnenheit der Zweiten Internationale, deren Vermächtnis wir jetzt 
liquidieren, entgegenzustellen ! 



I I CUiL J I 


III. Demokratie. 

„Entweder Demokratie oder Bürgerkrieg“. 

Kautsky hat einen klaren und einzigen Rettungsweg: Die 
Demokratie. Es sei nur nötig, daß alle sie anerkennen und 
sich ihr unterordnen. Die rechten Sozialisten müssen die blutigen 
Gewalttaten aufgeben, die sie dem Willen der Bourgeoisie gemäß 
ausführen. Die Bourgeoisie selbst müsse dem Gedanken entsagen, 
mit Hilfe ihrer Noske und Leutnants Vogel ihre privilegierte Stel- 
lung bis zu Ende zu verteidigen. Endlich müsse das Proletariat 
ein für alle Mal dem Gedanken entsagen, die Bourgeoisie durch 
andere Mittel zu stürzen als diejenigen, die von der Verfassung vor- 
gesehen sind. Bei der Befolgung der aufgezählten Bedingungen 
werde die soziale Revolution sich schmerzlos in Demokratie auf- 
lösen. Für den Erfolg genügt es, wie wir sehen, daß unsere stür- 
mische Geschichte sich eine Nachtmütze auf den Kopf setze und die 
Weisheit der Tabakdose Kautskys entnehme. 

„Es gibt nur die beiden Möglichkeiten“ — prägt uns der Weise 
ein: „entweder Demokratie oder Bürgerkrieg“. (Seite 145.) Jedoch 
in Deutschland, wo die formalen Elemente der Demokratie vor- 
handen sind, hört der Bürgerkrieg auch nicht für eine Stunde auf. 
„Sicher“, gibt Kautsky zu,“ kann unter der gegenwärtigen National- 
versammlung Deutschland nicht gesunden. Der Gesundungspro- 
zeß wird aber nicht gefördert, sondern gehemmt, wenn man aus 
dem Kampf gegen die bestehende Versammlung einen Kampf gegen 
die Demokratie, das allgemeine Wahlrecht macht“ (Seite 152). Als 
ob es sich in der Tat in Deutschland um die Form des Wahlrechts 
und nicht um den realen Besitz der Macht handle. 

Die gegenwärtige Nationalversammlung, gibt Kautsky zu, ist 
nicht fähig, das Land zur Gesundung zu bringen. Also? Also 
beginnen wir das Spiel von vorne. Werden aber die Partner einwil- 
ligen? Das ist zweifelhaft. Wenn die Partie unvorteilhaft ist für 
uns, so ist sie offenbar vorteilhaft für sie. Die Nationalversammlung, 
die nicht fähig ist, das Land der Genesung entgegenzuführen, ist 
durchaus fähig, durch die Zwischendiktatur Noskes die „ernste“ 
Diktatur Ludendorffs vorzubereiten. So war es mit der Konstituie- 



17 


renden Versammlung, die für Koltschak vorarbeitete. Die histo- 
rische Bestimmung Kautskys besteht gerade darin, den Umsturz 
abzuwarten und darauf die n+1. Broschüre zu schreiben, die den 
Zusammenbruch der Revolution durch den ganzen Gang der vor- 
hergehenden Geschichte, vom Affen bis zu Noske und von Noske 
bis zu Ludendorff erklären wird. Die Aufgabe einer revolutionären 
Partei ist eine andere: sie besteht darin, die Gefahren rechtzeitig 
vorherzusehen und ihnen durch die Tat vorzubeugen. Dazu 
aber gibt es augenscheinlich keinen anderen Weg, als die Macht den 
Händen der wirklichen Machthaber, der Agrarier und Kapitalisten, 
zu entreißen, die sich nur hinter die Herren Ebert und Noske ver- 
stecken. Auf diese Weise teilt sich der historische Weg bei der 
gegenwärtigen Nationalversammlung in zwei Richtungen: entweder 
die Diktatur der imperialistischen Clique oder die Diktatur des Pro- 
letariats. Zur „Demokratie“ führt der Weg von keiner Seite. Kautsky 
sieht dies nicht. Mit vielen Worten erklärt er, daß die Demokratie 
für die politische Entwicklung und die organisatorische Erziehung 
der Massen von großer Bedeutung sei und daß das Proletariat 
durch sie zur vollen Befreiung gelangen könne (S. 72). Man könnte 
annehmen, daß seit der Zeit des Erfurter Programms auf der Welt 
nichts geschehen sei, was der Aufmerksamkeit würdig wäre ! 

Indessen, im Laufe von Jahrzehnten kämpfte und entwickelte 
sich das Proletariat Frankreichs, Deutschlands und der anderen 
wichtigsten Länder, indem es die Institutionen der Demokratie aus- 
nutzte und auf ihrer Grundlage machtvolle politische Organisationen 
schuf. Dieser Weg der Erziehung des Proletariats durch die Demo- 
kratie zum Sozialismus wurde jedoch durch ein nicht unwichtiges 
Ereignis — den imperialistischen Weltkrieg — unterbrochen. Dem 
Klassenstaat war es gelungen, im Augenblick, da durch seine Schuld 
der Krieg ausbrach, das Proletariat mit Hilfe der leitenden Organi- 
sationen der sozialistischen Demokratie zu betrügen und auf seine 
Bahn zu ziehen. Auf diese Weise offenbarten die Methoden der 
Demokratie an und für sich, bei all den unbestreitbaren Vorteilen, 
die sie in einer gewissen Periode gewährten, eine beschränkte Ak- 
tionskraft, so daß die Erziehung zweier Generationen des Prole- 
tariats unter den Bedingungen der Demokratie durchaus nicht die 
notwendige politische Vorbereitung für die Abschätzung eines sol- 
chen Ereignisses, wie der imperialistische Krieg, sicherte. Die Er- 
fahrung gibt gar keine Veranlassung zu der Annahme, daß das 
Proletariat politisch besser vorbereitet gewesen wäre, wenn der 
Krieg zehn oder fünfzehn Jahre später ausgebrochen wäre. Der 
bürgerlich-demokratische Staat schafft nicht nur im Vergleich zum 
Absolutismus günstigere Bedingungen für die Entwicklung der 
Werktätigen, sondern er beschränkt auch diese Entwicklung durch 
die Grenzen der bürgerlichen Legalität, indem er in den Ober- 



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— 18 — 

schichten des Proletariats opportunistische Gewohnheiten und lega- 
listische Vorurteile künstlich anhäuft und befestigt. Die Schule der 
Demokratie erwies sich als vollständig unzureichend, um in dem 
Augenblick, als die Kriegskatastrophe drohte, das deutsche Prole- 
tariat zur Revolution anzuspornen. Dazu war die barbarische 
Schule des Krieges, der sozialimperialistischen Hoffnungen, der 
größten militärischen Erfolge und einer beispiellosen Niederlage 
nötig. Nach diesen Ereignissen, die in der ganzen Welt und sogar 
im Erfurter Programm manches verändert haben, mit Gemeinplätzen 
über die Bedeutung des demokratischen Parlamentarismus für die 
Erziehung des Proletariats zukommen, heißt, in politische Kindheit 
zurückfallen. Darin besteht eben das Unglück Kautskys. 

„Ein tiefes Mißtrauen gegen den politischen Befreiungskampf 
des Proletariats — schreibt er — gegen seine Teilnahme an der 
Politik beseelte den Proudhonismus. Heute kommen wieder ähn- 
liche (!!) Gedankengänge auf und werden uns präsentiert als die 
neuesten Errungenschaften sozialistischen Denkens, als Produkte 
von Erfahrungen, die Marx nicht kannte und nicht kennen konnte. 
Und doch sind es nur neue Variationen von Gedanken, die über ein 
halbes Jahrhundert alt sind und die Marx selbst bekämpfte und 
überwand“. 

Der Bolschewismus erweist sich als . . . aufgewärmter Proud- 
honismus ! In rein theoretischer Beziehung ist dies eine der scham- 
losesten Behauptungen der Broschüre. 

Die Proudhonisten verwarfen die Demokratie aus demselben 
Grunde, aus dem sie den politischen Kampf überhaupt verwarfen. 
Sie waren für die wirtschaftliche Organisation der Arbeiter ohne 
Einmischung der Staatsgewalt, ohne revolutionäre Umwälzungen, 
— für die Selbsthilfe der Arbeiter auf der Grundlage der Waren- 
wirtschaft. Soweit sie durch den Gang der Ereignisse auf den Weg 
des politischen Kampfes gestoßen wurden, zogen sie, als kleinbür- 
gerliche Ideologen, die Demokratie nicht nur der Plutokratie sondern 
auch der revolutionären Diktatur vor. Ist hier etwas Gemeinsames 
mit uns? Während wir die Demokratie im Namen der konzentrier- 
ten Macht des Proletariats ablehnen, waren die Proudhonisten, im 
Gegenteil, bereit, sich mit der durch das föderative Prinzip ver- 
dünnten Demokratie auszusöhnen, um die revolutionäre Allein- 
herrschaft der Arbeiterklasse zu vermeiden. Mit weit größerer 
Berechtigung könnte Kautsky uns mit den Gegnern der Proudho- 
nisten, den Blanquisten, vergleichen, die die Bedeutung der 
revolutionären Macht begriffen und die Eroberung dieser Macht 
nicht abergläubisch in Abhängigkeit von formalen Merkmalen der 
Demokratie stellten. Um aber dem Vergleich der Kommunisten 
mit den Blanquisten den rechten Sinn zu geben, müßte man hinzu- 



I I I 


— 19 — 

fügen, daß wir in der Person der Arbeiter- und Soldatenräte über 
eine solche Organisation der Umwälzung verfügten, von der die 
Blanquisten nicht träumen konnten; in der Person unserer Partei 
hatten und haben wir eine unersetzliche Organisation politischer 
Führung mit einem vollendeten Programm der sozialen Revolution ; 
endlich waren und bleiben die Gewerkschaftsverbände, die voll und 
ganz unter der Fahne des Kommunismus stehen und die Sowjet- 
macht unterstützen, ein mächtiger Apparat wirtschaftlicher Umge- 
staltungen. Unter diesen Bedingungen davon sprechen, daß der 
Bolschewismus die Vorurteile des Proudhonismus wiederhergestellt 
habe, das kann man nur, wenn man den letzten Rest theoretischer 
Gewissenhaftigkeit und historischer Einsicht verloren hat. 

Die imperialistische Entartung der Demokratie . 

Nicht ohne Grund hat das Wort „Demokratie“ im politischen 
Wörterbuch eine doppelte Bedeutung. Einerseits bedeutet es das 
staatliche Regime, das sich auf das allgemeine Wahlrecht und andere 
Attribute der formalen „Selbstherrschaft des Volkes“ gründet. 
Andererseits versteht man unter Demokratie die Volksmassen selbst, 
soweit sie ein politisches Leben führen, wobei in diesem zweiten wie 
im ersten Sinne der Begriff der Demokratie sich über die Klassen- 
unterschiede erhebt. 

Diese Eigentümlichkeiten der Terminologie sind politisch tief 
begründet. Die Demokratie als politisches Regime ist desto wider- 
standsfähiger, vollkommener, unerschütterlicher, je mehr Platz im 
Leben des Landes die im Sinne der Klassen wenig differenzierte 
Zwischenmasse der Bevölkerung, das Kleinbürgertum von Stadt und 
Land, einnimmt. Zu ihrer höchsten Blüte gelangte die Demokratie 
im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten Nordamerikas und 
der Schweiz. Jenseits des Ozeans stürzte sich die staatliche Demo- 
kratie der föderativen Republik auf die Argrardemokratie der Far- 
mer. In der kleinen helvetischen Republik bildeten das Kleinbürger- 
tum der Städte und die starke Bauernschaft die Basis der konserva- 
tiven Demokratie der vereinigten Kantone. 

Der aus dem Kampf des dritten Standes gegen die Kräfte des 
Feudalismus hervorgegangene demokratische Staat wird sehr bald 
ein Werkzeug der Gegenwirkung auf die Klassengegensätze, die sich 
innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft entwickeln. Die bürgerliche 
Demokratie hat darin desto mehr Erfolg, je breiter unter ihr die 
Schicht des Kleinbürgertums, je größer die Bedeutung des letzteren 
im wirtschaftlichen Leben des Landes, je geringer also die Entwick- 
lung der Klassengegensätze ist. Jedoch, je weiter desto hoffnungs- 
loser blieben die Zwischenklassen hinter der historischen Entwick- 
lung zurück und desto mehr wurden sie der Möglichkeit beraubt, 



I I 


— 20 — 

im Namen der Nation zu sprechen. Freilich, kleinbürgerliche Dok- 
trinäre (Bernstein u. Ko.) bewiesen mit Genugtuung, daß das Ver- 
schwinden der kleinbürgerlichen Massen nicht mit der Schnellig- 
keit vor sich gehe, wie dies von der Schule von Marx vorausgesetzt 
worden ist. Man kann in der Tat dem zustimmen, daß die klein- 
bürgerlichen Elemente der Stadt und besonders des Dorfes ihrer 
Zahl nach noch immer einen außerordentlich großen Platz ein- 
nehmen. Aber der Hauptinhalt der Entwicklung zeigte sich darin, 
daß das Kleinbürgertum seine Bedeutung in der Produktion ver- 
lor: jene Wertmenge, die diese Klasse in den Gesamtertrag der 
Nation bringt, sank ungleich schneller als die Quantität des Klein- 
bürgertums. Dementsprechend sank ihre soziale, politische und 
kulturelle Bedeutung. Die historische Entwicklung stützte sich 
immer mehr nicht auf diese von der Vergangenheit übernommenen 
konservativen Schichten, sondern auf die Polarklassen der Gesell- 
schaft, d. h. auf die kapitalistische Bourgeoisie und auf das 
Proletariat. 

Je mehr das Kleinbürgertum seine Bedeutung verlor, desto 
weniger war es fähig, die Rolle des Schiedsrichters in dem histo- 
rischen Rechtsstreit zwischen Kapital und Arbeit zu spielen. Unter- 
dessen fuhr eine bedeutende Menge des städtischen Bürgertums und 
besonders der Bauernschaft fort, ihren unmittelbaren Ausdruck in 
der Wahlstatistik des Parlamentarismus zu finden. Die formale 
Gleichheit aller Bürger als Wähler gab hierbei der Unfähigkeit des 
„demokratischen Parlamentarismus“, die fundamentalen Fragen der 
historischen Entwicklung zu lösen, nur offenen Ausdruck. Die 
„gleiche“ Stimme für den Proletarier, den Bauern und den Leiter des 
Trusts brachten den Bauern formell in die Lage des Vermittlers 
zwischen diesen beiden Antagonisten. In Wirklichkeit gab die 
sozial und kulturell rückständige, politisch hilflose Bauernschaft 
in allen Ländern die Stütze für die reaktionärsten, abenteuerlichsten, 
absurdesten und korruptesten Parteien ab, die letzten Endes immer 
das Kapital gegen die Arbeit unterstützten. 

Allen Prophezeiungen Bernsteins, Sombarts, Tugan-Baronow- 
skys direkt zum Trotz hat die Zähigkeit der Zwischenklassen die 
revolutionäre Krisis der bürgerlichen Geselschaft nicht gemildert, 
sondern bis aufs Aeußerste verschärft. Würde sich die Proletarisie- 
rung des Kleinbürgertums und der Bauernschaft in chemisch reiner 
Form vollziehen, so würde die friedliche Eroberung der Macht durch 
das Proletariat vermittels des demokratischen parlamentarischen 
Apparats viel wahrscheinlicher sein, als wir das jetzt sehen. Gerade 
die Tatsache, an die sich die Anhänger des Kleinbürgertums klam- 
merten, — die Lebenskraft des Kleinbürgertums — erwies sich so- 
gar für die äußeren Formen der politischen Demokratie, nachdem 
der Kapitalismus ihr Wesen untergraben hatte, als verhängnisvoll. 





21 


Dadurch, daß das Kleinbürgertum in der parlamentarischen Politik 
die Stelle einnahm, die es in der Produktion verloren hatte, kom- 
promittierte es den Parlamentarismus endgültig, nachdem es ihn 
in eine Institution verwirrten Geschwätzes und gesetzgeberischer 
Obstruktion verwandelt hatte. Schon daraus allein erwuchs dem 
Proletariat die Aufgabe, den Apparat der Staatsmacht in seine Ge- 
walt zu bringen, unabhängig von dem Kleinbürgertum und sogar 
gegen dasselbe, — nicht gegen seine Interessen sondern gegen seinen 
Stumpfsinn, gegen seine in ihrem kraftlosen Hin- und Herschwanken 
nicht zu erfassende Politik. 

„Der Imperialismus — schrieb Marx über das Kaiserreich Na- 
poleons III — ist die prostituierteste und zugleich endgültige Form 
der Staatsgewalt, die . . . die zur vollen Entwicklung gelangte Bour- 
geoisie in ein Werkzeug zur Unterjochung der Arbeit durch das 
Kapital verwandelt hat“. Diese Definition geht über das Regime 
des französischen Kaiserreiches hinaus und umfaßt den neuesten 
Imperialismus, der von den Weltansprüchen des nationalen Kapi- 
tals der Großmächte erzeugt ist. Auf wirtschaftlichem Gebiet setzte 
der Imperialismus den endgültigen Fall der Rolle des Kleinbürger- 
tums voraus; auf politischem Gebiet bedeutete er die volle Ver- 
nichtung der Demokratie vermittels ihrer innerlichen Molekular- 
umarbeitung und allseitigen Unterordnung aller ihrer Mittel und 
Institutionen unter ihre Ziele. Nachdem er alle Länder, unabhängig 
von ihrem vorhergehenden politischen Schicksal, umfaßt hatte, be- 
wies der Kapitalismus, daß ihm irgendwelche politischen Vorurteile 
fremd sind, daß er in gleicher Weise bereit und fähig ist, nach 
vorheriger sozialer Umgestaltung und nach völliger Unterwerfung 
die Monarchie Nikolai Romanows oder Wilhelm Hohenzollems, 
die Selbstherrschaft des Präsidenten der Nordamerikanischen Staa- 
ten und die Hilflosigkeit einiger Hundert Auch-Gesetzgeber des 
französischen Parlaments auszunutzen. Das letzte große Morden 
— das blutige Becken, in dem sich die bürgerliche Welt zu erneuern 
versuchte — zeigte uns das Bild einer in der Geschichte noch nie 
dagewesenen Mobilisierung aller Staatsformen, Verwaltungssysteme, 
politischen Richtungen, Religionen und philosophischen Schulen im 
Dienst des Imperialismus. Sogar viele von jenen Pedanten, die die 
vorbereitende Periode der imperialistischen Entwicklung der letzten 
Jahrzehnte verschlafen hatten und fortfuhren, sich zu den Begriffen 
der Demokratie, des allgemeinen Wahlrechts und dergl. ihrem über- 
lieferten Sinne nach zu verhalten, begannen während des Krieges 
zu fühlen, daß die gewohnten Begriffe einen neuen Inhalt bekommen 
hatten. Absolutismus, parlamentarische Monarchie, Demokratie! 
Vor dem Antlitz des Imperialismus — folglich auch vor dem Antlitz 
der ihn ablösenden Revolution — sind alle Staatsformen der bürger- 
lichen Herrschaft, vom russischen Zarismus bis zum Nordamerika- 



22 


nischen quasi-demokratischen Föderalismus gleichberechtigt und zu 
solchen Kombinationen verbunden, bei denen sie einander unteilbar 
ergänzen. Dem Imperialismus gelang es mit allen ihm zur Ver- 
fügung stehenden Mitteln, darunter auch durch das Parlament, un- 
abhängig von der Wahlarithmetik der Stimmen, sich im kritischen 
Augenblick dies Kleinbürgertum der Städte und der Dörfer und 
sogar die Oberschichten des Proletariats vollständig unterzuordnen. 
Die nationale Idee, unter deren Zeichen sich der dritte Stand zur 
Macht erhoben hatte, fand im imperialistischen Kriege ihre Wieder- 
geburt in der Losung der nationalen Verteidigung. Mit unerwar- 
teter Helle leuchtete zum letzten Male die nationale Ideologie auf 
Kosten der Klassenideologie auf. Der Zusammenbruch der impe- 
rialistischen Illusionen knickte nicht nur bei den Besiegten, sondern 
mit einiger Verspätung auch bei den Siegern, endgültig alles das, 
was einst nationale Demokratie war, und mit ihr — ihr Hauptwerk- 
zeug, das demokratische Parlament. Die Welkheit, Erbärmlichkeit 
und Hilflosigkeit des Kleinbürgertums und seiner Parteien traten 
überall mit erschrecklicher Klarheit zutage. In allen Ländern wurde 
die Frage der Staatsgewalt in aller Schärfe gestellt als eine Frage 
der Kräftemessung zwischen der offen oder verhüllt herrschenden 
kapitalistischen Clique, der Hunderttausende dressierter, gestählter 
und vor nichts zurückschreckender Offiziere zur Verfügung stehen 
und zwischen dem aufständischen revolutionären Proletariat — bei 
Schreck, Verwirrung und Ohnmacht der Zwischenklassen. Unter 
diesen Bedingungen ist die Rederei über die friedliche Eroberung 
der Macht durch das Proletariat vermittels des demokratischen Par- 
lamentarismus nichts als elendes Geschwätz. 

Das Schema der politischen Lage im Weltumfange ist vollstän- 
dig klar. Nachdem sie die verblutenden und erschöpften Völker an 
den Rand des Unterganges gebracht hatte, offenbarte die Bour- 
geoisie, und in erster Linie die siegende Bourgeoisie, ihre volle 
Unfähigkeit, diese Völker aus der schrecklichen Lage zu befreien, 
und ihre Unvereinbarkeit mit der weiteren Entwicklung der Mensch- 
heit. Alle politischen Zwischengruppierungen, in erster Linie die 
sozialpatriotischen Parteien, faulen bei lebendigem Leibe. Das 
von ihnen betrogene Proletariat wendet sich mit jedem Tage immer 
mehr gegen sie und befestigt sich in seinem revolutionären Beruf 
als einzige Kraft, die die Völker vor der Verwilderung und dem 
Untergang retten kann. Doch die Geschichte hatte zu diesem Augen- 
blick der Partei der sozialen Revolution die formelle parlamenta- 
rische Mehrheit durchaus nicht gesichert. Mit anderen Worten, die 
Geschichte hatte die Nation nicht in einen Diskutierklub verwandelt, 
der sittsam den Uebergang zur sozialen Revolution durch Stimmen- 
mehrheit beschließt. Im Gegenteil, die gewaltsame Revolution wurde 
eben deshalb zur Notwendigkeit, weil die dringenden Bedürfnisse 



23 


der Geschichte sich als machtlos erwiesen, sich den Weg vermittels 
des Apparats der parlamentarischen Demokratie zu bahnen. Die 
kapitalistische Bourgeoisie kalkuliert: „Solange in meinen Händen 
der Grund und Boden, die Fabriken, Werke, Banken sind, solange 
ich die Zeitungen, Universitäten und Schulen beherrsche, solange 
— und dies ist die Hauptsache — in meinen Händen die Leitung 
der Armee liegt, solange wird der Apparat der Demokratie, wie 
ihr ihn auch umbauen mögt, meinem Willen untertan bleiben. Ich 
unterwerfe mir geistig das stumpfsinnige, konservative, willenlose 
Kleinbürgertum, wie es mir materiell untergeordnet ist. Ich unter- 
drücke und werde seine Einbildungskraft durch die Macht meiner 
Gewinne, meiner Pläne und meiner Verbrechen bannen. In den 
Momenten seiner Unzufriedenheit werde ich Sicherheitsventile und 
Blitzableiter schaffen. Ich werde im nötigen Moment Oppositions- 
parteien schaffen, die morgen verschwinden, heute aber ihrer Auf- 
gabe dadurch gerecht werden, daß sie dem Kleinbürgertum die 
Möglichkeit geben, seine Empörung ohne Schaden für den Kapita- 
lismus zum Ausdruck zu bringen. Ich werde die Volksmassen bei 
dem Regime der allgemeinen Schulpflicht an der Grenze der voll- 
ständigen Unwissenheit erhalten und ihnen nicht erlauben, sich 
über die Stufe zu erheben, die meine Sachverständigen der geisti- 
gen Sklaverei als ungefährlich ansehen werden. Ich werde die privi- 
legierten oder rückständigeren Schichten des Proletariats selbst 
demoralisieren, betrügen und einschüchtern. Durch die Gesamtheit 
aller dieser Maßnahmen werde ich dem Vortrupp der Arbeiterklasse 
nicht gestatten, das Bewußtsein der Mehrheit des Volkes zu beherr- 
schen, solange die Unterdrückungs- und Einschüchterungswerk- 
zeuge in meinen Händen bleiben werden. 

Darauf antwortet das revolutionäre Proletariat: „Folglich 
müssen als erste Bedingung zur Rettung, den Händen der Bour- 
geoisie die Werkzeuge der Herrschaft entrissen werden. Aussichts- 
los ist der Gedanke, friedlich zur Macht zu gelangen, solange sich 
in den Händen der Bourgeoisie alle Werkzeuge der Herrschaft be- 
finden. Doppelt aussichtslos ist der Gedanke, auf dem Wege zur 
Macht zu gelangen, den die Bourgeoisie selbst weist und den sie 
zu gleicher Zeit versperrt, — auf dem Wege der parlamentarischen 
Demokratie. Es gibt nur einen Weg: der Bourgeoisie die Macht, 
den materiellen Apparat der Herrschaft zu entreißen. Unabhängig 
von dem oberflächlichen Kräfteverhältnis im Parlament, werde ich 
die wichtigsten Produktionskräfte und -mittel in gesellschaftliche 
Verwaltung nehmen. Ich werde das Bewußtsein der kleinbürger- 
lichen Klassen von der kapitalistischen Hypnose befreien. Ich werde 
ihnen in der Tat zeigen, was sozialistische Produktion bedeutet. 
Dann werden mich die rückständigsten, unwissendsten oder ein- 
geschüchtertesten Schichten des Volkes unterstützen und sich frei- 



I I I 


— 24 — 

willig und bewußt der Arbeit des sozialistischen Aufbaues an- 
schließen. 

Als die russische Sowjetregierung die Konstituierende Ver- 
sammlung gesprengt hatte, erschien diese Tatsache den leitenden 
westeuropäischen Sozialdemokraten, wenn nicht als Anfang des 
Weltunterganges, so doch auf jeden Fall als grober und willkür- 
licher Bruch mit der ganzen vorhergegangenen Entwicklung des 
Sozialismus. Das war indessen nur die unvermeidliche Schluß- 
folgerung aus der neuen Lage, die der Imperialismus und der Krieg 
vorbereitet hatten. Zog der russische Kommunismus als erster die 
theorethische und praktische Bilanz, so geschah das aus denselben 
historischen Gründen, aus denen das russische Proletariat als erstes 
gezwungen war, den Weg des Kampfes um die Macht zu betreten. 

Alles, was sich nachher in Europa abspielte, beweist, daß der 
Schluß richtig gezogen war. Die Annahme, daß es möglich sei, 
die Demokratie in ihrer Reinheit wiederherzustellen, heißt, sich von 
jämmerlichen Utopien zu nähren. 

Die Metaphysik der Demokratie . 

Das Wanken des historischen Bodens, in der Frage der Demo- 
kratie, unter seinen Füßen fühlend, geht Kautsky auf den Boden 
der Normenphilosophie über. Anstatt zu untersuchen, was ist, stellt 
er Betrachtungen darüber an, was sein sollte. 

Die Prinzipien „der Demokratie — die Volkssouveränität, das 
allgemeine und gleiche Wahlrecht, die Freiheiten — treten bei ihm 
im Glorienschein des ethischen Soll auf. Sie werden von ihrem ge- 
schichtlichen Inhalt abstrahiert und werden als unerschütterlich und 
heilig an sich dargestellt. Dieser metaphysische Sündenfall ist nicht 
zufällig. Er ist höchst lehrreich, daß auch der verstorbene Plecha- 
now, ein schonungsloser Gegner des Kantianertums im Laufe des 
besten Abschnitts seiner Tätigkeit, gegen Ende seines Lebens, als 
die Woge des Patriotismus ihn überschlug, sich an den Strohhalm 
des kategorischen Imperativs zu klammern versuchte. 

Dieser realen Demokratie, mit der das deutsche Volk nun auf 
dem Wege der Erfahrung die Bekanntschaft macht, setzt Kautsky 
irgendeine ideelle Demokratie gegenüber, wie dem gemeinen Phä- 
nomen das Ding an sich gegenübergestellt wird. Kautsky weist mit 
Bestimmtheit auf kein einziges Land hin, dessen Demokratie wirk- 
lich imstande wäre, den schmerzlosen Uebergang zum Sozialismus 
zu sichern. Dafür weiß er aber ganz fest, daß es eine solche Demo- 
kratie geben muß. Der heutigen deutschen Nationalversammlung, 
diesem Organ der Hilflosigkeit, des reaktionären Ingrimms und 
des demütigen Kriechertums stellt Kautsky eine andere, eine echte 



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— 25 — 

Nationalversammlung entgegen, die alle Vorzüge hat außer des 
kleinen — der Wirklichkeit. 

Als Doktrin der formalen Demokratie erscheint nicht der 
wissenschaftliche Sozialismus, sondern die Theorie des sog. Natur- 
rechts. Das Wesen der letzteren besteht in der Anerkennung von 
ewigen und unabänderlichen Rechtsnormen, die bei den verschie- 
denen Völkern und in den verschiedenen Epochen mehr oder weni- 
ger beschränkt und entstellt zum Ausdruck kommen. Das Natur- 
recht der neuen Geschichte d. h. so wie es aus dem Mittelalter 
herüberkam, enthielt vor allem den Protest gegen Standesprivilege, 
Mißbräuche der despotischen Gesetzgebung und andere „künst- 
liche Produkte“ des feudalen positiven Rechts. Die Ideologen des 
noch zu schwachen dritten Standes gaben seinen Klasseninteressen 
in einigen ideellen Normen Ausdruck, die in der weiteren Entwick- 
lung sich zur Lehre von der Demokratie entfalteten und dabei einen 
individualistischen Charakter gewannen. Das Individium ist das 
Ziel an sich, alle Menschen haben das Recht, ihre Gedanken in 
Wort und Schrift zu äußern, ein jeder Mensch muß sich eines glei- 
chen Wahlrechts erfreuen. Als Kampfbanner im Kampf gegen den 
Feudalismus waren die Forderungen der Demokratie von fortschritt- 
licher Bedeutung. Je weiter aber, desto mehr kehrte die Metaphysik 
des Naturrechts (— der Theorie der formellen Demokratie) ihre 
reaktionäre Seite hervor: die Errichtung einer Kontrolle der idealen 
Norm über den realen Forderungen der Arbeitermassen und der 
revolutionären Parteien. 

Wenn man auf die geschichtliche Aufeinanderfolge der Welt- 
anschauungen zurückblickt, so wird die Theorie des Naturrechts, 
als ein von der groben Mystik geläuterter Abklatsch des christlichen 
Spiritualismus erscheinen. Das neue Testament erklärte dem Skla- 
ven, daß er über eine ebensolche Seele verfügt, wie der Sklaven- 
halter und ordnete somit die Gleichheit aller Menschen vor dem 
himmlischen Tribunal an. In Wirklichkeit blieb aber der Sklave 
Sklave, und der Gehorsam wurde ihm zur religiösen Pflicht ge- 
macht. In der Lehre des Christentums fand der Sklave den mysti- 
schen Ausdruck für seinen eigenen unklaren Protest gegen seine 
unterdrückte Lage. Neben dem Protest fand er auch den Trost. 
Das Christentum sagte ihm : „Du hast eine unsterbliche Seele, wenn 
Du auch einem Lasttier ähnlich bist“i Hier klang der Ton der 
Empörung heraus. Dasselbe Christentum sagte aber: „Magst Du 
auch einem Lasttiere ähnlich sein, Deiner unsterblichen Seele aber 
ist die ewige Belohnung Vorbehalten“. Es ist hier die Stimme des 
Trostes' herauszuhören. Diese beiden Töne klangen im geschicht- 
lichen Christentum in den verschiedenen Epochen und bei ver- 
schiedenen Klassen auf verschiedene Weise zusammen. Im allge- 
meinen aber wurde das Christentum ähnlich wie alle anderen Reli- 




3 



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J 

— .26 — 

# 

gionen zum Werkzeug der Einschläferung des Gewissens der ge- 
knechteten Massen. 

Das Naturrecht, als es sich zur Theorie der Demokratie ent- 
wickelte, sagte dem Arbeiter: Alle Menschen sind gleich vor dem 
Gesetze, ganz abgesehen von ihrer Herkunft, ihrer Vermögenslage 
und der von ihnen gespielten Rolle, ein jeder hat das gleiche Stimm- 
recht bei der Entscheidung der Volksgeschicke. Diese ideelle Norm 
revolutionisierte die Erkenntnis der Massen, insofern als sie die Ver- 
urteilung des Absolutismus, der aristokratischen Privilegien und der 
Vorrechte des Besitzes enthielt. Je weiter, desto mehr schläferte 
sie die Erkenntnis ein, indem sie die Not, die Sklaverei und die De- 
mütigung legalisierte, denn wie konnte man sich gegen die Knech- 
tung empören, wenn ein jeder das gleiche Stimmrecht in der Be- 
stimmung der Volksgeschicke hat? 

Rothschild, der das Blut und die Tränen der Welt in das 
Gold seiner Profite ummünzte, hat eine Stimme bei den Parlaments- 
wahlen. Der dunkle Erdarbeiter, der seinen Namen nicht zu zeich- 
nen versteht, der sich sein Leben lang ohne sich auszukleiden 
schlafen legt und wie ein lichtscheuer Maulwurf unter den Menschen 
herumirrt, erscheint jedoch als Träger der Volkssouveränität und ist 
dem Rothschild vor Gericht und bei den Parlamentswahlen gleich. 
In den realen Lebensbedingungen, im wirtschaftlichen Prozeß, in 
den sozialen Verhältnissen, im Alltag wurden die Menschen ein- 
ander immer mehr und mehr ungleich: die Anhäufung einer be- 
rückenden Pracht auf dem einen Pol, Elend und Hoffnungslosigkeit 
auf dem andern. Aber auf dem Gebiet des staatsrechtlichen Ueber- 
baues verschwanden diese klaffenden Gegensätze; dorthin gelangten 
bloß juristische Schatten ohne Heisch und Blut. Der Junker, der 
Tagelöhner, der Kapitalist, der' Proletarier, der Minister, der Stiefel- 
putzer, — alle sind gleich, als „Bürger“, als „Gesetzgeber“. Die 
mystische Gleichheit des Christentums ist vom Himmel gestiegen in 
Form der naturrechtlichen Gleichheit der Demokratie. Sie ist aber 
nicht bis zur Erde gekommen, bis zur wirtschaftlichen Grundlage 
der Gesellschaft. Für den dunklen Tagelöhner, der sein Leben lang 
ein Lasttier im Dienste der Bourgeoisie geblieben ist, blieb das 
ideelle Recht, vermittels der Parlamentswahlen auf die Volksgeschicke 
einzuwirken, nicht um vieles realer, als die Seligkeit, die ihm im 
Himmelreich in Aussicht gestellt wurde. ' 

Die praktischen Interessen der Arbeiterklasse verfolgend, stellte 
sich die sozialistische Partei in einer gewissen Epoche auf den Weg 
des, Parlamentarismus. Das bedeutetete jedoch keineswegs, daß 
sie die metaphysische Theorie der Demokratie prinzipiell anerkannte, 
die auf den Grundlagen des überhistorischen, über den Klassen 
stehenden Rechts beruhte. Die proletarische Doktrin betrachtete 



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die Demokratie als Hilfsinstrument der bürgerlichen Gesellschaft, 
welches den Aufgaben und Bedürfnissen der herrschenden Klassen 
voll und ganz angepaßt war. Da aber die bürgerliche Gesellschaft 
von der Arbeit des Proletariats lebte und es nicht vermochte, ihm 
die Legalisierung eines gewissen Teiles seines Klassenkampfes zu 
verweigern, ohne sich ins eigene Fleisch zu schneiden, so eröffneten 
sich für die sozialistische Partei die Möglichkeiten, die Maschinerie 
der Demokratie in einer gewissen Periode und in gewissen Grenzen 
auszunutzen, ohne jedoch auf die Demokratie als unwandelbares 
Prinzip zu schwören. 


Die Grundaufgaben der Partei in allen Epochen ihres Kampfes 
bestand darin, die Bedingungen einer realen, wirtschaftlichen, all- 
täglichen Gleichheit der Menschen, als Glieder eines solidarischen 
menschlichen Gemeinwesens zu schaffen. Eben daher und eben 
dazu mußten die Theoretiker des Proletariats die Metaphysik der 
Demokratie, die philosophische Verschleierung von politischen 
Mystifikationen entlarven. / 

Wenn die demokratische Partei in der Epoche ihres revolutio- 
nären Aufstiegs die erdrückende und einschläfernde Lüge des kirch- 
lichen Dogmas enthüllend, den Massen predigte: „Man lullt Euch 
durch das Versprechen ewiger Seligkeit im Jenseits ein, hier seid Ihr 
aber rechtlos und durch Ketten der Willkür gefesselt“, — so erklärte 
die sozialistische Partei einige Jahrzehnte darauf denselben Massen 
mit nicht geringerer Berechtigung : „Man schläfert Euch durch den 
Schein der bürgerlichen Gleichheit und der bürgerlichen Rechte 1 ein, 
es ist Euch jedoch die Möglichkeit genommen, diese Rechte zu ver- 
wirklichen; die bedingte und illusorische juristische Gleichheit ist 
in eine ideale Kette des Sträflings verwandelt, durch die ein jeder 
von Euch an den Wagen der Kapitals geschmiedet ist.“ 

Im Namen ihrer Grundaufgabe mobilisierte die sozialistische 
Partei die Massen auch auf der Grundlage des Parlamentarismus, 
aber nirgends und nie verpflichtete sich die Partei als solche, die 
Massen nicht anders zum Sozialismus zu führen als durch die Pfor- 
ten der Demokratie. Sich dem Parlamentsregime anpassend, be- 
gnügten wir uns in der vorhergehenden Epoche mit der theo- 
retischen Entlarvung der Demokratie, denn wir waren noch zu 
schwach, um sie praktisch zu überwinden. . Aber der Ideenkreis des 
Sozialismus, der durch alle Abweichungen, Erniedrigungen und 
sogar Verrätereien zum Vorschein kam, bestimmte folgenden Aus- 
weg: die Demokratie beiseite zu werfen und sie durch einen Ar- 
beitsmechanismus des Proletariats in dem Moment zu ersetzen, 
wo dieses letztere sich stark genug zeigen sollte, die Ausführung 
einer derartigen Aufgabe auf sich zu nehmen. 

*Wir werden hier ein Zeugnis, aber ein genügend krasses an- 


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— 28 — 

i 

führen. „Der Parlamentarismus, — schrieb Paul Lafargue im rus- 
sischen Sammelbuch „Sozialdemokrat“ im Jahre 1888 — ist ein der- 
artiges Regierungssystem, bei dem beim Volke die Illusion entsteht, 
als verwalte es selbst das Land, während in Wirklichkeit die tat- 
sächliche Macht sich in den Händen der Bourgeoisie konzentriert, 
und nicht einmal der gesamten Bourgeoisie, Sv ndem nur einiger 
Schichten dieser Klasse. In der ersten Zeit ihrer Herrschaft sieht die 
Bourgeoisie nicht die Notwendigkeit, die Illusion der Selbstverwal- 
tung für das Volk zu schaffen. Daher begannen alle parlamenta- 
rischen Länder Europas mit der beschränkten Stimmabgabe; über- 
all gehörte das Recht, der Politik des Landes durch Wahl von Ab- 
geordneten eine Richtung zu geben, anfangs nur den mehr oder 
wenig großen Eigentümern und dann erst verbreitete es sich all- 
mählich auf die weniger besitzenden Bürger, bis es sich in einigen 
Ländern nicht aus einem Vorrecht zu einem allgemeinen Recht eines 
jeden verwandelte.“ 

„In der bürgerlichen Gesellschaft, je bedeutender die Menge 
des gesetzlichen Reichtums, von einer desto geringeren Anzahl 
von Personen wird sie angeeignet; dasselbe geschieht auch mit 
der Macht: je mehr die Zahl der Bürger, die über politische Rechte 
verfügen wächst, und die Zahl der wählbaren Herrscher sich ver- 
größert, konzentriert sich die wirkliche Macht und wird zum Mono- 
pol einer immer kleineren und kleineren Gruppe von Personen“. 
Das ist das Sakrament der Mehrheit. 

Für den Marxisten Lafargue bleibt der Parlamentarismus so- 
lange, bis die Herrschaft der Bourgeoisie unangetastet bleibt. „An 
dem Tage, schreibt Lafargue, wo das Proletariat Europas und 
Amerikas sich des Staates bemächtigt, wird es die revolutionäre 
Regierung organisieren und über der Gesellschaft diktatorisch wal- 
ten müssen, bis die Bourgeoisie als Klasse verschwindet“. 

Kautsky kannte seinerseits diese marxistische Einschätzung 
des Parlamentarismus und wiederholte sie auch gar manches Md 
selber, wenn auch nicht mit einer derartigen gallischen Klarheit 
und Schärfe. Das theoretische Renegatentum Kautskys besteht eben 
darin, daß er, das Prinzip der Demokratie als absolut und unwandel- 
bar anerkennend, von der materialistischen Dialektik zu dem Natur- 
recht zurückging. Das, was vom Marxismus als Bewegmechanis- 
raus der Bourgeoisie entlarvt wurde, und nur vorübergehend zwecks 
Vorbereitung der Revolution des Proletariats politisch ausgenutzt 
werden sollte, ist von Kautsky wieder als höchstes, über den Klassen 
stehendes Grundgesetz sanktioniert worden, das alle Methoden des 
proletarischen Kampfes sich untertan machen müsse. Die gegen- 
revolutionäre Ausartung des Parlamentarismus fand ihren voll- 
endetsten Ausdruck in der Vergötterung der Demokratie durch die 
Verfallstheoretiker der II. Internationale. 



i i j i 







Die Konstituierende Versammlung . 


Allgemein gesprochen, ist die Erlangung der Mehrheit durch 
die Partei des Proletariats im demokratischen Parlament keine un- 
bedingte Unmöglichkeit. Eine solche Tatsache aber würde, sogar 
wenn sie sich verwirklichte, nichts prinzipiell Neues in die Entwick- 
lung der Ereignisse hineinbringen. Die Zwischenelemente der 
Intelligenz würden vielleicht unter dem Einflüsse des parlamenta- 
rischen Sieges dem neuen Regime gegenüber weniger Widerstand 
leisten. Der Hauptwiderstand der Bourgeoisie aber würde durch 
solche Faktoren wie die Stimmung der Armee, den Umfang der Be- 
waffnung der Arbeiter, die Lage in den Nachbarstaaten bestimmt 
werden und der Bürgerkrieg würde sich unter dem Druck dieser 
realsten Verhältnisse und nicht der schwankenden Arithmetik des 
Parlamentarismus entwickeln. 

Unsere Partei weigerte sich nicht, der Diktatur des Proleta- 
riats den Weg durch die Pforte der Demokratie zu öffnen, denn sie 
war sich der gewissen agitatorisch-politischen Vorzüge eines sol- 
chen legalisierten Ueberganges zum* neuen Regime klar bewußt. 
Hieraus folgt unser Versuch, die Konstituierende Versammlung 
einzuberufen. Dieser Versuch mißlang. Der russische Bauer, der 
erst von der Revolution zum politischen Leben erweckt war, stand 
von Angesicht zu Angesicht einem halben Dutzend Parteien gegen- 
über, von denen eine jede es sich gleichsam zum Ziel gemacht hatte, 
ihn zu verwirren. Die Konstituierende Versammlung stand der 
revolutionären Bewegung im Wege und wurde hinweggefegt. 

Die Kompromißlermehrheit der Konstituierenden Versamm- 
lung stellte nur den politischen Widerschein der geistigen Unreife 
und der Unentschlossenheit der städtischen und ländlichen Zwi- 
schenschichten und der rückständigen Teile des Proletariats dar. 
Stellt man sich auf den Standpunkt der abstrakten historischen Mög- 
lichkeiten, so kann man sagen, daß es weniger schmerzlos gewesen 
wäre, wenn die Konstituierende Versammlung nach einer Arbeit von 
zwei Jahren die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki durch 
deren Beziehungen zu den Kadetten endgültig diskreditiert und da- 
durch zum formalen Uebergewicht der Bolschewiki geführt hätte; 
sie hätte dann den Massen gezeigt, daß es nur zwei Kräfte gibt: 
das von den Kommunisten geführte revolutionäre Proletariat und 
die gegenrevolutionäre Demokratie mit den Generälen und Admi- 
rälen an der Spitze. Das Wesentliche aber ist, daß das Entwick- 
lungstempo der Beziehungen der Revolution durchaus nicht mit dem 
Entwicklungsgang der internationalen Beziehungen Schritt hielt. 
Hätte unsere Partei die ganze Verantwortung der objektiven Päda- 
gogik des „Ganges der Ereignisse“ aufgebürdet, so hätte die Ent- 
wicklung der militärischen Ereignisse uns überholen können. Der 




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— 30 — 

deutsche Imperialismus hätte von Petersburg Besitz ergreifen kön- 
nen, was zu träumen die Regierung Kerenskis eifrig begann. Der 
Verlust Petersburgs hätte dann für das Proletariat den Todesstoß 
bedeutet, denn alle besten Kräfte der Revolution waren dort in der 
Baltischen Flotte und in der Roten Hauptstadt konzentriert. 

Unsere Partei darf man folglich nicht dessen anklagen, daß 
sie der historischen Entwicklung zuwidergehandelt habe, sondern 
dessen, daß sie einige politische Stufen übersprungen hat. Sie schritt 
über den Kopf der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre hin- 
weg, um dem deutschen Militarismus die Möglichkeit zu nehmen, 
über den Kopf des russischen Proletariats hinwegzuschreiten und 
mit der Entente auf dem Rücken der Revolution Frieden zu schlie- 
ßen, ehe diese ihre Fittige über die ganze Welt ausgebreitet hatte. 

Aus dem Gesagten kann man leicht die Antworten auf jene 
beiden Fragen finden, die uns Kautsky immer wieder stellt. Erstens, 
warum haben wir die Konstituierende Versammlung einberufen, 
wenn wir die Diktatur des Proletariats im Auge hatten ? Zweitens, 
wenn die erste Konstituierende Versammlung, die einzuberufen; 
wir für nötig fanden, sich als rückständig und den Interessen der 
Revolution nicht entsprechend herausstellte, warum lehnen wir die 
Einberufung einer neuen Konstituierenden Versammlung ab? Der 
Hintergedanke Kautskys ist der, daß wir die Demokratie nicht aus 
prinzipiellen Gründen sondern deshalb verworfen haben, weil sie 
gegen uns gerichtet war. Um diese Verleumdung bei ihren langen 
Ohren zu fassen, wollen wir die Tatsachen wiederherstellen. 

Die Losung „die ganze Macht den Räten“ war von unserer 
Partei seit Beginn der Revolution aufgestellt worden, d. h. nicht 
nur lange vor der Auflösung der Konstituierenden Versammlung 
sondern auch lange vor dem Dekret über ihre Einberufung. Wir 
stellten freilich die Sowjets der zukünftigen Konstituierenden Ver- 
sammlung nicht gegenüber, deren Einberufung von der Regie- 
rung Kerenskis immer mehr aufgeschoben und daher immer proble- 
matischer wurde, auf jeden Fall aber betrachteten wir die Konsti- 
tuierende Versammlung nicht nach dem Vorbild der kleinbürger- 
lichen Demokraten als den zukünftigen Herrn des russischen Lan- 
des, der kommen und alles entscheiden werde. Wir klärten die 
Massen darüber auf, daß der wirkliche Herr nur die revolutio- 
nären Organisationen der werktätigen Massen selbst — die Sow- 
jets — sind und sein können. Wenn wir die Konstituierende Ver- 
sammlung nicht schon im voraus verwarfen, so geschah das nur 
deshalb, weil sie nicht der Macht der Räte sondern der Macht Ke- 
renskis selbst entgegengestellt wurde, der seinerseits nur ein Aus- 
hängeschild der Bourgeoisie war. Dabei hatten wir schon im vor- 
aus beschlossen, daß, wenn in der Konstituierenden Versammlung 




► 


— 31 — 

die Mehrheit auf unserer Seite sein würde, die Konstituierende Ver- 
sammlung sich selbst aufzulösen und die Macht den Sowjets zu 
übergeben habe, wie dies später die Petersburger Stadtverordneten- 
versammlung getan hat, die auf Grund des demokratischen Wahl- 
rechts gewählt worden war. In meinem Büchlein „Die Oktober- 
revolution“ habe ich mich bemüht, die Ursachen aufzuklären, aus 
welchen die Konstituierende Versammlung ein verspäteter Wider- 
schein einer von der Revolution schon überholten Epoche war. Da 
wir die Organisation der revolutionären Macht nur in den Räten 
sahen, da zur Zeit der Einberufung der Konstituierenden Versamm- 
lung die Sowjets schon tatsächlich die Macht darstellten, so wurde 
die Frage für uns unausbleiblich durch die gewaltsame Auflösung 
der Konstituierenden Versammlung entschieden, die sich selbst zu- 
gunsten der Macht der Sowjets nicht aufzulösen wünschte. 

Aber warum, — fragt Kautsky, — beruft Ihr keine neue Kon- 
stituierende Versammlung ein? 

Darum, weil wir eine solche nicht für nötig erachten. Konnte 
die erste Konstituierende Versammlung noch durch eine für die 
kleinbürgerlichen Elemente überzeugende Sanktion des eben erst 
errichteten Sowjetregimes, eine vorübergehende fortschrittliche 
Rolle spielen, so bedarf die Macht der Räte jetzt, nach zweijähri- 
ger siegreicher Diktatur des Proletariats und nach dem vollstän- 
digen Zusammenbruch aller demokratischen Versuche in Sibirien, 
an den Ufern des Weißen Meeres, in der Ukraine, im Kaukasus, 
nicht der Weihe durch die Autorität der Konstituierenden Versamm- 
lung. „Haben wir in diesem Falle nicht das Recht zu folgern“; 
fragt Kautsky in Uebereinstimmung mit Lloyd-George, „daß die 
Sowjetmacht kraft des Willens der Minderheit regiert, wenn sie 
die Kontrolle ihrer Herrschaft durch die allgemeine Abstimmung 
vermeidet?“ Wahrlich, ein Schlag, der am Ziele vorbeitrifft. • 

Wenn das parlamentarische Regime sogar in der Epoche der 
„friedlichen“, widerstandsfähigen Entwicklung ein ziemlich grober 
Barometer der Stimmungen im Lande war und in der Epoche des 
revolutionären Sturmes vollständig die Fähigkeit verloren hat, mit 
dem Gang des Kampfes und der Entwicklung des politischen Be- 
wußtseins Schritt zu halten, so sucht die Sowjetmacht, die mit der 
werktätigen Mehrheil des Volkes ungleich näher, organischer, ehr-, 
licher verbunden ist, ihre Bedeutung nicht darin, die Mehrheit sta- 
tistisch widerzuspiegeln, sondern sie dynamisch zu bilden. Da- 
durch, daß die Arbeiterklasse den Weg der revolutionären Dikta- 
tur betreten hat, hat sie deutlich ausgedrückt, daß sie ihre Politik 
in der Uebergangsperiode nicht auf die illusorische Kunst baut, 
mit den chamäleonischen Parteien im Einfangen von Bauern- 
stimmen zu wetteifern, sondern auf die tatsächliche Heranziehung 
der Bauemmassen Hand in Hand mit dem Proletariat, zur Verwal- 



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# 

tung des Landes in wirklichem Interesse der werktätigen Massen. 
Diese Demokratie ist etwas tiefer als der Parlamentarismus. . 

Nimmt Kautsky an, daß gegenwärtig, wo die Hauptaufgabe 
der Revolution — eine Frage von Sein oder Nichtsein — in der 
militärischen Abwehr des rasenden Andranges der weißgardisti- 
schen Banden ist, irgend eine pariamen tarische „Mehrheit“ fähig 
sei, eine energischere und selbstaufopfemdere, siegreichere Organi- 
sation der revolutionären Verteidigung zu sichern? Die Bedingun- 
gen des Kampfes in einem revolutionären Lande, das vom schänd- 
lichen Ring der Blockade gewürgt wird, sind so deutlich, daß allen 
Zwischenldassen und Zwischengruppen nur die Wahl zwischen 
Denikin und der Sowjetmacht bleibt. Was für ein Beweis ist noch 
nötig, wenn sogar Parteien, die aus Prinzip Zwischenparteien sind, 
wie die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, sich in derselben 
Richtung gespalten haben? 

Wenn Kautsky uns Wahlen in die Konstituierende Versamm- 
lung vorschlägt, beabsichtigt er für die Zeit der Wahlen den Bür- 
gerkrieg einzustellen? Kraft wessen Entscheidung? Wenn er da- 
zu die Autorität der II. Internationale in Bewegung zu setzen ge- 
denkt, so beeilen wir uns, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß 
diese Institution bei Denikin nur sehr wenig mehr Autorität be- 
sitzt, als bei uns. Soweit der Krieg zwischen der Arbeiter- und 
Bauernarmee und den imperialistischen Banden aber fortgesetzt 
und die Wahlen notgedrungen auf das Sowjetterritorium beschränkt 
werden müssen, will Kautsky verlangen, daß wir den Parteien, die 
Denikin gegen uns unterstützen, erlauben, offen aufzutreten? 
Leeres und verachtungswürdiges Geschwätz: niemals und unter 
keinen Umständen kann eine Regierung dem gegen sie kämpfenden 
Gegner erlauben, im Rücken ihrer eigenen Armee feindliche Kräfte 
zu mobilisieren. 

Nicht die letzte Stelle nimmt in dieser Frage die Tatsache ein, 
daß die Elite der werktätigen Bevölkerung sich gegenwärtig in der 
aktiven Armee befindet. Die vorausgeschrittenen Proletarier und 
die aufgeklärtesten Bauern, die bei allen Wahlen, sowie bei allen 
politischen Massenaktionen an erster Stelle stehen und die öffent- 
liche Meinung der Werktätigen leiten, sie alle ringen und sterben 
gegenwärtig in der Eigenschaft von Befehlshabern, Kommissaren 
oder einfachen Kämpfern der Roten Armee. Wenn selbst die „de- 
mokratischen“ Regierungen der bürgerlichen Staaten, deren Regime 
sich auf den Parlamentarismus gründet, es nicht für möglich hielten, 
während des Krieges Wahlen in das Parlament vorzunehmen, so ist 
es desto sinnloser, solche Wahlen während des Krieges von der 
Sowjetrepublik zu fordern, die in keiner Weise auf dem Parlamen- 
tarismus basiert. Es genügt durchaus, daß die revolutionäre Macht 
Rußlands ihren Wahlinstitutionen — den örtlichen Sowjets — 



I 1 I C.VIL O I 


- 33 — 

in den schweren Monaten und Tagen mit allen Mitteln die Möglich- 
keit gegeben hat, sich durch periodische Wahlen zu erneuern. 

Endlich, als letzter Beweis — last but not least — muß Kautsky 
gesagt werden, daß sogar die russischen Kautskyaner, Mensche- 
, wisten wie Martow und Dan, es nicht für möglich halten, gegen- 
wärtig die Forderung der Konstituierenden Versammlung aufzu- 
stellen, und diese für eine bessere Zukunft aufsparen. Wird sie 
dann nötig sein? Wir erlauben uns, daran zu zweifeln. Wenn 
der Bürgerkrieg beendet sein wird, dann wird die Diktatur der 
Arbeiterldasse ihre ganze schöpferische Kraft entfalten und den 
rückständigsten Massen durch die Tat zeigen, was sie ihnen geben 
kann. Durch planmäßig durchgeführte Arbeitspflicht und durch 
zentralisierte Organisation der Verteilung wird die ganze Bevöl- 
kerung des Landes in das allgemeine Wirtschaftssystem der Sowjets 
und die Selbstverwaltung hineingezogen werden. Die Sowjets 
selbst, gegenwärtig Machtorgane, werden sich in rein wirtschaftliche 
Organisationen verwandeln. Unter diesen Verhältnissen wird es 
wohl kaum jemandem in den Sinn kommen, dem realen Gewebe der 
sozialistischen Gesellschaft die altertümliche Krone der „Konsti- 
tuierenden“ Versammlung aufzusetzen, die nur festzustellen hätte, 
daß alles Nötige schon vor ihr und ohne sie konstituiert worden 
ist.*) 


•) Um uns für die Konstituierende Versammlung einzunehmen, fügt 
■Kautsky den Beweisgründen des kategorischen Imperativs das Argument 
4er Valuta hinzu. „Rußland bedarf dringend — schreibt er — der Hilfe des 
»usländischen Kapitals. Aber sie wird der Sowjetrepublik nicht zuteil 
werden . . . Nicht etwa, daß die Kapitalisten demokratische Idealisten wären. 
Sie haben dem Zarismus bedenkungslos viele Milliarden geborgt. Aber sie 
bringen einer revolutionären Regierung kein geschäftliches Vertrauen ent- 
gegen“ (S. 144). 

In diesem Geschreibsel sind einige Körnchen Wahrheit enthalten. 
t)ie Börse hat in der Tat die Regierung Koltschaks unterstützt, ^ls dieser 
sich auf die Konstituierende Versammlung stützte. Sie hat Koltschak aber 
poch energischer unterstützt, nachdem er die Konstituierende Versammlung 
auseinandergejagt hatte. An der Erfahrung mit Koltschak festigte sich die 
Ueberzeugung der Börse, daß die Mechanik der bürgerlichen Demokratie 
zu kapitalistischen Zwecken ausgenutzt und darauf beiseite geworfen werden 
könne, wie ein abgetragener Fußlappen. Es ist durchaus möglich, daß die 
Börse von neuem einigen Vorschuß auf die Konstituierende Versammlung 
geben wird, in der festen, durch Erfahrung durchaus begründeten Ueber- 
zeugung, daß die Konstituierende Versammlung nur eine Uebergangsstufe 
zur kapitalistischen Diktatur ist. Wir beabsichtigen nicht, das „Geschäfts- 
vertrauen“ der Börse um einen solchen Preis zu kaufen, und ziehen ent- 
schieden das „Vertrauen“ vor, das die Waffe unserer Roten Armee der 
realistischen Börse einflößt 



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IV. Der Terrorismus. 

Das Hauptthema des Büchleins von Kautsky bildet der Terro- 
rismus. Die Anschauung, als gehöre der Terrorismus mit zum 
Wesen der Revolution, erklärt Kautsky für einen weitverbreiteten 
Irrtum. Es sei nicht wahr, daß derjenige, der die Revolution wolle, 
sich auch mit dem Terrorismus abfinden müsse. Was ihn, Kautsky, 
an belangt, so sei er .im allgemeinen für die Revolution, aber ent- 
schieden gegen den Terrorismus. Weiter beginnen aber Schwierig- 
keiten. 

„Die Revolution — klagt Kautsky in seinem Buch „Terroris- 
mus und Kommunismus“ — bringt uns den blutigsten Terrorismus, 
der von sozialistischen Regierungen ausgeübt wird. Die Bolsche- 
wiki in Rußland gingen damit voran, sie wurden deswegen von 
allen Sozialisten, die nicht auf dem bolschewistischen Standpunkt 
standen, darunter auch den deutschen Mehrheitssozialisten, aufs 
Schärfste verurteilt. Aber kaum fühlen diese- sich in ihrer Herr- 
schaft bedroht, greifen sie zu denselben Mitteln des gleichen 
Schreckensregiments, das sie eben noch im Osten gebrandmarkt 
haben“. (Seite 91 .) Hieraus scheint es, müßte der Schluß gezogen 
werden, daß der Terrorismus viel tiefer mit dem Wesen der Revo- 
lution verbunden ist, als einige Weise dies annehmen wollen. 
Kautsky aber kommt zu einer direkt entgegengesetzten Schluß- 
folgerung: die gigantische Entwicklung des roten und weißen Ter- 
rorismus in allen letzten Revolutionen, — der russischen, deutschen, 
österreichischen und ungarischen, — zeugen für ihn davon, daß 
diese Revolutionen von ihrem rechten Wege abgewichen seien und 
sich nicht als die Revolutionen erwiesen haben, die den theoretischen 
Traumbildern Kautskys entsprechen. Ohne uns in die Erörterung 
der Frage zu vertiefen, ob der Terrorismus „als solcher“ in der 
Revolution „als solcher“ „begründet“ sei, wollen wir uns bei dem 
Beispiel einiger Revolutionen aufhalten, wie sie an uns in der leben- 
digen menschlichen Geschichte vorübergezogen sind. 

Rufen wir uns zuerst die religiöse Reformation, diese Wasser- 
scheide zwischen der mittelalterlichen und neuen Geschichte ins 
Gedächtnis: je tiefer die Interessen der Volksmassen waren, die sie 




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berührte, desto größer war ihre Wucht, desto heftiger entfaltete 
sich unter dem religiösen Banner der Bürgerkrieg ; desto schonungs- 
loser gestaltete sich auf beiden Seiten der Terror. 

Im XVII. Jahrhundert machte England zwei Revolutionen 
durch : die erste, die große soziale Erschütterungen und Kriege her- 
vorrief, führte unter anderem zur Hinrichtung König Karls I., die 
zweite aber endete glücklich mit der Thronbesteigung einer neuen 
Dynastie. Die englische Bourgeoisie und ihre Historiker schätzen 
diese Revolution ganz verschieden ein : die erste ist für sie der Ex- 
zeß des Pöbels, der „große Aufruhr“; der zweiten haftet die Be- 
nennung der „glorreichen Revolution“ an. Die Ursache eines sol- 
chen Unterschiedes der Wertung hat schon der französische Histo- 
riker Augustin Thierry erklärt: in der ersten Revolution, im großen 
Aufruhr, war das Volk die handelnde Person, in der zweiten, be- 
wahrte es fast „Stillschweigen“. Hieraus folgt, daß es schwer ist, 
unter den Bedingungen der Klassenknechtschaft den unterjochten 
Massen güte Manieren beizubringen. Aus der Fassung gebracht, 
wenden sie den Knüppel, den Stein, das Feuer und den Strick an. 
Die Hofgeschichtsschreiber der Ausbeuter fühlen sich beleidigt. 
Aber als großes Ereignis ist in die Geschichte des neuen (bürger- 
• liehen) England trotzdem nicht die „ruhmvolle“ Revolution, sondern 
der große Aufruhr aufgenommen. 

Nach der Reformation und dem „großen Aufruhr“ bildet das 
größte* Ereignis der neuen Geschichte, das die beiden vorherge- 
gangenen an Bedeutung weit übertrifft, die Große Französische 
Revolution des XVIII. Jahrhunderts, die ihre beiden Vorgängerin- 
nen an Bedeutung weit übertrifft. Dieser klassischen Revolution 
entspricht ein klassischer Terrorismus. Kautsky ist bereit, den 
Jakobinern den Terror zu verzeihen, da er annimmt, daß sie durch 
andere Maßnahmen die Republik nicht retten konnten. Doch mit 
dieser nachträglichen Rechtfertigung ist niemandem geholfen. Die 
Kautsky vom Ende des XVIII. Jahrhunderts (die Führer der fran- 
zösischen Girondisten), sahen in den Jakobinern eine Höllenbrut. 
Der Feder eines der spießbürgerlichen französischen Historiker 
entstammt folgender, in seiner Brutalität genügend lehrreiche Ver- ■ 
gleich zwischen den Jakobinern und den Girondisten: „Die einen 
wie die anderen wollten die Republik“ . . . Aber „die Girondisten 
wollten eine freie, gesetzmäßige, gnädige Republik. Die Montag- 
nards wünschten (!) eine despotische und schreckliche Republik. 
Die einen wie die anderen verfochten die Oberherrschaft des Volkes; 
unter Volk aber verstanden die Girondisten alle; für die Montag- 
nards . . . war das Volk nur die werktätige Klasse ; "darum mußte, 
nach der Meinung der Montagnards nur diesen Leuten die Herr- 
schaft gehören.“ Der Gegensatz zwischen den großmütigen Rittern 
der Konstituante und den blutgierigen Trägern der revolutionären 



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— 36 — 

Diktatur ist hier mit genügender Vollständigkeit angedeutet, nur in 
den politischen Kunstausdrücken der Epoche. 

Die eiserne Diktatur der Jakobiner war durch die ungeheuer 
schwere Lage des revolutionären Frankreich hervorgerufen. Dar- 
über erzählt ein bürgerlicher Historiker folgendes: „Die ausländi- 
schen Truppen hatten das französische Territorium von vier Seiten 
betreten: von Norden — die Engländer und Oesterreicher, im El- 
saß — die Preußen, in der Dauphine bis Lyon — die Piemontesen, 
in Roussillon — die Spanier. Und das zu einer Zeit, wo der Bür- 
gerkrieg von vier verschiedenen Punkten wütete : in der Normandie, 
in der Vendee, in Lyon und Toulon“. Hierzu müssen noch die 
inneren Feinde hinzugefügt werden, die zahlreichen heimlichen An- 
hänger der alten Ordnung, die bereit waren, dem Feinde mit allen 
Mitteln zu helfen. 

Die Strenge der proletarischen Diktatur in Rußland — sagen 
wir es gleich hier — war durch nicht weniger schwierige Verhält- 
nisse bedingt. Eine ununterbrochene Front im Norden wie im 
Süden, im Westen wie im Osten. Außer den russischen weißgar- 
distischen Armeen Koltschaks, Denikins usw., kämpften gegen Sow- 
jetrußland gleichzeitig oder nacheinander: die Deutschen und 

Oesterreicher, die Tschechoslowakei Serben, Pol&i, Ukrainer, 
Rumänen, Franzosen, Engländer, Amerikaner, Japaner, Finnen, 
Esthen, Litauer ... Im Lande, das von der Blockade gewürgt wird 
und vor Hunger erstickt, finden ununterbrochene Verschwörungen, 
Aufstände, terroristische Akte, Zerstörungen von Vorratslagem, 
Wegen und Brücken statt. 

„Die Regierung, die den Kampf mit den unzähligen äußeren 
und inneren Feinden aufgenommen hatte, besaß weder Geld noch 
genug Truppen, besaß nichts als grenzenlose Energie, die heiße 
Unterstützung seitens der revolutionären Elemente des Landes und 
die ungeheure Kühnheit, alle Maßnahmen zur Rettung der Heimat 
zu treffen, wie willkürlich, ungesetzlich und streng diese auch 
waren“. Mit diesen Worten hat einst Plechanow die Regierung . . . 
der Jakobiner charakterisiert (Der Sozialdemokrat. Drei- 
monatliche literarisch-politische Revue.. Februar, I. Buch. London 
1890. Artikel „Das Jahrhundert der großen Revo- 
I u t i o n“, S. 6—7). 

Wenden wir uns der Revolution zu, die sich in der zweiten 
Hälfte des XIX. Jahrhunderts im Lande der „Demokratie“, in den 
Vereinigten Staaten Nordamerikas abspielte. Es handelte sich durch- 
aus nicht um die Aufhebung des Privateigentums überhaupt, son- 
dern nur um die Abschaffung des Eigen tums an den Schwarzen; 
dessenungeachtet waren die Institutionen der Demokratie durchaus 
unfähig, den Konflikt auf friedliche Weise beizulegen. Die bei der 



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Präsidentenwahl von 1860 geschlagenen südlichen Staaten beschlos- 
sen, um jeden Preis den Einfluß zurückzuerobern, über den sie bis 
dahin im Interesse der Sklaverei verfügt hatten und betraten den 
Weg des Aufruhrs der Sklavenbesitzer, indem sie, wie es sich ge- 
hört, tönende Phrasen über Freiheit und Unabhängigkeit im Munde 
führten. Hieraus entsprangen unausbleiblich alle weiteren Folgen 
des Bürgerkrieges. Sdion zu Beginn des Kampfes hatten die Mili- 
tärmächte in Baltimore einige Bürger, Anhänger der Sklavenbesitzer 
des Südens, ungeachtet des „habeas corpus“ in das Fort Mac Henry 
eingesperrt. Die Frage der Gesetzlichkeit oder Ungesetzlichkeit 
derartiger Handlungen wurde zum Gegenstand eines heißen Streites 
zwischen den sogenannten „höheren Autoritäten“. Der Oberste 
Richter Tenney entschied, daß der Präsident weder das Recht habe, 
die Wirkung des „habeas corpus“ aufzunehmen, noch die militä- 
rischen Behörden dazu zu bevollmächtigen. „Das ist aller Wahr- 
scheinlichkeit nach die richtige konstitutionelle Entscheidung dieser 
Frage“, sagt einer der ersten Historiker des amerikanischen Krieges. 
„Die Sachlage war aber bis zu einem solchen Grade kritisch und die 
Notwendigkeit, gegen die Bevölkerung von Baltimore entschiedene 
Maßnahmen zu ergreifen, bis zu einem solchen Grade zwingend, 
daß nicht nur die Regierung, sondern auch das Volk der Vereinig- 
ten Staaten die meist energischen Maßnahmen unterstützten“ („Ge- 
schichte des Amerikanischen Krieges“ von Fletcher, Oberst der 
schottländischen Gardeschützen. 1867. S. 95). 

Einige Gegenstände, deren der aufrührerische Süden bedurfte, 
wurden ihm von nördlichen Kaufleuten heimlich zugestellt. Natür- 
lich blieb den Nordländern nichts anderes übrig, als ihre Zuflucht 
zu Repressalien zu nehmen. Am 6. August 1861 bestätigte der 
Präsident den Beschluß des Kongresses „über die Konfiskation des 
zu Insuitekdonszwecken benutzten Eigentums“. Das Volk, in der 
Person der meist demokratischen Schichten, war für äußerste Maß- 
nahmen; die republikanische Partei hatte im Norden das entschie- 
dene Uebergewicht, und Leute, die des Sezessionismus, d. h. der 
Unterstützung der abtrünnigen südlichen Staaten verdächtig waren, 
wurden Gewättaten ausgesetzt. In einigen nördlichen Städten und 
sogar in den durch ihre Ordnung berühmten Staaten Neu-Englands 
drang das Volk nicht selten in die Geschäftsstellen der Zeitschriften 
ein, die die aufrührerischen Sklavenbesitzer unterstützten, und zer- 
trümmerte die Druckerpressen. Es kam vor, daß reaktionäre Her- 
ausgeber mit Teer beschmiert, mit Federn geschmückt durch die 
Straßen geführt und darauf gezwungen wurden, dem Bunde den Eid 
der Treue zu leisten. Eine solche mit Teer beschmierte Persönlich- 
keit eines Plantagenbesitzers sah einem „Selbstzweck“ wenig ähn- 
lich, so daß der kategorische Imperativ Kants im Bürgerkrieg der 
Staaten große Einbuße erlitt. Das ist aber nicht alles. „Die Regie- 



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Li 


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rung ihrerseits“, erzählt uns der Historiker, „ergriff allerhand Straf- 
maßregeln gegen die Verleger, die mit ihrer Meinung nicht einver- 
standen waren und in kurzer Zeit befand sich die bis dahin freie 
amerikanische Fresse in einer Lage, die kaum besser war 
als die der autokratischen europäischen Staa- 
ten“. Das gleiche Schicksal ereilte auch die Redefreiheit. „Auf 
diese Weise“, fährt Oberst Fletcher fort, „entsagte das amerika- 
nische Volk in dieser Zeit dem größten Teil seiner Freiheit. Man 
muß bemerken — fügt er belehrend hinzu, — daß die Mehrheit 
desVolkesbiszueinemsolchenOradevomKriege 
i n A n s p r u c h g e n o m m e n , bis zu einem solchen 
GradevonderBereitschaftzurErreichungihres 
Ziels jede Art von Opfer zu bringen, durchdrun- 
gen war, daß es nicht nur den Verlust der Frei- 
heit nicht beklagte, sondern ihnfast nicht be- 
merkte“ Geschichte des Amerikanischen Krieges. S. 162 — 164). 

Ungleich schonungsloser behandelten die blutgierigen Sklaven- 
besitzer des Südens ihr zügelloses Gesinde. „Ueberall, wo sich 
eine Mehrheit für die Anhänger der Sklaverei bildete“, erzählt der 
* Graf von Paris, „verhielt sich die öffentliche Meinung der Minder- 
heit gegenüber despotisch. Alle, die die Nationalfahne beklagten ... 
wurden gezwungen, zu schweigen. Bald genügte aber auch dieses 
nicht; wie bei jeder Revolution wurden die Gleichgültigen ge- 
zwungen, ihrer Sympathie für die neue Ordnung Ausdruck zu ver- 
leihen . . . Diejenigen, die darauf nicht eingingen, wurden dem Haß 
und den Gewalttätigkeiten der Volksmenge zum Opfer gebracht . . . 
In jedem Zentrum der entstehenden Zivilisation (Südweststaaten) 
bildeten sich Komitees der Wachsamkeit aus allen denen, die sich 
durch Leidenschaft im Wahlkampf auszeichneten . . . Die Schenke 
war der gewöhnliche Ort ihrer Sitzungen, und lärmende Orgien 
mischten sich mit der verächtlichen Parodie auf die souveränen 
Formen der Justiz. Eine Anzahl toller Leute, die rings um das 
Schreibpult saß, auf das sich Gin und Whisky ergossen, richtete ihre 
anwesenden und abwesenden Mitbürger. Der Angeklagte sah 
schon, ehe er gefragt wurde, wie der verhängnisvolle Strick vor- 
bereitet wurde. Wer nicht ins Gericht kam, erfuhr sein Urteil durch 
die Kugel des in der Waldschonung versteckten Henkers“ . . . Die- 
ses Bild erinnert sehr an die Szenen, die sich tagaus, tagein im Lager 
von Denikin, Koltschak, Judenitsch und anderer Helden der anglo- 
französischen und amerikanischen „Demokratie“ abspielen. 

» Wie es mit dem Terrorismus in Bezug auf die Pariser Kom- 
mune von 1871 bestellt war, werden wir weiter unten sehen. Auf 
♦ jeden Fall sind die Versuche Kautskys, uns die Kommune entgegen- 
zustellen in ihrer Wurzel hinfällig und bringen den Verfasser nur 
zu Redewendungen niedrigster Probe. 

s' 



1 I CLU/Z J 


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Das Institut der Geiseln muß augenscheinlich als in dem Terro- 
rismus des Bügerkrieges „begründet“ betrachtet werden. Kautsky 
ist gegen den Terrorismus und gegen das Institut der Geiseln, aber 
für die Pariser Kommune. (NB. die Kommune hat vor fünfzig 
Jahren gelebt.) Die Kommune indessen hat Geiseln genommen. 
Es entsteht eine Verlegenheit. Wozu aber existiert die Kunst der 
Exegetik? 

Das Dekret der Kommune über die Geiseln und über deren 
Erschießung als Antwort auf die Grausamkeiten der Versailler 
war, der scharfsinnigen Deutung Kautskys zufolge, „aus dem Be- 
streben, Menschenleben zu erhalten und nicht sie zu zerstören“, 
entstanden. Eine vortreffliche Entdeckung! Sie muß nur erweitert 
werden. Man kann und muß erklären, daß wir im Bürgerkrieg 
die Weißgardisten vernichten, damit sie nicht die Arbeiter ver- 
nichten. Folglich besteht unsere Aufgabe ‘ nicht in der Vernich- 
tung, sondern in der Erhaltung von Menschenleben. Da aber um 
die Erhaltung der Menschenleben mit der Waffe in der Hand ge- 
kämpft werden muß, so führt das zur Vernichtung von Menschen- 
leben — ein Rätsel, dessen dialektisches Geheimnis schon der alte 
Hegel erklärt hat, um nicht noch ältere Weise anzuführen. 

Die Kommune konnte nur durch grausamen Kampf mit den 
Versailler sich halten und erstarken. Die Versailler hatten eine 
bedeutende Anzahl von Agenten in Paris. Im Kampf mit den Ban- * 
den von Thiers konnte die Komune nicht anders als die Versailler 
an der Front und im Hinterland vernichten. Wäre ihre Herrschaft 
über die Grenzen von Paris hinausgegangen,, so hätte sie in der 
Provinz — im Prozeß des Bürgerkrieges mit der Armee der Natio- 
nalversammlung — noch mehr geschworene Feinde unter der fried- 
lichen Bevölkerung gefunden. Da sie mit den Royalisten kämpfte, 
konnte die Kommune den Agenten der Royalisten im Hinterland 
nicht Freiheit gewähren. 

Kautsky begreift ungeachtet aller gegenwärtigen Weltereignisse 
, nicht, was der Krieg im allgemeinen und was der Bürgerkrieg im 
besonderen bedeutet. Er versteht nicht, daß jeder oder fast jeder 
Anhänger von Thiers in Paris nicht einfach ein ideeller „Gegner“ 
der Kommunards war, sondern ein Agent und Spion von Thiers, 
ein grausamer Feind, bereit, aus dem Hinterhalt zu überfallen. Ein 
Feind muß unschädlich gemacht werden, während des Krieges aber 
, heißt das vernichten. 

Die Aufgabe der Revolution wie des Krieges besteht darin, 
den Willen des Feindes zu brechen und ihn zur Kapitulation und 
zur Annahme der Bedingungen des Sieges zu zwingen. Der Wille 
ist natürlich eine Tatsache der geistigen Welt, aber im Gegensatz 
zur Versammlung, zum öffentlichen Disput oder Kongreß verfolgt 





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— 40 — 

die Revolution ihr Ziel durch Anwendung von materiellen Mitteln 
— wenn auch in geringerem Maße als der Krieg. 

Die Bourgeoisie selbst hat die Macht durch Aufstände erobert 
und durch - den Bürgerkrieg gefestigt. In der Friedenszeit erhält 
sie die Macht durch ein kompliziertes System von Repressivmaß- 
regeln aufrecht. Solange die auf den tiefsten Antagonismen be- 
ruhende Klasseneinteilung der Gesellschaft besteht, bleiben die Re- 
pressalien das notwendige Mittel zur Unterwerfung des Willens der 
gegnerischen Seite. 

Sogar wenn die Diktatur in dem einen oder anderen Lande im 
äußeren Rahmen der Demokratie entstanden wäre, so wäre dadurch 
der Bürgerkrieg durchaus nicht beseitigt. Die Frage, wer im Lande 
zu herrschen hat, d. h. ob die Bourgeoisie leben oder untergehen 
soll, wird von beiden Seiten nicht durch Hinweise auf die Ver- 
fasst* ngsparagraphen, sondern durch Anwendung von allen Arten 
von Gewalt entschieden werden. Wieviel Kautsky auch die Nahrung 
der Affenmenschen (siehe S. 85 und folg, seines Buches) und andere 
nahe und entfernte Umstände zur Bestimmung der Ursachen der 
menschlichen Grausamkeit untersucht, er* wird in der Geschichte 
keine anderen Mittel finden, um den Klassenwillen des Feindes zu 
brechen, als die zweckmäßige und energische Anwendung von 
Gewalt. 

Die Stufe der Erbitterung des Kampfes hängt von einer Reihe 
innerer und internationaler Umstände ab. Je erbitterter und ge- 
fährlicher der Widerstand des niedergeworfenen Klassenfeindes ist, 
desto unvermeidlicher verdichtet sich das System der Repressalien 
zu einem System des Terrors. 

Hier aber nimmt Kautsky unerwartet eine neue Stellung im 
Kampf gegen den Sowjetterrorismus ein : er wehrt ganz einfach die 
Hinweise auf die Grausamkeit des gegenrevolutionären Widerstan- 
des der russischen Bourgeoisie ab. „Von solcher Rohheit — sagt 
er — ließ sich weder im November 1917 in Petersburg und Moskau 
und noch weniger jüngst in Budapest etwas merken“. (S. 102.) 
Bei einer solchen glücldichen Fragestellung erweist sich der revo- 
lutionäre Terrorismus einfach als Produkt der Blutgier der Bolsche- 
wiki, die gleichzeitig den Traditionen des graßfressenden Anthro- 
popithecus und den moralischen Lehren . der Kautskyaner aus- 
weichen. 

Die anfängliche Eroberung der Macht durch die Sowjets An- 
fang November 1917 vollzog sich an und für sich mit geringen 
Opfern. Die russische Bourgeoisie fühlte sich so sehr von den 
Volksmassen isoliert, so sehr innerlich kraftlos, durch den Gang und 
den Ausgang des Krieges so kompromittiert, durch das Regime 
Kerenski so demoralisiert, daß sie fast keinen Widerstand wagte. 
In Petersburg wurde die Regierung Kerenski fast ohne Kampf ge- 




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— 41 — 

stürzt. In Moskau zog sich der Widerstand hauptsächlich infolge 
der Unentschlossenheit unserer eigenen Handlungen hin. In den 
meisten Provinzstädten übernahmen die Sowjets die Macht infolge 
eines Telegramms aus Petersburg oder Moskau. Wenn sich die 
Sache darauf beschränkt hätte, so hätte von einem roten Terror 
nicht die Rede sein können. Aber der November 1917 ist Zeuge 
schon des beginnenden Widerstandes der Besitzenden. Freilich 
war die Einmischung der imperialistischen Regierungen des Wes- 
tens nötig, um der russischen Gegenrevolution den Glauben an 
• sich und ihrem Widerstande wachsende Kraft zu verleihen. Das 
kann man an großen und kleinen Tatsachen, tagaus, tagein, während 
der ganzen Epoche der Sowjetrevolution sehen. 

Der „Stab“ Kerenskis fühlte keine Stütze unter den Soldaten 
und war geneigt, die Sowjetmacht widerstandslos anzuerkennen, 
die mit den Deutschen in Verhandlungen über den Waffenstill- 
stand eintrat. Es erfolgte aber ein von offenen Drohungen beglei- 
teter Protest der Militärmission der Entente. Der Stab erschrak; 
von den „verbündeten“ Offizieren aufgestachelt, schlug er den Weg 
des Widerstands ein. Das führte zum bewaffneten Konflikt und 
zur Ermordung des Feldstabchefs, General Duchonin, durch eine 
Gruppe revolutionärer Matrosen. 

In Petersburg organisierten die offiziellen Agenten der Entente, 
besonders die französische Militärmission, Hand in Hand mit den 
Sozialrevolutionären und den Menschewiki offenen Widerstand, in- 
dem sie vom Tage nach dem Sowjetumsturz an die Junker und 
überhaupt die bürgerliche Jugend mobilisierten, bewaffneten und 
auf uns hetzten. Der Aufstand der Junker am 10. November 
forderte hundertmal mehr Opfer als der Umsturz vom 7. Novem- 
ber. Der damals von der Entente angestiftete abenteuerliche Vor- 
marsch Kerenskis und Kraßnows gegen Petersburg brachte in den 
Kampf die ersten Elemente der Erbitterung hinein. Dessenunge- 
achtet wurde General Kraßnow auf Ehrenwort in Freiheit gesetzt. 
Der Aufstand in Jaroslaw (im Sommer 1918), der so viel Opfer 
kostete, wurde von Sawinkow auf Bestellung der französischen 
Botschaft und mit ihren Mitteln organisiert. Archangelsk wurde 
nach dem Plan der englischen Marineagenten mit Hilfe der eng- 
lischen Kriegsschiffe und Flieger besetzt. Der Grund zur Herr- 
schaft Koltschaks, des Schützlings der amerikanischen Börse, wurde 
durch das fremdländische tschechoslowakische Korps gelegt, das 
' von der französichen Regierung unterhalten wurde. Kaledin und 
der von uns in Freiheit gesetzte Kraßnow, die ersten Führer der 
Gegenrevolution am Don, konnten nur dank der offenen militä- 
rischen und finanziellen Unterstützung von seiten Deutschlands 
teilweise Erfolge erzielen. In der Ukraine wurde die Sowjetmacht 
zu Beginn des Jahres 1918 durch den deutschen Militarismus ge- 


4 



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— 42 — 

stürzt. Die freiwillige Armee Denekins wurde mit Hilfe der finan- 
ziellen und technischen Mittel Großbritanniens und Frankreichs 
geschaffen. Nur in der Hoffnung auf die Einmischung Englands 
und mit seiner materiellen Unterstützung wurde die Armee von 
Judenitsch geschaffen. Die Politiker, Diplomaten und Journalisten 
der Ententestaaten erörterten mit voller Aufrichtigkeit zwei Jahre 
nacheinander die Frage, ob die Finanzierung des Bürgerkrieges in 
Rußland ein genügend vorteilhaftes Unternehmen sei. Unter diesen 
Bedingungen muß man wahrlich eine eherne Stirn haben, um die 
Ursachen des blutigen Charakters des Bürgerkrieges in Rußland- 
im bösen Willen der Bolschewiki und nicht in den internationalen 
Verhältnissen zu suchen. ' 

Das russische Proletariat hatte als erstes den Weg der sozialen 
Revolution betreten, und die russische Bourgeoisie, die politisch 
kraftlos war, wagte nur deshalb sich nicht mit ihrer politischen 
und ökonomischen Enteignung zufriedenzugeben, weil sie in allen 
Ländern ihre ältere Schwester, die noch über ökonomische, poli- 
tische, zum Teil auch über die militärische Gewalt verfügte, an der 
Macht sah. x 

Hätte sich unser Novemberumsturz einige Monate oder auch 
nur einige Wochen nach der Errichtung der Herrschaft des Prole- 
tariats in Deutschland, Frankreich und England ereignet, so wäre 
— darüber besteht kein Zweifel, — unsere Revolution die „fried- 
lichste“, die „unblutigste“ aller auf der sündhaften Erde überhaupt 
möglichen Revolutionen gewesen. Diese historische Reihenfolge 
aber, die auf den ersten Blick die „natürlichste“ und auf jeden Fall 
die vorteilhafteste für die russische Arbeiterklasse ist, wurde — 
nicht durch unsere Schuld sondern durch den Willen der Ereig- 
nisse — gestört: anstatt das letzte zu sein, war das russische Pro- 
letariat das erste. Gerade dieser Umstand verlieh dem Widerstand 
der Klassen, die vorher in Rußland geherrscht hatten, — nach 
der ersten Periode der Verwirrung — einen verzweifelten Charak- 
ter und zwang das russische Proletariat in Augenblicken der größ- 
ten Gefahr, der äußeren Angriffe, der inneren Verschwörungen und 
Aufstände zu den harten Maßnahmen des staatlichen Terrors zu 
greifen. Daß diese Maßnahmen nicht wirksam waren, das wird 
jetzt niemand sagen. Vielleicht aber muß man sie für . . . „unzu- 
lässig“ halten? ... 

Die Arbeiterklasse, die die Macht durch Kampf errungen hat, 
hatte die Aufgabe, die Pflicht, diese Macht unerschütterlich zu be- 
festigen, ihre Herrschaft unbestreitbar sicherzustellen, ihren Feinden 
die Lust zu Staatsumwälzungen zu nehmen und sich dadurch die 
Möglichkeit sozialistischer Reformen zu sichern. Sonst hätte sie die 
Macht nicht zu erobern brauchen. 

Die Revolution erfordert „logisch“ den Terrorismus nicht, wie 



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* 


— 43 — 

sie „logisch“ auch nicht den bewaffneten Aufstand erfordert. Was 
für eine vielversprechende Banalität! Dafür verlangt aber die Re- 
volution von der revolutionären Klasse, daß sie ihr Ziel mit allen 
Mitteln erreiche, die ihr zur Verfügung stehen : wenn nötig — durch 
bewaffneten Aufstand, wenn nötig — durch Terrorismus. Die 
revolutionäre Klasse, die mit der Waffe in der Hand die Macht er- 
obert hat, ist verpflichtet, alle Versuche, ihr die Macht zu entreißen, 
ebenfalls mit der Waffe in der Hand zu unterdrücken. Dort, wo 
sie die feindliche Armee gegen sich haben wird, wird sie ihr die 
eigene Armee entgegenstellen. Dort, wo sie es mit einem bewaff- 
neten Aufstand, einem Attentat, einem Aufruhr zu tun haben wird, 
wird strenge Justiz die Häupter der Feinde treffen. Vielleicht hat 
Kautsky andere Mittel erfunden? Vielleicht kommt bei ihm alles 
auf die Abstufung der Repressalien an und er schlägt vor, in 
allen Fällen die Gefängnisstrafe an Stelle des Todes durch Erschie- 
ßen anzuwenden? 

Die Frage der Form oder Abstufung der Repressalien ist na- 
türlich keine „prinzipielle“ Frage. Das ist eine Frage der Zweck- 
mäßigkeit. In der Epoche der Revolution kann die der Macht be- 
raubte Partei, die sich mit der Stabilität der herrschenden Partei 
nicht aussöhnt und dies durch rasenden Kampf gegen sie beweist, 
nicht durch die Drohung mit Gefängnisstrafen abgeschreckt werden, 
da sie nicht an deren Dauerhaftigkeit glaubt. Durch diese ein- 
fache, aber entscheidende Tatsache ist die breite Anwendung des 
Erschießens während des Bürgerkrieges zu erklären. 

Oder will Kautsky sagen, daß das Erschießen überhaupt nicht 
zweckentsprechend sei, daß man „Klassen nicht abschrecken 
könne?“ Das ist unrichtig. Der Terror ist machtlos — und auch 
nur „im Endresultat“, — wenn er von der Reaktion gegen eine 
historisch aufsteigende Klasse angewandt wird. Aber gegen eine 
reaktionäre Klasse in Anwendung gebracht, die nicht den Schau- 
platz verlassen will, kann der Terror sehr wirksam sein. Die A b - 
schreckung ist ein machtvolles Mittel der Politik, der inter- 
nationalen wie der inneren. Der Krieg ist ebenso wie auch die 
Revolution auf Abschreckung begründet. Der allgemeinen Regel 
nach vernichtet der siegreiche Krieg nur einen unbedeutenden Teil 
der besiegten Armee, die Uebrigen schreckt er ab und bricht so 
ihren Willen. Ebenso wirkt die Revolution: sie tötet Einzelne und 
schreckt Tausende ab. In diesem Sinne unterscheidet sich der rote 
Terror prinzipiell nicht vom bewaffneten Aufstand, dessen direkte 
Fortsetzung er ist. Den staatlichen Terror der revolutionären 
Klasse kann nur der „moralisch“ verurteilen, der überhaupt jede 
Gewalttätigkeit — folglich auch jeden Krieg und jeden Aufstand — 
prinzipiell (in Worten!) ablehnt. Dazu muß man einfach ein heuch- 
lerischer Quäker sein. 

4 * 

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— 44 — 

„Aber wodurch entscheidet sich in diesem Falle eure Taktik 
von der Taktik des Zarismus ?“ fragen uns die Pfaffen des Libe- 
ralismus und des Kautskyanertums. 

Den versteht ihr nicht, Frömmler? Wir wollen euch das er- 
klären. Der Terror des Zarismus war gegen das Proletariat ge- 
richtet. Die zaristische Gendarmerie würgte die Arbeiter, die für 
die sozialistische Ordnung kämpften. Unsere Außerordentlichen 
Kommissionen erschießen die Gutsherren, Kapitalisten, Generäle, 
die die kapitalistische Ordnung wiederherzustellen bestrebt sind. 
Erfaßt ihr diese . . . Nuance? Ja? Füj uns Kommunisten genügt 
sie vollkommen ! * 

Die Preßfreiheit . 

Ein Punkt beunruhigt Kautsky, den Verfasser einer übergroßen 
Anzahl von Büchern und Artikeln: das ist die Preßfreiheit. Ist es 
zulässig, Zeitungen zu verbieten? 

Während des Krieges werden alle Institutionen und Organe 
der Staatsgewalt zu Organen der Kriegführung. In erster Linie 
bezieht sich das auf die Presse. Keine Regierung, die einen ernsten 
Krieg führt, kann erlauben, daß auf ihrem Territorium Schriften , 
herausgegeben werden, die offen oder verhüllt den Feind unter- 
stützen. Desto mehr während des Bürgerkrieges. Es liegt in der 
Natur des Letzteren, daß jedes der kämpfenden Lager im Rücken 
der Armeen bedeutende Bevölkerungskreise hat, die auf Seiten 
des Feindes stehen. Im Kriege, wo der Erfolg und Mißerfolg mit 
dem Tode bezahlt werden, werden die in den Rücken der Armee 
eingedrungenen feindlichen Agenten erschossen. Das ist nicht 
human, niemand aber hat bis jetzt den Krieg als eine Schule der 
Humanität angesehen, — desto weniger den Bürgerkrieg. Kann 
man ernsthaft verlangen, daß, während des Krieges mit den weiß- 
gardistischen »Banden Denikins, in Moskau oder Petersburg .unge- 
hindert Schriften der Parteien herausgegeben werden, die Denikin 
unterstützen? Dies im Namen der „Preßfreiheit“ vorschlagen ist 
dasselbe, wie im Namen der Oeffentlichkeit die Veröffentlichung 
von militärischen Geheimnissen zu verlangen. „Eine belagerte 
Stadt“, schreibt der Kommunard Arthur Arnould, „kann nicht zu- 
lassen, daß in ihrer Mitte offen ihr Fall gewünscht werde, daß die 
Kämpfer, die sie verteidigen, zum Verrat aufgerufen werden, daß 
dem Feinde die Bewegung ihrer Truppen mitgeteilt werde. Dies 
war die Lage von Paris unter der Kommune“. Dies ist die Lage 
der Sowjetrepublik im Laufe der beiden Jahre ihrer Existenz. Hören 
wir jedoch, was Kautsky darüber sagt: 

„Die Rechtfertigung dieses Systems (d. h. der Repressalien 
in Bezug auf Presse) läuft einfach auf die naive Auffassung hinaus. 



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— 45 — . 

es gäbe eine absolute Wahrheit ( !) und nur die Kommunisten seien 
in deren Besitz ( !). Nicht minder — fährt Kautsky fort — läuft sie 
auf die andere Auffassung hinaus, alle Schriftsteller seien von Haus 
aus Lügner (!), nur die Kommunisten Fanatiker der Wahrheit (!). 
In Wahrheit sind natürlich Lügner und Fanatiker dessen, was sie 
als wahr ansehen, in allen Lagern zu finden“, u. s. w. u. s. w. 
(S. 119.) 

Auf diese Weise bleibt für Kautsky die Revolution in ihrer 
erbittertsten Phase, wo es sich für die Klassen um Tod und Leben 
handelt, nach wie vor eine literarische Diskussion zwecks Fest- 
stellung . . . der Wahrheit. Welche Tiefe! . . . Unsere „Wahrheit“ 
ist natürlich nicht absolut. Da wir aber gegenwärtig in ihrem 
Namen Blut vergießen, so haben wir weder Veranlassung noch die 
Möglichkeit, mit denen, die uns mit Hilfe von K affen jeder Art „kri- 
tisieren“, eine literarische Diskussion über die Relativität der Wahr- 
heit zu führen. Desgleichen besteht unsere Aufgabe nicht darin, 
die Lügner zu bestrafen und die Gerechten der Presse aller Rich- 
tungen anzuspomen, sondern darin, die Klassenlüge der Bourgeoisie 
zu ersticken und den Triumph der Klassenwahrheit des Proletariats 
sicherzustellen — unabhängig davon, daß es in beiden Lagern Fana- 
tiker und Lügner gibt. 

„Die Sowjetmacht — klagt Kautsky weiter — hat das einzige 
Mittel zerstört, das gegen die Korruption helfen könnte: die Preß- 
freiheit allein vermag jene Abenteurer und Banditen im Zaume zu 
halten, die sich unvermeidlich an jede imbeschränkte, unkontrollierte 
Regierungsmacht herandrängen . . .“ (S. 140.) Und so geht es in 
demselben Tone weiter. 

Die Presse als sicheres Kampfmittel gegen die Korruption 1 
Dieses liberale Rezept klingt besonders kläglich bei dem Gedanken 
an die beiden Länder mit der größten Press-„Freiheit“, Nordamerika 
und Frankreich, die zugleich die Länder der höchsten Entfaltung 
der kapitalistischen Korruption sind. 

Da er sich von dem veralteten Klatsch der politischen Hinter- 
höfe der russischen Revolution nährt, nimmt Kautsky an, daß der 
Sowjetapparat ohne die kadettisch menschewistische Oeffentlich- 
keit von „Banditen und Abenteurern“ zerfressen werde. Dies war 
die Stimme der Menschewiki vor einem bis anderthalb Jahren. Jetzt 
wagen auch sie nicht, dies zu wiederholen. Mit Hilfe der Sowjet- 
kontrolle und der Parteiwahl ist die Sowjetmacht in der Atmosphäre 
des angestrengten Kampfes mit den Banditen und Abenteurern, die 
im Augenblick der Umwälzung an die Oberfläche kamen, ungleich 
besser fertig geworden, als mit ihnen jemals irgend eine Macht fertig 
geworden ist. 

Wir kämpfen. Wir ringen auf Tod und Leben. Die Presse 
ist nicht das Werkzeug einer abstrakten Gesellschaft sondern zweier 



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— 46 — 

unversöhnlicher, bewaffneter und kämpfender Lager. Wir zerstören 
die Presse der Gegenrevolution ebenso, wie wir ihre befestigten 
Positionen, ihre Depots, ihre Verbindungen, ihre Rekognoszierung 
zerstören. Wir berauben uns der kadettisch-menschewistischen Ent- 
hüllungen der Korruption der Arbeiterklasse? Dafür zerstören wir 
siegreich die Grundlagen der kapitalistischen Korruption. 

Aber Kautsky geht in der Entwicklung seines Themas weiter: 
er beklagt sich darüber, daß wir die Zeitungen der Sozialrevolutio- 
näre und der Menschewisten verbieten und sogar — auch das 
kommt vor — ihre Führer verhaften. Handelt es sich hier etwa 
nicht um die „Schattierungen“ im Proletariat oder in der sozialis- 
tischen Bewegung? Der Schulpedant sieht hinter den gewohn- 
ten Worten die Tatsachen nicht. Die Menschewisten und Sozial- 
revolutionäre sind für ihn einfach Strömungen im Sozialismus, 
während sie sich im Laufe der Revolution in eine Organisation ver- 
wandelt haben, die sich in wirksamem Bunde mit der Gegenrevo- 
lution befindet, offen Krieg führt. Die Armee Koltschaks ist von den 
Sozialrevolutionären (wieviel Scharlatanerie klingt jetzt aus diesem 
Namen !) geschaffen undvon den Menschewisten unterstützt worden. 
Diese wie jene haben im Laufe von anderthalb Jahren an der Nord- 
front Krieg gegen uns geführt und führen ihn noch. Die in Kau- 
kasien regierenden Menschewisten, früher die Verbündeten der 
Hohenzollem, jetzt die Verbündeten Lloyd Georges, haben im 
Bunde mit den deutschen und englischen Offizieren die Bolschewiki 
verhaftet und erschossen. Die Menschewisten und Sozialrevolutio- 
näre der Kubanischen Rada haben die Armee Denikins geschaffen. 
Die zum Bestände der Regierung gehörenden esthischen Mensche- 
wiki waren am letzten Vormarsch Judenitschs auf Petersburg direkt 
beteiligt. So sehen diese „Strömungen“ im Sozialismus aus. 
Kautsky ist der Meinung, daß man sich im Zustande eines offenen 
Bürgerkrieges mit den Menschewisten und Sozialrevolutionären be- 
finden könne, die mit Hilfe der dank ihnen geschaffenen Heere Jude- 
nitschs, Koltschaks und Denikins um ihre „Schattierung“ des Sozia- 
lismus kämpfen, und gleichzeitig diesen unschuldigen „Schattierun- 
gen“ im Rücken der Armee Preßfreiheit gewähren könne. Könnte 
der Streit mit den Sozialrevolutionären und Menschewiki durch 
Ueberredung und Abstimmung beigelegt werden, — d. h. stän- 
den hinter ihrem Rücken nicht die russischen 
undaus ländischenlmperialisten — so gäbe es keinen 
Bürgerkrieg. . 

Kautsky ist natürlich bereit, wie die Blockade, so auch die 
Unterstützung Denikins durch die Entente und den weißen Terror 
zu verurteilen (ein überflüssiger Tropfen Tinte!). Aber in seiner 
erhabenen Unparteilichkeit kann er letzterem mildernde Umstände 
nicht verweigern. Der weiße Terror nämlich verletzt seine Grund- 



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- 47 - 

Sätze nicht, während die Bolschewiki durch Anwendung des roten 
Terrors „den Grundsätzen von der Heiligkeit des Menschenlebens 
untreu werden, die sie selbst verkündigt haben.“ (S. 139.) 

Was das Prinzip der Heiligkeit des Menschenlebens in der 
Praxis bedeutet und wodurch es sich von dem Gebot „Du sollst 
nicht töten“ unterscheidet, erklärt Kautsky nicht. Wenn der Räuber 
das Messer auf ein Kind zückt, darf man den Räuber töten, um 
das Kind zu retten? Wird dadurch nicht das Prinzip der „Heilig- 
keit des Menschenlebens“ verletzt? Darf man den Räuber töten, 
um sich selbst zu retten ? Ist ein Aufstand der unterjochten Skla- 
ven gegen ihre Herren zulässig ? Ist es zulässig, seine Freiheit durch 
den Tod der Kerkermeister zu erkaufen? Wenn das Menschen- 
leben überhaupt heilig und unantastbar ist, so muß man nicht nur 
die Anwendung des Terrors, nicht nur den Krieg, sondern auch die 
Revolution ablehnen. Kautsky legt sich einfach keine Rechenschaft 
über die gegenrevolutionäre Bedeutung des „Prinzips“ ab, das er 
uns aufzudrängen versucht. An einer anderen Stelle werden wir 
sehen, daß Kautsky uns den Abschluß des Brest-Litowsker Friedens 
vorwirft. Seiner Meinung nach hätten wir den Krieg fortsetzen 
müssen. Wie ist es aber hier um die Heiligkeit des Menschenlebens 
bestellt? Vielleicht hört das Leben auf heilig zu sein, wenn es sich 
um Menschen handelt, die eine andere Sprache sprechen? Oder 
nimmt Kautsky an, daß Massenmorde, die nach den Regeln der Stra- 
tegie und der Taktik organisiert sind, keine Morde seien? Wahr- 
lich, es ist schwer, in unserer Epoche ein „Prinzip“ aufzustellen, 
das heuchlerischer und dümmer zu gleicher Zeit wäre: So lange die 
menschliche Arbeitskraft, folglich aber auch das Leben, ein Gegen- 
stand des Schachers, der Ausbeutung und Ausplünderung ist, ist 
das Prinzip der Heiligkeit des Menschenlebens die schändlichste 
Lüge, die den Zweck hat, die unterjochten Sklaven im Zaum zu 
halten. 

Wir haben gegen die von Kerenski eingeführte Todesstrafe 
gekämpft, weil diese Strafen von den Feldgerichten' der alten Armee 
gegen Soldaten angewendet wurden, die sich weigerten, den impe- 
rialistischen Krieg fortzusetzen. Wir haben diese Waffe den Hän- 
den der alten Kriegsgerichte entrissen, wir haben diese Gerichte 
selbst vernichtet und die alte Armee, die sie geschaffen, aufgelöst 
Durch Vernichtung der gegenrevolutionären Verschwörer in der 
Roten Armee und überhaupt im Lande, die bestrebt sind, durch Auf- 
stände, Morde und Desorganisation das alte Regime wiederherzu- 
stellen, handeln wir gemäß den eisernen Gesetzen des Krieges, in 
welchem wir uns den Sieg sichern wollen. 

Will man schon formale Widersprüche suchen, so selbstver- 
ständlich auf Seiten des weißen Terrors, der das Werkzeug der 
Klassen ist, die sich christliche nennen, die idealistische Philo- 



* 


- 48 - 

Sophie protegieren und fest überzeugt sind, daß die Persönlichkeit 
(ihre eigene^ Selbstzweck ist. Was uns betrifft, so haben wir uns 
nie mit kantischem Pfaffengerde und vegetarischem Quäkerge- 
schwätz über die Heiligkeit des Menschenlebens“ beschäftigt. Wir 
waren Revolutionäre, als wir in der Opposition waren, und wir 
sind es auch jetzt, wo wir an der Macht sind. Um das Individuum 
heilig zu machen, muß das gesellschaftliche Regime abgeschafft 
werden, das dieses Individuum ans Kreuz schlägt. Diese Aufgabe 
aber kann nur durch Eisen und Blut erfüllt werden. 

Zwischen dem weißen und dem roten Terror gibt es noch einen 
Unterschied, den der jetzige Kautsky außer acht läßt, der aber für 
den Marxisten von entscheidender Bedeutung ist. Der weiße Ter- 
ror ist das Werkzeug einer historisch-reaktionären Klasse. Als 
wir die Machtlosigkeit der Repressalien des bürgerlichen Staates 
gegen das Proletariat entlarvten, haben wir niemals in Abrede ge- 
stellt, daß die herrschenden Klassen durch Verhaftungen und Hin- 
richtungen unter gewissen Bedingungen zeitweilig die Entwicklung 
der sozialen Revolution aufhalten können. Wir waren aber über- 
zeugt, daß es ihnen nicht gelingen wird, sie zum Stillstand zu 
bringen. Wir stützten uns darauf, daß das Proletariat eine histo- 
risch aufsteigende Klasse sei und daß die bürgerliche Gesellschaft 
sich nicht entwickeln könne, ohne die Kräfte des Proletariats zu ver- 
größern. Die Bourgeoisie der gegenwärtigen Epoche ist eine unter- 
gehende Klasse! Nicht nur, daß sie in der Produktion keine not- 
wendige Rolle mehr spielt, durch ihre imperialistischen Aneignungs- 
methoden zerstört sie die Weltwirtschaft und die menschliche Kul- 
tur. Die historische Zähigkeit der Bourgeoisie jedoch ist kolossal. 
Sie hält sich und will den Platz nicht räumen. Dadurch droht sie, 
die ganze Gesellschaft mit sich in den Abgrund zu ziehen. Sie muß 
abgerissen, abgehackt werden. Der rote Terror ist ein Werkzeug, 
das gegen eine dem Untergange geweihte Klasse angewendet wird, 
die nicht untergehen will. Kann der weiße Terror nur den histo- 
rischen Aufstieg des Proletariats verzögern, so kann der rote Terror 
den Untergang der Bourgeoisie beschleunigen. Die Beschleunigung 
— der Vorteil des Tempos — hat in gewissen Epochen eine ent- 
scheidende Bedeutung. Ohne den roten Terror hätte die russische 
Bourgeoisie im Verein mit der Weltbourgeoisie uns lange vor dem 
Eintritt der Revolution in Europa erwürgt. Man muß blind sein, 
um dies nicht zu sehen, man muß ein Fälscher sein, um dies zu 
bestreiten. 

Wer der Tatsache der Existenz des Sowjetsystems revolutio- 
näre historische Bedeutung beilegt, der muß auch den roten Ter- 
ror anerkennen. Und Kautsky, der in den beiden letzten Jahren 
Berge von Papier gegen den Kommunismus und den Terrorismus 
beschrieben hat, muß am Schlüsse seiner Broschüre sich mit der 


I I O I 


•- - 49 - 

Tatsache abfinden und unerwartet anerkennen, daß die russische 
Sowjetmacht jetzt den wichtigsten Faktor der Weltrevolution dar- 
stellt. „Wie immer man sich zu den bolschewistischen Methoden 
stellen mag — schreibt er — die Tatsache, daß eine proletarische 
Regierung in einem Großstaat nicht nur ans Ruder kommen, son- 
dern auch sich durch bisher fast zwei Jahre unter den schwierig- 
sten Bedingungen behaupten konnte, hebt das Kraftgefühl der Pro- 
letarier aller Länder ungemein. Für die wirkliche Weltrevolution 
haben die Bolschewiki dadurch Großes geleistet . . (S. 153.) 

Diese Erklärung ist erstaunlich als größte Ueberraschung, als 
Anerkennung der historischen Wahrheit von einer Seite, von der 
man das am wenigsten erwartet. Dadurch, daß sie sich zwei Jahre 
gegen die vereinte kapitalistische Welt gehalten haben, haben die 
Bolschewiki eine große historische Tat vollbracht. Die Bolsche- 
wiki haben sich aber nicht nur durch die Idee, sondern auch durch 
das Schwert gehalten. Die Anerkennung Kautskys ist eine unwill- 
kürliche Anerkennung der Methoden des roten Terrors und zugleich 
die böseste Verurteilung seines eigenen kritischen Geschreibsels. 


Der Einfluß des Krieges. 

Eine der Ursachen des äußerst blutigen Charakters des revo- 
lutionären Kampfes sieht Kautsky im Kriege, in seinem verwildern- 
den Einfluß auf die Sitten. Ganz unbestreitbar. Diesen Einfluß 
mit allen hieraus entspringenden Folgen konnte man schon früher 
voraussehen, ungefähr in der Epoche, als Kautsky nicht wußte, 
ob man für Kriegskredite oder gegen dieselben stimmen müsse. 

„Der Imperialismus riß die Gesellschaft gewaltsam aus dem 
Zustande labilen Gleichgewichts, — schrieben wir vor fünf Jahren 
im deutschen Buche „Der Krieg und die Internationale“. — Er zer- 
störte die Schleusen, welche die Sozialdemokratie dem Strome revo- 
lutionärer Energie des Proletariats vorgebaut hatte, und leitete 
diesen Strom in sein Bett. Dieses ungeheure geschichtilche Ex- 
periment, das mit einem Schlage der sozialistischen Internationale 
das Rückgrat gebrochen hat, birgt jedoch in sich die tödliche Gefahr 
für die bürgerliche Gesellschaft selbst. Der Hammer wird den Hän- 
den der Arbeiter entrissen, gegen die Waffe umgetauscht. Der Ar- 
beiter, der durch die Masdiinerie der kapitalistischen Wirtschaft 
gebunden, wird plötzlich aus seinem Rahmen herausgeworfen und 
gelehrt, als häusliches Glück und als das Leben selbst, die Ziele der 
Gesamtheit zu stellen. 

„Mit der Waffe, die er selbst verfertigt hat, in Händen, wird 
der Arbeiter in eine Lage gestellt, in der das politische Schicksal 
des Staates unmittelbar von ihm abhängt. Diejenigen, die ihn 



I I O I 


— 50 — * 

> 

in normalen Zeiten bedrückten und verachteten, umschmeicheln ihn 
und kriechen vor ihm. Gleichzeitig kommt er in intimste Nähe der- 
selben Kanonen, die nach Lassalle einen der wichtigsten Bestand- 
teile der Konstitutionen ausmachen. Er überschreitet die Gren- 
zen, beteiligt sich an gewaltsamen Requisitionen, unter seiner Mit- * 
Wirkung gehen Städte aus einer Hand in die andere. Es geschehen 
Aenderungen, wie sie das lebende Geschlecht nicht gesehen hat. 

„Wenn auch der Vorhut der Arbeiterschaft theoretisch bekannt 
war, daß die Macht die Mutter des Rechtes ist, so blieb doch ihr 
politisches Denken ganz vom Geiste der Possibilität, der Anpassung 
an die bürgerliche Gesetzlichkeit, durchdrungen. Jetzt lernt sie in 
der Tat diese Gesetzlichkeit verachten und gewaltsam stören. Jetzt 
treten in ihrer Psyche die statischen Momente den dynamischen den 
Platz ab. Die Mörser pressen ihr den Gedanken in den Kopf, daß, 
wenn es unmöglich ist, ein Hindernis zu umgehen, die Möglichkeit 
bleibt, es zu vernichten. Beinahe die gesamte erwachsene männliche 
Bevölkerung wird durch diese in ihrem Realismus fürchterliche 
Schule des Krieges geführt, die einen neuen Menschentypus aus- 
bildet. 

„Ueber alle Normen der bürgerlichen Gesellschaft — mit ihrem 
Recht, ihrer Moral Und Religion — erhebt sich jetzt die Faust der 
eisernen Notwendigkeit. „Not kennt kein Gebot!“ — sagte der 
deutsche Kanzler am 4. August 1914. Die Monarchen gehen auf 
die öffentlichen Plätze, um im Dialekt der Marktweiber einander 
der Lügenhaftigkeit zu beschuldigen; die Regierungen stoßen von 
ihnen feierlich anerkannte Verpflichtungen um und die nationale 
Kirche schmiedet ihren Gott wie einen Katorgasträfling an die 
nationale Kanone. Ist es denn nicht klar, daß diese Umstände eine 
tiefe Veränderung in der Psyche der Arbeiterschaft hervorrufen 
müssen, sie radikal von der Hypnose der Legalität heilend, in der 
sich eine Epoche politischer Stagnation äußerte? 

„Die besitzenden Klassen werden sich zu ihrem Schrecken 
bald hiervon überzeugen müssen. Das Proletariat, das durch die 
Schule des Krieges gegangen ist, wird beim ersten ernsten Hinder- 
nis innerhalb des eigenen Landes das Bedürfnis empfinden, die 
Sprache der Gewalt zu brauchen. „Not kennt kein Gebot“, so wird 
es demjenigen zurufen, der versuchen wird, es durch die Gebote 
bürgerlicher Gesetzlichkeit zurückzuhalten. Und die Not, jene 
furchtbare wirtschaftliche Not, die im Laufe dieses Krieges und 
nach seiner Einstellung herrschen wird, wird geeignet sein, die 
Massen zur Verletzung so mancher Gebote zu drängen.“ (Seite 
56—57). 

Alles dies ist unbestreitbar. Dem Gesagten aber muß hinzu- 
gefügt werden, daß der Krieg auf die Psychologie der herrschenden 
Klassen keinen geringeren Einfluß ausgeübt hat: in demselben 





1 I J 


- 61 - 

# 

Grade, wie die Massen anspruchsvoller geworden sind, ist die Bour- 
geoisie unnachgiebiger geworden. 

In der Friedenszeit sicherten die Kapitalisten ihre Interessen mit 
Hilfe des „friedlichen“ Raubes der Lohnarbeit. Während des Krie- 
ges dienten sie denselben Interessen durch Vernichtung unzähl- 
barer Menschenleben. Das gab ihrem Herrenbewußtsein einen 
neuen, „napoleonischen“ Zug. Die Kapitalisten haben sich während 
des Krieges daran gewöhnt, Millionen Sklaven, stammverwandte 
und koloniale, wegen Kohlen-, Eisenbahn- und anderer Profite in 
den Tod zu schicken. 

Im Laufe des Krieges sind aus der Mitte der Bourgeoisie, der 
großen, mittleren und Weinen, Hunderttausende von Offizieren, pro- 
fessionellen Kämpfern hervorgegangen, — Leute, deren Charakter 
sich im Kampfe gestählt hat, die sich von jeglichen äußerlichen Hem- 
mungen befreit haben, — qualifizierte Haudegen, die bereit und 
fähig sind, die privilegierte Stellung der Bourgeoisie, die sie dres- 
siert hat, mit einer Erbitterung zu verteidigen, die in ihrer Art an 
Heldenmut grenzt. 

Die Revolution wäre vielleicht humaner, wenn das Proletariat 
die Möglichkeit hätte, „sich von dieser ganzen Bande loszukaufen“, 
wie sich einst Marx ausgedrückt hat. Der Kapitalismus hat aber den 
Werktätigen während des Krieges eine zu große Schuldenlast auf- 
gebürdet und den Boden der Produktion zu tief untergraben, daß 
man ernsthaft von einem solchen Loskauf sprechen könnte, bei dem 
sich die Bourgeoisie schweigend mit dem Umsturz abfinden würde. 
Die Massen haben zuviel Blut verloren, haben zuviel gelitten, sind 
zu erbittert, um eine solche Entscheidung zu treffen, die ökonomisch 
über ihre Kraft gehen würde. 

Es kommen noch andere Umstände hinzu, die in derselben 
Richtung wirken. Die Bourgeoisie der besiegten Länder ist durch 
die Niederlage erbittert, für die sie die Unterschichten, die Arbeiter 
und Bauern, verantwortlich machen will, die sich als unfähig er- 
wiesen haben, den „großen nationalen Krieg“ zum siegreichen Ende 
zu führen. Von diesem Standpunkt aus sind die in ihrer Frechheit 
beispiellosen Erklärungen sehr lehrreich, die Ludendorff vor der 
Kommission der Nationalversammlung abgegeben hat. Die Luden- 
dorffschen Banden brennen vor Begierde, für die äußeren Demüti- 
gungen am Blute des eigenen Proletariats Revanche zu nehmen. 
Was die Bourgeoisie der siegreichen Länder anbelangt, so ist sie 
von Hochmut erfüllt und mehr denn je geneigt, ihre soziale Stel- 
lung mit Hilfe der grausamen Maßnahmen, die ihr den Sieg ge- 
sichert haben, zu verteidigen. Wir haben gesehen, daß die inter- 
nationale Bourgeoisie unfähig war, die Teilung der Beute ohne Krieg 
und Ruin zu organisieren. Kann sie ohne Kampf auf den Verzicht 
der Beute überhaupt eingehen? Die Erfahrung der letzten fünf 



I I I 


— 52 - 

Jahre läßt in dieser Beziehung gar keinen Zweifel aufkommen : 
war es schon früher die reinste Utopie, zu erwarten, daß die 
Expropriation der besitzenden Klassen sich dank der „Demokratie“ 
unbemerkt und schmerzlos vollziehen werde, ohne Aufstände, ohne 
bewaffnete Zusammenstöße, ohne Versuche der Gegenrevolution 
und ohne strenge Unterdrückung, so macht die vom imperialisti- 
schen Kriege hinterlassene Situation einen doppelt und dreifach 
intensiven Charakter des Bürgerkrieges und der Diktatur des Pro- 
letariats zur Bedingung. 

\ 


* 


-V 



I I I sJ I 


V. Die Kommune von Paris und 

Sowj etrussland. 

Die kurze Episode der ersten Revolution, die 
vom Proletariat für das Proletariat durchgeführt 
wurde, endete mit dem Triumph seiner Gegner. 
Diese Episode vom 18. März bis zum 28. Mai 
dauerte 72 Tage. 

„Die Pariser Kommpne vom 18. März 1871“. 
P. L. Lawrow. Petrograd. 1919. Seite 160. • 

k A 

Der Mangel an Vorbereitung bei den sozialistischen 

> Parteien der Kommune . 

Die Pariser Kommune des Jahres 1871 war der erste, noch 
schwache historische Versuch der Herrschaft der Arbeiterklasse. 
Wir schätzen das Gedenken der Kommune ungeachtet der äußersten 
Beschränktheit ihrer Erfahrung, der schlechten Vorbereitung ihrer 
Teilnehmer, der Unklarheit ihres Programms, des Mangels an 
Einigkeit unter den Führern, der Unentschlossenheit der Pläne, der 
hoffnungslosen Verwirrung bei der Ausführung und des schreck- 
lichen, durch dieses alles fatal bedingten Zusammenbruches. Wir 
schätzen in der Kommune, nach dem Ausdruck Lawrows, „die erste, 
wenn auch überaus bleiche Morgenröte der Republik des Proleta- 
riats“. Ganz anders Kautsky. Nachdem er einen bedeutenden Teil 
seines Buches („Terrorismus und Kommunismus“) der grob ten- 
denziösen Gegenüberstellung von Kommune und Sowjetmacht ge- 
widmet hat, sieht er die Hauptvorzüge der Kommune darin, worin 
wir ihr Unglück und ihre Schuld sehen. 

Kautsky beweist eifrig, daß die Pariser Kommune von 1871 
nicht „künstlich“ vorbereitet worden, sondern unerwartet entstan- 
den sei und die Revolutionäre überrascht habe, — im Gegensatz 
zur Novemberrevolution, die unsere Partei sorgfältig vorbereitet 
habe. Das ist unbestreitbar. Da er sich nicht entschließen kann, 
seine tief reaktionären Gedanken klar zu formulieren, sagt Kautsky 
nicht direkt, ob die Pariser Revolutionäre von 1871 dafür, daß sie 



1 I J 


- 54 — 

% 

den proletarischen Aufstand nicht vorhergesehen haben und sich 
zu ihm nicht vorbereiten konnten, Anerkennung verdienen, und 
ob wir dafür, daß wir das Unvermeidliche voraussahen und ihm 
bewußt entgegentraten, getadelt werden müssen. Jedoch die ganze 
Auslegung Kautskys ist so aufgebaut, daß bei dem Leser gerade 
diese Vorstellung hervorgerufen wird. Ueber die Kommunarden 
war einfach ein Unglück hereingebrochen (der bayrische Philister 
Vollmar drückte einst sein Bedauern aus, daß die Kommunarden 
nicht schlafen gegangen sind, anstatt die Macht an sich zu nehmen), 
und deshalb verdienen sie Nachsicht; die Bolschewiki sind dem 
Unglück (der Macht) bewußt entgegengetreten, und deshalb wird 
ihnen weder in dieser noch in jener Welt verziehen werden. Eine 
solche Fragestellung kann ihrem inneren Widerspruch nach un- 
glaubwürdig erscheinen. Dessenungeachtet folgt sie unvermeidlich 
aus der Position der „unabhängigen“ Kautskyaner, die den Kopf 
zwischen die Schultern ziehen, um nichts zu sehen und nichts vor- 
auszusehen, und die nur dann einen Schritt vorwärts tun, wenn sie 
vorher einen guten Puff i« den Rücken bekommen haben. 

„Paris zu erniedrigen, — schreibt Kautsky — ihm jede Selbst- 
verwaltung vorzuenthalten, ihm seine Stellung als Hauptstadt zu 
rauben, endlich es zu entwaffnen, um in voller Sicherheit den monar- 
chistischen Staatsstreich wagen zu können, das wurde die wichtigste 
Sorge der Nationalversammlung und des von ihr erwählten Chefs 
der Exekutive, Thiers. Aus dieser Situation entsprang der Kon- 
flikt, der zum Ausbruch der Pariser Insurrektion führte. 

„Man sieht, wie ganz anderer Art sie war als der Staatsstreich 
des Bolschewismus, der aus dem Friedensbedürfnis seine Kraft zog, 
der die Bauern hinter sich hatte, der in der Nationalversammlung 
keine Monarchisten sich gegenüber sah, sondern Sozialrevolutionäre 
und menschewistische Sozialdemokraten. 

„Die Bolschewiki kamen zur Macht durch einen wohlvor- 
bereiteten Staatsstreich, der ihnen mit einem Schlage die gesamte 
Staatsmaschinerie auslieferte, die sie sofort aufs energischste und 
rücksichtsloseste zur politischen und ökonomischen Enteignung 
ihrer Gegner — aller ihrer Gegner, auch der proletarischen — aus- 
nutzten. 

„Durch die Erhebung der Kommune wurde dagegen niemand 
mehr überrascht als die Revolutionäre selbst. 'Und einem großen 
Teil unter ihnen kam der Konflikt äußerst unerwünscht“. (S. 44.) 

Um uns den wirklichen Sinn dessen, was Kautsky hier über 
die Kommunarden sagt, besser klarzumachen, wollen wir folgende 
interessante Zeugnisse anführen: 

„ . . . Am 1. März 1871, — schreibt Lawrow in seinem sehr 
lehrreichen Buch über die Kommune' — ein halbes Jahr nach dem 
Fall des Kaiserreichs und einige Tage vor dem Ausbruch der Kom- 





I I iLUiLO I 


— 55 — 

mune, hatten die leitenden Persönlichkeiten der Pariser Internatio- 
nale dennoch kein bestimmtes politisches Programm . . .*). 

„Nach dem 1. März — schreibt derselbe Verfasser — war 
Paris in den Händen des Proletariats, seine Führer aber, die durch 
die unerwartete Macht die Geistesgegenwart verloren hatten, er- 
griffen nicht einmal die elementarsten Maßnahmen“**). 

„Ihr seid eurer Rolle nicht gewachsen und eure einzige Sorge 
ist es, euch von der Verantwortung freizumachen, sagte ein Mit- 
glied des Zentralkomitees der Nationalgarde“. „Darin liegt viel 
Wahrheit, — schreibt der Teilnehmer und Historiker der Kommune 
Lissagaray — aber im Augenblick der Handlung selbst macht sich 
der Mangel an vorherige Organisation und Vorbereitung sehr 
häufig dadurch bemerkbar, daß den Menschen eine Rolle zufällt, 
die ihre Kräfte übersteigt“***). 

Hieraus ist bereits ersichtlich (weiterhin wird das noch klarer 
werden), daß das Fehlen eines direkten Kampfes um die Macht von 
«eiten der Pariser Sozialisten durch ihre theoretische Formlosigkeit 
und politische Verwirrung zu erklären war und durchaus nicht 
durch höhere taktische Erwägungen. 

Man braucht daran nicht zu zweifeln, daß die Treue Kautskys 
selbst in Bezug auf die Traditionen der Kommune hauptsächlich 
in der außerordentlichen Verwunderung bestehen wird, mit der er 
dem proletarischen Umsturz in Deutschland als einem im höchsten 
Grade unerwünschten Konflikt begegnen wird. Wir zweifeln jedoch 
daran, daß ihn dies von den Nachkommen als Verdienst angerechnet 
werden wird. In Bezug auf das Wesen seiner historischen Analogie 
aber müssen wir sagen, daß sie ein Gemisch von Konfusion, Ver- 
schweigungen und Täuschungen vorstellt. 

Die Absichten, die Thiers in Bezug auf Paris hatte, hatte Mil- 
.jukow, der von Zeretelli und Tschemow offen unterstützt wurde, 
in Bezug auf Petersburg. Sie alle — von Kornilow bis Potressow 
— wiederholten tagaus tagein, daß sich Petersburg vom Lande los- 
gerissen habe, daß es mit ihm nichts gemein habe, daß es total 
demoralisiert sei und darnach strebe, dem Lande seinen Willen 
«ufzuzwingen. Petersburg absetzen und erniedrigen, das war die 
erste Aufgabe Miljukows und seiner Gehilfen. Und das fand in 
einer Periode statt, als Petersburg der wirkliche Mittelpunkt der 
Revolution war, die sich in den übrigen Teilen des Landes noch 
nicht hatte befestigen können. Der frühere Vorsitzende der Duma 

Rodsjanko sprach offen davon, Petersburg den Deutschen zur Dres- 

• \ 

*) „Die Pariser Kommune vom 18. März 1871“. P. L. Lawrow. Ver- 
lagsgesellschaft „Kolos“, Petersburg 1919. Seite 64 — 65. 

••) Ibid. Seite 71. 

***) „Histoire de la Commune de 1871“ par Lissagaray. Bruxelles 1876, 
Seite 106. 



I I O I 




— 66 — 

sur zu übergeben, ähnlich wie Riga übergeben worden war. Rod- 
sjanko nannte nur das beim Namen, was die Aufgabe Miljukows 
war und was Kerenski durch seine ganze Politik förderte. 

Miljukow wollte, wie auch Thiers, das Proletariat entwaffnen. 
Mehr als das, mit Hilfe von Kerensky, Tschernow und Zerettelli 
wurde das Petersburger Proletariat im Juli 1917 in bedeutendem 
Maße entwaffnet. Es bewaffnete sich teilweise wieder während des 
Komilowschen Vormarsches auf Petersburg im August. Und diese 
neue Bewaffnung war ein ernstes Element der Vorbereitung zum 
Novemberaufstand. Demgemäß fallen gerade die Punkte, in denen 
Kautsky unserer Novemberrevolution den Märzaufstand der Pariser 
Arbeiter entgegenstellt, in bedeutendstem Maße zusammen. 

Worin besteht jedoch der Unterschied zwischen ihnen? Vor 
allem, darin, daß die schändlichen Pläne Thiers gelangen, daß Paris 
von ihm erwürgt wurde, viele Tausende von Arbeitern vernichtet 
wurden. Miljukow dagegen erlitt eine schimpfliche Niederlage, 
Petersburg blieb die unbezwingbare Feste des Proletariats und der 
Führer der Bourgeoisie fuhr in die Ukraine, um für die Okkupation 
Rußlands durch die Truppen des Kaisers Sorge zu tragen. In die- 
sem Unterschiede liegt ein bedeutender Teil unserer Schuld, und 
wir sind bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Ein 
kapitaler Unterschied bestand auch darin — und das zeigte sich 
bei der weiteren Entwicklung der Ereignisse, — daß während die 
Kommunarden vorwiegend von patriotischen Erwägungen aus- 
gingen, wir uns unabänderlich vom Gesichtspunkt der internatio- 
nalen Revolution leiten ließen. Die Zertrümmerung der Kommune 
führte zum tatsächlichen Zusammenbruch der Ersten Internationale. 
Der Sieg der Sowjetmacht führte zur Gründung der Dritten Inter- 
nationale. 

Aber Marx riet den Kommunarden — kurz vor dem Umsturz 
— nicht zum Aufstand, sondern zur Schaffung einer Organisation ! 
Man könnte es noch verstehen, wenn Kautsky dieses Zeugnis an- 
führen würde, um zu beweisen, daß Marx die Zuspitzung der 
Lage in Paris nicht klar genug übersehen hat. Kautsky aber ver- 
sucht den Rat Marxens als Beweis dessen auszubeuten, daß Auf- 
stände überhaupt tadelnswert seien. W T ie alle Bonzen der deutschen 
Sozaldemokratie sieht Kautzky in der Organisation vor allem ein 
Mittel, revolutionäre Aktion zu verhindern. 

Aber sogar wenn man sich auf die Frage der Organisation als 
solche beschränkt, so muß man nicht vergessen, daß der November- 
revolution 9 Monate der Regierung Kerenskis vorausgegangen 
waren, während der unsere Partei nicht ohne Erfolg nicht nur 
Agitation betrieben, sondern sich auch mit Organisation beschäf- 
tigt hatte. Der Novemberumsturz vollzog sich, nachdem wir in 
den Arbeiter- und Soldatensowjets von Petersburg, Moskau und 



I I I 


— 67 — 

allen Industriezentren des Landes überhaupt eine erdrückende Mehr- 
heit erobert und die Sowjets in machtvolle, von unserer Partei ge- 
leitete Organisationen verwandelt hatten. Die Kommunarden hatten 
nichts Aehnliches aufzuweisen. Endlich hatten wir hinter uns die 
heldenhaften Pariser Kommune, aus deren Zusammenbruch wir für 
uns den Schluß zogen, daß Revolutionäre die Ereignisse voraus- 
sehen und sich zu ihnen vor bereiten müssen. Dies ist ebenfalls 
unsere Schuld. 

Die Pariser Kommune und der Terrorismus . 

Den ausführlichen Vergleich zwischen der Kommune und 
Sowjetrußland braucht Kautsky nur dazu, um die lebendige und 
siegreiche Diktatur des Proletariats zugunsten des Versuchs einer 
Diktatur, die einer schon ziemlich entfernten Vergangenheit an- 
• gehört, zu verleumden und zu erniedrigen. 

Kautsky zitiert mit außerordentlicher Genugtuung die Erklä- 
rung des Zentralkomitees der Nationalgarde vom 19. März aus 
Anlaß der Ermordung zweier Generäle durch Soldaten : „Wir sagen 
es mit Entrüstung, der blutige Schmutz, mit dem man unsere Ehre 
zu schänden sucht, ist eine elende Infamie. Niemals wurde von 
uns eine Exekution beschlossen, niemals hat die Nationalgarde an 
der Ausübung eines Verbrechens teilgenommen.“ 

Das Zentralkomitee konnte selbstverständlich gar keine Ver- 
anlassung haben, die Verantwortung für Morde zu übernehmen, 
an denen es nicht beteiligt war. Der sentimental-pathetische Ton 
der Erklärung jedoch charakterisiert deutlich die politische Schüch- 
ternheit dieser Leute in Bezug auf die bürgerliche öffentliche Mei- 
nung. Und das ist kein Wunder. Die Vertreter der Nationalgarde 
waren in der Mehrzahl Leute mit sehr bescheidener revolutionärer 
Vergangenheit : „Nicht ein bekannter Name“ — schreibt Lissagaray. 
— „Das waren Kleinbürger, Krämer, die geschlossenen revolutio- 
nären Kreisen und größtenteils auch der Politik bisher femgestanden 
hatten“ (Seite 70). 

„Das schüchterne, etwas furchtsame Gefühl der drohenden 
geschichtlichen Verantwortung und der Wunsch, sich sobald wie 
möglich von ihr zu befreien — schreibt über sie Lawrow — blickt 
aus allen Proklamationen des Zentralkomitees hervor, in dessen 
Händen das Schicksal von Paris lag“ (Seite 77). 

Nachdem er zu unserer Beschämung die Deklamation über 
das Blut angeführt hat, kritisiert Kautsky nach Marx und Engels 
die Unentschlossenheit der Kommune: „Wären die Pariser (d. h. 
die Kommunarden) Thiers auf den Fersen geblieben, es wäre ihnen 
vielleicht gelungen, sich der Regierung zu bemächtigen. Die aus 
Paris abziehenden Truppen hätten nicht den geringsten Widerstand 


5 



I I O I 


— 58 — 

geleistet . . . Aber Thiers zog unbehelligt ab. Man gestattete ihm, 
ßeine Truppen mit sich zu nehmen und in Versailles zu reorgani- 
sieren, mit neuem Geiste zu erfüllen und zu verstärken“ (Seite 49). 

Kautsky begreift nicht, daß dieselben Leute, aus denselben 
Gründen die oben angeführte Erklärung vom 19. März abgegeben 
und Thiers erlaubt haben, den Rückzug anzutreten und Truppen 
zu sammeln. Hätten die Kommunarden nur mit den Mitteln der 
geistigen Einwirkung g e s i e g t , dann hätte ihre Erklärung großes 
Gewicht bekommen. Doch das ist nicht geschehen. In Wirklich- 
keit war ihre sentimentale Humanität nur die Kehrseite ihrer revo- 
lutionären Passivität. Leute, denen das Schicksal die Macht in 
Paris gegeben hatte und die die' Notwendigkeit nicht einsahen, 
diese Macht unverzüglich bis zu Ende auszunutzen, Thiers zu 
verfolgen und ihn, ehe er zur Besinnung kommen konnte, aufs 
Haupt zu schlagen, in ihren Händen Truppen zu konzentrieren, die 
nötige Säuberung des Kommandobestandes vorzunehmen, sich der* 
Provinz zu bemächtigen, — solche Leute sind natürlich nicht ge- 
neigt, Maßnahmen der strengen Justiz in Bezug auf gegenrevo- 
lutionäre Elemente zu treffen. Eines ist mit dem andern eng ver- 
knüpft. Man kann nicht Thiers verfolgen, ohne die Agenten Thiers’ 
in Paris zu verhaften und die Verschwörer und Spione zu er- 
schießen. Wenn man die Ermordung gegenrevolutionärer Generäle 

für ein unzulässiges „Verbrechen“ hält, kann man bei der Ver- 
folgung der Truppen, die von gegenrevolutionären Generälen ge- 
führt werden, nicht Energie entwickeln. 

Während der Revolution ist höchste Energie höchste Huma- 
nität. „Gerade die Menschen — sagt Lawrow sehr richtig — die 
Menschenleben, Menschenblut schätzen, müssen danach streben, 
die Möglichkeit eines schnellen und entschiedenen Sieges zu organi- 
sieren und daher möglichst schnell und -energisch zu handeln, um 
die Feinde zu unterdrücken, da nur auf diesem Wege das Minimum 
an Blutvergießen erreicht werden kann“ (Seite 225). 

Die Erklärung vom 19. März kann jedoch viel richtiger ein- 
geschätzt werden, wenn man sie nicht als unbedingtes Glaubens- 
bekenntnis, sondern als Ausdruck vorübergehender Stimmungen 
betrachtet, die am Tage nach dem unerwarteten und unblutigen 
Siege herrschen. Kautsky, der für die Dynamik der Revolution und 
die innere Bedingtheit ihrer schnell anwachsenden Stimmungen kein 
Verständnis hat, denkt in leblosen Schemata und entstellt die Per- 
spektive der Ereignisse durch willkürlich gewählte Analogien. Er 
versteht nicht, daß weichherzige Unentschlossenheit den Massen in 
der ersten Epoche der Revolution überhaupt eigen ist. Die Arbeiter 
gehen nur unter dem Druck der eisernen Notwendigkeit zum An- 
griff über, wie sie zum roten Terror nur unter der Drohung der 
Vernichtung durch die Weißgardisten übergehen. Das, was Kautsky 



I I J I 


- 59 — 

als Resultat einer besonders hohen Moral des Pariser Proletariats 
im Jahre 1871 hinstellt, kennzeichnet in Wirklichkeit nur die anfäng- 
liche Etappe des Bürgerkrieges. Solche Erscheinungen sind auch 
bei uns beobachtet worden. 

In Petersburg wurde die Macht von uns im November 1917 
fast ohne Blutvergießen und sogar ohne Verhaftungen erobert. Die 
Minister der Regierung Kerenskis wurden sehr bald nach dem Um- 
sturz in Freiheit gesetzt. Mehr als das, der Kosakengeneral Krass- 
now, der im Verein mit Kerenski, nachdem die Macht an die Sowjets 
übergegangen war, gegen Petersburg vorrückte und von uns in 
Gatschina gefangen genommen ward, wurde am nächsten Tage auf 
Ehrenwort in Freiheit gesetzt. Das war eine „Großmut“ ganz im 
Geiste der ersten Schritte der Kommune. Das war aber ein Fehler. 
Unlängst ist General Krassnow, der im Laufe eines Jahres im Süden 
gegen uns gekämpft und viele Tausende Kommunisten vernichtet 
hat, wieder auf Petersburg vorgerückt, diesmal in den Reihen der 
Armee von Judenitsch. Einen grausameren Charakter nahm die 
proletarische Revolution erst nach dem Aufstand der Junker in 
Petersburg an und besonders nach dem von den Kadetten, Sozial- 
revolutionären und Menschewiki » vorbereiteten Aufstand der 
Tschechoslowaken an der Wolga, nach der Massen Vernichtung der 
Kommunisten durch diese, dem Attentat auf Lenin, der Ermordung 
Uritzkis u. a. 

Dieselben Tendenzen, nur im Anfangstadium, finden wir in der 
Geschichte der Kommune. 

Von der Logik des Kampfes gezwungen, betrat sie im Prinzip 
den Weg der Abschreckung. Die Gründung des Ausschusses der 
öffentlichen Wohlfahrt war für viele seiner Anhänger von der Idee 
des roten Terrors diktiert worden. Der Ausschuß war dazu be- 
stimmt, „die Verräter zu köpfen“ („Journal Officiel“ Nr. 123, „den 
Verrat zu besiegen“ (ibid. Nr. 124). Zu den „Abschreckungs- 
Dekreten muß die Verfügung (vom 3. April) über die Beschlagnahme 
des Vermögens von Thiers und seiner Minister, über die Zerstörung 
des Hauses von Thiers, die Zerstörung der Colonne Vendome, be- 
sonders aber das Dekret über die Geiseln gerechnet werden. Für 
jeden von’ den Versaillern erschossenen Gefangenen oder Anhänger 
der Kommune sollte die dreifache Anzahl der Geiseln erschossen 
werden. Die Maßnahmen der von Raoul Rigault geleiteten Polizei- 
präfektur trugen einen rein terroristischen, wenn auch nicht immer 
zweckmäßigen Charakter. 

Die Wirksamkeit aller dieser Abschreckungsmaßnahmen wurde 
gelähmt durch die formlosen Kompromisse der leitenden Elemente 
der Kommune, durch ihr Bestreben, die Bourgeoisie mittels kläg- 
licher Phrasen mit der vollzogenen Tatsache zu versöhnen, durch 
ihr Schwanken zwischen der Fiktion der Demokratie und der Reali- 

5 * 


t 



I I J I 


— 06 — 

tat der Diktatur. Den letzteren Gedanken hat der verstorbene Law- 
row in seinem Buch über die Kommune vortrefflich formuliert. 

„Das Paris der reichen Bourgeois und der bettelarmen Prole- 
tarier verlangte als politische, aus verschiedenen Ständen bestehende 
Gemeinde im Namen der liberalen Grundsätze die Freiheit des 
Wortes, der Versammlung, der Kritik der Regierung usw. Paris, 
das die Revolution zugunsten des Proletariats vollzogen und es sich 
zur Aufgabe gemacht hatte, diese Revolution in den Institutionen 
durchzuführen, Paris als Gemeinde des emanzipierten Arbeiter- 
proletariats erforderte revolutionäre, d. h. diktatorische Maßnahmen 
in Bezug auf die Feinde des neuen Regimes“ (S. 143—144). 

Wäre die Pariser Kommune nicht gefallen, sondern hätte sie 
sich weiter in ununterbrochenem Kampfe gehalten, so wäre sie, 
das unterliegt keinem Zweifel, gezwungen gewesen, zu einer schär- 
feren Maßnahme zwecks Unterdrückung der Gegenrevolution über- 
zugehen. Freilich hätte Kautsky dann nicht die Möglichkeit gehabt, 
den humanen Kommunarden die unmenschlichen Bolschewiki gegen- 
überzustellen. Dafür hätte wahrscheinlich auch Thiers nicht die 
Möglichkeit gehabt, seinen ungeheuerlichen Aderlaß an dem Prole- 
tariat von Paris vorzunehmen. Die Geschichte wäre gewiß nicht 
zu kurz gekommen. 

Das eigenmächtige Zentralkomitee und die 

„ demokratische 66 Kommune . 

„Am IQ. März — erzählt Kautsky — verlangten im Zentral- 
komitee die einen, man solle nach Versailles marschieren, andere, 
man solle sofort an die Wähler appellieren, wieder andere, man 
solle sofort revolutionäre Maßnahmen ergreifen. Als ob nicht 
jeder dieser Schritte — belehrt uns der Verfasser scharfsinnig — 
gleich notwendig gewesen wäre und einer von ihnen den anderen 
ausgeschlossen hätte“ (S. 54). In seinen weiteren Zeilen trägt uns 
Kautsky anläßlich dieser Uneinigkeiten in der Kommune auf- 
gewärmte Banalitäten über die Wechselbeziehungen zwischen Reform 
und Revolution auf. In Wirklichkeit stand die Frage so: wollte * 

man gegen Versailles vorrücken, und wollte man das sofort, ohne 
auch nur eine Stunde zu verlieren, so mußte die Nationalgarde so- 
fort reorganisiert, an ihre Spitze die kampffähigsten - Elemente des 
Pariser Proletariats gestellt und Paris dadurch zeitweilig in revo- 
lutionärer Hinsicht geschwächt werden. Aber in Paris Wahlen vor- 
nehmen und gleichzeitig die Blüte der Arbeiterklasse aus seinen 
Mauern hinausführen, das wäre vom Gesichtspunkt der revolutio- 
nären Partei aus, sinnlos gewesen. Theoretisch widersprechen der 
Vormarsch auf Versailles und die Wahlen in die Kommune einander 
selbstverständlich durchaus nicht, praktisch aber schließen sie ein- 



I I 


— 61 — 

ander aus : um den Wahlen Erfolg zu sichern, mußte der Vormarsch 
aufgeschoben werden, um dem Vormarsch Erfolg zu sichern, muß- 
ten die Wahlen aufgeschoben werden. Endlich, wenn das Proletariat 
ins Feld geführt und Paris zeitweilig geschwächt werden sollte, 
so mußte man sich vor der Möglichkeit gegenrevolutionärer An- 
schläge auf die Hauptstadt sichern, denn Thiers hätte vor keinerlei 
Maßnahmen Halt gemacht, um im Rücken der revolutionären Armee 
sein weißes Feuer zu entzünden. Es mußte ein militärisches, d. h. 
strengeres Regime in der Hauptstadt festgesetzt werden. „Es mußte 
— schreibt Lawrow — gegen zahlreiche innere Feinde gekämpft 
werden, die Paris anfüllten und gestern noch vor der Börse auf der 
Place Vendome revoltiert hatten, die ihre Vertreter in der Verwal- 
tung, in der Nationalgarde hatten, die ihre Presse, ihre Versamm- 
lungen hatten, die fast offen zu den Versaillern in Beziehungen 
standen und bei jeder Unvorsichtigkeit, bei jedem Mißerfolg der 
Kommune entschlossener und frecher würden“ (S. 87). Es war 
außerdem notwendig, revolutionäre Maßnahmen finanziellen und 
überhaupt ökonomischen Charakters, vor allem zur Sicherstellung 
der revolutionären Armee, zu treffen. Alle diese notwendigsten 
Maßnahmen der revolutionären Diktatur waren kaum mit einer 
ausgedehnten Wahlkampagne in Einklang zu bringen. Kautsky 
aber hat keine Ahnung davon, was eine in Wirklichkeit durch- 
geführte Revolution ist. Er denkt, daß theoretisch in Einklang 
bringen dasselbe sei, wie praktisch verwirklichen. 

Das Zentralkomitee hatte die Wahlen auf den 22. März fest- 
gesetzt, trat aber, seiner selbst nicht sicher, aus Angst vor seiner 
Illegalität, bestrebt, in Uebereinstimmung mit „gesetzlichen“ Insti- 
tutionen zu handeln, in sinnlose und endlose Verhandlungen mit 
der vollständig machtlosen Versammlung der Maires und der Depu- 
tierten von Paris ein, bereit, mit ihnen die Macht zu teilen, um nur 
eine Verständigung zustande zu bringen. Indessen verrann die wert- 
volle Zeit. 

Marx, auf den sich Kautsky aus alter Anhänglichkeit zu stützen 
sucht, hat auf keinen Fall vorgeschlagen, Wahlen zu der Kommune 
vorzunehmen und gleichzeitig die Arbeiter ins Feld zu führen. 
In einem Brief an Kugelmann schreibt Marx am 12. April 1871, 
daß das Zentralkomitee der Nationalgarde die Macht zu früh über- 
geben habe,, um der Kommune den Platz zu räumen. Kautsky 
„begreift“, seinen eigenen Worten zufolge, diese Meinung Marxens 
nicht. Das ist ganz einfach. Marx hat auf jeden Fall begriffen, 
daß die Aufgabe nicht in der Jagd nach Legalität, sondern darin 
bestand, dem Feind den Todesstoß zu versetzen. „Hätte das Zen- 
tralkomitee aus wirklichen Revolutionären bestanden — sagt Law- 
row richtig — so hätte es anders handeln müssen. Es wäre dann 
unverzeihlich gewesen, den Feinden 10 Tage vor der Wahl und 



I I J I 



der Einberufung der Kommune zur Erholung zu geben, während 
die Führer des Proletariats die Pflicht und das Recht ablehnten, 
das Proletariat unverzüglich zu leiten. Der fatale Mangel an 
Vorbereitung der Volksparteien schuf das Komitee, das sich 
zu diesen 10 Tagen der Untätigkeit verpflichtet fühlte“ (S. 78). 

Das Bestreben des Zentralkomitees, die Macht so bald wie 
möglich einer „gesetzlichen“ Regierung zu übergeben, wurde nicht 
so sehr vom Aberglauben des formalen Demokratismus, an welchem 
übrigens kein Mangel herrschte, diktiert, wie von der Furcht vor 
der Verantwortung. Unter dem Vorwand, daß es eine provisorische 
Institution sei, wich das Zentralkomitee der Ergreifung der not- 
wendigsten und dringendsten Maßnahmen aus, ungeachtet dessen, 
daß sich der ganze materielle Apparat der Macht in seinen Händen 
befand. Aber auch die Kommune hatte nicht in vollem Maße die 
politische Macht aus den Händen des Zentralkomitees übernommen, 
das fortfuhr, sich ziemlich ungeniert in alle Angelegenheiten einzu- 
mischen. Das schuf eine besonders in militärischer Hinsicht gefähr- 
liche Doppelherrschaft.. 

Am 3. Mai sandte das Zentralkomitee eine Deputation in die 
Kommune und verlangte für sich die Verwaltung des Kriegsministe- 
riums. Von neuem wurde, wie Lissagaray sagt, die Frage auf- 
geworfen, „ob das Zentralkomitee aufzulösen oder zu verhaften oder 
ob ihm die Verwaltung des Kriegsministeriums zu überlassen sei.“ 

Es handelte sich hier durchaus nicht um die Prinzipien der 
Demokratie, sondern um den Mangel an einem klaren Aktions- 
programm bei beiden Beteiligten und um die Bereitschaft so der 
eigenmächtigen revolutionären Organisation des Zentralkomitees, 
wie auch der „demokratischen“ Organisation des Zentralkomitees, 
Verantwortung einander aufzuerlegen, ohne gleichzeitig ganz der 
Macht zu entsagen. Das sind politische Beziehungen, die, scheint 
es, durchaus nicht nachahmungswürdig genannt werden können. 

„Aber das Zentralkomitee — tröstet sich Kautsky — versuchte 
nie, das Prinzip anzutasten, daß den Erwählten des allgemeinen 
Stimmrechts die oberste Macht gebühre. In diesem Punkte war 
die Pariser Kommune das gerade Gegenteil der russischen Sowjet- 
republik“ (S. 55). Die Regierung besaß weder Einheit des Willens 
noch revolutionäre Entschlossenheit; es bestand Doppelherrschaft, 
die im Resultat zum schnellen und fürchterlichen Zusammenbruch 
führte. Dafür aber — ist das etwa nicht tröstlich? — wurde das 
„Prinzip“ der Demokratie nicht verletzt. 


Die demokratische Kommune und die revolutionäre 

Diktatur . 

Genosse Lenin hat Kautsky schon darauf hingewiesen, daß 
die Versuche, die Kommune als Ausdruck der formalen Demokratie 


f 



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'—63 — 

hin zustellen, eine direkte theoretische Charlatanerie sind. Die Kom- 
mune war, nach den Traditionen und dem Plan ihrer leitenden poli- 
tischen Partei, der Blanquisten, der Ausdruck der Diktatur 
einer revolutionären Stadt über das ganze Land. 
So war es in der Großen Französischen Revolution; so wäre es 
auch in der Revolution von 1871 gewesen, wenn die Kommune 
nicht gleich zu Anfang gefallen wäre. Die Tatsache, daß die Macht 
in Paris selbst auf Grund allgemeiner Abstimmung gewählt war, 
beseitigt nicht eine andere Tatsache, die von viel größerer Trag- 
weite ist: die militärischen Aktionen der Kommune, einer Stadt, 
gegen das bäuerliche Frankreich, d. h. das ganze Land. Um den 
großen Demokraten Kautsky zu befriedigen, hätten die Revolutio- 
näre der Kommune erst durch allgemeine Abstimmung die ganze 
Bevölkerung Frankreichs befragen sollen, ob sie ihnen gestatte, 
gegen die Banden von Thiers zu kämpfen. 

Endlich wurden die Wahlen in Paris selbst nach der Flucht 
der Thiersschen Bourgeoisie, wenigstens ihrer aktivsten Elemente, 
und nach der Entfernung der Thiersschen Truppen vorgenommen. 
Die in Paris gebliebene Bourgeoisie fürchtete bei all ihrer Frech- 
heit dennoch die revolutionären Bataillone, und die Wahlen fanden 
unter dem Zeichen dieser Furcht statt, die eine Vorahnung des 
weiterhin unvermeidlichen roten Terrors war. Sich damit trösten % 
zu wollen, daß das Zentralkomitee der Nationalgarde, unter dessen 
zum Unglück äußerst matter und formloser Diktatur sich die Wahlen 
in die Kommune vollzogen, das Prinzip der allgemeinen Abstim- 
mung nicht verletzt habe, heißt wahrlich, mit dem Schatten der 
Bürste den Schatten des Wagens reinigen. 

Bei seinen fruchtlosen Gegenüberstellungen nutzt Kautsky den 
Umstand aus, daß der Leser nicht mit den Tatsachen bekannt ist. 
In Petersburg haben wir im Dezember 1917 ebenfalls eine Kommune 
{die Stadtduma) auf der Grundlage der „demokratischsten“ Ab- 
stimmung, ohne Einschränkung für die Bourgeoisie, gewählt. Diese 
Wahlen ergaben für uns bei dem Boykott der bürgerlichen Parteien 
eine erdrückende Mehrheit*). Die „demokratisch“ gewählte Stadt- 
duma unterwarf sich freiwillig dem Petersburger Sowjet, d. h. sie 
stellte die Tatsache der Diktatur des Proletariats über das „Prinzip“ 

*) Es ist interessant festzustellen, daß sich an den Kommunal wählen 
im Jahre 1871 in Paris 230 000 Wähler beteiligt haben. An den Wahlen in 
die Stadtverwaltung im Dezember 1917 in Petersburg nahmen, trotz des 
Boykotts der Wahlen seitens aller Parteien, außer unserer und der Partei 
der linken Sozialrevolutionäre, die in der Hauptstadt fast gar keinen Ein- 
fluß hatten, 400 000 Wähler teil. Paris zählte im Jahre 1871 — 2 000 000 
Bevölkerung. Petersburg hatte im Jahre 1917 — 2 000 000 Bevölkerung. 
Man muß in Betracht ziehen, daß unser Wahlsystem ungleich demokra- 
tischer war. Das Zentralkomitee der Nationalgarde führte die Wahlen auf 
Grund des Wahlgesetzes des Kaiserreichs durch. 



I I I 


— 64 — 

der allgemeinen Abstimmung und löste sich nach einiger Zeit durch 
eigene Verfügung zugunsten einer der Abteilungen des Peters- 
burger Sowjets auf. Demgemäß ist dem Petersburger Sowjet — 
diesem echten Vater der Sowjetmacht — der Segen der formalen 
„demokratischen“ Weihe ebenso zuteil geworden wie der Pariser 
Kommune. 

„Bei der Wahl am 26. März wurden 90 Mitglieder der Kom- 
mune gewählt. Darunter 15 Regierungsleute und 6 Bürgerlich- 
Radikale, die in Opposition zur Regierung standen, die Insurrektion 
(der Pariser Arbeiter) aber verurteilten“. 

„Eine Sowjetrepublik — belehrt Kautsky — hätte es gar nicht 
gestattet, daß solche Elemente der Gegenrevolution sich als Kan- 
didaten präsentieren, geschweige denn sich wählen lassen konnten. 
Die Kommune bereitete, ihrem Respekt vor der Demokratie ent- 
sprechend, der Wahl ihrer bürgerlichen Gegner nicht die geringsten 
Hindernisse“ (S. 55—56). Wir haben schon oben gesehen, daß 
Kautsky hier in jeder Hinsicht ins Blaue trifft. Erstens haben im 
analogen Entwicklungsstadium der russischen Revolution demokra- 
tische Wahlen in die Petersburger Kommune stattgefunden, wobei 
die Sowjetmacht den bürgerlichen Parteien keinerlei Hindernisse in 
den Weg legte, und wenn die Kadetten, Sozialrevolutionäre und 
Menschewiki, die durch ihre Presse offen zum Sturz der Sowjet- 
macht aufforderten, die Wahlen boykottiert haben, so nur deshalb, 
weil sie zu der Zeit noch hofften, durch militärische Kraft schnell 
mit uns fertig zu werden. Zweitens gab es auch in der Pariser 
Kommune eine alle Klassen umfassende Demokratie nicht. Für 
die bürgerlichen Deputierten — die Konservativen, Liberalen, Gam- 
bettisten — war in ihr kein Platz. 

„Fast alle diese Personen — sagt Lawrow — traten sofort oder 
sehr bald aus dem Rat der Kommune aus; sie hätten Vertreter von 
Paris — der freien Stadt unter der Verwaltung der Bourgeoisie 
— sein können, gehörten aber durchaus nicht in den Rat einer 
Gemeinde, die mit ihrem Willen oder gegen denselben, bewußt 
oder unbewußt, vollkommen oder unvollkommen die Revolution 
des Proletariats und einen wenn auch schwachen Versuch vorstellte, 
Gesellschaftsformen zu schaffen, die dieser Revolution entsprachen“ 
(S. 111 — 112). Hätte die Petersburger Bourgeoisie nicht die Kom- 
munalwahlen boykottiert, so hätten ihre Vertreter zur Petersburger 
Stadtduma gehört. Dort wären sie bis zum ersten Aufstand der 
Sozialrevolutionäre und Kadetten geblieben, wonach sie — mit oder 
ohne Erlaubnis von Kautsky — wahrscheinlich verhaftet worden 
wären, wenn sie es nicht vorgezogen hätten, die Duma rechtzeitig 
zu verlassen, wie dies zu einem gewissen Zeitpunkt die bürgerlichen 
Glieder der Pariser Kommune getan haben. Der Gang der Ereig- 



— 65 — 

nisse wäre derselbe geblieben, — nur daß sich an seiner Oberfläche 
einige Episoden anders gestaltet hätten. 

Kautsky, der die Demokratie der Kommune preist und sie 
gleichzeitig ungenügender Entschlossenheit in Bezug auf Versailles 
beschuldig, begreift nicht, daß die Kommunalwahlen, die unter 
der zweideutigen Teilnahme der „gesetzmäßigen“ Maires und Depu- 
tierten durchgeführt wurden, die Hoffnung auf einen friedlichen 
Vertrag mit Versailles abspiegelten. Darin liegt das Wesen der 
Sache. Die Führer wollten eine Verständigung und nicht den 
Kampf. Die Illusionen der Wahlen hatten sich in den Massen noch 
nicht überlebt. Die falschen revolutionären Autoritäten hatten sich 
noch nicht blamiert. Alles zusammen wurde Demokratie genannt. 

„Wir müssen unsere Feinde durch moralische Kraft be- 
herrschen“ . . . predigte Vermorel. „Man darf die Freiheit und das 
Leben der Persönlichkeit nicht antasten . . .“ > Im Bestreben, den 
„Bürgerkrieg“ zu verhüten, forderte Vermorel die liberale Bourr 
geoisie, die er früher so schonungslos gebrandmarkt hatte, auf, eint 
„richtige von der ganzen Bevölkerung von Paris anerkannte und 
geachtete Macht“ zu schaffen. Das „Journal Offiziel“ das unter der 
Leitung des Internationalisten Longuet erschien, schrieb : „Das trau- 
rige Mißverhältnis, das in den Junitagen (1848) zwei Gesellschafts- 
klassen gegeneinander bewaffnet hat, kann sich nicht mehr wieder- 
holen . . . Der Klassenantagonismus hat aufgehört zu existieren . . .“ 
(v. 30. März). Und weiter: „Jetzt wird jede Zwietracht aufhören, 
weil alle solidarisch sind, weil der soziale Haß, der soziale Antago- 
nismus niemals so gering waren“ (v. 3. April). Auf der Sitzung der 
Kommune vom 25. April konnte sich Jourde nicht ohne Grund 
dessen rühmen, daß die Kommune „noch nicht das Eigentumsrecht 
verletzt habe“. Dadurch hoffte man die bürgerliche öffentliche 
Meinung zu erobern und den Weg zur Verständigung zu finden. 

„Eine derartige Predigt — sagt Lawrow ganz richtig — ent- 
waffnete die Feinde des Proletariats, die sehr gut verstanden, womit 
ihnen der Triumph des Proletariats drohte, durchaus nicht, be- 
raubte aber das Proletariat der Energie und verblendete es gleich- 
sam vorsätzlich angesichts der unversöhnlichen Feinde“ (S. 137). 
Aber diese lähmende Predigt war untrennbar mit der Fiktion der 
Demokratie verbunden. Die Form der scheinbaren Legalität gestat- 
tete die Annahme, daß die Frage ohne Kampf gelöst werden 
würde. „Was die Bevölkerungsmassen anbetrifft, — schreibt das 
Mitglied der Kommune Arthur Amould, — so glaubten sie mit 
einigem Recht an einem mindestens geheimen Vertrag mit der 
Regierung“. Machtlos die Bourgeoisie anzuziehen, täuschten die 
Kompromißler, wie immer, das Proletariat. 

Daß der demokratische Parlamentarismus unter den Verhält- 
nissen des unvermeidlichen und schon beginnenden Bürgerkrieges 



I I O I 


— 66 - 

% / 

nur die den Kompromißlern eigene Hilflosigkeit . der leitenden 
Gruppen ausdrückte, davon zeugt am deutlichsten die sinnlose 
Prozedur der Ergänzungswahlen in die Kommune vom 16. April. 
Zu dieser Zeit „war schon kein Sinn für Abstimmung vorhanden“ 
— schreibt Arthur Arnould. — „Die Lage war so tragisch, daß es 
dazu, daß die Abstimmung überhaupt ihren Zweck erreichen konnte, 
an der nötigen Zeit und der nötigen Kaltblütigkeit fehlte . . . Alle, 
die der Kommune ergeben waren, befanden sich auf den Befesti- 
gungen, in den Forts, in den vordersten Reihen der Truppen . . . 
Das Volk legte den Ergänzungswahlen gar keine Bedeutung bei. 
Die Wahlen waren eigentlich nur Parlamentarismus. Man hätte 
nicht die Wähler zählen, sondern Soldaten haben müssen; man 
hätte nicht ermitteln sollen, ob wir in der Meinung von Paris ge- 
stiegen oder gefallen, sondern Paris vor den Versaillern schützen 
sollen“. Aus diesen Worten hätte Kautsky ersehen können, warum 
es in der Praxis nicht so einfach ist, den Klassenkampf mit der alle 
Klassen umfassenden Demokratie zu verbinden. 

„Die Kommune ist keine Konstituierende Versammlung, — 
schrieb in seiner Zeitschrift Millieres, einer der besten Köpfe der 
Kommune, — sie ist ein Kriegsrat. Sie muß ein Ziel haben: den 
Sieg; eine Waffe: die Kraft; ein Gesetz: das Gesetz der Rettung 
der Gesellschaft“. 

„Sie konnten nie begreifen, — beschuldigt Lissagaray die 
Führer, — daß die Kommune eine Barrikade und keine Verwaltung 
war . . .“ 

Erst am Schluß, als es schon zu spät war, fingen sie an, das 
zu begreifen. Kautsky hat das bis zum heutigen Tage nicht begriffen. 
Es ist kein Grund, anzunehmen, daß er dies jemals begreift. 

* * 

* 

Die Kommune war die lebendige Verneinung der formalen 
Demokratie, denn in ihrer Entwicklung bedeutete sie die Diktatur 
des werktätigen Paris über das bäuerliche Land. Diese Tatsache 
beherrscht alle übrigen. Wie sehr sich die politischen Routiniers 
aus der Mitte der Kommune selbst auch an den Schein der demo- 
kratischen Legalität klammerten, jede Handlung der Kommun^, 
die für den Sieg nicht ausreichte, genügte für die Enthüllung ihrer 
illegalen Natur. 

Die Kommune, d. h. die Pariser Stadtverwaltung, schaffte das 
Reichsgesetz über die Konskription ab. Sie nannte ihr offizielles 
Organ: „Offizielles Journal der französischen Republik“. Sie rührte, 
wenn auch zaghaft, an die Reichsbank. Sie proklamierte die Tren- 
nung von Kirche und Staat und schaffte das Budget der Glaubens- 
bekenntnisse ab. Sie trat in Beziehungen zu den ausländischen Bot- 
schaften usw. Alles dies tat sie mit dem Recht der revolutionären 



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— 67 — 

Diktatur. Dieses Recht aber wollte der damals noch grüne Demo- 
krat Clemenceau nicht anerkennen. 

Auf einer Konferenz mit dem Zentralkomitee sagte Clemen- 
ceau: „Der Aufstand hatte eine ungesetzliche Veranlassung . . . Bald 
wird das Komitee lächerlich sein und werden seine Dekrete verachtet 
werden. Außerdem hat Paris nicht das Recht, sich gegen Frank- 
reich zu erheben und muß unbedingt die Autorität der National- 
versammlung anerkennen.“ 

Es war die Aufgabe der Kommune, die Nationalversammlung 
auf zulösen. Leider gelang ihr dies nicht. Heute sucht Kautsky 
nach mildernden Umständen für ihre „verbrecherische“ Absicht. 

Er weist darauf hin, daß die Kommunarden in der National- 

/ I 

Versammlung Monarchisten als Gegner hatten, während wir in der 
Konstituierenden Versammlung Sozialisten in der Person der Sozial- 
revolutionäre und Menschewiki gegen uns hatten. Vollständige 
Geistesverwirrung! Kautsky spricht von den Menschewiki und den 
Sozialrevolutionären, vergißt aber den einzigen ernsten Feind — 
die Kadetten. Gerade sie waren unsere russische Partei Thiers, d. h. 
der Block der Eigentümer im Namen des Eigentums und Professor 
Miljukow war aus allen Kräften bestrebt, es dem kleinen großen 
Mann nachzumachen. Schon sehr bald — lange vor der November- 
umwälzung — begann Miljukow seinen Gallifet zu suchen, der 
Reihe nach in der Person der Generäle Kornilow, Alexejew, darauf 
Kaledin, Krassnow und nachdem Koltschak die konstituierende 
Versammlung auseinandergejagt und alle politischen Parteien in den 
Winkel gedrängt hatte, versagte die Partei der Kadetten, die einzige 
ernste bürgerliche, ihrem Wesen nach durch und durch monarchi- 
stische Partei ihm nicht die Unterstützung, sondern umgab ihn im 
Gegenteil mit noch größeren Sympathien. 

Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre spielten bei uns gar 
keine selbständige Rolle, ebenso wie die Partei Kautskys bei den 
revolutionären Ereignissen in Deutschland. Ihre Politik stützten 
sie voll und ganz auf die Koalition mit den Kadetten und räumten 
diesen dadurch die entscheidende Stellung ein, ganz unabhängig 
von dem politischen Kräfteverhältnis. Die Partei der Sozialrevo- 
lutionäre und Menschewiki war nur der Verbindungsapparat, der 
dazu diente, um auf den Versammlungen und bei den Wahlen das 
politische Vertrauen der durch die Revolution erweckten Massen zu 
sammeln und es darauf der geger-revolutionären imperialistischen 
Partei der Kadetten, unabhängig von dem Ausgang der Wahlen, 
zur Verfügung zu stellen. Die echte Vasallenabhängigkeit der sozial- 
revolutionär-menschewistischen Mehrheit von der kadettischen 
Minderheit war an und für sich schlecht verhüllte Verspottung 
der Idee der „Demokratie“. Doch damit nicht genug. In allen den 
Gebieten des Landes, wo das Regime der „Demokratie“ zu lange an- 



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— 68 — 

hielt, endete es unausbleiblich mit dem offenen Staatsstreich der 
Gegenrevolution. So war es in der Ukraine, wo die demokratische 
Rada, die die Sowjetmacht dem deutschen Imperialismus ausgeliefert 
hatte, selbst von dem Monarchisten Skorporadski gestürzt wurde. 
So war es im Kubangebiet, wo sich die demokratische Rada unter 
dem Stiefel Denikins erwies. So war es — und das ist das wich- 
tigste Experiment unserer „Demokratie“ — in Sibirien, wo die Kon- 
stituierende Versammlung, mit der formalen Herrschaft der Sozial- 
revolutionäre und Menschewiki bei der Abwesenheit der- Bolsche- 
wiki, mit der faktischen Leitung der Kadetten zur Diktatur des 
Zarenadmirals Koltschak führte. So war es endlich in unserem 
Norden, wo sich die Konstituante in der Person der Regierung 
des Sozialrevolutionärs Tschaikowski in eine nachlässige Dekoration 
für die Herrschaft der russischen und englischen gegenrevolutio- 
nären Generäle verwandelt hatten. So war es oder ist es in allen 
kleinen Randstaaten : in Finnland, in Estland, in Lettland, in Litauen, 
in Polen, in Georgien, in Armenien, wo sich unter der formalen 
Fahne der Demokratie die Befestigung der Herrschaft der Grund- 
besitzer, der Kapitalisten und des ausländischen Militarismus 
vollzieht. 


Die Pariser Arbeiter von 1871 • 

Die Petersburger Proletarier von 1917 . 

Eine der gröbsten und unmotiviertesten und politisch schäd- 
lichsten Gegenüberstellungen, die Kautsky zwischen der Kommune 
und Sowjetrußland macht, betrifft den Charakter des Pariser 
Arbeiters von 1871 und des russischen Proletariers von 1917 — 
1919. Ersteren schildert Kautsky als revolutionären Enthusiasten, 
der zu hoher Selbstaufopferung fähig ist, letzteren als Egoisten, 
Feigling, elementaren Anarchisten. 

Der Pariser Arbeiter hat eine zu bestimmte Vergangenheit, um 
der revolutionären Empfehlung oder des Schutzes vor dem Lobe 
des jetzigen Kautsky zu bedürfen. Trotzdem hat der Petersburger 
Proletarier keinen Grund und kann er keinen Grund haben, einem 
Vergleich mit seinem heldenhaften älteren Bruder auszuweichen. 
Der ununterbrochene dreijährige Kampf der Petersburger Arbeiter 
— erst um die Eroberung der Macht, darauf um ihre Erhaltung und 
Befestigung, — unter nie dagewesenen, durch Hunger, Kälte und 
ewige Gefahren verursachten Qualen, bildet eine ausschließliche 
Chronik des kollektiven Heldenmuts und der Selbstaufopferung. 
Kautsky, wie wir dies in einem anderen Zusammenhang erklären, 
nimmt zum Vergleich mit der Blüte der Kommunarden die dunkel- 
sten Elemente des russischen Proletariats. Er unterscheidet sich 
auch in dieser Beziehung nicht von den bürgerlichen Sykophanten, 


i 



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- 69 - 

denen die toten Kommunarden ungleich anziehender als die lebenden 
scheinen. ' ' * 

Das Petersburger Proletariat hat die Macht viereinhalb Jahr- 
zehnte später als die Pariser Proletarier in Besitz genommen. Diese 
Frist hat uns ungeheure Vorzüge in die Hand gegeben. Der klein- 
bürgerliche Handwerkercharakter des alten, zum Teil auch des 
neuen Paris ist Petersburg, dem Mittelpunkt der konzentriertesten 
Industrie der Welt, vollständig fremd. Der letzte Umstand hat uns 
die Aufgaben der Agitation und Organisation wie die Errichtung 
des Sowjetsystems außerordentlich erleichtert. 

Unser Proletariat verfügt auch nicht in entferntem Maß über 
die reichen revolutionären Traditionen des französischen Prole- 
tariats. Dafür aber war zu Beginn der gegenwärtigen Revolution im 
Gedächtnis der älteren Generation unserer Arbeiter der große Ver- 
such von 1905, sein Mißerfolg, und die von ihm ererbte Pflicht der 
Rache noch frisch. 

Die russischen Arbeiter konnten nicht wie die französischen 
auf eine lange Jahre währende Schule der Demokratie und des Par- 
lamentarismus zurückblicken, die zu einer gewissen Epoche ein 
wichtiger Faktor der politischen Kultur des Proletariats war. 
Andererseits aber hatten sich unter der russischen Arbeiterklasse 
noch nicht die Bitterkeit der Enttäuschung und das Gift des Skep- 
tizismus gelegt, die bis zu einem gewissen, hoffentlich nicht mehr 
fernen Augenblick den revolutionären Willen des französischen 
Proletariats lähmen. 

Die Pariser Kommune erlitt militärischen Zusammenbruch, ehe 
die ökonomischen Fragen in ihrer ganzen Größe an sie herantraten. 
Trotz der vortrefflichen Kampfeseigenschaften der Pariser Arbeiter, 
war das militärische Schicksal der Kommune von vornherein als 
hoffnungslos vorausbestimmt: die Unentschlossenheit und der Hang 
zu Kompromissen unter der Elite erzeugten den Verfall in den Unter- 
schichten. 

Der Nationalgarde wurde der Sold für 162 000 Soldaten und 
6 500 Offiziere ausgezahlt; aber die Zahl derer, die tatsächlich in 
den Kampf gingen, schwankte, besonders nach dem mißlungenen 
Ausfall am 3. April, zwischen 20 und 30 000. 

Diese Angaben kompromittieren die Pariser Arbeiter durchaus 
nicht und geben nicht das Recht, sie als Feiglinge und Fahnen- 
flüchtige zu betrachten, obgleich natürlich auch an Fahnenflucht 
kein Mangel herrschte. Eine kampffähige Armee braucht vor allem 
einen zentralisierten und genauen Verwaltungsapparat. Davon war 
bei der Kommune keine Rede. 

Das Militärressort der Kommune glich, nach dem Ausdruck 
eines Verfassers, einem dunklen Zimmer, in dem alle aufeinander- 
stießen. Die Kanzlei dies Ministeriums war von Offizieren und 



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einfachen Gardisten angefüllt, die Kriegsvorräte und Verpflegung 
forderten und sich beklagten, daß man sie nicht ablöse. Man 
schickte sie auf die Kommandantur . . . 

„Einige Bataillone blieben 20 bis 30 Tage in den Laufgräben, 
während andere beständig in der Reserve gehalten wurden . . . 
Diese Sorglosigkeit tötete bald jede Disziplin. Die Tapferen wollten 
bald nur von sich selbst abhängig sein; andere wichen dem Dienst 
aus. Ebenso handelten auch die Offiziere; die einen verließen 
ihren Posten, um dem Nachbar, der im Teuer stand, zu Hilfe zu 
eilen; andere gingen fort in die Stadt . . („Pariser Kommune 
von 1871“, P. L. Lawrow, 1919, S. 100). 

Dieses Regime konnte nicht ungestraft bleiben: die Kommune 
wurde im Blut erstickt. Diesbezüglich aber hat Kautsky einen 
unvergleichlichen Trost: 

„Das Kriegführen — sagt er und schüttelt den Kopf — ist eben 
nicht die starke Seite des Proletariats“ (S. 76). 

Dieser Aphorismus, der eines Pangloß würdig ist, steht voll- 
ständig auf der Stufe eines anderen großen Ausspruchs von 
Kautsky, — nämlich, ,daß die Internationale während des Krieges 
nicht brauchbar ist, da sie ihrem Wesen nach ein „Friedens- 
instrument“ sei. 

In diesen beiden Aphorismen zeigt sich eigentlich der jetzige 
Kautsky voll und ganz d. h. fast als völlige Null. Die Kriegführung, 
seht ihr wohl, ist überhaupt nicht die starke Seite des Proletariats, 
desto mehr, da auch die Internationale nicht für die Kriegsepoche 
geschaffen worden ist. Das Schiff Kautskys ist für Teiche und für 
ruhige Buchten geschaffen und nicht für das offene Meer und für 
stürmische Zeiten. Wenn dieses Schilf ein Leck bekommen hat und 
nun glücklich sinkt, so sind daran der Sturm, die große Masse des 
Wassers, das Uebermaß der Wogen und eine Reihe anderer, nicht 
vorhergesehener Umstände schuld, für die Kautsky sein prächtiges 
Instrument nicht vorherbestimmt hat. 

Das internationale Proletariat hat die Eroberung der Macht 
zu seiner Aufgabe gemacht. Unabhängig davon, ob der Bürger- 
krieg „im allgemeinen“ zu den notwendigen Attributen der Revo- 
lution „im allgemeinen“ gehört, bleibt die Tatsache unzweifelhaft 
bestehen, daß die Vorwärtsbewegung des Proletariats, wenigstens 
in Rußland, in Deutschland, in den Teilen des Früheren Oesterreich- 
Ungarns, die Form eines intensiven Bürgerkrieges angenommen 
hat und dies nicht nur an den inneren, sondern auch an den aus- 
wärtigen Fronten. Wenn die Kriegführung nicht die starke Seite 
des Proletariats ist und wenn die Arbeiterinternationale nur für 
die Friedensepoche brauchbar ist, dann muß man die Revolution 
und den Sozialismus zu Grabe tragen, denn die Kriegführung bildet 
eine ziemlich starke Seite des kapitalistischen Staates, der ohne 



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Krieg die Arbeiter nicht zur Verwaltung zulassen wird. Dann 
bleibt nur übrig, die sogenannte „sozialistische“ Demokratie ein- 
fach für eine Schmarotzerin der kapitalistischen Gesellschaft und 
des bürgerlichen Parlamentarismus zu erklären, d. h. offen das zu 
sanktionieren, was in der Politik die Ebert, Scheidemann und Re- 
naudel tun und wogegen Kautsky immer noch mit Worten zu 
protestieren scheint. 

Die Kriegführung war nicht die starke Seite der Kommune. 
Eben deshalb wurde die Kommune zertrümmert. Und wie 
schonungslos zertrümmert! 

„Man muß — schrieb seinerzeit der ziemlich gemäßigte Libe- 
rale Fiaux — zu den Proskriptionen von Sulla, Antonius und Okta- 
vius zurückkehren, um derartige Morde in der Geschichte der zivili- 
sierten Nationen zu finden; die Religionskriege unter den letzten 
Valois, die Bartholomäusnacht, die Epoche der Terrors waren im 
Vergleich mit ihnen Kinderspiel. In der letzten Woche des Mai 
wurden in Paris 1 7 000 Leichen der föderierten Insurgenten auf- 
gefunden . . . Noch am 15. Juni wurde gemordet.“ 

„Das Kriegführen ist eben nicht die starke Seite des Prole- 
tariats“. 

Das ist nicht wahr! Die russichen Arbeiter haben gezeigt, 
daß sie fähig sind, sich auch des „Kriegsinstruments“ zu bemäch- 
tigen. Wir sehen hier einen gigantischen Schritt vorwärts im Ver- 
gleich zur Kommune. Das ist keine Lossagung von der Kommune, 
— denn die Traditionen der Kommune liegen durchaus nicht in 
ihrer Hilflosigkeit, — das ist die Fortsetzung ihres Werks. Die 
Kommune war schwach. Um ihr Werk zu Ende zu führen, sind 
wir stark geworden. Die Kommune wurde geschlagen. Wir ver- 
setzen den Henkern der Kommune Schlag auf Schlag. Wir rächen 
die Kommune und wir werden unsere Rache zu Ende führen. 

* * 

* 

Von den 162 000 Nationalgardisten, die Gehalt bezogen, gingen 
20 bis 30 000 in den Kampf. Diese Ziffern bilden ein iuteressantes 
Material für die Schlußfolgerung über die Rolle der formalen Demo- 
kratie in der revolutionären Epoche. Das Schicksal der Pariser 
Kommune wurde nicht bei den Abstimmungen entschieden, sondern 
in den Kämpfen mit den Truppen von Thiers. 162 000 National- 
gardisten bildeten die Hauptmasse der Wähler. Tatsächlich aber, in 
den Kämpfen, wurde das Schicksal der Kommune von 20 bis 30 000 
Mann, der aufopferungsfähigsten kämpfenden Minderheit, ent- 
schieden. Diese Minderheit stand nicht allein, — sie äußerte nur 
mutiger und selbstaufopfernder den Willen der Mehrheit. Das war 
aber doch nur die Minderheit. Die übrigen, die sich in kritischen 
Augenblicken versteckten, waren der Kommune nicht feindlich 



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— 72 — 

gesinnt; im Gegenteil, sie unterstützten dieselbe aktiv und passiv; 
sie waren aber weniger klassenbewußt, weniger entschieden. Auf 
der Arena der politischen Demokratie machte ihre niedrige Erkennt- 
nisfähigkeit es möglich, daß sie von Abenteurern, Betrügern, klein- 
bürgerlichen Scharlatanen und ehrlichen Dummköpfen, die sich 
selbst betrogen, getäuscht wurden. Im Augenblick des offenen 
Klassenkampfes aber folgten sie mehr oder weniger der selbstauf- 
opfernden Minderheit. Dies fand auch in der Organisation der 
Nationalgarde seinen Ausdruck. Hätte die Existenz der Kommune 
länger gedauert, so hätte sich diese Wechselbeziehung zwischen 
der Vorhut und der Masse des Proletariats mehr und mehr befestigt. 
Die Organisation, die sich im Prozeß des offenen Kampfes äs 
Organisation der werktätigen Massen gebildet hatte, wäre zur 
Organisation ihrer Diktatur, zum Rat der Deputierten des bewaff- 
neten Proletariats geworden. 



I I J I 


VI. Marx und - Kautsky. 

Kautsky verwirft in hochfahrender Weise die Ansichten Marx* 
über den Terror, die er in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ zum 
Ausdruck brachte, da Marx um jene Zeit noch sehr „jung“ gewesen 
sei, d. h. seine Ansichten hatten noch nicht den Zustand allgemeiner 
Schwächlichkeit annehmen können, die bei einigen Theoretikern im 
siebzigsten Jahre ihres Lebens so ausgeprägt hervortritt. Gegen den 
grünen Marx von 1848 — 49 (den Verfasser des Kommunistischen 
Manifestes) führt Kautsky den reifen Marx aus dem Zeitalter der 
Pariser Kommune, ins Treffen, — und letzterer verliert unter der 
Feder Kautskys seine graue Löwenmähne und tritt uns entgegen als 
sehr ehrenwerter Räsonneur, der den Heiligtümern der Demokratie 
seine Reverenzen macht, über die Heiligkeit des Menschenlebens 
deklamiert und wohl angemessene Hochachtung hat für die politi- 
schen Reize Scheidemanns, Vanderveldes und insbesondere seines 
leiblichen Enkels Jean Longuets. Mit einem Wort, der durch 
Lebenserfahrung weise gewordene Marx erscheint als ehrenfester 
Kautsky aner. 

Aus dem unsterblichen „Bürgerkrieg“, dessen Inhalt zu unserer 
Zeit neues pulsierendes Leben erhält, entnimmt Kautsky für seine 
Zwecke nur die Zeilen, in denen der gewaltige Theoretiker des 
Sozialismus die Großmut der Kommunards den bürgerlichen Bestia- 
litäten der Versailler gegenüberstellt. 

Diese Zeilen hat Kautsky ihres Inhalts beraubt und verallge- 
meinert, Marx als Prediger der abstrakten Humanität, als Apostel 
der allgemeinen Menschliebe. Als ob von Buddha oder Leo Tolstoi 
die Rede wäre . . . Gegen die internationale Hetze, die die Kom- 
munards als Zuhälter und die Frauen der Kommune als Prostituierte 
hinstellte, gegen die niedrige Verleumdung, die den besiegten 
Kämpfern bestialische Eigenschaften andichtete, welche nur der 
lasterhaften Einbildungskraft der siegreichen Bourgeoisie ent- 
sprangen, — dagegen hat Marx allerdings die Charakterzüge der 
Milde und des Edelmuts betont, die nicht selten nur die Kehrseite 
der Unentschlossenheit waren; aber das ist sehr begreiflich: Marx 
war Marx. Er war weder ein platter Pedant noch gar ein Staats- 
anwalt der Revolution, er verband die wissenschaftliche Analyse der 

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Kommune mit der revolutionären Apologie. Er erklärte und kriti- 
sierte nicht nur, sondern er verteidigte und kämpfte auch. Indem 
aber Marx die Milde der Kommune, die gestürzt war, hervorhob, 
ließ er doch keinerlei Zweifel über die Maßregeln, die die Kommune 
hätte ergreifen müssen, um ihrem Sturz vorzubeugen. 

Der Verfasser des „Bürgerkrieges“ macht dem Zentralkomitee, 
d. h. dem damaligen Sowjet der Nationalgardisten, den Vorwurf, 
daß er seinen Platz zu übereilt an die gewählte Kommune abge- 
treten habe. Kautsky findet die Gründe für diesen Vorwurf „unver- 
ständlich“. Diese gewissenhafte Verständnislosigkeit ist mit ein 
Kennzeichen für die Abstumpfung Kautskys gegen Revolutions- 
fragen überhaupt. Nach Marx hätte ein reines Kampforgan, der 
Mittelpunkt des Aufstandes und der Kriegshandlungen gegen die 
Versailler, auf den ersten Platz treten müssen, nicht aber eine Orga- 
nisation der Selbstverwaltung der Arbeiterdemokratie. Letztere 
sollte erst später an die Reihe kommen. 

Marx macht der Kommune zum Vorwurf, daß sie nicht sofort 
zum Angriff gegen die Versailler überging, sondern den Weg der 
Verteidigung betrat, der zwar immer „humaner“ aussieht und 
größere Möglichkeiten gewährt, an das moralische Recht und die 
Heiligkeit des Menschenlebens zu appellieren, aber zur Zeit des 
Bürgerkrieges niemals zum Siege führt. Marx jedoch wollte vor 
allem den revolutionären Sieg. Nirgends und mit keinem einzigen 
Worte hebt er das Prinzip der Demokratie hervor als ein Prinzip, 
das über den Klassenkampf steht. Im Gegenteil, — Marx, nicht der 
junge Redakteur der „Rheinischen Zeitung“, sondern der rfeife Ver- 
fasser des „Kapitals“, unser wahrer Marx mit der mächtigen Löwen- 
mähne, die von den Friseuren aus der Schule Kautskys noch nicht 
zurechtgestutzt ist, — mit welcher konzentrierten Verachtung eines 
Revolutionärs und Kommunisten spricht Marx von der „künstlichen 
Atmosphäre des Parlamentarismus“, in der die körperlichen und 
geistigen Zwerge ä la Thiers als Giganten erscheinen. Der „Bürger- 
krieg“ wirkt nach der unfruchtbar-dürren, winkelzügig-pedantischen 
Broschüre Kautskys wie ein erfrischendes Gewitter. 

Entgegen aller Verleumdung Kautskys hat Marx nichts gemein 
mit der Ansicht, daß die Demokratie das letzte, absolute, höchste 
Wort der Geschichte sei. Schon die Entwicklung der bürgerlichen 
Gesellschaft selbst, aus der die moderne Demokratie hervorgegangen 
ist, erscheint keineswegs als Vorgang jener allmählichen Demokrati- 
sierung, von der vor dem Kriege der größte aller sozialistischen 
Illusionisten der Demokratie Jean Jaurfcs geträumt hat und von der 
heute der gelehrteste aller Pedanten, Karl Kautsky, noch träumt. Im 
Kaiserreiche Napoleons III. sieht Marx „die einzige mögliche Re- 
gierungsform zu einer Zeit, wo die Bourgeoisie die Fähigkeit, die 
Nation zu beherrschen, schon verloren und wo die Arbeiterklasse 



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diese Fähigkeit noch nicht erworben hatte“. Für Marx ist also nicht 
die Demokratie, sondern der Bonapartismus die Endform der Macht 
der Bourgeoisie. Scholastiker können behaupten, daß Marx sich 
geirrt habe, da auf das bonapartistische Imperium für ein halbes 
Jahrhundert lang die „demokratische Republik“ gefolgt sei. Aber 
Marx hat sich nicht geirrt: dem Wesen nach hatte er recht. Die 
dritte Republik wurde zu einer Epoche des völligen Verfalls der 
Demokratie. Der Bonapartismus fand in der Börsenrepublik 
Poincare-Clemenceau einen vollendeteren Ausdruck als im zweiten 
Kaiserreich. Allerdings, die dritte Republik hat sich niefit die 
Kaiserkrone aufs Haupt gesetzt; dafür aber wachte über ihr der 
Schatten des russischen Zaren. 

Bei der Beurteilung der Kommune vermeidet Marx sorgfältig 
die alte, abgegriffene Münze der demokratischen Terminologie. 
„Die Kommune“, schreibt er, „sollte nicht eine parlamentarische, 
sondern eine arbeitende Körperschaft sein, vollziehend und gesetz- 
gebend zu gleicher Zeit“. In den Vordergrund stellt Marx nicht die 
bedingt demokratische Form der Kommune, sondern ihren Klassen- 
inhalt. Die Kommune schaffte bekanntlich das stehende Heer sowie 
die Polizei ab und dekretierte die Enteignung des Kirchenbesitzes. 
Sie tat dies nach dem Recht der Revolutionsdiktatur von Paris, ohne 
Genehmigung seitens der gesamtstaatlichen Demokratie, die um jene 
Zeit einen formell weitaus „gesetzlicheren“ Ausdruck in der Natio- 
nalversammlung Thiers fand. Die Revolution wird aber nicht durch 
Abstimmung entschieden. „Die Nationalversammlung“, sagt Marx, 
„war nur ein einzelner Zwischenfall in jener Revolution, deren 
wahre Verkörperung noch immer das bewaffnete Paris war“. Wie 
weit entfernt ist das von der formalen Demokratie. 

„Sobald die kommunale Ordnung“, sagt Marx, „einmal in 
Paris und den Mittelpunkten zweiten Ranges eingeführt war, hätte 
die alte zentralisierte Regierung auch in den Provinzen der Selbst- 
regierungder Produzenten weichen müssen“. Die Auf- 
gabe des revolutionären Paris sieht Marx also nicht darin, von 
seinem Siege her an den schwankenden Willen der Konstituante zu 
appellieren, sondern darin, über ganz Frankreich eine zentralisierte 
Organisation von Kommunen auszuspannen, die sich nicht auf 
äußerliche Prinzipien der Demokratie, sondern auf tatsächliche 
Selbstverwaltung der Erzeuger gründen. 

Kautsky hat der Sowjetverfassung die Vielstufigkeit der Wahlen 
zur Last gelegt, die den Vorschriften der bürgerlichen Demokratie 
widerspricht. Marx kennzeichnet die im Entstehen begriffene 
Struktur Arbeiterfrankreichs folgendermaßen: „Die Landgemeinden 
eines jeden Bezirks sollten ihre gemeinsamen Angelegenheiten durch 
eine Versammlung von Abgeordneten in der Bezirkshauptstadt ver- 



1 I J 


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4 

walten, und diese Bezirksversammlungen dann wieder Abgeordnete 
zur Nationalversammlung in Paris schicken“. 

Marx hatte, wie man sieht, durchaus keine Bedenken gegen die 
Vielstufigkeit der Wahlen, soweit es sich um die Staatsorganisation 
des Proletariats selbst handelte. Im Rahmen der bürgerlichen De- 
mokratie verdunkelt die Vielstufigkeit der Wahlen die Trennungs- 
linien zwischen Parteien und Klassen. In der „Selbstregierung der 
Produzenten“ dagegen, d. h. im proletarischen Klassenstaat ist die 
Vielstufigkeit der Wahlen nicht eine Frage der Politik, sondern der 
Selbstverwaltungstechnik und kann innerhalb gewisser Grenzen 
dieselben Vorzüge haben wie in der Gewerkschaftsorganisation. 

Die Philister der Demokratie sind empört über die Ungleich- 
heit der Vertretung der Arbeiter und der Bauern, die in der Sowjet- 
verfassung den Unterschied in der revolutionären Rolle von Stadt 
und Land widerspiegelt. Marx schreibt: „Die Kommunal verwal- 
fassung wollte die ländlichen Produzenten unter die geistige Füh- 
rung der Bezirkshauptstädte bringen und ihnen dort, in den städti- 
schen Arbeitern, die natürlichen Vertreter ihrer Interessen sichern“. 
Die Aufgabe besteht nicht darin, den Bauer auf dem Papier mit dem 
Arbeiter gleichzusetzen, sondern darin, den Bauer geistig auf den 
Stand des Arbeiters zu heben. Marx nimmt alle Fragen des Prole- 
tarierstaats in der revolutionären Dynamik der lebendigen Kräfte, 
nicht aber im Schattenspiel auf der Jahrmarktsbühne des Parlamen- 
tarismus. 

Um die letzte Grenze geistigen Tiefstandes zu erreichen, leugnet 
Kautsky die Staatsbefugnis der Arbeiterräte mit der Begründung ab, 
daß es keine juristische Abgrenzung zwischen Proletariat und 
Bourgeoisie gebe. In der nicht genügenden Ausgeprägtheit der 
sozialen Abgrenzungen sieht Kautsky die Quelle für die Willkür der 
Sowjetdiktatur. Marx sagt genau das Gegenteil: „Die Kommune 
war eine durch und durch dehnungsfähige politische Form, während 
alle früheren Regierungen wesentlich unterdrückend gewesen 
waren. Ihr wahres Geheimnis war dies: sie war eigentlich eine 
Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des 
Kampfes der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die 
endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Be- 
freiung der Arbeit sich vollziehen konnte“. Das Geheimnis der 
Kommune lag darin, daß sie ihrem eigensten Wesen nach eine Re- 
gierung der Arbeiterklasse war. Dieses von Marx klargelegte Ge- 
heimnis ist für Kautsky bis zum heutigen Tage ein Buch mit sieben 
Siegeln geblieben. 

Die Pharisäer der Demokratie sprechen mit Entrüstung von den 
Repressalien der Sowjetmacht, von der Schließung der Zeitungen, 
von den Verhaftungen und Erschießungen. Marx antwortet auf die 
„plumpen Schimpfereien der Lakaien von der Presse“ und auf die 



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Vorwürfe der „wohlmeinenden Bourgeois-Doktrinäre“ wegen der 
Repressalien der Kommune folgendermaßen: „Während der blut- 
dürstigen Kriegführung der Versailler außerhalb, — und ihrer Ver- 
suche der Bestechung und Verschwörung innerhalb Paris — hätte 
da die Kommune nicht ihre Stellung schmählich verrraten, wenn 
sie alle Anstandsformen des Liberalismus, wie im tiefsten Frieden 
beobachtet hätte? Wäre die Regierung der Kommune der des Herrn 
Thiers verwandt gewesen, es wäre ebensowenig Veranlassung dage- 
wesen, die Ordnungsparteiblätter in Paris, wie Kommuneblätter 
in Versailles zu unterdrücken“. Das also, was Kautsky namens der 
geheiligten Grundlagen der Demokratie verlangt, wird von Marx 
als schmachvoller Verrat an der Berufung gebrandmarkt. 

Die Zerstörungen, die der Kommune ebenso zur Last gelegt 
wurden wie heute der Sowjetmacht, bezeichnet Marx als „ein unum- 
gängliches und verhältnismäßig unbedeutendes Moment in dem 
Riesenkampf zwischen einer neuen, emporkommenden und einer 
alten, zusammenbrechenden Gesellschaft“. Zerstörungen und Grau- 
samkeiten sind in jedem Kriege unvermeidlich. Nur Sykophanten 
können sie als Verbrechen ansehen „im Kriege der Unter- 
jochten gegen ihre Bedrücker, dem einzigen ge- 
rechten Kriege in der Geschichte“ (Marx). Dabei 
spricht unser furchtbarer Ankläger Kautsky in seinem ganzen Büch- 
lein mit keinem Sterbenswörtchen davon, daß wir uns im Zustande 
der ununterbrochenen revolutionären Verteidigung befinden, daß 
wir einen angestrengten Krieg gegen die Weltbedrücker führen, 
diesen „einzig gerechten Krieg in der Geschichte“. 

Kautsky wirft sich noch einmal in die Brust angesichts dessen, 
daß die Sowjetmacht im Bürgerkriege das rauhe Mittel der Fest- 
nahme von Geiseln anwendet. Er führt abermals zusammenhang- 
lose und unehrliche Vergleiche der grausamen Sowjetmacht mit der 
humanen Kommune an. Klar und bestimmt lautet in dieser Hin- 
sicht das Urteil Marx’ : „Als Thiers schon vom Anfang des Kampfes 
an, die menschliche Sitte des Erschießens der kommunistischen Ge- 
fangenen in Kraft setzte, blieb der Kommune nichts übrig, 
zum Schutz des Lebens dieser Gefangenen, als zur preußischen Sitte 
des Geiselngreifens ihre Zuflucht zu nehmen. Das Leben der 
Geiseln war aber und abermals verwirkt durch das anhaltende Er- 
schießen von Gefangenen durch die Versailler. Wie konnte 
man ihrer noch länger schonen nach dem Blutbade, 
womit Mac Mahons Prätorianer ihren Einmarsch in Paris feierten“. 
Wie kann anders, fragen wir übereinstimmend mit Marx, im Zu- 
stande des Bürgerkrieges gehandelt werden, wenn die Gegenrevo- 
lution, die einen bedeutenden Teil des nationalen Gebiets besetzt 
hält, unbewaffnete Arbeiter, ihre Frauen und Mütter ergreift, wo sie 
ihrer habhaft werden kann, sie erschießt und erhängt, — wie kann 



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man anders handeln, als indem man die Lieblinge oder Vertrauens- 
männer der Bourgeoisie als Geiseln festnimmt und dadurch die 
ganze Bürgerklasse unter das Damoklesschwert der gegenseitigen 
Haftung stellt? Es wäre nicht schwierig, an der Hand der Ge- 
schichte des Bürgerkrieges Tag um Tag zu zeigen, daß alle Grau- 
samkeiten der Sowjetmacht abgenötigte Maßnahmen des revolutio- 
nären Selbstschutzes gewesen sind. Wir wollen hier nicht auf Ein- 
zelheiten eingehen. Um aber wenigstens ein Teilkriterium zur Be- 
wertung der Kampfbedingungen zu geben, erinnern wir daran, daß, 
während die Weißgardisten im Verein mit ihren englisch-französi- 
schen Verbündeten jeden Kommunisten ohne Ausnahme erschießen, 
der ihnen in die Hände fällt, die Rote Armee allen Gefangenen ohne 
Ausnahme Pardon gewährt, darunter auch den höheren Offizieren. 

„Im vollen Bewußtsein ihrer geschichtlichen Sendung und mit 
dem Heldenentschluß ihrer würdig zu handeln“, — so schrieb 
Marx, — „kann die Arbeiterklasse sich begnügen zu lächeln gegen- 
über den plumpen Schimpfereien der Lakaien von der Presse, wie 
gegenüber der lehrhaften Protektion wohlmeinender Bourgeois- 
Doktrinäre, die ihre unwissenden Gemeinplätze und Sektierer- 
marotten im Orakelton wissenschaftlicher Unfehlbarkeit abpredigen“. 

Wenn die wohlgesinnten Bourgeois-Doktrinäre zuweilen in 
der Gestalt ausgedienter Theoretiker der Zweiten Internationale er- 
scheinen, so nimmt dies ihren Kastenunsinn nicht im mindesten 
das Recht, Unsinn zu bleiben. 



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VII. Die Arbeiterklasse und ihre 

Sowj etpo litik. 

Das russische Proletariat . 

Die Initiative zur sozialistischen Revolution wurde durch die 
Macht der Dinge nicht dem alten Proletariat Westeuropas mit seinen 
mächtigen politischen und gewerkschaftlichen Organisationen, 
seinen schwerfälligen Traditionen des Parlamentarismus und Trade- 
unionismus zugewiesen, sondern der jungen Arbeiterklasse eines 
rückständigen Landes. Die Geschichte ging, wie immer, die Rich- 
tung des geringsten Widerstandes. Die revolutionäre Epoche 
stürmte durch die am wenigsten verrammelte Tür herein. Die 
außerordentlichen, wahrhaft übermenschlichen Schwierigkeiten, die 
sich hierbei vor dem russischen Proletariat anhäuften, haben die 
revolutionäre Arbeit des westeuropäischen Proletariats, die noch in 
der Zukunft liegt, vorbereitet, beschleunigt und wesentlich erleichtert 

Statt die russische Revolution vom Standpunkte der Aussichten 
der in der ganzen Welt angebrochenen revolutionären Epoche zu be- 
urteilen, verbreitet sich Kautsky darüber, ob das russische Prole- 
tariat die Macht nicht zu früh in seine Hände genommen habe. 

„Eine hohe Moral der Massen“, erläutert er, „ist die Vorbe- 
dingung des Sozialismus, eine Moral, die sich äußert nicht nur in 
starken sozialen Instinkten, Gefühlen der Solidarität usw. Eine 
solche Moral,“ so belehrt uns Kautsky, „haben wir bei den Prole- 
tariern der Pariser Kommune bereits stark entwickelt gefunden. 
Sie fehlt der Masse, die heute im bolschewistischen Proletariat den 
Ton angibt“. (S. 120). 

Für die Zwecke Kautskys genügt es nicht, in den Augen seiner 
Leser die Bolschewiki als politische Partei in Verruf zu bringen. 
Da er weiß, daß der Bolschewismus sich mit dem russischen Prole- 
tariat verschmolzen hat, macht Kautsky den Versuch, das russische 
Proletariat als Ganzes in Verruf zu bringen, es als eine unaufge- 
klärte, ideenlose, habgierige Masse hinzustellen, die sich von den 
Instinkten und Eingebungen des Augenblicks leiten läßt. Kautsky 
kommt in seiner Broschüre oftmals auf die Frage des geistigen und 



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sittlichen Niveaus der russischen Arbeiter zurück, und jedesmal nur 
um die Farbe bei der Kennzeichnung ihrer Unwissenheit, Stumpf- 
heit und Barbarei möglichst dick aufzutragen. Um einen möglichst 
starken Kontrast zu erzielen, führt Kautsky das Beispiel an, wie die 
Vertreter eines einzigen der Unternehmen der Kriegsindustrie 
zur Zeit der Kommune die obligatorische Nachtwache eines Ar- 
beiters im Unternehmen einführten, damit die ausgebesserten 
Waffen auch des Nachts ausgefolgt werden konnten. „Da es unter 
gegebenen Umständen aufs dringendste notwendig ist, mit den 
Pfennigen der Kommune sparsam umzugehen“, hieß es im Regle- 
ment, „werden diese Nachtwachen nicht vergütet“ . . . „Wahr- 
haftig“, folgert Kautsky, „diese Arbeiter betrachten die Zeit ihrer 
Diktatur nicht als eine günstige Konjunktur für eine Lohnbewegung. 
Die große allgemeine Sache stand ihnen höher als ihr persönliches 
Interesse“. (S. 65). Ganz anders die russische Arbeiterklasse. Es 
fehlen ihr „Bewußtsein, Ideenstärke, Selbstaufopferung, Beharrlich- 
keit“ usw. Sie ist ebensowenig imstande, sich selbst bevollmächtigte 
Führer zu erwählen, — höhnt Kautsky, — wie Münchhausen im- 
stande war, sich an seinem eigenen Zopfe aus dem Sumpf zu ziehen. 
Dieser Vergleich des russischen Proletariats mit dem Aufschneider 
Münchhausen, der sich aus dem Sumpf herauszieht, ist ein deutliches 
Beispiel für den unverschämten Ton, in dem Kautsky von der russi- 
schen Arbeiterklasse spricht. 

Er führt Zitate aus den einzelnen unserer Reden und Artikel 
an, wo die negativen Erscheinungen unter den Arbeitern festgenagelt 
werden, und sucht die Sache so darzustellen, als ob nur Passivität, 
Finsternis und Egoismus das Leben des russischen Proletariats in 
den Jahren 1917 — 20, d. h. in der größten aller Revolutionsepochen, 
völlig ausfüllen. 

Kautsky weiß quasi nicht, er hat es nicht gehört, er ahnt es 
nicht, er vermutet es nicht, daß das russische Proletariat während 
des Bürgerkrieges mehr als einmal Gelegenheit hatte, seine Arbeit 
uneigennützig herzugeben und sogar „unentgeltliche“ Wachen ein- 
zurichten, — und zwar nicht eines Arbeiters im Laufe einer langen 
Reihe von sorgenvollen Nächten. In den Tagen und Wochen des 
Vormarsches von Judenitsch auf Petersburg genügte ein Telepho- 
nogramm des Sowjets, um viele tausend Arbeiter in allen Betrieben 
und in allen Stadtvierteln auf ihren Posten wachzuhalten. Und dies 
nicht in den ersten Tagen der Petersburger Kommune, sondern nach 
zweijährigem Kampfe, in Kälte und Hunger. 

Unsere Partei macht zwei- bis dreimal im Jahr einen hohen 
Prozentsatz ihrer Mitglieder für die Front mobil. Auf einer 8000 km 
langen Linie sterben sie und lehren andere zu sterben. Und als im 
hungrigen und kalten Moskau, das die Blüte seiner Arbeiterschaft 
für die Front hergegeben hatte, eine Parteiwoche veranstaltet wird, 



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da strömen im Laufe von sieben Tagen aus der Proletariermasse 
15 000 Mann in unsere Reihen. Und in welchem Augenblick? . Als 
die Gefahr eines Unterganges der Sowjetmacht aufs höchste ge- 
stiegen ist, in einem Augenblick, da Orel eingenommen war und 
Denikin sich Tula und Moskau näherte, Judenitsch Petersburg be- 
drohte, in diesem schwersten Zeitraum gab das Moskauer Prole- 
tariat im Laufe einer Woche für unsere Partei 15 000 Mann her, die 
neue Mobalmachungen an die Front zu gewärtigen hatten. Und 
man kann mit voller Gewißheit sagen, daß das Moskauer Proletariat 
noch nie, ausgenommen vielleicht die Wochen des Novemberauf- 
standes von 1917, in seiner revolutionären Begeisterung und seiner 
Bereitschaft zu selbstaufopfemdem Kampfe so einmütig war, wie in 
diesen schwersten Tagen voller Gefahren und Opfer. 

Als unsere Partei die Parole der kommunistischen Samstage 
und Sonntage ausgab, fand der revolutionäre Idealismus des Prole- 
. tariats beredten Ausdruck in der Form der Arbeitsfreiwilligkeit. An- 
fangs gaben Dutzende und Hunderte; dann Tausende, jetzt geben 
Zehntausende und Hunderttausende von Arbeitern allwöchentlich 
einige Stunden ihrer Arbeit unentgeltlich für die wirtschaftliche 
Wiederaufrichtung des Landes her. Und das tun halbhungrige 
Leute, in zerrissenen Stiefeln, in schmutziger Wäsche, — da das 
Land weder Schuh werk noch Seife hat. So sieht in Wahrheit das 
bolschewistische Proletariat aus, dem Kautsky einen Kursus der 
Selbstverleugnung vorschreibt. Die Tatsachen und ihr Verhältnis 
zueinander treten uns noch ausgeprägter entgegen, wenn wir hier 
gleich daran erinnern, daß alle egoistischen, spießbürgerlichen, 
grob-eigennützigen Elemente des Proletariats, — alle diejenigen, die 
sich vor der Front, vor den kommunistischen Samstagen drücken, 
sich mit Schleichhandel beschäftigen und die Arbeiter in Hunger- 
wochen zu Ausständen anregen, — daß sie alle bei den Sowjet- 
wahlen für die Menschewiki stimmen, d. h. für die russischen 
Kautskyaner. 

Kautsky führt unsere Worte darüber an, daß wir uns auch vor 
der Novemberrevolution volle Rechenschaft gaben über die Mängel 
der Erziehung des russischen Proletariats, daß wir aber angesichts 
der Unvermeidlichkeit des Übergangs der Macht an die Arbeiter- 
klasse uns für berechtigt hielten, darauf zu hoffen, daß wir durch 
den Kampf selbst, durch seine Erfahrungen, und bei der ständig 
wachsenden Unterstützung durch das Proletariat der anderen 
Länder mit den Schwierigkeiten fertig werden und den Übergang 
Rußlands zur sozialistischen Ordnung sicherstellen könnten. Aus 
diesem Anlaß frägt Kautsky: „Würde wohl Trotzki es wagen, eine 
Lokomotive zu besteigen und sie in Gang zu setzen, in der Über- 
zeugung, er werde schon während ihres Laufes „alles erlernen und 
einrichten“? . . . Man muß die Qualitäten zur Lenkung einer 



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Lokomotive vorher erlangt haben, ehe man es unternimmt, sie in 
Gang zu setzen. So muß das Proletariat vorher die Eigenschaften 
erworben haben, die es zur Leitung der Produktion befähigen, 
wenn es diese übernehmen soll. (S. 117). 

Dieser lehrreiche Vergleich würde jedem Dompfarrer Ehre 
machen. Trotzdem ist er einfältig. Mit einer unvergleichlich grö- 
ßerem Recht könnte man fragen : würde Kautsky es wagen, sich ritt- 
lings auf ein Pferd zu setzen, bevor er nicht gelernt hat, fest im 
Sattel zu sitzen und den Vierfüßler bei jeder Gangart zu lenken? Wir 
haben Grund anzunehmen, daß Kautsky sich zu einem so gefähr- 
lichen, rein bolschewistischen Experiment nicht entschließen würde. 
Andererseits fürchten wir aber auch, daß Kautsky, wenn er kein 
Pferd zu besteigen wagt, hinsichtlich der Erforschung der Geheim- 
nisse des Reitens in eine schwierige Lage geraten würde. Denn das 
grundlegende bolschewistische Vorurteil besteht eben darin, daß 
man das Reiten nur erlernen kann, wenn man fest auf einem Pferde 
sitzt. 

Hinsichtlich der Führung einer Lokomotive ist das auf den 
ersten Blick weniger klar, aber nicht weniger richtig. Niemand hat 
je die Führung einer Lokomotive erlernt, indem er in seinem Kabi- 
nett blieb. Man muß auf die Lokomotive steigen, das Führerhäus- 
chen betreten, den Regulator ergreifen und ihn drehen. Allerdings, 
bei der Lokomotive sind Übungsmanöver unter der Leitung eines 
alten Lokomotivführers möglich. Beim Pferde kann man Übungen 
in der Reitbahn unter der Leitung erfahrener Reiter machen. Aber 
auf dem Gebiet der Staatsverwaltung können so künstliche Bedin- 
gungen nicht geschaffen werden. Die Bourgeoisie errichtet für das 
Proletariat keine Akademien für Staatsverwaltung und überläßt ihm 
den Staatshebel nicht zu zeitweiligen Versuchen. Und auch das 
Reiten lernen die Arbeiter und Bauern nicht auf der Reitbahn und 
ohne Hilfe von Bereitern. 

Hier muß noch eine weitere Erwägung hinzugefügt werden, 
die vielleicht die wichtigste ist: niemand läßt dem Proletariat die 
Wahl, ob es das Pferd besteigen will oder nicht, ob es die Macht 
gleich ergreifen oder dies aufschieben soll. Unter gewissen Um- 
ständen ist die Arbeiterklasse genötigt, die Macht zu ergreifen, 
wenn es sich nicht für einen ganzen Geschicfatsabschnitt selbst aus- 
schalten will. Hat man die Macht ergriffen, so kann man nicht will- 
kürlich die einen Folgen annehmen und die anderen ablehnen. Wenn 
die kapitalistische Bourgeoisie die Desorganisierung der Produktion 
bewußt und mit böser Absicht in ein Mittel des politischen Kampfes 
verwandelt, um die Staatsgewalt zurückzugewinnen, so ist das 
Proletariat genötigt, zur Sozialisierung überzugehen, abgesehen da- 
von, ob das im betreffenden Augenblick von Vorteil 
oder von Nachteil ist. Hat aber das Proletariat die Produktion 



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übernommen, so ist es unter dem Druck der eisernen Notwendigkeit 
gezwungen, durch die Erfahrung die schwierige Arbeit selber zu er- 
lernen, — die sozialistische Wirtschaft zu organisieren. Hat sich 
der Reiter einmal in den Sattel gesetzt, so ist er gezwungen, das 
Pferd zu regieren — wenn er sich nicht den Schädd einhauen will. 

Um seinen frommen Anhängern und Anhängerinnen die 
richtige Vorstellung vom sittlichen Niveau des russischen Proleta- 
riats zu geben, führt Kautsky auf Seite 116 seines Büchleins folgen- 
des Mandat an, das angeblich vom Arbeiterrat in Murzilowka aus- 
gestellt worden sein soll: „Der Sowjet gibt hiermit dem Genossen 
Gregor Sarejeff die Vollmacht, nach seiner Auswahl und nach seinen 
Anordnungen für den Gebrauch der in Murzilowka, Distrikt von 
Brjansk, garnisonierenden Artilleriedivision 60 Frauen und Mädchen 
der Klasse der Bourgeois und Spekulanten zu requirieren und in die 
Kaserne zu überführen. 16. September 1918“. (Veröffentlicht von 
Dr. Nath. Wintch-Malejeff, „What are the Bolchevists doing“. 
Lausanne 1919, S. 10). 

Obgleich ich nicht im geringsten daran zweifelte, daß dieses 
Dokument gefälscht und die ganze Mitteilung überhaupt erlogen ist, 
veranlaßte ich doch eine allseitige Untersuchung, um zu ermitteln, 
welche Tatsachen oder Episoden dieser Erfindung zugrunde liegen 
konnten. Die sorgfältig durchgeführte Untersuchung ergab folgen- 
des: . 

1. Im Kreise Brjansk gibt es überhaupt keine Ansiedlung 
namens Murzilowka. Auch in den benachbarten Kreisen gibt es 
keine solche Ansiedlung. Dem Namen nach am nächsten kommt 
noch das Dorf Murrawjewka im Kreise Brjansk. Aber dort hat nie 
eine Artilleriedivision gestanden und sich überhaupt nichts zuge- 
tragen, was auch nur in irgend einer Verbindung zum oben ange- 
führten „Dokument“ stehen könnte. 

2. Auch in bezug auf die Artillerieformierungen wurde die 
Untersuchung durchgeführt. Es ist absolut nirgend gelungen, auch 
nur eine indirekte Andeutung auf ein Geschehnis zu ermitteln, das 
dem von Kautsky an der Hand seines Inspirators mitgeteilten ähnlich 
sähe. 

3. Schließlich berührte die Untersuchung auch die Frage, ob 
am Ort nicht derartige Gerüchte im Umlauf gewesen sind. Auch in 
dieser Beziehung ist absolut nichts ermittelt worden. Und das ist 
nicht verwunderlich. Der ganze Inhalt der Fälschung steht in zu 
grobem Widerspruch zu den Sitten und zur öffentlichen Meinung 
der führenden Arbeiter und Bauern, die die Sowjets leiten, selbst in 
den zurückgebliebensten Bezirken. 

Somit war das Dokument als Fälschung niedriger Sorte quali- 



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fiziert, die nur von den böswilligsten Sykophanten knallgelber Zei- 
tungen verbreitet werden kann. 

Zur Zeit, als die soeben erwähnte Untersuchung im Gang war, 
übersandte der Gen. Sinowjew mir eine Nummer einer schwedischen 
Zeitung („Svenska Dagbladet“) vom 9. November 1919, in der das 
Faksimile eines Mandats mit folgendem Wortlaut wiedergegeben 
war: 

„Mandat. 

Dem Vorzeiger dieses, Genossen Karassejew, wird das Recht 
gewährt, in die Stadt Jekaterin od (verwischt) Seelen Mädchen im 
Alter von 16 bis 36 Jahren zu sozialisieren wen Genosse Karasse- 
jew bezeichnet. Oberbefehlshaber Iwaschtschew“. 

Dieses Dokument ist noch dümmer und frecher als das von 
Kautsky gebrachte. Die Stadt Jekaterinodar (das Zentrum des 
Kubangebiets) befand sich bekanntlich nur sehr kurze Zeit in den 
Händen der Sowjetmacht. Der offenbar in der revolutionären 
Chronologie nicht gut beschlagene Autor der Fälschung hat das 
Datum auf seinem Dokument verwischt, damit es sich nicht unver- 
sehens ergeben möchte, daß der „Oberbefehlshaber Iwatschew“ die 
Frauen Jekaterinodars zu einer Zeit sozialisierte, als dort die Sol- 
dateska Denikins herrschte. Daß das Dokument einen stumpf- 
sinnigen schwedischen Bourgeois verführen konnte, — das ist weiter 
nicht verwunderlich. Dem russischen- Leser aber ist es allzu klar, 
daß das Dokument nicht einfach gefälscht, sondern von einem 
Ausländer mit dem Wörterbuch in der Hand ge- 
fälscht ist. Äußerst interessant ist, daß die Namen beider Frauen- 
sozialisierer — „Grigori Sarejew“ und „Gen. Karassejew“ — ab- 
solut nicht russisch Hingen. Die Endung e j e w kommt bei russi- 
schen Familiennamen selten und nur in ganz bestimmten Verbin- 
dungen vor. Aber der Name des Entlarvers der Bolschewiki selbst, 
des Verfassers der englischen Broschüre, auf die sich Kautsky be- 
ruft, endet gerade auf e j e w (Wintch — Malejeff). Es ist klar, daß 
dieses in Lausanne sitzende englisch-bulgarische Polizeisubjekt die 
Sozialisierer von Frauen im buchstäblichen Sinne des Worts nach 
seinem eigenen Vorbilde schafft. 

Jedenfalls hat Kautsky eigenartige Inspiratore und Mithelfer! 

Die Sowjets , die Gewerkschaften und die Partei . 

Die Sowjets als Organisationsform der Arbeiterklasse stellen 
laut Kautsky „gegenüber der Partei- und Gewerkschaftsorganisation 
der weiter entwickelten Länder nicht eine höhere Form proletari- 
scher Organisation dar, sondern zunächst nur einen Notbehelf, aus 
ihrem Fehlen geboren“. (S. 51). Angenommen, daß das hinsicht- 



I I O I 


— 85 — 

lieh Rußland richtig wäre. Warum sind aber dann in Deutschland 
Räte entstanden? Muß man auf sie in der Republik Eberts nicht 
völlig verzichten? Wir wissen jedoch, daß Hilferding, der nächste 
Gesinnungsgenosse Kautskys, beantragt hat, die Räte in der Ver- 
fassung zu verankern. Kautsky schweigt. 

Die Einschätzung der Sowjets als „primitive“ Organisation ist 
so weit richtig, als der offene Revolutionskampf „primitiver“ ist als 
der Parlamentarismus. Aber die künstliche Kompliziertheit des 
letzteren erfaßt nur die zahlenmäßig verschwindend kleinen Spitzen. 
Die Revolution jedoch ist nur da möglich, wo die Massen am Lebens- 
nerv gepackt werden. Die Novemberrevolution stellte ungeheure 
Massenschichten auf, von denen die vorrevolutionäre Sozialdemo- 
kratie nicht einmal zu träumen vermochte. So ausgedehnt die Orga- 
nisationen der Partei und der Gewerkschaften in Deutschland auch 
waren, die Revolution erwies sich sofort als unvergleichlich um- 
fassender. Ihre unmittelbare Vertretung fanden die revolutionären 
Massen in der einfachsten und allgemein zugänglichen Delegierten- 
organisation dem — Sowjet. Es mag zugegeben werden, daß der 
Sowjet der Deputierten sowohl hinter der Partei als auch hinter der 
Gewerkschaft an Klarheit des Programms und Straffheit der Organi- 
sation zurückbleibt. Aber er übertrifft sowohl die Partei- als auch 
die Gewerkschaften weitaus durch die Zahl der von ihm in den 
Organisationskampf hineingezogenen Massen, und dieser zahlen- 
mäßige Vorrang verleiht dem Sowjet ein unbestreitbares revoluti- 
onäres Übergewicht. Der Sowjet umfaßt Arbeiter aller Unter- 
nehmungen, aller Berufe, aller Stufen kultureller Entwicklung, aller 
Grade politischer Erkenntnis, und eben dadurch wird er objektiv 
genötigt, die gemeinsamen Interessen des Proletariats zu for- 
mulieren. 

Das „Manifest der Kommunistischen Partei“ erblickte die Auf- 
gabe der Kommunisten eben darin, die allgemeinen geschichtlichen 
Interessen der Arbeiterklasse als Ganzes zu formulieren. 

„Die Kommunisten“, heißt es im Manifest, „unterscheiden sich 
von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, daß sie einer- 
seits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die 
gemeinsamen von den Nationalität unabhängigen Interessen des ge- 
samten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, ander- 
seits dadurch, daß sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, 
welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, 
stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten“. In der Form 
der allumfassenden Klassen Organisation der Sowjets nimmt die Be- 
wegung sich selbst „als Ganzes“. Hieraus wird klar, warum die 
Kommunisten die führende Partei der Sowjets werden konnten und 
mußten. 

Hieraus wird aber auch all das Unrichtige der Einschätzung 



i i 




— 86 — 

der Sowjets als „Notbehelf“ für die Partei (Kautsky) ersichtlich, so- 
wie die ganze Stumpfsinnigkeit des Versuchs, die Sowjets in Gestalt . 
eines Hilfshebels in den Mechanismus der bürgerlichen Demokratie 
einzufügen (Hilferding). Die Sowjets sind Organisationen der 
proletarischen Revolution und haben als Organ des Kampfes um die 
Macht oder aber als Apparat der Macht der Arbeiterklasse ihre Be- 
rechtigung. 

Da Kautsky die revolutionäre Rolle der Sowjets nicht begreifen 
kann, so sieht er ihre Hauptmängel da, wo ihre wesentlichsten Vor- 
züge liegen: „Die Abgrenzung des Bourgeois vom Arbeiter“, 
schreibt er, „ist nirgends genau zu ziehen, ihr haftet stets etwas 
Willkürliches an, was den Rätegedanken sehr geeignet macht zur 
Grundlage für eine diktatorische Willkürherrschaft, aber sehr un- 
geeignet zum Aufbau einer klaren und systematisch aufgebauten 
Staatsverfassung“. (S. 1 1 5.) 

Die Klassendiktatur kann sich nach Kautsky keine ihrer Natur 
entsprechenden Einrichtungen schaffen, weil es keine einwandfreien 
Grenzlinien zwischen den Klassen gibt. Aber was soll denn, wenn 
dem so ist, mit dem Klassenkampf überhaupt werden? Gerade in 
der großen Zahl der Zwischenstufen zwischen Bourgeoisie und 
Proletariat haben ja die kleinbürgerlichen Ideologen stets das 
Hauptargument gegen das „Prinzip“ des Klassenkampfes an sich ge- 
sehen. Für Kautsky aber beginnen die prinzipiellen Bedenken ge- 
rade da, wo das Proletariat, nachdem es die Formlosigkeit und Un- 
sicherheit der Zwischenklassen überwunden, einen Teil derselben mit 
sich gerissen, die anderen ins Lager der Bourgeoisie hinüberge- 
schleudert und seine Diktatur tatsächlich in der Staatsordnung der 
Sowjets organisiert hat. Eben darum sind ja die Sowjets ein un- 
ersetzlicher Apparat der Proletarierherrschaft, weil ihr Rahmen 
elastisch und biegsam ist, so daß nicht nur soziale, sondern auch 
politische Veränderungen im gegenwärtigen Verhältnis der Klassen 
und Schichten im Sowjetapparat unverzüglich Ausdruck finden 
können. Mit den größten Betrieben beginnend, ziehen die Sowjets 
dann die Arbeiter der Werkstätten und die Handelsangestellten in 
ihre Organisation hinein, greifen aufs Dorf hinüber, organisieren 
die Bauern gegen die Gutsbesitzer und dann die unteren und mitt- 
leren Schichten der Bauernschaft gegen die Kulaks (Dorfwucherer). 
Der Arbeiterstaat wählt sich zahlreiche Bestände von Angestellten, 
in bedeutendem Maße aus den Kreisen der Bourgeoisie und der 
bürgerlichen Intelligenz. Nach Maßgabe ihrer Disziplinierung 
durch das Sowjetregime finden sie ihre Vertretung im Sowjetsystem. 
Indem es sich erweitert — oder zuweilen verengert — entsprechend 
der Erweiterung oder Verengerung der vom Proletariat eroberten 
sozialen Stellungen, bleibt das Sowjetsystem der Staatsapparat der 
sozialen Revolution, in ihrer inneren Dynamik, ihrer Ebbe und Flut, 



I I £0*1* 


— 87 — . 

ihren Fehlern und . Errungenschaf ten. Gleichzeitig mit dem end- 
gültigen Siege der sozialen Revolution wird sich das Sowjetsystem 
auf die ganze Bevölkerung ausdehnen, um somit die Züge eines 
Staatswesens zu verlieren und in einer mächtigen Produktions- und 
Konsumgenossenschaft aufzugehen. 

Wenn die Partei und die Gewerkschaften Organisationen zur 
Vorbereitung der Revolution waren, so sind die Sowjets das Werk- 
zeug der Revolution selbst. Nach ihrem Siege werden die Sowjets 
zu Organen der Macht. Die Rolle der Partei und der Gewerk- 
schaften wird nicht verringert, ändert sich aber wesentlich. 

In den Händen der Partei wird die allgemeine Leitung konzen- 
triert. Sie regiert nicht unmittelbar, weil ihr Apparat nicht darauf 
eingestellt ist. Aber ihr steht das entscheidende Wort in allen 
grundlegenden Fragen zu. Noch mehr, — unsere Praxis hat dazu 
geführt, daß überhaupt in allen Streitfragen, bei Konflikten zwischen 
den Behörden und persönlichen Konflikten in den Behörden das 
letzte Wort dem Zentralkomitee der Partei gehört. Das ergibt eine 
außerordentliche Ersparnis an Zeit und Kraft und sichert unter den 
schwierigsten und verwickel testen Umständen die notwendige Ein- 
heit der Aktion. Ein solches Regime ist nur möglich, wenn die 
Autorität der Partei unwidersprochen und ihre Disziplin tadellos 
ist. Zum Glück für die Revolution besitzt unsere Partei beides in 
gleichem Maße. Ob auch in anderen Ländern, die aus der Vergan- 
genheit keine feste revolutionäre Organisation mit großer Kampf- 
erprobtheit übernommen haben, zum Zeitpunkt der proletarischen 
Umwälzung *eine über eben solche Autorität verfügende Kom- 
munistische Partei erstehen wird, läßt sich schwer Voraussagen. 
Aber es ist völlig klar, daß von dieser Frage in hohem Maße der 
Gang der sozialistischen Revolution in jedem Lande abhängt. 

Die außerordentliche Rolle der Kommunistischen Partei in der 
siegreichen proletarischen Revolution ist völlig verständlich. Es 
handelt sich um die Diktatur der Klasse. Im Bestände der Klasse 
gibt es verschiedene Schichten, ungleichartige Stimmungen, ver- 
schiedene Entwicklungsstufen . Dabei aber setzt die Diktatur Ein- 
heit des Willens, der Richtung, der Aktion voraus. Auf welchem 
anderen Wege kann diese also verwirklicht werden? Die revolutio- 
näre Herrschaft des Proletariats hat im Proletariat selbst die poli- 
tische Herrschaft einer Partei mit klarem Aktionsprogramm und un- 
verletzlicher innerer Disziplin zur Voraussetzung. 

Die Politik von Blocks widerspricht innerlich dem Regime der 
revolutionären Diktatur. Wir meinen nicht einen Block mit den 
bürgerlichen Parteien, von dem überhaupt nicht die Rede sein kann, 
sondern einen Block der Kommunisten mit anderen „sozialistischen“ 
Organisationen, die verschiedene Stufen der Rückständigkeit und 
der Vorurteile der werktätigen Massen vertreten. 



1 I J 


— 88 — 

Die Revolution untergräbt rasch alles Unsichere, nutzt rasch 
alles Künstliche ab; die im Block verhüllten Gegensätze werden 
unter dem Andrang der revolutionären Ereignisse rasch aufgedeckt. 
Wir haben das an dem Beispiele Ungarns gesehen, wo die Diktatur 
des Proletariats die politische Form einer Koalition der Kommu- 
nisten mit den sich rot gebärdenden Kompromißlern angenommen 
hat. Die Koalition zerfiel bald. Die Kommunistische Partei büßte 
schwer für die revolutionäre Unfähigkeit und den politischen Ver- 
rat ihrer Weggenossen. Es ist völlig klar, daß es für die ungari- 
schen Kommunisten vorteilhaft gewesen wäre, später zur Macht zu 
gelangen und vorher den linken Kompromißlern die Möglichkeit zu 
geben, sich endgültig zu kompromittieren. Wie weit das möglich 
war, ist eine andere Frage. Jedenfalls aber verhüllte der Block mit 
den Kompromißlern nur zeitweilig die verhältnismäßige Schwäche 
der ungarischen Kommunisten, hinderte sie zugleich daran, auf 
Kosten der Kompromißler zu erstarken und führte sie zur Kata- 
strophe. 

Derselbe Gedanke wird durch das Beispiel der russischen 
Revolution genügend verdeutlicht. Der Block der Bolschewiki mit 
den linken Sozialrevolutionären, der einige Monate währte, endete 
mit einem blutigen Bruch. Freilich, die Rechnungen des Blocks 
hatten weniger wir Kommunisten zu bezahlen, als unsere ungetreuen 
Weggenossen. Es ist klar, daß ein solcher Block, in dem wir die 
stärkere Partei waren und daher beim Versuch, eine geschichtliche 
Wegstrecke lang den äußerst linken Flügel der kleinbürgerlichen 
Demokratie auszunutzen, nicht allzuviel riskierten, taktisch völlig 
gerechtfertigt werden muß. Trotzdem aber zeigt die Episode mit 
den linken Sozialrevolutionären ganz deutlich, daß ein Regime der 
Kompromisse, der Abkommen, der gegenseitigen Konzessionen, und 
das ist eben das Blockregime, — sich nicht lange zu halten vermag 
in einer Epoche, wo die Situationen mit außerordentlicher Schnellig- 
keit wechseln und wo die höchste Einheit des Standpunktes erforder- 
lich ist, um die Aktionsfreiheit möglich zu machen. 

Man hat uns vielfach vorgeworfen, wir hätten die Diktatur der 
Sowjets nur vorgetäuscht, in Wirklichkeit aber eine Diktatur unserer 
Partei verwirklicht. Dabei kann aber mit vollem Recht gesagt wer- 
den, daß die Diktatur der Sowjets nur möglich geworden ist ver- 
mittels der Diktatur der Partei : dank der Klarheit ihrer theoretischen 
Erkenntnis und ihrer festen revolutionären Organisation sicherte die 
Partei den Sowjets die Möglichkeit, sich aus formlosen Parlamenten 
der Arbeit in einen Apparat der Herrschaft der Arbeit zu ver- 
wandeln. In dieser „Unterschiebung“ der Macht der Partei an 
Stelle der Macht der Arbeiterklasse liegt nichts Zufälliges und dem 
Wesen nach ist auch durchaus keine Unterschiebung vorhanden. 
Die Kommunisten bringen die grundlegenden Interessen der Arbei- 



i i 


— 89 — 

terklasse zum Ausdruck. Es ist ganz natürlich, daß in der Periode, 
wo die Geschichte diese Interessen in vollem Umfange auf die 
Tagesordnung setzt, die Kommunisten die anerkannten Vertreter dei* 
Arbeiterklasse als Ganzes werden. 

— „Wo habt ihr aber die Garantie dafür" — fragen uns einige 
weise Leute, — daß gerade eure Partei die Interessen der geschicht- 
lichen Entwicklung zum Ausdruck bringt? Indem ihr die anderen 
Parteien vernichtet oder in den illegalen Zustand versetzt habt, habt 
ihr dadurch ihren politischen Wetteifer mit euch ausgeschaltet und 
also auch euch selbst der Möglichkeit beraubt, eure Richtungslinie 
nachzuprüfen". 

Dieses Argument ist von einer rein liberalen Vorstellung vom 
Gang der Revolution diktiert. Zu einer Zeit, wo alle Gegensätze 
einen offenen Charakter annehmen, und der politische Kampf raäth 
in den Bürgerkrieg übergeht, verfügt die herrschende Partei zur 
Nachprüfung ihrer Richtung über eine genügende Anzahl materi- 
eller Kriterien, auch abgesehen von der eventuellen Verlegung von 
menschewistischen Blättern. Noske schlägt auf die Kommunisten 
ein, aber sie wachsen. Wir haben die Menschewiki und Sozial- 
revolutionäre unterdrückt, — und sie sind wesenlos geworden. 

Dieses Kriterium genügt uns. Jedenfalls besteht unsere Aufgabe 
nicht darin, in jedem Augenblick die Gruppierung der Richtungen 
statistisch festzustellen, sondern darin, unserer Richtung, die die 
Richtung der revolutionären Diktatur ist, den Sieg zu sichern. Und 
in der Entfaltung dieser Diktatur, in ihren inneren Reibungen, sind 
hinreichende Kriterien zur Selbstüberprüfung zu finden. 

Eine dauernde „Unabhängigkeit" der Gewerkschaftsbewegung 
im Zeitalter der Revolution des Proletariats ist ebenso unmöglich, 
wie die Blockpolitik. Die Gewerkschaftsverbände werden zu den 
wichtigsten wirtschaftlichen Organen des sich an der Macht be- 
findenden Proletariats. Dadurch geraten sie unter die Führung der 
Kommunistischen Partei. Nicht nur die prinzipiellen Fragen der 
Gewerkschaftsbewegung, sondern auch die ernsten Organisations- 
konflikte in ihr werden vom Zentralkomitee unserer Partei ent- 
schieden. 

Die Kautskyaner beschuldigen die Sowjetmacht, die Diktatur 
eines „Teils" der Arbeiterklasse zu sein. „Wenn die Diktatur", 
sagen sie „ wenigstens von der g a n z e n Klasse durchgeführt wer- 
den würde". Es ist nicht leicht, zu begreifen, was sie sich darunter 
eigentlich vorstellen. Die Diktatur des Proletariats bedeutet ihrem • 
innersten Wesen nach die unmittelbare Herrschaft des revolutionä- 
ren Vortrupps, der sich auf die schweren Massen stützt und erfor- 
derlichenfalls das zurückgebliebene Ende zwingt, sich nach der * * 
Spitze zu richten. Das gilt auch von den Gewerkschaften. Nach der 
Eroberung der Macht durch das Proletariat nehmen sie einen 


7 



I I O I 


— 90 — 

Zwangscharakter an. Sie müssen alle Industriearbeiter umfassen. 
Die Partei nimmt nach wie vor die bewußtesten und selbstlosesten 
von ihnen in ihre Reihen auf. Sie erweitert ihre Reihen nur mit 
strenger Prüfung. Hieraus entspringt die Führerrolle der kommu- 
nistischen Minderheit in den Gewerkschaften, die der Herrschaft der 
Kommunistischen Partei in den Sowjets entspricht und der politi- 
sche Ausdruck für die Diktatur des Proletariats ist. 

Die Gewerkschaften werden zu unmittelbaren Trägern der ge- 
sellschaftlichen Produktion. Sie drücken nicht nur die Interessen 
der Industriearbeiter, sondern auch die Interessen der Industrie 
selbst aus. In der ersten Periode erheben die trade-unionistischen 
Tendenzen in den Gewerkschaften noch mehrfach ihr Haupt, ver- 
anlassen die Gewerkschaften, mit dem Sowjetstaat zu feilschen, ihm 
Bedingungen zu stellen und von ihm Garantien zu fordern. Mit der 
Zeit jedoch erkennen die Gewerkschaften immer mehr ihre Eigen- 
schaft als Produktionsorgane des Sowjetstaats und übernehmen die 
Verantwortung für seine Schicksale, nicht im Gegensatz zu ihm, 
sondern in Identifizierung mit ihm. Die Gewerkschaften werden 
zu Vollstreckern der Arbeitsdisziplin. Sie verlangen von den Ar- 
beitern angestrengte Arbeit unter den schwierigsten Verhältnissen, 
soweit der Arbeiterstaat noch nicht imstande ist, diese Verhältnisse 
zu ändern. Die Gewerkschaften führen die revolutionären Repres- 
salien gegen die undisziplinierten, zügellosen Schmarotzerelemente 
der Arbeiterklasse durch. Von der trade-unionistischen Politik, die 
bis zu einem gewissen Grade von der Gewerkschaftsbewegung im 
Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft untrennbar ist, gehen die 
Gewerkschaften auf der ganzen Linie zur Politik des revolutionären 
\ Kommunismus über. 

Die Bauernpolitik . 

. Die Bolschewiki „wollten auf dem Dorfe die besitzenden 
Bauern“, so enthüllt Kautsky, „dadurch lahmlegen, daß sie die 
politischen Rechte ausschließlich den ärmsten Bauern vorbehielten. 
Sie haben den besitzenden Bauern wieder eine Vertretung zuge- 
standen “ (S. 143). 

Kautsky zählt die äußeren „Widersprüche“ unserer Bauem- 
politik auf, ohne nach ihrer allgemeinen Richtung und nach den 
inneren Widersprüchen zu fragen, die in der politischen und wirt- 
schaftlichen Lage des Landes begründet sind. 

In der russischen Bauernschaft, als sie in die Sowjetordnung 
eintrat, gab es drei Schichten: die Armen, die im wesentlichen vom 
Verkauf ihrer Arbeitskraft lebten und Lebensmittel für ihren Bedarf 
hinzukaufen mußten; die Mittelschicht, die ihren Bedarf durch die 
Produkte ihrer eigenen Wirtschaft deckte und den Überschuß in 



91 


beschränktem Maße verkaufte;, die Oberschicht, d. h. die reichen 
Bauern, die Wucherer, die systematisch Arbeitskraft kauften und 
Landwirtschaftsprodukte in großem Maßstabe verkauften. Es 
braucht nicht gesagt zu werden, daß diese Gruppen sich weder 
durch Bestimmtheit der Merkmale, noch durch Gleichartigkeit in 
allen Teilen des Landes auszeichnen. Immerhin aber waren die 
armen Bauern im großen und ganzen der natürliche und unstreitige 
Verbündete des städtischen Proletariats, die Wucherer (Kulaks) da- 
gegen sein ebenso unstreitiger und unversöhnlicher Feind ; die 
größten Schwankungen zeigte die breiteste mittlere Schicht der 
Bauernschaft. 

Wenn das Land nicht so erschöpft wäre und das Proletariat 
die Möglichkeit hätte, den Bauernmassen die erforderlichen Mengen 
an Waren und Kulturgütern zur Verfügung zu stellen, dann hätte 
sich der Anschluß der werktätigen Mehrheit der Bauernschaft weit- 
aus schmerzloser vollzogen. Der wirtschaftliche Verfall des Landes, 
der nicht ein Ergebnis unserer Agrar- und Ernährungspolitik war, 
sondern durch Gründe hervorgerufen ist, die dieser Politik voraus- 
gingen, benahm der Stadt auf längere Zeit hinaus jede Möglichkeit, 
dem Dorfe Produkte der Textil- und Metallindustrie, Kolonialwaren 
usw. zu liefern. Zu gleicher Zeit konnte die Industrie nicht darauf 
verzichten, aus dem Dorfe wenigstens eine minimale Lebensmittel- 
menge zu schöpfen. Das Proletariat verlangte von der Bauernschaft 
Lebensmittelvorschüsse, eine wirtschaftliche Beleihung der Werte, 
die es erst zu schaffen beabsichtigt. Als Symbol dieser künftigen 
Werte erscheint der endgültig entwertete Kreditschein. Aber die 
Bauernschaft ist zu geschichtlichen Abstraktionen wenig veranlagt. 
Mit der Sowjetmacht durch die Liquidierung des privaten Groß- 
grundbesitzes verknüpft und in ihr die Garantie gegen die Wieder- 
herstellung des Zarismus sehend, wirkt die Bauernschaft gleichzeitig 
der Erfassung des Getreides vielfach entgegen, da sie darin ein un- 
vorteilhaftes Geschäft sieht, solange sie selbst dafür noch nicht 
Kattun, Nägel und Petroleum erhält. 

Die Sowjetmacht war naturgemäß bestrebt, die Hauptlast der 
Lebensmittelsteuer den Oberschichten des Dorfes aufzubürden. Aber 
unter den noch nicht fest gestalteten sozialen Verhältnissen des 
Dorfes fand das einflußreiche Wuchertum, das gewohnt war, die 
Mittelbauern rtiit sich zu ziehen, Dutzende von Mitteln, um die 
Lebensmittelsteuer von sich auf die breiten Massen der Bauernschaft 
abzuwälzen und diese zu gleicher Zeit der Sowjetmacht feindlich 
gegenüberzustellen. Es war notwendig in den bäuerlichen Unter- 
schichten Mißtrauen und Feindseligkeit gegen die wucherischen 
Oberschichten wachzurufen. Dieser Aufgabe dienten die Armen- 
komitees. Sie wurden aus den Unterschichten geschaffen, aus Ele- 
menten, die in der vorhergehenden Epoche gedrückt, in die Ecke 

7 * 



92 


gedrängt, rechtlos waren. Selbstverständlich offenbarte sich auch 
in ihren Kreisen eine gewisse Anzahl halbschmarotzerischer Ele- 
mente. Dies diente als Hauptmotiv für die Demagogie der Narod- 
niki-„Sozialisten“, deren Reden in den Herzen der Wucherer ein 
dankbares Echo fanden. Aber an sich war die Tatsache der Ueber- 
gabe der Macht an die Dorfarmen von unermeßlicher revolutio- 
närer Bedeutung. Zur Leitung der dörflichen Halbproletarier 
entsandte die Partei aus den Städten hochentwickelte Arbeiter, die 
im Dorfe eine unschätzbare Arbeit geleistet haben. Die Armen- 
komitees wurden zu Stoßorganen gegen die Wucherer. Da sie von 
der Staatsgewalt unterstützt wurden, zwangen sie hierdurch die 
Mittelschicht der Bauern, nicht nur zwischen der Sowjetmacht und 
der Gutsherrenmacht zu wählen, sondern auch zwischen der Dikta- 
tur des Proletariats und der halbproletarischen Elemente des Dorfes 
einerseits und der Uebermacht der Wucherer andererseits. Durch 
eine Reihe von Lehren, deren einige sehr hart waren, wurde das 
mittlere Bauerntum zur Erkenntnis genötigt, daß das Sowjetregime, 
das die Gutsbesitzer und Kreishauptleute verjagt hat, seinerseits der 
Bauernschaft neue Verpflichtungen auferlegt und von ihr Opfer 
fordert. Die politische Pädagogik inbezug auf Dutzende von Mil- 
lionen von Mittelbauern hat sich nicht so leicht und glatt durch- 
führen lassen wie im Schulzimmer und hat nicht sofort unbestreit- 
bare Ergebnisse gezeitigt. Es hat Aufstände der Mittelbauern ge- 
geben, die sich mit den Wucherern vereinigten und hierbei in allen 
Fällen unbedingt unter die Führung der weißgardistischen Guts- 
besitzer kamen; es hat Mißbräuche der örtlichen Agenten der 
Sowjetmacht, sowie vor allem der Armenkomitees gegeben. Aber 
das politische Hauptziel war erreicht. Die mächtige Wuchererschaft 
wurde, wenn auch nicht endgültig vernichtet, so doch tief er- 
schüttert, ihr Selbstbewußtsein wurde untergraben. Die mittelbare 
Bauernschaft, die politisch formlos blieb, wie sie wirtschaftlich 
formlos ist, lernte allmählich ihren Vertreter im fortgeschrittenen 
Arbeiter zu sehen, wie- sie ihn früher im schreierischen Wucherer 
gesehen hatte. Nachdem dieses grundlegende Ergebnis erzielt war, 
mußten die Armenkomitees, als zeitweilige Körperschaften, als ein 
in die Massen des Dorfes hineingetriebener scharfer Keil ihren Platz 
den Sowjets räumen, in denen die armen Bauern zusammen mit den 
Mittelbauern vertreten sind. 

Die Armenkomitees haben ungefähr 6 Monate lang bestanden, 
vom Juni bis zum Dezember 1918. In ihrer Einsetzung wie auch 
in ihrer Auflösung sieht Kautsky nichts als „Schwankungen“ der 
Sowjetrepublik. Dabei findet sich aber bei ihm selbst nicht einmal 
eine Andeutung auf praktische Fingerzeige. Und woher sollten 
sie auch kommen? Die Versuche, die wir in dieser Hinsicht an- 
stellen, haben keine Präzedenzfälle, und für die Fragen, die die 



I I J 


— 93 — 

Sowjetmacht praktisch löst, gibt es keine papierenen Rezepte. Was 
Kautsky als politische Widersprüche bezeichnet, ist in Wirklichkeit 
nichts anderes als ein aktives Manövrieren des Proletariats 
in der lockeren, ungegliederten Masse der Bauernschaft. Ein Segel- 
schiff muß dem Winde entsprechend manövrieren, aber niemand 
sieht Widersprüche in Manövern, die das Fahrzeug zum Ziele 
führen. 

In den Fragen der landwirtschaftlichen Kommunen und Sowjet- 
wirtschaften könnte man ebenfalls nicht wenig „Widersprüche“ 
aufzählen, in denen neben vereinzelten Fehlem die verschiedenen 
Etappen der Revolution zum Ausdruck kommen. Welches Areal 
der Sowjetstaat in der Ukraine sich selbst Vorbehalten und wieviel 
er den Bauern übergeben soll; welche Richtung den landwirtschaft- 
lichen Kommunen gegeben werden soll; in welcher Form ihnen 
Unterstützung zu erweisen ist, um sie nicht zu Quellen des Schma- 
rotzertums zu machen; in welcher Gestalt die Kontrolle über sie 
zu sichern ist; — das alles sind völlig neue Aufgaben des sozialisti- 
, sehen wirtschaftlichen Schaffens, die weder theorethisch noch prak- 
tisch vorausbestimmt sind und bei deren Lösung die prinzipielle 
Programmlinie ihre tatsächliche Anwendung und erfahrungsgemäße 
Nachprüfung erst finden muß, und zwar durch unvermeidliche zeit- 
weilige Abweichungen nach rechts und nach links. 

Aber sogar die bloße Tatsache, daß das russische Proletariat 
in der Bauernschaft eine Stütze gefunden hat, wird von Kautsky 
gegen uns ausgespielt: „Dies hat in das Sowjetregime ein wirt- 
schaftlich reaktionäres Element hineingebracht, von dem die Pariser 
Kommune verschont geblieben ist (!), da ihre Diktatur sich nicht 
auf Bauemräte stützte“. 

Als ob wir in der Tat das Erbe der feudalbürgerlichen Ordnung 
hätten antreten können, indem wir das „wirtschaftliche reaktionäre 
Element“ willkürlich aus ihr entfernten! Aber auch damit noch 
nicht genug. Nachdem die Bauernschaft die Sowjetmacht durch 
das „reaktionäre Element“ vergiftet hatte, hat sie uns ihre Stütze 
entzogen. Heute „haßt“ sie die Bolschewiki. Das alles weiß 
Kautsky ganz zuverlässig aus den Funksprüchen Clemenceaus und 
aus den Kassibern der Menschewiki. 

In Wirklichkeit ist das eine richtig, daß breite Schichten der 
Bauernschaft unter dem Mangel an notwendigen Industrieprodukten 
leiden. Ebenso richtig aber ist auch, daß jedes andere Regime -r- 
und es hat ihrer in den verschiedenen Teilen Rußlands im Laufe 
der letzten drei Jahre nicht wenige gegeben — sich für die Schul- 
tern der Bauern als bedeutend schwerer erwies. Weder die 
monarchischen noch die demokratischen Regierungen vermochten 
die Warenbestände zu erhöhen. Sowohl die einen als auch die 
anderen bedurften des bäuerlichen Getreides und der bäuerlichen 



I I O I 


— 94 — 

Pferde. Zur Durchführung ihrer Politik benutzten die bürgerlichen 
Regierungen, darunter auch die menschewistisch-kautskyanischen 
einen rein bureaukratischen Apparat, der den Bedürfnissen der 
bäuerlichen Wirtschaft in unermeßlich geringerem Grade Rechnung 
trägt, als der aus Arbeitern und Bauern bestehende Sowjetapparat. 
Letzten Endes kommt der Mittelbauer, trotz aller Schwankungen, 
Unzufriedenheit und Empörungen unfehlbar zu dem Schluß, daß, 
wie schwer er es gegenwärtig unter den Bolschewiki auch haben 
mag, er es unter jedem anderen Regime noch unvergleichlich 
schwerer haben würde. Es ist ganz richtig, daß die Kommune vor 
der bäuerlichen Stütze „verschont“ geblieben ist. Dafür aber blieb 
die Kommune nicht verschont vor der Erwürgung durch die Bauern- 
armee Thiers! Unsere Armee aber, die zu vier Fünfteln aus Bauern 
besteht, kämpft mit Begeisterung und Erfolg für die Sowjetrepublik. 
Und dieser eine Umstand, der Kautsky und seine Inspiratoren 
widerlegt, bildet die beste Bewertung der Bauernpolitik der Sowjet- 
macht. 

Die Sowjetmacht und die Fachleute • 

„Die Bolschewiki gedachten anfangs, sich ohne die Intellek- 
tuellen, ohne „Fachleute“ zu behelfen“, erklärt Kautsky (S. 128). 
Dann aber, nachdem sie sich von der Notwendigkeit der Intellek- 
tuellen überzeugt hatten, seien sie von harten Repressalien dazu 
übergegangen, die Intellektuellen auf jede Weise zur Arbeit heran- 
zuziehen, auch durch eine hohe Bezahlung der Arbeit. „Somit 
also“, ironisiert Kautsky, ist der „richtige“ Weg zur Fieranziehung 
der Fachleute „der, zuerst auf ihnen „erbarmungslos“ herumzu- 
trampeln“. (S. 129). Ganz gewiß. Mit Erlaubnis aller Philister 
besteht die Diktatur des Proletariats gerade darin, auf den bisher 
herrschenden Klassen „herumzutrampeln“ und sie zur Anerken- 
nung und Unterjochung unter die neue Ordnung zu zwingen. Die 
in den Vorurteilen der Allmacht erzogene Bourgeoisie, die beruf- 
lichen Intellektuellen haben es lange nicht geglaubt, wollten und 
konnten es nicht glauben, daß die Arbeiterklasse tatsächlich im- 
stande ist, das Land zu regieren, daß sie die Macht nicht durch Zu- 
fall ergriffen hat, daß die Diktatur des Proletariats eine unwider- 
legliche Tatsache ist. Die bürgerlichen Intellektuellen nahmen daher 
ihre Verpflichtungen dem Arbeiterstaat gegenüber äußerst leicht, 
sogar wenn sie in seine Dienste traten, und glaubten, daß es unter 
dem Regime des Proletariats etwas ganz natürliches und einfaches 
sei, von Wilson, Clemenceau und Mirbach Geld für Agitation gegen 
die Sowjets zu empfangen oder Kriegsgeheimnisse und technische 
Hilfsmittel an die Weißgardisten und die ausländischen Imperia- 
listen auszuliefern. Es mußte ihnen durch die Tat gezeigt werden, 





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und zwar gehörig, daß das Proletariat die Macht nicht dazu ergriffen 
hatte, um derartige Späße zu dulden. 

In den harten Strafen gegen die Intellektuellen sieht unser 
spießbürgerlicher Idealist „Konsequenz einer Politik, die die Intel- 
lektuellen nicht durch Ueberzeugung, sondern durch Fußtritte von 
vorn und hinten zu gewinnen suchte“. (S. 129.) Kautsky meint 
also allen Ernstes, daß man die bürgerlichen Intellektuellen zum 
Aufbau des Sozialismus durch bloße Ueberzeugung heranzuziehen 
vermag und das in einer Lage, wo noch in allen anderen Ländern 
die Bourgeoisie herrscht, die vor keinem Mittel zurückschreckt, 
um die russischen Intellektuellen einzuschüchtern, zu verführen oder 

zu bestechen und sie zu einem Werkzeug der kolonialen Unter- 
jochung Rußlands zu machen. 

Anstatt den Verlauf des Kampfes zu analysieren, gibt Kautsky 
auch in Bezug auf die Intellektuellen Schulrezepte. Es ist ganz 
falsch, daß unsere Partei gemeint habe, ohne die Intellektuellen aus- 
zukommen, daß sie sich nicht Rechenschaft ablegte über ihre 
Bedeutung für die uns bevorstehende wirtschaftliche und kultur 
relle Arbeit. Im Gegenteil. Als der Kampf um die Eroberung 
und Sicherung der Macht aufs schärfste entbrannt war, und die 
Mehrheit der Intellektuellen die Rolle eines Stoßtrupps der Bour- 
geoisie spielte, offen gegen uns kämpfte oder unsere Institutionen 
sabotierte, da kämpfte die Sowjetmacht eben deshalb schonungslos 
gegen die Fachleute, weil sie ihre gewaltige organisierende Be- 
deutung kannte, insofern sie nicht eine selbständige „demokratische“ 
Politik zu führen versuchen, sondern die ihnen von einer der Haupt? 
klassen auferlegten Aufgaben erfüllen. Erst nachdem der Wider- 
stand der Intellektuellen in hartem Kampfe gebrochen wurde, 
eröffnete sich die Möglichkeit, die Fachleute zur Arbeit heranzu- 
ziehen. Wir haben diesen Weg unverzüglich beschritten. Er 
erwies sich als nicht ganz einfach. Die Beziehungen, die unter 
den kapitalistischen Verhältnissen zwischen Arbeiter und Direktor, 
Schreiber und Chef, Soldat und Offizier bestanden, hatten ein sehr 
tiefgehendes Mißtrauen gegen die Spezialisten hinterlassen, das sich 
in der ersten Periode des Bürgerkrieges noch verschärfte, als die 
Intellektuellen bestrebt waren, die Arbeiterrevolution um jeden 
Preis durch Hunger und Kälte zu brechen. Es war nicht leicht, 
diese Stimmungen zu überwinden und von rasender Erbitterung 
zu friedlicher Zusammenarbeit überzugehen. Die Arbeitermasseri 
mußten sich allmählich daran gewöhnen, im Ingenieur, im Agro- 
nomen, im Offizier nicht den Unterdrücker von gestern, sondern den 
nützlichen Arbeiter von heute zu sehen, den unentbehrlichen der 
Arbeiter- und Bauernmacht zur Verfügung stehenden Fachmann. 
Wir haben bereits gesagt, daß Kautsky unrecht hat, wenn er der 
Sowjetmacht das prinzipielle Streben aufdrängt, die Fachleute durch 



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Proletarier zu ersetzen. Aber daß eine derartige Tendenz sich in 
breiten Kreisen des Proletariats bemerkbar machen mußte, — das 
ist unbestreitbar. Die junge Klasse, die den Beweis geliefert hatte, 
daß sie imstande ist, che größten Hindernisse auf ihrem Wege zu 
überwinden, die den Schleier der Mystik, der die Machthaber um- 
gab, in Fetzen gerissen hatte, die sich davon überzeugt hatte, daß 
nicht Götter die Lehmtöpfe brennen, — diese revolutionäre Klasse 
war in Person ihrer unreiferen Elemente naturgemäß geneigt, in 
der ersten Zeit ihre Fähigkeit zu überschätzen, alle und jede Auf- 
gaben lösen zu können, ohne zur Hilfe der von der Bourgeoisie 
erzogenen Fachleute zu greifen. 

Den Kampf gegen derartige Tendenzen, soweit sie bestimmte 
Formen annahmen, haben wir nicht erst seit gestern begonnen. 

„Gegenwärtig, in einer Periode, wo die Macht der Sowjets 
gesichert ist“, sagten wir auf der Moskauer Stadtkonferenz am 28. 
März 1918, „muß die Bekämpfung der Sabotage ihren Ausdruck 
darin finden, daß die gestrigen Saboteure in Diener, in Vollstrecker, 
in technische Leiter überall da verwandelt werden, wo das neue 
Regime dies nötig hat. Wenn wir das nicht fertig bringen, wenn 
wir alle uns unentbehrlichen Kräfte nicht heranziehen und in den 
Sowjetdienst einzustellen vermögen, dann würde hierdurch unser 
gestriger, kriegsrevolutionärer Kampf mit der Sabotage als völlig 
vergeblich und fruchtlos zu verurteilen sein.“ 

„Wie in den toten Maschinen, so ist auch in diesen Technikern, 
Ingenieuren, Aerzten, Lehrern, ehemaligen Offizieren, ein bestimm- 
tes Nationalkapital unseres Volkes verkörpert, das wir verpflichtet 
sind auszubeuten, auszunutzen, wenn wir die grundlegenden 
Fragen, vor denen wir stehen, überhaupt lösen wollen.“ 

„Die Demokratisierung besteht durchaus nicht darin — das 
ist das ABC für jeden Marxisten, — die Bedeutung der qualifizier- 
ten Kräfte, die Bedeutung der Leute, die Fachkenntnisse besitzen, 
aufzuheben und sie stets und überall durch gewählte Kollegien zu 
ersetzen.“ 

„Die gewählten Kollegien, die aus den besten Vertretern der 
Arbeiterklasse bestehen, aber nicht über die imumgänglichen 
technischen Kenntnisse verfügen, vermögen nicht einen Techniker 
zu ersetzen, der eine Fachschule durchgemacht hat und weiß, wie 
die entsprechende Facharbeit geleistet werden muß. Die breite 
Ausdehnung der Kollegialität, die bei uns auf allen Gebieten zu 
beobachten ist, erscheint als völlig natürliche Reaktion der jungen, 
revolutionären, gestern noch geknechteten Klasse, die das unper- 
sönliche Prinzip der gestrigen Gebieter, Besitzer, Kommandeure 
beiseite wirft und überall ihre gewählten Vertreter einsetzt. Das 
ist, sage ich, eine ganz natürliche und ihrem Ursprünge nach ganz 



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gesunde Reaktion. Aber das ist nicht das letzte Wort des wirt- 
schaftlichen Staatsaufbaues der Proletarierklasse.“ 

' „Der nächste Schritt muß in der Selbstbeschränkung des Kolle- 
gialprinzips bestehen, in einer gesunden und heilsamen Beschrän- 
kung der Arbeiterklasse, die da weiß, wo der gewählte Vertreter 
der Arbeiter selbst das entscheidende Wort sprechen kann und wo 
der Platz dem Techniker, dem Fachmann eingeräumt werden muß, 
der mit bestimmten Kenntnissen ausgerüstet ist, dem eine große 
Verantwortlichkeit auferlegt und der unter eine wachsame politische 
Kontrolle gestellt werden muß. Aber dem Fachmann muß not- 
wendig die Möglichkeit zu freier Betätigung gegeben werden, weil 
kein einziger einigermaßen befähigter und begabter Fachmann auf 
seinem Gebiet zu arbeiten vermag, wenn er in seiner Facharbeit 
einem Kollegium von Leuten untersteht, die dieses Gebiet nicht 
kennen. Die politische kollegiale Sowjetkontrolle muß stets und 
überall ausgeübt werden, aber für die Ausführungsfunktionen ist 
es erforderlich, technische Fachleute zu ernennen, sie auf verant- 
wortliche Posten zu stellen und ihnen die Verantwortung zu 
übertragen.“ 

„Wer sich davor fürchtet, der verhält sich unbewußt mit 
tiefem innerem Mißtrauen zum Sowjetregime. Wer da glaubt, daß 
die Fieranziehung der Saboteure von gestern zur Leitung fach- 
technischer Aemter geradezu die Grundlagen des Sowjetregimes 
bedroht, der gibt sich seinerseits keine Rechenschaft darüber, daß 
das Sowjetregime nicht über irgend einen Ingenieur, nicht über 
irgend einen General von gestern stolpern kann, — in politischer, 
revolutionärer, militärischer Hinsicht ist das Sowjetregime unbesieg- 
bar, — sondern nur über seine eigene Unfähigkeit, mit den 
schöpferischen Organisationsaufgaben fertig zu werden.“ 

„So muß aus den alten Institutionen alles das herausgeholt 
werden, was dort an Lebensfähigem und Wertvollem vorhanden 
war, und in die neue Arbeit eingespannt werden.“ 

„Wenn wir das nicht tun, Genossen, dann werden wir mit 
unseren wesentlichsten Aufgaben nicht zurechtkommen, denn aus 
unserem Inneren, aus unserer Mitte heraus binnen kürzester Frist 
alle erforderlichen Fachleute aufzustellen, unter Verwerfung alles 
dessen, was früher aufgespeichert worden ist, wäre ganz un- 
möglich.“ 

„Es wäre das, im Grunde genommen, dasselbe, wie wenn wir 
sagen würden, daß wir jetzt Sie die Maschinen verwerfen, die 
bisher zur Ausbeutung der Arbeiter gedient haben. Das wäre 
Wahnwitz. Die Heranziehung gelehrter Fachleute ist für uns ebenso 
notwendig wie die Registrierung aller Produktions- und Trans- 
portmittel, sowie überhaupt aller Reichtümer des Landes. Wir 
müssen, und zwar unverzüglich, di e F ach techniker, die wir haben, 






• * 



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registrieren und für sie die wirkliche Arbeitspflicht einführen, ihnen 
zugleich ein weites Tätigkeitsfeld eröffnen und sie unter politische 
Kontrolle stellen“*). 

Am akutesten war das Fachleuteproblem von Anfang an im 
Militärressort. Hier ist es unter dem Druck der eisernen Not- 
wendigkeit zuerst entschieden worden. 

Auf dem Gebiete der Verwaltung der Industrie und des Trans- 
portwesens sind die erforderlichen Organisationsformen auch bis 
zum heutigen Tage noch längst nicht völlig erreicht. Die Ursache 
muß in dem Umstande gesucht werden, daß wir im Laufe der 
ersten zwei Jahre genötigt waren, die Interessen der Industrie und 
des Transportwesens den Bedürfnissen der militärischen Verteidi- 
gung unterzuordnen. Der äußerst wechselvolle Gang des Bürger- 
kriegs hat seinerseits die Herstellung geregelter gegenseitiger Be- 
ziehungen mit den Fachleuten verhindert. Die qualifizierten Tech- 
niker der Industrie und des Verkehrs, Aerzte, Lehrer, Professoren 
schlossen sich entweder den weichenden Truppen Koltschaks und 
Denikins an oder wurden von ihnen gewaltsam mitgeschleppt. Erst 
jetzt, da der Bürgerkrieg sich seinem Ende genähert hat, söhnen 
sich die Intellektuellen in ihrer Masse mit der Sowjetmacht aus 
oder beugen sich ihr. Die Wirtschaftsaufgaben treten in den Vor- 
dergrund. Zu den wichtigsten unter ihnen gehört die wissenschaft- 
liche Organisierung der Produktion. Den Fachleuten eröffnet sich 
ein unermeßliches Arbeitsfeld. Ihnen wird die für schöpferische 
Arbeit unumgängliche Selbständigkeit gewährt. Die gesamtstaat- 
liche Leitung der Industrie konzentriert sich in den Händen der 
Partei des Proletariats. / 

Die internationale Politik der Sowjetmacht . 

„Die Bolschewiki“, sagte Kautsky, „gewannen die Kraft, die 
politische Macht an sich zu reißen, dadurch, daß sie unter den 
politischen Parteien Rußlands diejenige waren, die am energisch- 
sten den Frieden forderte, den Frieden um jeden Preis, den Separat- 
frieden, unbekümmert darum, wie sich dadurch die allgemeine inter- 
nationale Situation gestaltete, ob sie den Sieg und die Weltherr- 
schaft der deutschen Militärmonarchie dadurch förderten oder 
nicht, zu deren Schützlingen sie lange Zeit ebenso zählten, wie 
indische oder irische Rebellen und italienische Anarchisten“. (S. 42). 

Kautsky weiß über die Gründe unseres Sieges nur das eine, daß 
wir für die Friedensparole eingetreten sind. Er gibt keine Erklärung 
dafür, wodurch die Sowjetmacht sich hat halten können, als sie den 

*) „Arbeit, Disziplin, Ordnung werden die sozialistische Sowjetrepublik 
retten“, Moskau, 1918. Kautsky kennt diese Broschüre, da er sie mehrmals 
zitiert. Das hindert ihn jedoch nicht, die oben angeführte Stelle, die das 
Verhalten der Sowjetmacht zu den Intellektuellen klarlegt, zu übergehen. 



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bedeutendsten Teil der Soldaten der imperialistischen Armee von 
neuem mobil machte, um ihre politischen Feinde zwei Jahre lang 
erfolgreich zurückzuweisen. 

Die Friedensparole hat imstreitig eine gewaltige Rolle in 
unserem Kampfe gespielt; aber dies eben deshalb, weil sie gegen 
den imperialistischen Krieg gerichtet war. Am ausgepräg- 
testen wurde die Friedensparole nicht von den erschöpften Soldaten, 
sondern von den vorgeschrittenen Arbeitern unterstützt, denen sie 
nicht Erholung, sondern unversöhnlicher Kampf gegen die Aus- 
beuter bedeutete. Diese selben Arbeiter setzten dann unter der 
Losung des Friedens ihr Leben an den Sowjetfronten ein. 

Die Behauptung, wir hätten den Frieden gefordert, ohne 
uns darum zu kümmern, welchen Einfluß er auf die internationale 
Lage ausüben werde, ist eine verspätete Nachbeterei kadettisch- 
menschewistischer Verleumdungen. Der Versuch, uns mit den ger- 
manophilen Nationalisten Indiens und Irlands gleichzusetzen, stützt 
sich darauf, daß der deutsche Imperialismus tatsächlich 
versucht hat, uns in gleicher Weise auszunutzen wie die Hindus 
und Irländer. Aber die Chauvinisten Frankreichs haben nicht 
geringe Mühe darauf verwendet, Liebknecht und Rosa Luxemburg 
— sogar Kautsky und Bernstein! — für ihre Interessen auszu- 
nutzen. Die ganze Frage ist die, ob wir gestattet haben, uns aus- 
zunutzen? Haben wir durch unser Verhalten den europäischen 
Arbeitern gegenüber auch nur den Schein einer Veranlassung dazu 
gegeben, uns mit dem deutschen Imperialismus in einen Topf zu 
werfen? Es genügt, an den Verlauf der Brester Verhandlungen, ihren 
Abbruch und den deutschen Vormarsch im Februar 1918 zu er- 
innern, um den Zynismus der Beschuldigung Kautskys restlos auf- 
zudecken. Frieden zwischen uns und dem deutschen Imperialismus 
hat es eigentlich nicht einen einzigen Tag lang gegeben. An der 
ukrainischen und kaukasischen Front setzen wir nach Maßgabe 
unserer damals äußerst schwachen Kräfte den Krieg fort, ohne ihn 
offen so zu nennen. Wir waren zu schwach, um uns an der ganzen 
russisch-deutschen Front zu erheben, wir nährten zeitweilig die 
Fiktion des Friedens, unter Ausnutzung des Umstandes, daß die 
deutschen Hauptkräfte nach dem Westen abgelenkt waren. Wenn 
der deutsche Imperialismus 1917 — 18 stark genug war, um uns 
den Brester Frieden aufzuzwingen, trotz aller unserer Anstren- 
gungen, uns dieser Schlinge zu entwinden, so lag die Haupt- 
ursache dafür in dem schmählichen Verhalten der deutschen Sozial- 
demokratie, deren integrierender und notwendiger Bestandteil 
Kautsky blieb. Der Frieden von Brest-Litowsk ist am 4. August 
1914 vorausbestimmt worden. Damals hat Kautsky dem deutschen 
Militarismus nicht nur den Krieg nicht erklärt, was er später von 
der im Jahre 1918 militärisch noch machtlosen Sowjetmacht ver- 



100 


langte, — er beantragte sogar, „unter bestimmten Bedingungen“ für 
die Kriegskredite zu stimmen und zeigte überhaupt ein derartiges 
Verhalten, daß monatelang untersucht werden mußte, ob er für oder 
gegen den Krieg war. Und dieser politische Feigling, der im ent- 
scheidenden Augenblick die Grundstellungen des Sozialismus auf- 
gab, wagt es, uns anzuklagen, weil wir in einem bestimmten 
Augenblick genötigt waren zu weichen — nicht geistig, sondern 
materiell — und warum? Weil die vom Kautskyanertum, d. h. 
von der theoretisch maskierten politischen Ohnmacht verderbte 
deutsche Sozialdemokratie uns verraten hatte. 

Wir haben uns nicht um die internationale Lage gekümmert! 
In Wirklichkeit besaßen wir hinsichtlich der internationalen Lage ein 
bedeutend tieferes Kriterium, — und es hat uns nicht betrogen. — 
Schon vor der Februarrevolution hatte die russische Armee als 
Kampfkraft zu existieren aufgehört. Ihr endgültiger Zerfall war 
unausbleiblich. Wenn die Februarrevolution nicht ausgebrochen 
wäre, hätte der Zarismus sich mit der deutschen Monarchie ver- 
ständigt. Aber die Februarrevolution, die dies Geschäft vereitelte, 
hat eben deshalb, weil sie eine Revolution war, die auf dem monar- 
chischen Prinzip beruhende Armee endgültig untergraben. Einen 
Monat früher oder später mußte die Armee in Stücke zerfallen. 
Die Kriegspolitik Kerenskis war eine Vogelstraußpolitik. Er wollte 
die Zersetzung der Armee nicht sehen, schwang tönende Phrasen 
und bedrohte den deutschen Imperialismus mit Worten. 

Unter diesen Umständen gab es für uns nur einen Ausweg: 
sich auf den Boden des Friedens als der unvermeidlichen Folgerung 
aus der militärischen Machtlosigkeit der Revolution zu stellen und 
diese Losung in ein Mittel zur revolutionären Einwirkung auf alle 
Völker Europas zu verwandeln; d. h. statt zusammen mit Kerenski 
die endgültige militärische Katastrophe passiv abzuwarten, die die 
Revolution unter ihren Trümmern hätte begraben können, mußte 
man sich der Friedensepoche bemächtigen und das Proletariat Euro- 
pas für sie gewinnen, vor allem die Arbeiter Oesterreichs und 
Deutschlands. Von diesem Gesichtspunkte aus haben wir unsere 
Friedensverhandl ungen mit den Mittelmächten geführt, in diesem 
Geiste unsere Noten an die Regierungen der Entente abgefaßt. Wir 
haben die Verhandlungen verschleppt, so lange wir konnten, um den 
europäischen Arbeitermassen die Möglichkeit zu geben, sich über 
den Sinn der Sowjetmacht und ihrer Politik klar zu werden. Der 
Januarstreik von 1918 in Deutschland und Oesterreich hat gezeigt, 
daß unsere Bemühungen nicht vergeblich gewesen sind. Dieser 
Streik war der erste ernste Vorbote der deutschen Revolution. Die 
deutschen Imperialisten begriffen, daß gerade wir eine tödliche Ge- 
fahr für sie bilden. Im Buche Ludendorffs wird dafür ein sehr 
beredtes Zeugnis abgelegt. Sie wagten es allerdings bereits nicht 



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mehr, einen offenen Kreuzzug gegen uns zu unternehmen. Aber 
überall da, wo sie versteckt gegen uns kämpfen konnten, unter Irre- 
führung der deutschen Arbeiter mit Hilfe der deutschen Sozial- 
demokratie, haben sie es getan : in der Ukraine, am Don, im Kauka- 
sus. In Zentralrußland, in Moskau stand Graf Mirbach vom ersten 
Tage seines Eintreffens an im Brennpunkt der gegenrevolutionären 
Verschwörungen gegen die Sowjetmacht, wie Gen. Joffe in Berlin in 
engster Beziehung zur Revolution stand. Die äußerste Linke der 
deutschen Revolution, die Partei Karl Liebknechts und Rosa Luxem- 
burgs, ging mit uns die ganze Zeit über Hand in Hand. Die 
deutsche Revolution nahm sofort die Form von Sowjets an, und das 
deutsche Proletariat zweifelte trotz des Brester Friedens keinen 
Augenblick daran, daß wir mit Liebknecht waren und nicht mit 
Ludendorff. In seinen Aussagen vor der Reichstagskommission 
im November 1919 hat Ludendorff erzählt, wi$ „der Oberbefehl die 
Schaffung einer Institution forderte, die die Aufgabe haben sollte, 
die Beziehungen der revolutionären Bestrebungen in Deutschland 
zu Rußland aufzudecken. Joffe traf in Berlin ein, und in verschie- 
denen Städten wurden russische Konsulate eröffnet. Das ist für 
Heer und Flotte folgenschwer gewesen“. Kautsky aber hat den 
traurigen Mut zu schreiben : „wenn es . . . zur deutschen Revolution 
kam, waren sie (die Bolschewiki) nicht schuld daran“ (S. 110 — 111). 

Selbst wenn wir 1917—18 die Möglichkeit gehabt hätten, die 
alte zaristische Armee durch revolutionäre Abstinenz aufrechtzuer- 
halten, statt ihre Zersetzung zu beschleunigen, so hätten wir da- 
durch . einfach der Entente in die Hände gearbeitet und ihre räube- 
rische Niedermachung Deutschlands, Oesterreichs und überhaupt 
aller Länder der Welt durch unsere Teilnahme gedeckt. Bei dieser 
Politik hätten wir im entscheidenden Augenblick der Entente voll- 
ständig waffenlos gegenübergestanden, noch wehrloser, als heute 
Deutschland. Dank der Oktoberrevolution und dem Brester Frieden 
aber sind wir jetzt das einzige Land, das der Entente mit dem 
Gewehr in der Hand gegenübersteht. Durch unsere internationale 
Politik haben wir dem Hohenzollern nicht nur nicht geholfen, eine 
weltbeherrschende Stellung einzunehmen, sondern wir haben durch 
die Novemberumwälzung mehr als irgend jemand sonst seinen Sturz 
beschleunigt. Zu gleicher Zeit haben wir uns eine Kriegspause 
gesichert, während der wir eine zahlreiche und feste Armee 
schufen, die größte Armee des Proletariats in der Geschichte, mit 
der jetzt alle Kettenhunde der Entente nicht mehr fertig zu werden 
vermögen. 

Der kritischste Augenblick in unserer internationalen Lage trat 
im Herbst 1918 ein, nach der Zerschmetterung der deutschen 
Armeen. Statt zweier mächtiger Lager, die einander mehr oder 
weniger neutralisierten, stand die siegreiche Entente auf dem Gipfel 



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ihrer Weltmachtstellung und lag das zertretene Deutschland vor 
uns, dessen Junkergesindel es sich als Glück und Ehre angerechnet 
hätte, für einen Knochen aus der Küche Clemenceaus das russische 
Proletariat an der Kehle zu packen. Wir boten der Entente den 
Frieden an und waren abermals bereit — denn wir waren ge- 
zwungen, — die härtesten Bedingungen zu unterzeichnen. Aber 
Clemenceau, in dessen imperialistischem Räubertum alle Züge des 
kleinbürgerlichen Stumpfsinns vollkommen geblieben sind, ver- 
weigerte den Junkern den Knochen und faßte gleichzeitig den Be- 
schluß, den Invalidendom um jeden Preis mit den Skalps der Führer 
Sowjetrußlands zu schmücken. Durch diese Politik hat Clemenceau 
uns einen nicht geringen Dienst erwiesen. Wir haben uns bewahrt 
und behauptet. 

Worin bestand nun die leitende Idee unserer Außenpolitik, 
nachdem die ersten Monate des Bestehens der Sowjetmacht eine 
noch bedeutende Festigkeit der kapitalistischen Regierungen Europas 
offenbart hatten? Eben in dem, was Kautsky jetzt mit Erstaunen als 
Zufallsergebnis feststellt : im Durch halten! Wir erkannten 
nur allzuklar, daß allein schon die Tatsache der Existenz der Sowjet- 
macht ein Ereignis von größter revolutionärer Bedeuturig ist. Und 
diese Erkenntnis diktierte uns Zugeständnisse und zeitweilige Rück- 
züge, — nicht in den Prinzipien, sondern in den praktischen Fol- 
gerungen aus der nüchternen Einschätzung der eigenen Kraft. Wir 
wichen zurück, wie eine Armee, die dem Feinde eine Stadt, sogar 
eine Festung preisgibt, um sich durch den Rückzug nicht nur für 
die Verteidigung, sondern auch für den Angriff zu konzentrieren. 

Wir wichen wie Streikende, deren Kräfte und Mittel für heute er- 
schöpft sind, die aber mit zusammengebissenen Zähnen zu einem 
neuen Kampfe rüsten. Wären wir nicht von unerschütterlichem 
Glauben an die Weltbedeutung der Sowjetdiktatur durchdrungen 
gewesen, so wären wir in Brest-Litowsk nicht auf so ungeheuer 
schwere Opfer eingegangen. Wenn unser Glaube sich als im 
Widerspruch zur tatsächlichen Entwicklung der Dinge stehend er- 
wiesen hätte, dann wäre der Brest-Litowsker Vertrag in die Ge- 
schichte als nutzlose Kapitulation eines zum Untergang verurteilten 
Regimes übergegangen. So haben damals nicht nur die Kühl- 
mann, sondern auch die Kautsky aller Länder die Lage eingeschätzt. 
Aber es zeigte, sich, daß wir hinsichtlich der Einschätzung sowohl 
unserer damaligen Schwäche als auch unserer zukünftigen Stärke 
recht hatten. Die Existenz dei;. Ebertrepublik mit ihrem allgemeinen 
Wahlrecht, ihrer parlamentarischen Falschspielerei, der „freien“! 
Presse und der Ermordung der Arbeiterführer ist einfach das 
jetzt in der Reihe folgende Glied an der geschichtlichen Kette der 
Sklaverei und Niederträchtigkeit. Die Existenz der Sowjetmacht 
ist eine Tatsache von unermeßlicher revolutionärer Bedeutung. Man 




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— 103 — 

mußte sie aufrechterhalten, unter Benutzung der Rauferei der kapi- 
talistischen Nationen, des noch nicht beendeten imperialistischen 
Krieges, der selbstbewußten Frechheit der Hohenzollernbande, der 
Engstirnigkeit der Weltbourgeoisie in den Grundfragen der Re- 
volution, des Antagonismus zwischen Amerika und Europa, der 
verwickelten Beziehungen innerhalb der Entente, — man mußte 
das noch nicht völlig fertiggestellte Sowjetschiff durch stürmische 
Wogen, zwischen Felsen und Riffen hindurchsteuem und es unter- 
wegs fertig bauen und panzern. 

Kautsky übernimmt es, die gegen uns erhobene Anschuldigung 
zu wiederholen, daß wir uns Anfang 1918 nicht waffenlos auf den 
mächtigen Feind gestürzt haben. Wenn wir das getan hätten, 
wären wir geschlagen worden*). Der erste große Versuch einer 
Machtergreifung durch das Proletariat wäre gescheitert. Dem 
revolutionären Flügel des europäischen Proletariats wäre ein un- 
geheuer schwerer Schlag beigebracht worden. Ueber der Leiche 
der russischen Revolution hätte die Entente sich mit den Hohen- 
zollern ausgesöhnt, die kapitalistische Weltreaktion hätte für eine 
Reihe von Jahren Aufschub erhalten. Wenn Kautsky sagt, daß 
wir beim Abschluß des Brester Friedens seinen Einfluß auf die 
Schicksale der deutschen Revolution nicht in Betracht gezogen 
hätten, so ist das eine schändliche Verleumdung. Wir haben diese 
Frage allseitig erörtert, und unser einziges Kriterium war das 
Interesse der internationalen Revolution. Wir gelangten zu dem 
Schluß, daß dieses Interesse die Aufrechterhaltung der einzigen 
Sowjetmacht der Welt erfordert. Und es erwies sich, daß wir recht 
hatten. Aber Kautsky erwartete unseren Sturz, wenn nicht mit 
Ungeduld, so doch mit Sicherheit, und auf diesen erwarteten Sturz 
gründete er seine ganze internationale Politik. 

Die vom Ministerium Bauer veröffentlichten Protokolle der 
Sitzung der Koalitionsregierung vom 19. November 1918 besagen: 
„1.) Fortsetzung der Debatten über das Verhalten Deutschlands 
zur Sowjetrepublik. Haase rät zu einer Verschleppungspolitik. 


*) Die „Wiener „Arbeiterzeitung“ stellt, wie sichs gehört, die russischen 
Kommunisten als vernünftige Leute den österreichischen gegenüber. „Hat 
Trotzki nicht“, schreibt das Blatt, „mit klarem Blick und Erkenntnis der 
Möglichkeiten den Brester Gewaltfrieden unterschrieben, obgleich er der 
Festigung des deutschen Imperialismus diente? Der Brester Frieden war 
ebenso hart und schmachvoll wie der von Versailles. Aber soll damit gesagt 
sein, daß Trotzki eine Fortsetzung des Krieges gegen Deutschland hätte 
wagen sollen? Wäre das Schicksal der russischen Revolution dann nicht 
schon längst entschieden? Trotzki beugte sich der unabwendbaren Not- 
wendigkeit und Unterzeichnete den schmachvollen Vertrag in der Voraus- 
sicht der deutschen Revolution“. Das Verdienst der Voraussicht aller Folgen 
des Brester Friedens gebührt Lenin. Aber das ändert natürlich nichts am 
Inhalte der Argumente des Blattes der Wiener Kautskyaner. 



I I I 



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Kautsky schließt sich Haase an: manmuß die Entschei- 
dung hinausschieben, die Sowjetregierung 
wird sich nicht lange halten, sie wird im Laufe 
einiger Wochen unausbleiblich fallen“ . . . In der 
Periode also, wo die Lage der Sowjetmacht tatsächlich äußerst 
schwierig war — die Zerschmetterung des deutschen Militarismus 
schuf, wie es schien, für die Entente die volle Möglichkeit, „im Läufe 
einiger Wochen“ mit uns ein Ende zu machen, — in diesem Augen- 
blick eilt Kautsky uns nicht nur nicht zu Hilfe und wäscht auch 
nicht einmal seine Hände einfach in Unschuld, sondern er nimmt 
am aktiven Verrat gegen das revolutionäre Rußland teil. Um 
Scheidemann seine Rolle als Hüter der Bourgeoisie — statt der 
programmatischen Rolle ihres Totengräbers — zu erleichtern, 
beeilt sich Kautsky, selbst ein Totengräber der Sowjetmacht zu 
werden. Aber die Sowjetmacht lebt. Sie wird alle ihre Totengräber 
überleben. 




i i j i 


* 


VIII. Die Probleme der Organisation 

der Arbeit. 

l>ie Sowjetmacht und die Industrie. 

Wenn in der ersten Periode der Sowjetrevolution die Haupt- 
anklagen der bürgerlichen Welt unsere Grausamkeit und Blutdür- 
stigkeit betrafen, so hat man späterhin, als dies Argument infolge 
häufigen Gebrauchs ' stumpf geworden und seine Kraft verloren 
hatte, angefangen, uns hauptsächlich für den wirtschaftlichen Ver- 
fall des Landes verantwortlich zu machen. Entsprechend seiner 
jetzigen Mission überträgt Kautsky in die Sprache des Pseudo- 
marxismus alle bürgerlichen Anklagen darüber, daß die Sowjetmacht 
das industrielle Leben Rußlands ruiniert habe: die Bolschewiki sind 
ohne jeden Plan an die Sozialisierung gegangen, haben sozialisiert, 
was noch nicht reif war für die Sozialisierung, schließlich ist die 
russische Arbeiterklasse überhaupt noch nicht zur Leitung der 
Industrie vorbereitet usw. usw. 

Indem Kautsky diese Anklagen wiederholt und kombiniert, 
verschweigt er mit stumpfsinniger Hartnäckigkeit die Hauptursachen 
unseres wirtschaftlichen Verfalls: die imperialistische Metzelei, den 
Bürgerkrieg und die Blockade. 

Von den ersten Monaten seines Bestehens an war Sowjetruß- 
land der Kohle, des Naphta, der Metalle und der Baumwolle 
beraubt. Zuerst hatte der österreichisch-deutsche, dann der En- 
tenteimperialismus unter Mitwirkung der russischen Weißgardisten 
Sowjetrußland vom Kohlen- und Metallerzbecken des Donez, vom 
kaukasische Naphtagebiet, von Turkestan mit seiner Baumwolle, 
vom Ural mit seinen reichen Metallgruben, von Sibirien mit seinem 
Getreide und Fleisch abgeschnitten. Das Donezbecken lieferte 
unserer Industrie gewöhnlich 94% des gesamten Kohlenheizstoffes 
und 74% des Schwarzmetalls. Der Ural lieferte uns weitere 20% 
Metall und 4% Kohle Diese beiden Gebiete wurden im Verlaufe 
des Bürgerkrieges von uns abgetrennt. Wir verloren eine halbe 
Milliarde Pud Kohlen, die aus dem Auslande eingeführt wurden, 
gleichzeitig blieben wir auch ohne Naphta — alle Quellen bis auf 

s 



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— 106 — 

die letzte gingen in die Hände unserer Feinde. Man muß ui Wahr- 
heit ein Brett vor dem Kopf haben, um angesichts dieser Tatsacher; 
vom zerstörenden Einfluß der „unzeitgemäßen“ „barbarischen“ 
usw. Sozialisierung auf eine Industrie zu reden, die weder Heiz 
material noch Rohstoffe hat. Ob das Unternehmen einem kapita 
listischen Trust oder einem Arbeiterstaat gehört, ob der Betriel 
sozialisiert ist oder nicht, sein Schornstein wird dennoch nich. 
rauchen, wenn keine Kohle oder keine Naphta vorhanden ist. Dar 
über. kann. man . in Oesterreich manches in Erfahrung bringen 
übrigens auch in Deutschland selbst. Eine Weberei, die nach de . 
besten Methoden Kautskys geleitet wird* — wenn man annimm , 
daß man nach den Methoden Kautskys überhaupt irgend etwas leite i 
kann, außer das eigene Tintenfaß — diese Weberei wird keine, i 
Kattun liefern, wenn man sie nicht mit Baumwolle versorgt. W 
aber verloren gleichzeitig sowohl den turkestanischen als auch de i 
amerikanischen Faserstoff. Außerdem hatten wir, wie gesägt, kei 
Heizmaterial. 

Freilich, Blockade und Bürgerkrieg waren Folgen der prole- 
tarischen Umwälzung in Rußland. Daraus ergibt sich aber durc - 
aus nicht, daß die gigantischen Verwüstungen, die durch die angl > 
amerikanisch-französische Blockade und die Raubzüge Koltscha 
und Denikins hervorgerufen worden sind, der Untauglichkeit d •: 
Wirtschaftsmethoden der Sowjets zugeschrieben werden sollen. 

Der der Revolution vorausgegangene imperialistische Kri< ' 
mit seinen allesverschlingenden materialistischen Ansprüchen 1: Jt 
unsere junge Industrie bedeutend stärker belastet als die Indust; je 
der mächtigen kapitalistischen Länder. Besonders schwer hat uns i 
Transportwesen gelitten. Die Ausnutzung der Eisenbahnen sti g 
außerordentlich, dementsprechend stieg auch die Abnutzung, die 
Reparatur aber wurde auf ein strenges Minimum beschränkt. Der 
unausbleibliche Tag des Zusammenbruchs wurde durch die Heiz- 
materialkrise näher gerückt. Da wir fast gleichzeitig die Don ; 
kohle, die ausländische Kohle und das kaukasische Naphta ver- 
loren, mußten wir im Transportwesen zur Holzfeuerung übergeh. ’ 
Da aber die vorhandenen Holzvorräte darauf absolut nicht bere g- 
net waren, so mußten die Lokomotiven mit frischgefälltem grüne a 
Holz gefeuert werden, das auf den ohnehin schon abgenutzten 
Mechanismus der Lokomotiven äußerst zerstörend wirkt. Wii - 
sehen also, daß die Hauptursachen des Transportverfalls een 1 
November 1917 vorausgingen. Aber auch die Ursachen, die dir <x 
oder indirekt mit der Oktoberrevolution Zusammenhängen, zäh er 
zu den politischen Folgen der Revolution und berühren keineswegs 
die sozialistischen Wirtschaftsmethoden. 

Der Einfluß der politischen Erschütterungen auf wirtschaft- 
lichem Gebiet blieb selbstverständlich nicht auf die Transport- und 



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— 107 — 

die Heizmaterialfrage beschränkt. Wenn , die Weltindustrie sich 
in den letzten Jahrzehnten immer mehr in einen einheitlichen Orga- 
nismus verwandelte, so gilt , das um so mehr von der nationalen 
Industrie. Dabei < aber haben Krieg und Revolution die russische 
Industrie nach allen Richtungen zerrissen und zerstückelt. 

* Die industrielle Zerstörung Polens, der Ostseeprovinzen und 
dann Petersburgs begann unter dem Zarismus und dauerte unter 
Kerenski an, immer weitere neue Gebiete erfassend. 

' Die endlosen Evakuationen zugleich mit der Zerstörung der 
Industrie bedeuteten auch die Zerstörung des Transportwesens. 
Während des Bürgerkrieges mit seinen beweglichen Fronten nahmen 
die Evakuationen einen fieberhaften und daher noch zerstörenderen 
Charakter an. Jede Partei, die zeitweilig oder für immer dieses oder 
jenes Industriezentrum räumte, traf alle Vorkehrungen, um die 
wichtigsten Industrieunternehmen für den Gegner unbrauchbar zu 
machen — alle wertvollen- Maschinen oder doch wenigstens ihre 
edelsten Teile wurden zusammen mit den Technikern und den besten 
Arbeitern weggebracht. Auf die Evakuation folgte die Reevakua- 
tion, die nicht selten die Zerstörung vollständig machte, sowohl hin- 
sichtlich der transportierten Güter als auch hinsichtlich der Eisen- 
bahnen. Einige der wichtigsten Industriebezirke — insbesondere 
in der Ukraine und im Ural — gingen mehrfach aus einer Hand 
in die andere. 

Dazu kam, daß zur selben Zeit, da die Zerstörung der tech- 
nischen Einrichtungen in bisher noch nie dagewesenem Umfange 
vor sich ging, der Zustrom von Maschinen aus dem Auslande, der 
früher in unserer Industrie ausschlaggebend war, vollständig 
aufhörte. 

• Aber nicht nur die toten Produktionselemente: Gebäude, 

Maschinen, Schienen, Heizstoffe und Rohstoffe wurden durch die 
vereinigten Schläge des Krieges und der Revolution in furchtbarer 
Weise mitgenommen, nicht weniger, eher sogar mehr noch, hat der 
Hauptfaktor der Industrie gelitten, ihre lebendige schöpferische 
Kraft: das Proletariat. Das Proletariat vollbrachte die November- 
umwälzung, baute den Apparat der Sowjetmacht auf, verteidigte 
ihn und führte einen unablässigen Kampf mit den Weißgardisten. 
Die qualifizierten Arbeiter sind der allgemeinen Regel nach zugleich 
auch die vorgeschrittensten. Der Bürgerkrieg hat viele Zehntausende 
der besten Arbeiter auf lange Zeit der produktiven Arbeit entrissen, 
viele tausende von ihnen unwiderruflich verschlungen. Die sozia- 
listische Revolution hat sich mit der Hauptlast der Opfer auf den 
Vortrupp des Proletariats gelegt und somit auch auf die Industrie. 

Die gesamte Aufmerksamkeit des Sowjetstaates war in den 2*4 
Jahren seines Bestehens auf die militärische Abwehr gerichtet: die 


8 * 



I I 


- 10 « - 

besten Kfäfte und die meisten Hilfsmittel wurden der Front zur 
Verfügung gestellt. 

Der Klassenkampf bringt überhaupt Schädigungen der Industrie 
mit sich. Das ist ihm schon lange vor Kautsky von allen Philo- 
sophen der sozialen Harmonie vorgeworfen worden. Bei ein- 
fachen Wirtschaftsstreiks konsumieren die Arbeiter wohl, produ- 
zieren aber nichts. Um so schwerere Schläge bringt der Klassen- 
kampf in seiner erbittertsten Form, der Form von Waffenkämpfen, 
der Wirtschaft bei. Es ist doch klar, daß der Bürgerkrieg auf keine 
Weise den sozialistischen Arbeitsmethoden zugezählt werden kann. 

Die angeführten Gründe genügen überreichlich, um die schwie- 
rige Wirtschaftslage Sowjetsrußlands zu erklären. Kein Heizstoff, 
kein Metall, keine Baumwolle, das Transportwesen zerstört, die 
technische Einrichtung untauglich, die lebendige Arbeitskraft über 
das ganze Land hin verstreut und zum bedeutenden Teil an den 
Fronten umgekommen, — braucht man da noch weitere Ur- 
sachen für den Niedergang unserer Industrie zu suchen? Im Gegen- 
teil, jeder der angeführten Gründe für sich genommen genügt, um 
die Frage hervorzurufen: wie kann unter solchen Umständen eine 
Fabrik- und Betriebstätigkeit überhaupt noch bestehen? 

Und dabei besteht sie doch — vor allem in Gestalt der 
Kriegsindustrie, die augenblicklich auf Kosten der gesamten übrigen 
Industrie lebt. Die Sowjetmacht war genötigt, sie ebenso wie die 
Armee aus den Trümmern Wiedererstehen zu lassen. Die unter so 
unerhört schwierigen Umständen wiederhergestellte Militärindustrie 
erfüllte und erfüllt ihre Aufgabe : die Rote Armee hat Kleider, Schuh- 
werk, Gewehre, Maschinengewehre, Kanonen, Patronen, Geschosse, 
Flugzeuge und alles andere, was sie braucht. 

Kaum war — nach der Zerschmetterung Koltschaks, Jude- 
nitschs und Denikins — ein Lichtstrahl aufgeblitzt, als wir an die 
Fragen der Wirtschaftsorganisation in ihrem vollen Umfange her- 
antraten. Und schon im Laufe von 3 — 4 Monaten angespannter 
Arbeit auf diesem Gebiet zeigte es sich mit unzweifelhafter Deut- 
lichkeit, daß die Sowjetmacht infolge ihrer äußerst engen Verbindung 
mit den Volksmassen, der Biegsamkeit ihres Staatsapparates und 
ihrer revolutionären Initiative über solche Quellen und Methoden 
zur Wiederaufrichtung der Wirtschaft verfügt, wie sie keinem 
anderen Staat zur Verfügung standen oder stehen. 

Allerdings tauchten hierbei vor uns völlig neue Fragen und 
neue Schwierigkeiten auf dem Gebiet der Arbeitsorganisation auf. 
Die sozialistische Theorie hatte keine fertigen Antworten auf diese 
Fragen bereit und konnte sie auch gar nicht haben. Die Entschei- 
dungen mußten auf dem Wege der Erfahrung gefunden und an der 
Erfahrung nachgeprüft werden. Das Kautskyanertum ist hinter den 
von der Sowjetmacht zu lösenden gigantischen Wirtschaftsaufgaben 


/ 



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— 109 — 

um eine ganze Geschichtsepoche zurückgeblieben, ln Form des 
Menschewismus kriecht er einem unter den Füßen herum und setzt 
den praktischen Maßnahmen unseres Wirtschaftsaufbaus spieß- 
bürgerliche Vorurteile und einen inteilektuell-bureaukratischen Skep- 
tizismus entgegen. 

Um den Leser in den Wesenskern der Fragen der Arbeits- 
organisation einzuführen, lassen wir hier den Bericht des Verfassers 
auf dem HL Kongreß der Gewerkschaften Rußlands folgen. 
Zwecks umfassender Beleuchtung der Frage ist der Text der Rede 
durch längere Auszüge aus den Berichten des Verfassers auf dem 
Kongreß der Volkswirtschaftsräte Rußlands und auf dem IX. Par- 
teitag der Kommunistischen Partei Rußlands ergänzt. 

Bericht über die Organisierung der Arbeit . 

Genossen! Der innere Bürgerkrieg geht zu Ende> An der 
Westfront bleibt die Lage ungeklärt. Möglich, daß die polnische 
Bourgeoisie ihr Schicksal herausfordern wird . . . Aber selbst in 
diesem Falle — wir suchen ihn nicht, — wird der Krieg von uns 
schon nicht mehr die alles verschlingende Kräfteanspannung 
heischen, die art vier Fronten gleichzeitig der Kampf erforderte. 
Der entsetzliche Druck des Krieges wird schwächer. Die wirt- 
schaftlichen Bedürfnisse und Aufgaben treten immer mehr in den 
Vordergrund. Die Geschichte stellt uns Auge in Auge vor unsere 
Hauptaufgabe — die Organisierung der Arbeit ist im wesentlichen 
Die Organisierung einer neuen Gesellschaft — jede Gesellschaft in 
der Geschichte ist im Grunde eine Arbeitsorganisation. Wenn 
jede bisherige Gesellschaft eine Organisierung der Arbeit im Inter- 
esse der Minderheit war, wobei diese Minderheit ihren Staats- 
zwang gegenüber der erdrückenden Mehrheit der Werktätigen 
organisierte, so machen wir zum erstenmal in der Geschichte den 
Versuch, die Arbeit im Interesse der werktätigen Mehrheit selbst 
zu organisieren. Das schließt jedoch das Element des Zwanges in 
allen seinen Spielarten, von den mildesten bis zu den härtesten, 
nicht aus. Das Element der Verbindlichkeit, der staatlichen Nöti- 
gung tritt von der Bühne der Geschichte nicht nur nicht ab, sondern 
wird im Gegenteil noch im Laufe einer bedeutenden Periode eine 
außerordentlich große Rolle spielen. 

Nach der allgemeinen Regel sucht der Mensch sich der Arbeit 
zu entziehen. Arbeitsliebe ist durchaus keine angeborene Eigen- 
schaft: sie wird durch den wirtschaftlichen Druck und die gesell- 
schaftliche Erziehung hervorgebracht. Man kann sagen, daß der 
Mensch ein rechtes Faultier ist. Auf diese seine Eigenschaft 
gründet sich eigentlich in bedeutendem Maße der menschliche Fort- 
schritt, denn wenn der Mensch nicht bestrebt wäre, mit seinen 
Kräften sparsam umzugehen, für eine geringe Energiemenge mög- 



liehst viel Produkte zu erhaben, so hätten wir keine Entwicklung der 
Technik und der gesellschaftlichen Kultur. Von -diesem Gesichts- 
punkte aus also ist die Faulheit des Menschen eine fortschrittliche 
Kraft. Der alte italienische Marxist Antonio Labriola schilderte den 
künftigen Menschen sogar als „glücklichen und genialen Faulenzer“: 
Hieraus braucht man jedoch nicht zu schließen, daß die Partei und 
die Gewerkschaften diese Eigenschaft in ihrer Agitation als mora- 
lische Pflicht predigen sollen. Nein, nein. Wir haben von ihr 
auch ohnedies schon übergenug. Die Aufgabe der gesellschaftlichen 
Organisation besteht darin, die „Faulheit“ in bestimmte Grenzen 
zu bringen, um sie zu disziplinieren, um den Menschen durch 

Mittel und Wege, die er selbst erfunden hat, anzuspomen. 

/ 

Die Arbeitspflicht' 

Der Schlüssel zur Wirtschaft liegt in der Arbeitskraft, — der 
qualifizierten, elementar gelernten, halbgelernten, rohen oder groben. 
Mittel zu ihrer richtigen Registrierung, Mobilmachung, Verteilung, 
produktiven Verwendung auszuarbeiten, darin liegt die praktische 
Lösung der Aufgabe des Wirtschaftsaufbaus. Das ist eine Aufgabe 
für eine ganze Epoche, eine grandiose Aufgabe. Ihre Schwierig- 
keit wird noch dadurch erhöht, daß der Umbau der Arbeit auf 
sozialistischer Grundlage im Zustand unerhörter Verarmung, ent- 
setzlicher Verelendung durchgeführt werden muß. 

Je mehr unsere maschinellen Einrichtungen sich abnutzen, 
je unbrauchbarer unsere Eisenbahnbauten werden, je geringer die 
Aussicht tür uns ist, in nächster Zukunft Maschinen in einiger- 
maßen bedeutender Menge aus dem Auslande zu erhalten, desto 
größere Bedeutung gewinnt die Frage der lebendigen Arbeitskraft. 
Man sollte meinen, daß sie in großer Menge vorhanden ist. Wo 
aber liegen die Wege zu ihr? Wie kann man sie zur Arbeit heran- 
ziehen? Wie kann man sie produktionell organisieren? Schon 
bei der Reinigung der Bahnstränge stießen wir auf große Schwie- 
rigkeiten. Durch Anwerbung von Arbeitskraft auf dem Markt 
waren sie bei der heutigen verschwindend geringen Kaufkraft des 
Geldes, bei fast völligem Fehlen von Erzeugnissen der bearbeitenden 
Industrie unmöglich zu lösen. Der Bedarf an Heizmaterial kann 
nicht einmal zum Teil befriedigt werden, wenn nicht zu einer 
noch nie dagewesenen Massenverwendung von Arbeitskraft für 
Holzfällen, Torfgraben und Brennschieferförderung gegriffen wird. 
Der Bürgerkrieg hat die Bahnstränge, Brücken, Stationsgebäude 
arg zerstört. Es sind Zehntausende von Arbeitshänden erforderlich, 
um das alles in Ordnung zu bringen. Um die Herbeischaffung des 
Brennholzes und die Torfgewinnung in großem Maßstabe organi- 
sieren zu können, braucht man^ Räumlichkeiten für die Arbeiter, 



I I O I 


- 1JL1 - 

# 

wenn auch nur Baracken. : Hieraus folgt wieder der Bedarf an. be- 
deutenden Mengen Arbeitskraft für Bauarbeiten. . , ; • •; 

Zur Organisierung der Flößerei sind ebenfalls zahlreiche 
Arbeitskräfte erforderlich, usw., usw. . . 

Die kapitalistische Industrie wurde in großem Maßstabe durch 
Hilfskräfte in Form von Nebenarbeit der Bauern versorgt. Das 
durch die Landarmut bedrängte Dorf warf stets einen gewissen 
Ueberschuß an Arbeitskraft auf den Markt. Der Staat erzwang 
dies durch seine Forderung von Abgaben. Der Markt bot dem 
Bauern Waren an. Gegenwärtig fällt das alles fort. Das Dorf hat 
mehr Land bekommen, die landwirtschaftlichen Maschinen reichen 
nicht aus, das Land braucht Arbeitskräfte, die Industrie kann dem 
Dorfe gegenwärtig fast gar nichts geben, der Markt übt keine 
große Anziehungskraft auf die Arbeitskräfte aus. 

Aber die Arbeitskräfte sind dringender nötig als je. Nicht nur 
der Arbeiter, sondern auch der Bauer muß dem Sowjetstaat seine 
Arbeitskraft geben, damit das werktätige Rußland und damit auch 
die Werktätigen selbst nicht zermalmt werden. Das einzige Mittel, 
um die erforderliche Arbeitskraft zu den Wirtschaftsaufgaben heran- 
zuziehen,- ist die Durchführung der Arbeitspflicht. 

Das Prinzip der Arbeitspflicht ist für den Kommunisten voll- 
kommen unstreitig: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“. Da 
aber alle essen müssen, so müssen auch alle arbeiten. Die Arbeits- 
pflicht steht in unserer Verfassung und im Arbeitskodex verzeichnet. 
Aber sie ist bisher nur Prinzip geblieben. Ihre Anwendung trug 
einen zufälligen, partiellen, episodischen Charakter. Erst jetzt, wo 
wir unmittelbar an die Fragen der wirtschaftlichen Wiederher- 
stellung des Landes herangetreten sind, haben sich die Fragen der 
Arbeitspflicht völlig konkret vor uns aufgerollt. Die einzige, prin- 
zipiell wie praktisch richtige Lösung der wirtschaftlichen Schwie- 
rigkeiten besteht darin, die Bevölkerung des ganzen Landes als ein 
Reservoir der erforderlichen Arbeitskraft — eine fast unerschöpf- 
liche Quelle — anzusehen und ihre Registrierung, Mobilisierung 
und Ausnutzung streng zu regeln. 

Wie ist nun die Gewinnung von Arbeitskraft auf Grund der 
Arbeitspflicht praktisch in Angriff zu nehmen? 

Bisher besaß nur das Militärr essort Erfahrung hinsichtlich der 
Registrierung, Mobilmachung, Formierung und Transportierung 
großer Massen. 

Diese technischen Handgriffe und Methoden hat un$er Militär- 
ressort zum bedeutenden Teil aus der Vergangenheit übernommen. 
Auf wirtschaftlichem Gebiet gibt es kein derartiges Erbe, da dort 
das privatrechtliche Prinzip herrschte und die Arbeitskraft vom 
Markt in die einzelnen Unternehmungen kam. Es ist daher natür- 
lich, daß wir wenigstens in der ersten Zeit genötigt waren, den 



I I I 


— 112 — 

Apparat des Militärressorts in weitestgehendem Maße für Arbeits- 
mobilmachungen zu verwenden. 

Wir schufen Spezialorgane zur Durchführung der Arbeits- 
pflicht, sowohl im Zentrum als auch in den Gouvernements, Kreisen 
und Gemeinden. Bei uns sind schon Ausschüsse für Arbeitspflicht 
tätig. Sie stützen sich hauptsächlich auf das zentrale Organ und 
die lokalen Organe des Militärressorts. Unsere wirtschaftlichen 
Zentren — der Oberste Volkswirtschaftsrat, das Volkskommissariat 
für Ackerbau, das Volkskommissariat des Verkehrs und das Volks- 
kommissariat für Verpflegung — arbeiten Anforderungen der für 
sie notwendigen Arbeitskraft aus. Der Hauptausschuß für die 
Arbeitspflicht nimmt diese Anforderungen entgegen, bringt sie in 
Einklang, formuliert sie entsprechend den lokalen Quellen der 
Arbeitskraft, gibt seinen lokalen Organen die entsprechenden Auf- 
träge und führt durch sie die Arbeitsmobilmach pngen durch. 
Innerhalb der Gebiete, Gouvernements und Kreise führen die lokalen 
Organe diese Arbeit selbständig durch, zwecks Befriedigung der 
örtlichen Wirtschaftsbedürfnisse. . . 

Diese ganze Organisation ist bei uns erst im Rohbau fertig. 
Sie ist noch äußerst unvollkommen. Aber der eingeschlagene Kurs 
ist unbedingt richtig. 

Wenn die Organisation der neuen Gesellschaft im wesentlichen 
auf eine neue Organisierung der Arbeit hinausläuft, so bedeutet 
die Organisierung der Arbeit ihrerseits eine richtige Durchführung 
der allgemeinen Arbeitspflicht. Diese Aufgabe wird keinesfalls 
durch organisatorische und administrative Maßnahmen aus- 
geschöpft. Sie erfaßt auch die Grundlagen der Wirtschaft und 
Lebensführung. Sie stößt mit mächtigen psychologischen Gewohn- 
heiten und Vorurteilen zusammen. Die Durchführung der Ar- 
beitspflicht setzt einerseits eine kolossale Erziehungsarbeit und 
anderseits die größte Umsicht bei der praktischen Inangriffnahme 
voraus. » 

Die Ausnutzung der Arbeitskraft muß in möglichst sparsamer 
Weise geschehen. Bei den Arbeitsmobilmachungen muß mit den 
Wirtschafts- und Lebensbedingungen jedes Bezirks, mit den Be- 
dürfnissen d^r Hauptbeschäftigung der örtlichen Bevölkerung, d. h. 
der Landwirtschaft, gerechnet werden. , Man muß sich nach Mög- 
lichkeit auf die früheren Nebenbeschäftigungen und ergänzenden 
Gewerbe der örtlichen Bevölkerung stützen. Die Überführung 
mobilgemachter Arbeitskraft muß auf dem kürzesten Wege ge- 
schehen, d. h. zu den nächstliegenden Abschnitten der Arbeitsfront. 
Die Zahl der mobilgemachten Arbeiter muß dem Umfang der wirt- 
schaftlichen Aufgabe entsprechen. Die Mobilgemachten müssen 
rechtzeitig mit den erforderlichen Arbeits Werkzeugen und Lebens- 
mitteln versehen werden. Die Mobilgemachten müssen sich an 



Ort und Stelle davon überzeugen können, daß ihre Arbeitskraft 
umsichtig und sparsam angewandt und nicht nutzlos verschleudert 
wird, wo immer möglich, muß die direkte Mobilmachung durch 
eine Arbeitsaufgabe ersetzt werden, d. h. einer Gemeinde wird die 
Pflicht auferlegt, zu einem bestimmten Termin etwa eine bestimmte 
Anzahl von Kubikfaden Holz zu liefern, oder per Achse zu einer be- 
stimmten Station so und soviel Pud Gußeisen zu befördern usw. 
Auf diesem Gebiet ist die Erfahrung, die angesammelt wird, mit 
besonderer Sorgfalt zu studieren, dem Wirtschaftsapparat ist große 
Biegsamkeit zu geben, den örtlichen Interessen und Besonderheiten 
ist möglichst viel Aufmerksamkeit zu schenken. Mit einem Wort, 
die Maßnahmen, Methoden und Organe zur Durchführung der 
Mobilmachung von Arbeitskraft sind zu präzisieren, zu verbessern, 
zu vervollkommnen. Gleichzeitig aber muß man sich ein für alle- 
mal klarmachen, daß das Prinzip der Arbeitspflicht ebenso radikal 
und unwiederbringlich das Prinzip der freien Anstellung ersetzt 
hat, wie die Sozialisierung der Produktionsmittel an die Stelle des 
kapitalistischen Eigentums getreten ist. 


Die Militari Me t'uny der Arbeit. 

Die Durchführung der Arbeitspflicht ist undenkbar ohne An- 
wendung der Methoden der Militarisierung der Arbeit — in 
höherem oder geringerem Grade. Der Ausdruck dieser Anschauung 
versetzt uns sofort in ein Gebiet des größten Aberglaubens und 
oppositionellen Wehgeschreis. 

Um zu begreifen, was die Militarisierung der Arbeit im 
Arbeiterstaate bedeutet und welches ihre Methoden sind, muß man 
sich klar machen, auf welchem Wege die Militarisierung der Armee 
selbst vor sich gegangen ist, die, wie uns allen noch erinnerlich ist, 
in ihrer ersten Periode keineswegs die notwendigen „militärischen“ 
Eigenschaften besaß. Für unsere Rote Armee haben wir im Laufe 
dieser zwei Jahre nur etwas weniger Soldaten mobilgemacht, als 
unsere Gewerkschaften Mitglieder zählen. Aber die Mitglieder der 
Gewerkschaften sind Arbeiter, während in der Armee die Arbeiter 
ungefähr 15% ausmachen, der Rest ist bäuerliche Masse. Und 
trotzdem kann für uns nicht der leiseste Zweifel daran bestehen, 
daß der wahre Baumeister und „Militarisator“ der Roten Armee 
eben der von der Partei- oder Gewerkschaftsorganisation in den 
Vordergrund gerückte fortgeschrittene Arbeiter ist. Wenn die Lage 
an den Fronten schwierig wurde, wenn die neu mobilgemachte 
bäuerliche Masse keine genügende Festigkeit zeigte, dann wandten 
wir uns an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei einer- 
seits und an das Präsidium des Zentralrates der Gewerkschaften 
Rußlands anderseits. Aus diesen beiden Reservoiren kamen die 



I I I 


. — 114 — 

% 

fortgeschrittenen Arbeiter an die Fronten und bauten da die Rote 
Armee nach ihrem Ebenbilde auf, — erzogen, stählten, militari- 
sierten die bäuerliche Masse. 

Diese Tatsache muß gegenwärtig mit aller Deutlichkeit fest- 
gehalten werden, weil sie sofort das erforderliche Schlaglicht auf den 
ganzen Begriff der Militarisierung im Arbeitet- und Bauernstaate 
wirft. Die Militarisierung der Arbeit ist in den bürgerlichen Län- 
dern im Westen, wie auch bei uns, unter dem Zarismus wiederholt 
als Parole ausgegeben und in einzelnen Wirtschaftszweigen ver- 
wirklicht worden. Aber unsere Militarisierung unterscheidet sich 
nach Ziel und Methoden von diesen Versuchen ebenso, wie das be- 
wußte und zur Befreiung organisierte Proletariat sich von der be- 
wußten und zur Ausbeutung organisierten Bourgeoisie unter- 
scheidet. 

Aus der halb bewußten, halb böswilligen Verwechslung der 
geschichtlichen Formen der proletarischen, sozialistischen Militari- 
sierung mit der bürgerlichen entspringt die Mehrzahl der Vor- 
urteile, Fehler, Proteste und W'ehrufe in dieser Farce. Auf eine 
derartige Begriffsunterschiebung gründet sich die ganze Stellung- 
nahme der Menschewiki, unserer russischen Kautskyaner, wie sie, 
in ihrer prinzipiellen Resolution zum Ausdruck kommt, die dem 
gegenwärtigen Gewerkschaftskongreß vorgelegt worden ist. 

Die Menschewiki treten nicht gegen die Militarisierung der 
Arbeit, sondern auch gegen die Arbeitspflicht auf. Sie verwerfen 
diese Methoden als „Zwangsmethoden“. Sie predigen, daß die 
Arbeitspflicht gleichbedeutend sei mit geringer Produktivität der 
Arbeit und daß die Militarisierung eine zwecklose Vergeudung der 
Arbeitskraft bedeute. 

„Zwangsmäßige Arbeit ist immer wenig produktiv“, so heißt 
es im genauen Wortlaut der menschewistischen Resolution. Diese 
Behauptung führt uns zum eigentlichen Kern der Frage. Denn 
wie wir sehen, handelt es sich durchaus nicht darum, ob es ver- 
nünftig sei oder nicht, diese oder jene Fabrik in Kriegszustand zu 
erklären; ob es zweckmäßig sei, dem Kriegsrevolutionstribunal des 
Recht zu verleihen, demoralisierte Arbeiter zu strafen, die das für 
uns so kostbare Material und die Instrumente stehlen oder die 
Arbeit sabotieren. Nein, die Frage wird von den Menschewiki viel 
tiefer gestellt. Indem sie behaupten, daß zwangsmäßige Arbeit 
stets wenig produktiv sei, suchen sie dadurch unserem ganzen Wirt- 
schaftsaufbau in der gegenwärtigen Übergangsepoche den Boden 
zu entziehen. Denn davon, daß von der bürgerlichen Anarchie zur 
sozialistischen Wirtschaft ohne revolutionäre Diktatur und ohne 
zwangsmäßige Formen der Wirtschaftsorganisation übergegangen 
werden kann, kann keine Rede sein. 



I I O I 


— 115 — 

Im ersten Funkte der Resolution der Menschewiki ist davon die 
Rede, daß wir in einer Epoche des Übergangs von der kapitalisti- 
schen Produktionsweise zur sozialistischen leben. Was bedeutet 
das? Und vor allem: woher haben sie das? Seit wann haben 
unsere Kautskyaner das anerkannt? Sie beschuldigten uns — und 
das bildete den Hauptpunkt unserer Meinungsverschiedenheiten — • 
des sozialen Utopismus; sie behaupten — und das bildete den 
Wesenskern ihrer Lehre, — daß von einem Übergang zum Sozia- 
lismus in unserer Epoche gar keine Rede sein könne, daß unsere 
Revolution eine bürgerliche sei und daß wir Kommunisten die 
kapitalistische Wirtschaft nur zerstören, daß wir das Land nicht 
vorwärtsbringen, sondern zurückstoßen. Darin bestand die grund- 
legende Meinungsverschiedenheit, der tiefste, unversöhnliche Gegen- 
satz, aus dem sich alle anderen ergaben, jetzt sagen uns die Men- 
schewiki im Vorbeigehen, in den einleitenden Sätzen ihrer Reso- 
lution, als etwas, was des Beweises nicht bedarf, daß wir uns in 
Verhältnissen des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus 
befänden. Und dieses völlig unerwartete Eingeständnis, das an- 
scheinend einer vollen ideellen Kapitulation sehr ähnlich sieht, wird 
um so leichter und flächiger gemacht, als es — wie die ganze Re- 
solution zeigt — den Menschewiki keinerlei revolutionäre Pflichten 
auferlegt. Sie bleiben voll und ganz in dem Banne der bürgerlichen 
Ideologie. Während sie anerkennen, daß wir uns auf dem Wende- 
punkte zum Sozialismus befinden, fallen die Menschewiki mit . um 
so größerer Erbitterung über die Methoden her, ohne welche, unter 
den harten und schweren Verhältnissen der jetzigen Zeit, der Über- 
gang zum Sozialismus undurchführbar ist. 

Zwangsmäßige Arbeit — so sagt man uns — ist immer un- 
produktiv. Wir fragen: was ist hier unter zwangsmäßiger Arbeit 
zu verstehen, d. h. welcher Arbeit wird sie entgegengestellt? Offen- 
bar der freien Arbeit. Was ist in diesem Fall unter freier Arbeit 
zu verstehen? Dieser Begriff ist von den fortschrittlichen Ideologen 
der Bourgeoisie im Kampf gegen die unfreie, d. h. gegen die leib^ 
eigene Arbeit der Bauern und gegen die normierte, reglementierte 
Arbeit der zünftigen Handwerke formuliert worden. Freie Arbeit 
bedeutete eine Arbeit, die auf dem Markte „frei“ gekauft werden 
kann, — die Freiheit lief auf eine juristische Fiktion auf der Grunde 
läge der freien Lohnsklaverei hinaus. Eine andere Art von freier 
Arbeit kennen wir in der Geschichte nicht. Mögen die so wenig 
zahlreichen Vertreter der Menschewiki auf diesem Kongreß uns er- 
klären, was bei ihnen die freie, nicht zwangsmäßige Arbeit be- 
deutet, wenn nicht den Markt der Arbeitskraft? 

Die Geschichte kannte die Sklavenarbeit. Die Geschichte kannte 
die reglementierte Arbeit der mittelalterlichen Zünfte. In der ganzen 
Welt herrscht heute die Lohnarbeit, die von den gelben Zeitungs- 



11 « 


Schreibern aller Länder der sowjetischen „Sklaverei“ als höchste 
Freiheit gegen übergestellt wird. Wir aber stellen umgekehrt der 
kapitalistischen Sklaverei die gesellschaftlich normierte Arbeit auf 
Grund eines Wirtschaftsplanes entgegen, der für das ganze Volk 
verpflichtend und daher für jeden Arbeiter des Landes zwangsmäßig 
ist. Anders kann an den Übergang zum Sozialismus gar nicht ge- 
dacht werden. Das Element des materiellen, psychologischen 
Zwanges kann stärker oder schwächer sein, — das hängt von vielen 
Umständen ab: vom Grad des Reichtums oder der Verelendung des 
Landes, von der Überlieferung der Vergangenheit, vom Stand der 
Kultur, vom Zustand des Transportwesens und des Verwaltungs- 
apparats usw. usw., — aber die Verpflichtung und somit auch die 
Zwangsmäßigkeit ist ein unumgängliches Erfordernis zur Zügelung 
der bürgerlichen Anarchie, zur Vergesellschaftung der Produktions- 
mittel und der Arbeit und zum Umbau der Wirtschaft auf Grund 
eines Einheitsplans. 

Für den Liberalen ist die Freiheit letzten Endes dasselbe wie 
der Markt. Ob der Kapitalist zu annehmbarem Preise Arbeitskraft 
kaufen kann oder nicht, -- daß ist sein einziger Maßstab für die 
Freiheit der Arbeit. Dieser Maßstab ist falsch, nicht nur in bezug 
auf die Zukunft, sondern auch hinsichtlich der Vergangenheit. 

Es wäre absurd, sich die Sache so vorzustellen, als wäre zur 
Zeit der Leibeigenschaft immer nur unter dem Stock des physischen 
Zwanges gearbeitet worden, als ob der Aufseher mit der Peitsche 
hinter dem Rücken eines jeden Bauern gestanden hätte. Die mittel- 
alterlichen Wirtschaftsformen entsprangen bestimmten Produktions- 
bedingungen und schufen bestimmte Lebensformen, in die der ein- 
fache Mann sich einlebte, die er zu gewissen Zeiten als gerecht an- 
sah oder doch zum mindesten als unabänderlich hinnahm. Wenn 
er unter, dem Einfluß von Veränderungen in den materiellen Be- 
dingungen feindselig auftrat, stürzte sich der Staat mit seiner ganzen 
materiellen Macht auf ihn und offenbarte dadurch den zwangs- 
mäßigen Charakter der Arbeitsorganisation. 

Die Grundlage der Militarisierung der Arbeit wird auf den 
Formen staatlichen Zwanges gebildet, ohne die die Ersetzung der 
kapitalistischen Wirtschaft durch die sozialistische für immer nur 
leerer Schall bleiben wird. Warum sprechen wir von Militari- 
sierung ? Selbstverständlich ist das nur eine Analogie, aber 
eine sehr inhaltsreiche . Keine andere gesellschaftliche Organisation 
mit Ausnahme der Armee hat sich berechtigt gehalten, sich die 
Bürger in solchem Grade unterzuordnen, sie in solchem Maße von 
allen Seiten durch ihren Willen zu umfassen, wie dies der Staat der 
proletarischen Diktatur tut und zu tun sich für berechtigt hält. Nur 
der Armee — eben weil sie über Leben und Tod der Nationen, 
Staaten, herrschenden Klassen auf ihre eigene Weise entschied — 



I I 


— 117 — 

wurde das Recht erteilt, von allen und jedem volle Unterordnung 
unter ihre Aufgaben, Ziele, Satzungen und Befehle zu fordern. Und 
-sie erzielte dies in um so höherem Grade, je mehr die Aufgaben der 
militärischen Organisation mit den Bedürfnissen der gesellschaft- 
lichen Entwicklung übereinstimmten. 

Die Frage über Sein oder Nichtsein Sowjetrußlands wird 
.gegenwärtig an der Arbeitsfront entschieden. Unsere wirtschaft- 
lichen und zusammen mit ihnen auch unsere gewerkschaftlichen 
Produktionsorganisationen, haben das Recht, von ihren Mitgliedern 
all die Selbstverleugnung, Disziplin und den Eifer zu verlangen, 
die bisher nur die Armee gefordert hat. 

Andererseits gründet sich das Verhältnis des Kapitalisten zum 
Arbeiter keineswegs nur auf dem „freien“ Vertrag, sondern enthält 
Elemente der staatlichen Reglementierung und des materiellen 
Zwanges. 

Die Konkurrenz des Kapitalisten mit dem Kapitalisten verlieh 
der Fiktion der Arbeitsfreiheit eine gewisse, sehr partielle Realität, 
aber diese Konkurrenz, die durch Syndikate und Trusts auf ein 
Minimum herabgedrückt worden war, haben wir endgültig be- 
seitigt, indem wir das private Besitzrecht auf die Produktionsmittel 
aufhoben. Der von den Menschewiki in Worten anerkannte Über- 
gang zum Sozialismus bedeutet den Uebergang von der elementaren 
Verteilung der Arbeitskraft — durch das Spiel des Kaufs und Ver- 
kaufs, durch die Bewegung der Marktpreise und des Arbeitslohns 

— zur planmäßigen Verteilung der Arbeiter durch die Wirtschafts- 
organe des Kreises, des Gouvernements, des ganzen Landes. Eine 
derartige planmäßige Verteilung setzt die Unterordnung der zu Ver- 
teilenden unter den Wirtschaftsplan des Staates voraus. Das ist 
das Wesen der Arbeitspflicht, die unbedingt zum Programm 
der sozialistischen Organisierung der Arbeit als ihr Grundelement 
gehört. 

Wenn die planmäßige Wirtschaft ohne Arbeitspflicht nicht denk- 
bar ist, so ist letztere nicht durchführbar ohne Beseitigung der 
Fiktion der freien Arbeit, ohne ihre Ersetzung durch das Prinzip 
der Verpflichtung, das durch den realen Zwang ergänzt wird. 

Daß die freie Arbeit produktiver ist als die zwangsmäßige, — 
das ist für die Epoche des Übergangs von der feudalen Gesellschaft 
zur bürgerlichen ganz richtig. Aber man muß ein Liberaler oder 

— in der Gegenwart — ein Kautskyaner sein, um diese Wahrheit 
zu verewigen und auf die Epoche des Übergangs von der bürger- 
lichen Ordnung zur . sozialistischen zu übertragen. Wenn es 
richtig ist, daß die zwangsmäßige Arbeit stets und unter allen Um- 
ständen unproduktiv ist, wie die Resolution der Menschewiki be- 
sagt, dann ist unser ganzer Aufbau zum Einsturz verurteilt. Denn 
einen anderen Weg zum Sozialismus, außer der gebieterischen Ver- 




118 


fügung. über die Wirtschaftskräfte und -mittel des Landes, außer 
einer zentralisierten Verteilung der Arbeitskraft in Abhängigkeit 
vom gesamtstaatlichen Plan kann es für uns nicht geben. Der 
Arbeiterstaat hält, sich für. berechtigt, jeden Arbeiter aä den Platz 
zu stellen, wo seine Arbeit notwendig ist. Und kein einziger ernster 
Sozialist wird dem Arbeiterstaat das Recht absprechen wollen, seine 
Hand auf den Arbeiter zu legen, der sich weigert die Arbeitsaufgabe 
zu erfüllen. Aber das ist ja eben der Kern der Sache, daß die 
Straße, auf der die Menschewiki zum „Sozialismus“ übergehen 
wollen, eine Milchstraße ist ohne Getreidemonopol, ohne Beseiti- 
gung des Marktes, ohne revolutionäre Diktatur und ohne Militari- 
sierung der Arbeit. 

: Ohne Arbeitspflicht, ohne das Recht zu befehlen und Gehorsam 
zu verlangen, werden die Gewerkschaften sich in eine leere Form 
ohne Inhalt verwandeln, denn der im Bau begriffene sozialistische 
Staat braucht die Gewerkschaften nicht zum Kampf um bessere 
Arbeitsbedingungen, — das ist die Aufgabe der gesamten gesell- 
schaftlichen und staatlichen Organisation, — sondern um die Arbei- 
terklasse zu Produktionszwecken zu organisieren, zu erziehen, zu 
disziplinieren, zu verteilen, zu gruppieren, die einzelnen Gruppen 
und die einzelnen Arbeiter für bestimmte Zeit an ihre Posten fest- 
zulegen, — mit einem Wort, Hand in Hand mit dem Staat die Werk- 
tätigen gebieterisch dem Rahmen des wirtschaftlichen Einheitsplanes 
einzufügen. In solchen Verhältnissen die „Freiheit“ der Arbeit ver- 
teidigen, heißt ein fruchtloses und hilfloses, planloses Suchen 
nach besseren Bedingungen, systemlose chaotische Übertritte 
aus einer Fabrik in eine andere verteidigen, und das in einem 
hungrigen Lande, wo das Transportwesen und der Verpflegungs- 
apparat aufs fürchterlichste zerrüttet sind . . . Was, außer dem 
völligen Zerfall der Arbeiterklasse und voller wirtschaftlicher 
Anarchie könnte das Ergebnis des absurden Versuches sein, die 
bürgerliche Arbeitsfreiheit mit der proletarischen Sozialisierung der 
Produktionsmittel zu kombinieren? 

Also, Genossen, die Militarisierung der Arbeit in dem grund- 
legenden Sinne, den ich dargelegt habe, ist keine Erfindung einzel- 
ner Politiker oder unseres Kriegskommissariats, sondern eine un- 
vermeidliche Methode zur Organisierung und Disziplinierung der 
Arbeitskraft in der Übergangsepoche vom Kapitalismus zum Sozia- 
lismus. Und wenn die zwangsmäßige Verteilung der Arbeitskraft, 
ihre kurz- oder langfristige Festlegung auf einzelne Industriezweige 
oder Betriebe, ihre Regelung nach einem gesamtstaatlichen Wirt- 
schaftsplan, — wenn alle diese Zwangsformen stets und überall, wie 
die Resolution der Menschewiki schreibt, zur Verringerung der 
Produktivität der Arbeit führt, — dann begrabt den Sozialismus. 
Denn auf dem Fallen der Produktivität der Arbeit kann man den 


I I I J I 


— 119 — 

ttialismos nicht begründen. Jede gesellschaftliche Organisation 
•st eine Organisation der Arbeit. Und wenn unsere neue Organi- 
•ion der Arbeit zum Sinken ihrer Produktivität führt, so geht eben 
4 durch die im Bau begriffene sozialistische Gesellschaft verhängnis- 
1 dem Untergang entgegen, wie wir uns auch drehen und wen- 
& fi und was für Rettungsmittel wir uns auch ausdenken mögen. 

' Darum sagte ich eben von Anfang an, daß die menschewisti- 
. 4en Argumente gegen die Militarisierung uns zur Kernfrage über 
* ; : Arbeitspflicht und ihren Einfluß auf die Produktivität der Arbeit 
iren. Ist es richtig, daß zwangsmäßige Arbeit immer unproduk- 
is ist?. Die Antwort muß lauten, daß dies das jämmerlichste und % 
pUtteste liberale Vorurteil ist. Alles kommt darauf an, von wem, 
/,'tgen wen und zu welchem Zweck der Zwang angewandt wird. 
Von welchem Staat, von welcher Klasse, unter welchen Umständen, 
i irch welche Methoden. Auch die leibeigene Organisation war 
> iter bestimmten Bedingungen ein Fortschritt und führte zun Stei- 
gung der Produktivität der Arbeit. Außerordentlich gestiegen ist 
ei e Produktivität unter dem Kapitalismus, d. h. in der Epoche des 
feien Kaufs und Verkaufs der Arbeitskraft auf dem Markt. Aber 
?!s die freie Arbeit zusammen mit dem Kapitalismus in das Stadium 
< 'es Imperialismus eintrat, hat sie sich im imperialistischen Kriege 
u die Luft gesprengt. . Die ganze Weltwirtschaft ist in eine Periode 
Mutiger Anarchie, ungeheuerlicher Erschütterungen, Verelendung, 
ntartung, Untergang der Volksmassen eingetreten. Kann da unter 
olchen Umständen von der Produktivität der freien Arbeit die Rede 
.-ein, wenn die Früchte dieser Arbeit zehnmal schneller zerstört als 
geschaffen werden? Der imperialistische Krieg und das, was da- 
rauf folgte, haben die Unmöglichkeit eines Weiterbestehens der Ge- 
ellschaft auf der Grundlage der freien Arbeit gezeigt. Oder viel- 
eicht besitzt jemand das Geheimnis, wie man die freie Arbeit vorn 
Vahnsinn des Imperialismus trennen, d. h. die gesellschaftliche Ent- 
vicklung um ein halbes oder ein ganzes Jahrhundert zurückschrau- 
>en kann? Wenn es sich erweisen sollte, daß die den Imperialis- 
nus ablösende planmäßige und folglich zwangsmäßige Organisie- 
rung der Arbeit zum Sinken der Wirtschaft führt, so würde das den 
Untergang unserer ganzen Kultur, eine Rückwärtsbewegung der 
Menschheit zur Barbarei und Wildheit bedeuten. ' 

Zum Glück, nicht nur für Sowjetrußland, sondern auch für die 
ganze Menschheit, ist die Philosophie von der niedrigen Produk- 
tivität der zwangsmäßigen Arbeit „stets und unter allen Umstän- 
den“ nur eine verspätete Variante alter liberaler Melodien. Die 
Produktivität der Arbeit ist die resultierende Größe des gesamten 
Komplexes von gesellschaftlichen Bedingungen und wird durch die 
juristische Formel der Arbeit weder genesen noch vorausbestimmt. 

Die ganze Geschichte der Menschheit ist die Geschichte der 



I I CLVlL J I 


- 1J0 - 

| 

Organisierung und Erziehung des kollektiven Menschen der Arbeit, 
zwecks Erzielung einer höheren Produktivität. Der Mensch — 
wie ich mir bereits zu sagen erlaubte, — ist faul, d. h. er ist instink- 
tiv bestrebt, bei möglichst geringem Kräfteaufwand eine möglichst 
große Menge von Produkten zu erzielen. Ohne dieses Bestreben 
gäbe es auch keine wirtschaftliche Entwicklung. .Das Wachsen der 
Zivilisation wird an der Produktivität der menschlichen Arbeit ge- 
messen, und jede neue Form der gesellschaftlichen Beziehungen muß 
die Probe auf dieses Exempel bestehen. 

Die „freie“, d. h. die freigekaufte Lohnarbeit ist durchaus nicht 
unvermittelt im vollen Waffenschmuck der Produktivität ans Tages- 
licht getreten. Sie hat erst allmählich eine hohe Produktivität er- 
reicht, im Ergebnis einer dauernden Anwendung der Methoden der 
Arbeiterorganisation und der Arbeitserziehung. Zu dieser Er- 
ziehung gehörten die verschiedenartigsten Mittel und Wege, die 
überdies von einer Epoche zur anderen wechselten. Anfangs trieb 
die Bourgeoisie den Landmann mit dem Knüppel aus dem Dorf auf 
die Straße, nachdem sie ihm vorher das Land geraubt hatte, und als 
er nicht auf der Fabrik arbeiten wollte, brannte sie ihm die Stirn 
mit glühendem Eisen ein, erhängte ihn, schickte ihn auf die Galeeren 
und lernte den aus dem Dorf verjagten Landstreicher schließlich für 
den Werkstuhl der Manufaktur an. In diesem Stadium unterscheidet 
sich die „freie“" Arbeit, wie wir sehen, nur wenig von der Zwangs- 
arbeit, sowohl was die materiellen Bedingungen als auch was die 
juristische Lage anbetrifft. 

In den verschiedenen Epochen hat die Bourgeoisie das glühende 
Eisen der Repressalien in verschiedenem Umfange mit der Methode 
der geistigen Beeinflussung kombiniert, vor allem mit der priester- 
lichen Predigt. Schon im lb. Jahrhundert reformierte sie die alte 
Religion des Katholizismus, die von der feudalen Ordnung ver- 
teidigt wurde, und richtete für sich eine neue Religion in Gestalt der 
Reformation her, in der die freie Seele mit freiem Handel und freier 
Arbeit vereinigt war. Sie fand neue Priester, die die geistlichen 
Kommis, die frommen Tabellenführer der Bourgeoisie wurden. 
Schule, Presse, Rathaus und Parlament wurden von der Bourgeoisie 
auf die geistige Beeinflussung der Arbeiterklasse eingestelt. Die 
verschiedenen Formen des Arbeitslohns — Tagelohn, Pauschal-, 
Akkordlohn, Kollektivvertrag, — sie sind alle nur wechselnde Mittel 
in der Hand der Bourgeoisie zur Arbeitsdressur des Proletariats. 
Dazu kommen noch allerlei Formen der Arbeitsförderung und An- 
fachung des Karrierismus. Schließlich verstand es die Bourgeoisie, 
sich sogar der Trade-Unions, d. h. der Organisation der Arbeiter- 
klasse selbst zu bemächtigen und sie, besonders in England, aufs 
ausgedehnteste zur Disziplinierung der Werktätigen zu benutzen. 
Sie zähmte die Führer und impfte durch ihre Vermittelung den 


Arbeitern die Überzeugung ein, daß friedliche, organische Arbeit, 
untadelhafte Pflichterfüllung und strenge Beobachtung der Gesetze 
des bürgerlichen Staates Notwendigkeit sei. Die Krone dieser 
ganzen Arbeit bildete der Taylorismus, in dem Elemente wissen- 
schaftlicher Organisierung des Produktionsprozesses mit den kon- 
zentriertesten Maßnahmen der Sweatirfg-Systems Vereinigt sind. 

Aus dem Gesagten geht aber hervor, daß die Produktivität der 
freiverdungenen Arbeit nicht etwas Gegebenes, Fertiges ist, was die 
Geschichte auf einem Teller präsentiert. Nein, sie ist das Ergebnis 
einer langen und hartnäckigen Unterdrückungs-, Erziehungs-, Or- 
ganisation- und Förderungspolitik der Bourgeoisie gegenüber der 
Arbeiterklasse. Schritt für Schritt lernte sie aus den Arbeitern 
immer größere und größere Mengen von Arbeitsprodukten auszu- 
pressen, und eines ihrer mächtigsten Mittel war, daß sie verkündigte, 
der freie Vertrag sei die einzige freie, normale, gesunde produktive 
und heilsame Arbeitsform. 

* Eine juristische Arbeitsform, die an und für sich die Produk- 
tivität der Arbeit sicherstellt, hat es in der Geschichte nicht gegeben 
und kann es auch nicht geben. ' Die juristische Hülle der Arbeit 
entspricht den Verhältnissen und Begriffen der Epoche. Die Pro- 
duktivität der Arbeit entwickelt sich, auf Grund des Anwachsens 
der technischen Kräfte, durch Arbeitserziehung, allmähliche An- 
passung der Werktätigen an die sich verändernden Produktions- 
mittel und an die neuen Formen der gesellschaftlichen Beziehungen. 

Die Schaffung der sozialistischen Gesellschaft bedeutet die 
Organisierung der Werktätigen auf neuen Grundlagen, ihre An- 
passung an diese Grundlagen, ihre neue Arbeitserziehung mit dem 
unveränderlichen Ziel — der Hebung der Arbeitsproduktivität. Die 
Arbeiterklasse muß unter der Leitung ihres Vortrupps sich selbst 
auf den Grundlagen des Sozialismus neu erziehen. Wer das nicht 
begriffen hat, der versteht nicht einmal das Einmaleins des sozialisti- 
schen Aufbaues. 

Welche Methoden haben wir denn nun zur Neuerziehung der 
Werktätigen? Unvergleichlich weitgreifen dere als die Bourgeoisie, 
und zudem ehrliche, gerade, offene, die weder von Heuchelei noch 
von Lüge angesteckt sind. Die Bourgeoisie war genötigt, zu be- 
trügen, indem sie ihre Arbeit als freie Arbeit bezeichnete, während 
sie doch nicht nur eine gesellschaftlich aufgezwungene, sondern 
auch eine sklavische Arbeit ist. Denn sie ist eine Arbeit der Mehr- 
heit für die Interessen der Minderheit. Wir aber organisieren die 
Arbeit im Interesse der Arbeitenden selbst, und daher können wir 
keinerlei Beweggründe haben, den gesellschaftlich-zwangsraäßigen 
Charakter der Arbeitsorganisation zu verbergen oder zu maskieren. 
Wir brauchen weder priesterliche, noch liberale, noch kautskyanische 
Märchen. Wir sagen den Massen gerade und offen, daß sie das 



I I J I 


1 



sozialistische Land nur durch harte Arbeit, unbedingte Disziplin, 
pünktlichen Gehorsam eines jeden Arbeitenden retten, in die Höhe 
bringen und in einen Blütezustand versetzen können. 

Unsei! wichtigstes Mittel ist die ideelle Einwirkung, die Pro- 
paganda nicht nur durch die Tat. Die Arbeitspflicht trägt zwangs- 
mäßigen Charakter, aber das bedeutet keineswegs, daß sie eine 
Vergewaltigung der Arbeiterklasse ist. Wenn die Arbeitspflicht auf 
den Widerstand der Mehrheit der Werktätigen stieße, dann wäre sie 
gesprengt, und mit ihr auch die Sowjetordnung. Eine Militari- 
sierung der Arbeit trotz des Widerstandes der Werktätigen wäre ein 
Araktschejewsystem. Die Militarisierung der Arbeit durch den 
Willen der Werktätigen selbst aber ist sozialistische Diktatur. Daß 
die Arbeitspflicht und die Militarisierung der Arbeit den Willen der 
Werktätigen nicht vergewaltigen, wie das die „freie“ Arbeit getan 
hat, davon zeugt die in der Menschheitsgeschichte beispiellose Ent- 
faltung der freiwilligen Arbeitsleistung in Gestalt der Arbeitssams- 
tage. Eine solche Erscheinung hat es nie und nirgends gegeben. 

Durch ihre freiwillige, uneigennützige Arbeit — einmal 
wöchentlich und häufiger — demonstrieren die Arbeiter sprechend 
nicht nur ihre Bereitwilligkeit, die Bürde der „zwangsmäßigen“ 
Arbeit zu tragen, sondern auch ihr Bestreben, dem Staate über diese 
Arbeit hinaus noch ein gewisses Mehr zu geben. Die Arbeitssams- 
tage sind nicht nur eine treffliche Kundgebung der kommunistischen 
Solidarität, sondern auch das sicherste Unterpfand für die erfolg- 
reiche Durchführung der Arbeitspflicht. Diese wahrhaft kommuni- 
stischen Tendenzen müssen mit Hilfe der Propaganda beleuchtet, er- 
weitert und vertieft werden. 

Die geistige Hauptwaffe der Bourgeoisie ist die Religion; bei 
uns ist es die offene Darlegung der wirklichen Sachlage vor den 
Massen, die Verbreitung naturgeschichtlicher und technischer 
Kenntnisse, die Einweihung der Masse in den gesamtstaatlichen 
Wirtschaftsplan, auf Grund dessen die Anwendung aller Arbeits- 
kraft geschehen muß, über die die Sowjetmacht verfügen kann. x 

Den Hauptinhalt gab unserer Agitation in der vergangenen 
Epoche die politische Ökonomie: die kapitalistische Gesellschafts- 
ordnung war ein Rätsel, und wir haben dieses Rätsel vor den Massen 
durch die bloße Mechanik der Sowjetregierung gelöst, die auf allen 
Verwaltungsgebieten die Werktätigen zur Teilnahme heranzieht. 
Die politische Oekonomie wird je länger, desto mehr nur noch eine 
geschichtliche Bedeutung erhalten. In den Vordergrund treten die 
Wissenschaften, die die Natur und die Mittel, sie den Menschen 
dienstbar zu machen, erforschen. 

Die Gewerkschaften müssen die wissenschaftlich-technische 
Aufklärungsarbeit im weitesten Umfange so organisieren, daß jeder 
Arbeiter in der eigenen Arbeit Antrieb zur theoretischen Gedanken- 


J 


I I J 


- 123 - 

arbeit erhält und diese letztere ihn wieder zur Arbeit zurückführt, 
sie vervollkommnet, sie produktiver macht. Die allgemeine Presse 
muß sich nach den Wirtschaftsaufgaben des Landes richten, nicht 
nur in dem Sinne, wie es gegenwärtig der Fall ist, d. h. nicht nur 
im Sinne einer allgemeinen Agitation zugunsten der Arbeitssteige- 
rung, sondern auch im Sinne der Erörterung und Abwägung kon- 
kreter wirtschaftlicher Aufgaben und Pläne, der Mittel und Wege zu 
ihrer Lösung und hauptsächlich — der Nachprüfung und Ein- 
schätzung der erzielten Ergebnisse. Die Zeitungen müssen Tag für 
Tag die Produktion in den wichtigsten Betrieben und anderen 
Unternehmungen verfolgen, Erfolge und Mißerfolge registrieren, die 
einen loben, die anderen tadeln. 

Der russische Kapitalismus, der verspätet, unselbständig und 
daher parasitisch war, hat in bedeutend geringerem Maße als der 
Kapitalismus Europas die Arbeitermassen anlernen, technisch er- 
ziehen und für die Produktion disziplinieren können. Diese Auf- 
gabe fällt jetzt in vollem Umfange den Gewerkschaftsorganisationen 
des Proletariats zu. Ein guter Ingenieur, ein guter Maschinist, ein 
guter Schlosser müssen in der Sowjetrepublik ebenso weitbekannt 
und berühmt sein, wie früher die hervorragenden Agitatoren, die 
revolutionären Kämpfer, und in der letzten Periode — die mutigsten 
und fähigsten Kommandeure und Kommissare. Die großen und 
kleinen technischen Führer müssen im Mittelpunkt der öffentlichen 
Aufmerksamkeit stehen. Die schlechten Arbeiter müssen dazu ge- 
zwungen werden, sich dessen zu schämen, daß sie ihre Sache 
schlecht verstehen. 

Der Arbeitslohn ist bei uns bestehen geblieben und wird noch 
auf lange hinaus bestehen bleiben. Auf die Dauer wird seine Be- 
deutung immer mehr darauf hinauslaufen, alle Mitglieder der Ge- 
sellschaft mit allem Nötigen zu versorgen; eben dadurch wird er 
aufhören, Arbeitslohn zu sein. Aber augenblicklich sind wir noch 
nicht reich genug dazu. Die Hauptaufgabe besteht in der Steige- 
rung der Menge der erzeugten Produkte, und dieser Aufgabe sind 
alle anderen untergeordnet. In der gegenwärtigen schweren Periode 
ist der Arbeitslohn für uns in erster Linie nicht ein Mittel zur 
Sicherstellung der Existenz des einzelnen Arbeiters, sondern ein 
Mittel zur Bewertung dessen, was der einzelne Arbeiter durch seine 
Arbeit für die Arbeiterrepublik leistet. 

Daher muß der Arbeitslohn, sowohl in Form von Geld, als 
auch in Form von Naturalien in möglichst genaue Übereinstimmung 
mit der Produktivität der individuellen Arbeit gebracht werden. 
Unter dem Kapitalismus hatten das Stückzahl- und Akkordsystem 
der Bezahlung, die Anwendung der Methoden Taylors usw. die 
Aufgabe, die Ausbeutung der Arbeiter durch Auspressung eines 
Surplusprofites zu steigern. Bei der vergesellschafteten Produktion 



I I 


- 124 - 

haben Stücklohn, Prämien usw. die Aufgabe, die Menge des gesell- 
schaftlichen Produkts und somit auch den allgemeinen Wohlstand 
zu steigern. Die Arbeiter, die mehr als andere dem allgemeinen 
Interesse nützen, erhalten das Recht auf einen größeren Teil des ge- 
sellschaftlichen Produkts als die Faulenzer, Liederilchen und Desor- 
ganisatoren . 

Schließlich: wenn der Arbeiterstaat die einen belohnt, kann er 
nicht umhin, die anderen zu strafen, diejenigen nämlich, die die 
Arbeitssolidarität offen verletzen, die allgemeine Arbeit untergraben, 
der sozialistischen Wiederherstellung des Landes schweren Schaden 
zufügen, - Repressalien zur Erreichung wirtschaftlicher Ziele sind 
ein notwendiges Werkzeug der sozialistischen Diktatur. 

Alle aufgezählten Maßnahmen — und neben ihnen noch eine 
Reihe anderer — sollen die Entwicklung des Wetteifers auf dem Ge- 
biet der Produktion sichern. Sonst werden wir uns nie über ein 
höchst ungenügendes Durchschnittsniveau erheben. Dem Wett- 
eifer liegt ein Lebensinstinkt zugrunde — der Kampf ums Dasein, 
— der bei der bürgerlichen Ordnung den Charakter der Konkurrenz 
an nimmt. Der Wetteifer wird auch in der entwickelten sozialisti- 
schen Gesellschaft nicht verschwinden, aber bei wachsender Ver- 
sorgung mit den notwendigen Lebensgütern wird der Wetteifer 
einen immer uneigennützigeren, rein ideellen Charakter annehmen. 
Er wird in dem Bestreben zum Ausdruck kommen, seinem Dorf, 
Kreis, Stadt oder der ganzen Gesellschaft einen möglichst großen 
Dienst zu leisten und dafür Berühmtheit, Dank, Sympathien oder 
schließlich auch einfach unsere Befriedigung durch das Bewußtsein 
guter Arbeitsleistung einzutauschen. Aber in der schweren Über- 
gangsperiode, bei äußerster Armut an materiellen Gütern und noch 
allzu ungenügender Entwicklung des Gefühls der gesellschaftlichen 
Solidarität muß der Wetteifer notwendig in diesem oder jenem 
Grade verbunden sein mit dem Bestreben, sich mit Produkten des 
• persönlichen Verbrauchs zu versorgen. 

Das ist die Summe der Mittel, Genossen, über die der Arbeiter- 
staat zur Steigerung der Arbeitsproduktivität verfügt. Eine fertige 
Lösung gibt es hier, wie wir sehen, nicht. Sie steht in keinem Buch 
geschrieben. Und ein solches Buch kann es auch gar nicht geben. 
Wir fangen erst an, dieses Buch mit dem Schweiß und Blut der 
Werktätigen zu schreiben. Wir sagen: Arbeiter, Arbeiterinnen, ihr 
habt den Weg der normierten Arbeit betreten. Nur auf diesem 
Wege werdet ihr die sozialistische Gesellschaft errichten. Ihr steht 
vor der Aufgabe, die niemand für euch lösen wird: die Aufgabe 
der Steigerung der Arbeitsproduktivität auf neuer gesellschaftlicher 
Grundlage. Wenn ihr diese Aufgabe nicht löst, werdet ihr unter- 
gehen. Wenn ihr sie löst, werdet ihr die Menschheit fördern. 



1 I J 


— 125 — 

4 

Die Arbeitsarmeen . 

An die Frage der Verwendung der Armee für Arbeitsaufgaben, 
die bei uns eine gewaltige prinzipielle Bedeutung erlangt hat, sind 
wir auf empirischen Wege herangetreten, durchaus nicht auf Grund 
theoretischer Erwägungen, ln einigen Grenzgebieten Rußlands ge- 
staltete sich die Lage so, daß bedeutende Heereskräfte auf unbe- 
stimmte Zeit von Kampfverwendung frei blieben. Sie an andere, 
aktive Fronten hinüberzuwerfen, besonders im Winter, war schwie- 
rig, infolge des Verfalls des Eisenbahntransports. In solcher Lage 
brfand sich z. B. die 3. Armee, die in den Gouvernements des Ural 
und der nahe gelegenen Gebiete stand. Die führenden Arbeiter 
dieser Armee, die begriffen, daß wir die Armee vorläufig noch nicht 
demobilisieren können, regten selbst die Frage an, sie in den 
Arbeitszustand zu versetzen. Sie sandten der Zentrale einen mehr 
oder weniger ausgearbeiteten Plan eines Statuts der Arbeitsarmee ein. 

Die Aufgabe war uns neu und nicht leicht. Werden die Rot- 
armisten arbeiten? Wird ihre Arbeit genügend produktiv sein? 
Wird sie sich lohnen? Darüber herrschten sogar in unserer eigenen 
. Mittel Zweifel. Es ist überflüssig zu sagen, daß die Menschewiki 
in die oppositionelle Trompete stießen. Derselbe Abramowitsch 
hat auf dem Kongreß der Volkswirtschaftsräte, ich glaube im Januar 
oder Anfang Februar, d. h. wo alles noch Entwurf war, prophezeit, 
daß wir unweigerlich Fiasko leiden würden, da das ganze Unter- 
nehmen eine Sinnlosigkeit, eine Araktschejew-Utopie sein wird usw. 
Wir sahen anders auf die Sache. Gewiß, die Schwierigkeiten waren 
groß, aber sie unterschieden sich prinzipiell nicht von allen Schwie- 
rigkeiten des Sowjetaufbaues überhaupt. 

Wir untersuchten, was der Organismus der 3. Armee be 
deutet. In dieser Armee waren nur wenig Heeresteile 
nachgeblieben: alles in allem eine Schützendivision und eine 
Kavalleriedivision — insgesamt 15 Regimenter — sowie Spe- 
zialtruppen. Die übrigen Heeresteile waren schon früher 
an andere Armeen und Fronten abgegeben worden. Aber der 
Apparat der Armee Verwaltung war noch unangetastet, und wir 
hielten es für wahrscheinlich, daß wir ihn im Frühjahr die Wolga 
hinab an die Kaukasische Front gegen Denikin werden Vorgehen 
lassen müssen, wenn er bis dahin noch nicht endgültig gebrochen 
sein würde. Im ganzen verblieben in der 3. Armee in den Verwal- 
tungen, Institutionen, Heeresteilen, Lazaretten usw. 110 000 Rot- 
armisten. In dieser Gesamtmasse, die vorwiegend aus Bauern be- 
stand, gab es ungefähr 16 000 Kommunisten und Mitglieder der 
Organisation der Sympathisieren den — zum bedeutenden Teil Ar- 
beiter aus dem Ural. Ihrem Bestände und ihrer Struktur nach stellte 
die 3. Armee also eine bäuerliche Masse dar, die unter der Führung 


1 I J 


126 


vorgeschrittener Arbeiter zu einer militärischen Organisation zu- 
sammengeschweißt war. ln der Armee arbeitete eine bedeutende 
Anzahl von Militärfachleuten, die wichtige militärische Funktionen 
erfüllten und unter der allgemeinen politischen Kontrolle der Kom- 
munisten standen. Wenn man von diesem allgemeinen Gesichts- 
punkt aus die 3. Armee betrachtet, so stellt sie ein Spezialbild von 
ganz Sowjetrußland dar. Nehmen wir die Rote Armee als Ganzes, 
die Organisation der Sowjetmacht im Kreise, im Gouvernement oder 
in der ganzen Republik, mit Einschluß auch der Wirtschaftsorgane, 
wir sehen überall dasselbe Organisationsschema : Millionen von 
Bauern, eingeführt in die neuen Formen des politischen wirtschaft- 
lichen und gesellschaftlichen Lebens durch die organisierten Ar- 
beiter, die auf allen Gebieten des Sowjetaufbaus die führende Stel- 
lung einnehmen. Zu den Aemtern, die Fachkenntnisse erfordern, 
werden Fachleute der bürgerlichen Schule herangezogen ; ihnen 
wird die erforderliche Selbständigkeit gegeben, aber die Kontrolle 
über ihre Arbeit verbleibt in den Händen der Arbeiterklasse, in 
Person ihrer Kommunistischen Partei. Die Durchführung der 
Arbeitspflicht ist für uns wiederum nicht anders derikbar als durch 
Mobilmachung vornehmlich der bäuerlichen Arbeitskräfte unter der 
Leitung der fortgeschrittenen Arbeiter. Somit gab es und konnte 
es keinerlei prinzipielle Hindernisse für die Arbeitsanwendung der 
Armee geben. Mit anderen Worten, die prinzipiellen Einwände 
gegen die Arbeitsarmeen von seiten dieser selben Menschewiki 
waren im Grunde genommen Einwände gegen die „zwangsmäßige“ 
Arbeit überhaupt, folglich gegen die Arbeitspflicht und gegen die 
Sowjetmethoden des Wirtschaftsaufbaues im Ganzen. Ueber diese 
Einwände sind wir mühelos hinweggegangen. 

Selbstverständlich ist der militärische Apparat als solcher auf 
die Leitung des Arbeitsprozesses nicht eingestellt. Aber darauf 
zielten wir auch gar nicht ab. Die Leitung sollte in den Händen der 
entsprechenden Wirtschaftsorgane verbleiben. Die Armee lieferte 
die erforderliche Arbeitskraft in Form von organisierten kompakten 
Einheiten, die in ihrer Masse zur Ausführung der einfachsten gleich- 
artigen Arbeiten brauchbar waren. Reinigung der Wege von Schnee, 
Bereitstellung von Holz, Bauarbeiten, Organisation des Wagen- 
transports usw. usw. 

Jetzt haben wir schon bedeutende Erfahrungen auf dem Gebiet 
der Verwendung der Armee zur Arbeit gesammelt und sind im.- 
stande, nicht nur eine auf Voraussetzungen und Annahmen ge- 
gründete Einschätzung zu geben. Welches sind nun die Folgerun- 
gen aus diesen Erfahrungen? Die Menschewiki haben sich beeilt, 
sie zu richten. Immer derselbe Abramowitsch hat auf dem Kongreß 
der Bergarbeiter erklärt, daß wir bankrott seien, daß die Arbeits- 
armeen parasitische Gebilde seien, wo auf 10 Arbeitende 100 Ver- 





127 


waltende kommen. Ist das richtig? Nein. Das ist die leicht- 
sinnige und böswillige Kritik von Leuten, die beiseite stehen, die 
Tatsachen nicht kennen, nur Splitter und Schutt sammeln und stets 
und überall unseren Bankrott entweder konstatieren oder prophe- 
zeien. ln der Tat aber haben die Arbeitsarmeen nicht nur nicht 
versagt, sondern im Gegenteil große Erfolge gehabt, ihre Lebens- 
fähigkeit bewiesen, sie entwickeln sich und festigen sich immer mehr. 
Pleite gegangen sind gerade die Propheten, die voraussagten, daß 
aus dem ganzen Unternehmen nichts herauskommen werde, daß 
niemand arbeiten werde, daß die Rotarmisten nicht zur Arbeits- 
front übergehen, sondern einfach nach Hause laufen werden. 

Diese Einwände waren eingegeben von spießbürlichem Skep- 
tizismus, Mißtrauen gegen die Masse, Mißtrauen gegen die höhere 
organisatorische Initiative. Aber haben wir im Grunde genommen 
nicht dieselben Einwände gehört, als wir an weitgreifende Mobili- 
sierungen für militärische Zwecke gingen? Auch damals sagte man 
uns allgemeine Desertion voraus, die nach dem imperialistischen 
Kriege unvermeidlich sei. Selbstverständlich hat es Desertion ge- 
geben, aber die Erfahrung zeigte, daß sie keineswegs einen solchen 
Massencharakter trug, wie man es uns ausgemalt hatte; die Armee 
wurde durch sie nicht zerstört: geistige und organisatorische Ver- 
bindung, kommunistisches Freiwilligen wesen und staatlicher Zwang 
sicherten in ihrer Gesamtheit die Millionenmobilmachungen, die 
zahlreichen Formierungen und die Durchführung der schwierigsten 
Kampf aufgaben . Letzten Endes hat die Armee gesiegt. Hinsicht- 
lich der Arbeitsaufgaben erwarteten wir auf Grund der Kriegs- 
erfahrungen dieselben Ergebnisse. Und wir haben uns nicht ge- 
täuscht. Die Rotarmisten zerstreuten sich keineswegs beim Ueber- 
gang aus dem Kriegs- in den Arbeitszustand, wie es die Skeptiker 
prophezeit hatten. Dank der gut organisierten Agitation war dieser 
Uebergang sogar von einem großen moralischen Aufschwung be- 
gleitet. Allerdings, ein Teil der Soldaten versuchte die Armee zu- 
verlassen, aber das ist immer der Fall, wenn ein großer Truppen- 
teil von der einen Front an die andere geworfen oder aus der 
Rückenlinie an die Front gebracht wird, überhaupt einer Erschütte- 
rung ausgesetzt wird, und die mögliche Desertion sich in eine 
wirkliche verwandelt. Aber hier traten sofort die politischen Abtei- 
lungen, die Presse, die Organe zur Bekämpfung der Desertion usw. 
in ihre Rechte, und gegenwärtig ist der Prozentsatz der Deserteure 
in den Arbeitsarmeen nicht im geringsten höher als in unseren 
Kampfarmeen. 

Der Hinweis, daß die Armeen infolge ihrer inneren Struktur 
nur einen geringen Prozentsatz von Arbeitern ausscheiden können, 
ist nur teilweise richtig. Was die 3. Armee angeht, so habe ich 
bereits erwähnt, daß sie den vollen Verwaltungsapparat bei einer 



I I J I 



äußerst geringen Anzahl von Truppenteilen bewahrt hatte. So- 
lange wir — aus militärischen und nicht aus wirtschaftlichen Er- 
wägungen — den Stab der Armee und ihre Verwaltungsköfper un- 
angetastet ließen, war der Prozentsatz der Arbeiter, die die Armee 
ausschied, in der Tat äußerst gering. Von der Gesamtzahl der 
110 000 Rotarmisten nahmen 21% administrativ-wirtschaftliche 
Aemter ein; im täglichen Postendienst (Wachen usw.) standen bei 
der großen Anzahl der Armeeinstitutionen und Lager ungefähr 
16% ; die Zahl der Kranken (hauptsächlich an Typhus) betrug zu- 
sammen mit dem medizinischen und sanitären Dienstpersonal etwa 
13% ; aus verschiedenen Gründen (Abkommandierungen, Urlaub, 
ungesetzliche Entfernung nicht zugegen waren bis zu 25% . Die für 
die Arbeit vorhandene Präsenz belief sich somit auf nur 23% — 
das war das Maximum dessen, was man in jener Zeit aus dieser 
Armee für die Arbeit erhalten konnte, ln Wirklichkeit arbeiteten in 
der ersten Zeit nicht mehr als etwa 14%, hauptsächlich aus den 
beiden Divisionen — Schützen und Kavallerie — die noch in der 
Armee verblieben waren. 

Kaum aber war es klar geworden, daß Denikin geschlagen 
war und daß wir die 3. Armee im Frühjahr nicht die Wolga hinab 
den Truppen der Kaukasischen Front zu Hilfe zu senden brauchten, 
als wir unverzüglich an die Auflösung der schwerfälligen Armee- 
apparate und die bessere Einstellung der Institutionen der Armee 
auf die Arbeitsaufgaben gingen. Obgleich diese Arbeit noch nicht 
beendet ist, so hat sie doch schon sehr bedeutsame Ergebnisse 
gezeitigt. Im gegenwärtigen Augenblicke*) gibt die 3. Armee im 
Verhältnis zu ihrem Gesamtbestande etwa 38% Arbeiter. Die 
neben ihr arbeitenden Heeresteile des Uralischen Militärbezirks 
scheiden bereits 49% Arbeiter aus. Dieses Ergebnis ist nicht 
ganz schlecht, wenn man es mit der Frequenz der Fabrikunter- 
nehmen vergleicht, wo aus vielen Unternehmen noch ganz 
kürzlich und auf einigen sogar noch heute die Nichterscheinungen 
zur Arbeit, aus gesetzlichen und ungesetzlichen Gründen, 50 und 
mehr Prozent erreichten**). Dazu kommt, daß die Arbeiter nicht 
selten von erwachsenen Familienangehörigen bedient werden, wäh- 
rend die Rotarmisten sich selbst bedienen. 

Wenn wir die im Ural mit Hilfe des Militärapparats, haupt- 
sächlich für die Holzstellung mobilgemachten Neunzehnjährigen 
nehmen, so zeigt es sich, daß von ihrer Gesamtzahl über 30 000, 
d. h. mehr als 75 %, zur Arbeit erscheinen. Das ist schon ein 
gewaltiger Fortschritt. Er zeigt, daß wir bei Anwendung des Mili- 
tärapparates zur Mobilmachung und Formierung in die Konstruk- 


*) März 1929. 

**) Seitdem ist dieser Prozentsatz ganz erheblich gefallen (Juni 1920). 



I I 1 I 


, — 129 — 

tion der reinen Arbeitstruppen Veränderungen hineintragen können, 
die eine gewaltige Steigerung des Prozentsatzes der unmittelbar 
am materiellen Produktionsprozeß Teilnehmenden darstellen können. 

Endlich können wir jetzt auch über die Ergiebigkeit der Sol- 
datenarbeit auf Grund der Erfahrung urteilen. In der ersten Zeit 
war die Ergiebigkeit der Arbeit in den hauptsächlichsten Arbeits- 
zweigen trotz des großen moralischen Aufschwungs in der Tat 
äußerst gering und konnte beim Lesen der ersten Arbeitsberichte 
völlig entmutigend wirken. So kamen auf die Bereitstellung eines 
Kubikfadens Holz in der ersten Zeit 13 — 15 Arbeitstage, während 
als Norm, die gegenwärtig allerdings nur selten erreicht wird, 3 
Tage gelten. Es muß noch bemerkt werden, daß Künstler dieses 
Faches es fertig bringen, unter günstigen Umständen einen Kubik- 
faden pro Tag und Mann bereitzustellen. Was stellte sich aber 
heraus? Die Truppenteile waren in großer Entfernung von den 
Abholzungsstellen stationiert. Vielfach mußten sie zur Arbeits- 
stelle und von dort zurück 6 — 8 Werst weit laufen, was einen be- 
deutenden Teil des Arbeitstages in Anspruch nahm. Es mangelte 
am Ort an Beilen und Sägen. Viele Rotarmisten, die aus der Steppe 
stammten, kannten den Wald nicht, hatten niemals Bäume gefällt, 
geschlagen und zersägt. Die Gouvernements- und Kreistransport- 
komitees lernten es keineswegs mit einem Schlage, sich der Truppen- 
teile zu bedienen, sie an die erforderlichen Orte zu dirigieren und 
die nötigen Bedingungen für sie zu schaffen. Es ist kein Wunder, 
daß das Ergebnis eine äußerst geringe Ergiebigkeit der Arbeit war. 
Nachdem aber die schreiendsten Mißstände der Organisation be- 
hoben waren wurden bedeutend günstigere Ergebnisse erzielt. So 
kommen nach den letzten Angaben auf einen Kubikfaden Holz in 
dieser ganzen ersten Arbeitsarmee \ l / 2 Tage, was von der jetzigen 
Norm schon nicht mehr zu weit entfernt ist. Am tröstlichsten aber 
ist der Umstand, daß die Ergiebigkeit der Arbeit systematisch steigt, 
je besser sie organisiert wird. 

Und was in dieser Hinsicht erzielt werden kann, davon zeugt 
die kurze, aber äußerst reiche Erfahrung des Moskauer Ingenieur- 
regiments. Die Hauptmilitärverwaltung, die diesen Versuch leitete, 
begann mit der Festsetzung der Erzeugungsnorm — drei Arbeits- 
tage auf einen Kubikfaden Holz. Diese Norm erwies sich bald als 
übertroffen. In Januar kamen auf einen Kubikfaden Holz 2 l / 2 
Arbeitstage; im Februar — 2,1 ; im März 1,5 Arbeitstage, was eine 
außerordentlich hohe Produktivität bedeutet: Dieses Ergebnis wurde 
erzielt durch geistige Einwirkung, genaue Registrierung der indivi- 
duellen Arbeit eines jeden, Erweckung des Arbeitsehrgeizes, Aus- 
teilung von Prämien an die Arbeiter für Durchschnittserzeugung, 
oder, um die Sprache der Gewerkschaften anzuwenden, durch einen 
biegsamen Tarif, der allen individuellen Veränderungen der Arbeits- 



130 


Produktivität angepaßt war. Dieser Versuch — fast ein Labora- 
toriumsexperiment — zeichnet klar die Wege vor, auf denen wir 
nun weiterzugehen haben. 

Bei uns wirkt jetzt schon eine ganze Reihe von Arbeitsarmeen 
— die Erste, die Petersburger, die Kaukasische, die Südwolga-, 
die Reservearmee. Die letztere trug bekanntlich zur bedeutenden 
Steigerung der Durchlaßfähigkeit der Kasan-Jekaterinburger Bahn 
bei. Und überall, wo der Versuch einer Anwendung von Truppen- 
teilen für Arbeitsaufgaben einigermaßen vernünftig angestellt wor- 
den ist, haben die Ergebnisse gezeigt, daß diese Methode unbedingt 
lebensfähig und richtig ist. 

Das Vorurteil, daß eine Militärorganisation unter allen und 
jeden Umständen unvermeidlich parasitisch sein muß, ist wider- 
legt. Die Sowjetarmee spiegelt in sich Tendenzen der sowjetis- 
tischen Gesellschaftsordnung. Man darf nicht in den erstarrten 
Begriffen der vorliegenden Epoche denken: „Militarismus“, „Mili- 
tärorganisation“, „Unproduktivität der zwangsmäßigen Arbeit“, 
sondern ohne Voreingenommenheit, mit offenen Augen an die Er- 
scheinungen der neuen Epoche herantreten und dessen eingedenk 
sein, daß der Sonnabend für die Menschen da ist und nicht um- 
gekehrt, daß alle Organisationsformen, darunter' auch die mili- 
tärische, nur ein Werkzeug der an der Macht stehenden Arbeiter- 
klasse sind, die das Recht wie auch die Möglichkeit hat, diese 
Werkzeuge anzupassen, zu verändern, umzumodeln, bis das erfor- 
derliche Ergebnis erzielt ist. 

Einheitlicher > Wirtschaftsplan ! 

Die ausgedehnte Anwendung der Arbeitspflicht wie auch die 
Maßnahmen zur Militarisierung der Arbeit können nur dann eine 
entscheidende Rolle spielen, wenn sie auf Grund eines einheitlichen 
Wirtschaftsplanes angewandt werden, der das ganze Land und alle 
Zweige der industriellen Tätigkeit umfaßt. Dieser Plan muß auf 
eine Reihe von Jahren, auf die ganze nächste Epoche berechnet 
sein. Er zerfällt naturgemäß in einzelne Perioden oder Reihen- 
folgen entsprechend den unvermeidlichen Etappen der wirtschaft- 
lichen Wiederherstellung des Landes. Wir müssen mit den ein- 
fachsten und zugleich grundlegendsten Aufgaben anfangen. 

Vor allem muß die direkte Lebensmöglichkeit — wenn auch 
unter den schwersten Verhältnissen — für die Arbeiterklasse ge- 
sichert und dadurch die Industriezentren erhalten, die Städte ge- 
rettet werden. Das ist der Ausgangspunkt. Wenn wir die Stadt 
nicht im Dorf, die Industrie nicht im Ackerbau aufgehen und das 
ganze Land verbauern lassen wollen, müssen wir unser Transport- 
wesen wenigstens in minimalem Umfange aufrechterhalten und Brot 


/ 


I I J I 


- 131 — 

für die Städte, Heizmaterial und Rohstoffe für die Industrie, Futter- 
mittel für das Vieh sicherstellen. Sonst werden wir keinen Schritt 
vorwärts tun können. Der erste Teil des Planes ist also: Hebung 
des Transportwesens oder mindestens Verhütung seines weiteren 
Verfalls und Bereitstellung der notwendigsten Vorräte an Lebens- 
mitteln, Rohstoffen und Heizmaterial. Die ganze nächste Periode 
wird völlig ausgefüllt sein mit Konzentrierung und Anspannung 
der Arbeitskraft zur Lösung dieser grundlegenden Aufgaben, und 
dadurch wieder wird die Voraussetzung für alles Weitere geschaffen 
werden. Diese Aufgabe haben wir im besonderen unseren Arbeits- 
armeen gestellt. Ob die erste Periode, wie auch die folgenden nach 
Monaten oder nach Jahren zählen wird, das zu prophezeien ist 
augenblicklich gegenstandslos — das hängt von vielen Umständen 
ab, von der internationalen Lage bis zum Grad der Einmütigkeit 
und des Durchhaltens der Arbeiterklasse. 

Die zweite Periode ist der Maschinenbau für das Transport- 
wesen, die Gewinnung von Rohstoffen und Nahrungsmitteln. Hier 
steht die Lokomotive im Mittelpunkt des Ganzen. 

Gegenwärtig wird die Reparatur der Lokomotiven zu sehr 
auf häusliche Art betrieben und verschlingt übermäßig viel Kräfte 
und Mittel. Die Reparatur des rollenden Materials muß auf die 
Grundlagen der Massenproduktion von Reserveteilen übergeführt 
werden. Jetzt, wo das ganze Bahnnetz und alle Betriebe in den 
Händen eines Besitzers sind, des Arbeiterstaates, können und müssen 
wir für das ganze Land Einheitstypen von Lokomotiven und Wag- 
gons aufstellen, ihre Bestandteile normalisieren, alle erforderlichen 
Betriebe zur Massenproduktion von Reserveteilen heranziehen und 
die Reparatur auf den einfachen Ersatz der abgenutzten Teile durch 
neue zurückführen, und dadurch die massenweise Zusammensetzung 
neuer Lokomotiven aus Reserveteilen sicherstellen. Jetzt, wo die 
Heizmaterial- und Rohstoffquellen uns wieder offen stehen, werden 
wir auf den Lokomotivenbau unsere ausschließliche Aufmerksamkeit 
konzentrieren müssen. 

' Die dritte Periode — der Maschinenbau zwecks Produktion 
von Gegenständen des breiten Massenkonsums. 

Die letzte Periode schließlich, die sich auf die Eroberungen der 
drei vorgehenden stützt, wird den Uebergang zur Produktion von 
Gegenständen des persönlichen Gebrauchs im weiten Umfange 
gestatten. 

Dieser Plan besitzt große Bedeutung nicht nur als allgemeine 
Richtungslinie für die praktische Arbeit unserer Wirtschaftsorgane, 
sondern auch als Leitlinie für die Propaganda unter den Arbeiter- 
massen anläßlich unserer Wirtschaftsaufgaben. Unsere Arbeits- 
mobilmachungen werden sich nicht dem Leben einfügen, sich nicht 
festwurzeln, wenn wir nicht alles, was es Ehrliches, Bewußtes, 



I I 


— 132 - 

Beseeltes, Lebensfähiges in der Arbeiterklasse gibt, den Lebensnerv 
zerschneiden. Wir müssen den Massen die volleWahrheit über unsere 
Lage und unsere Aussichten für die Zukunft klar machen, müssen 
ihnen offen sagen, daß unser Wirtschaftsplan selbst bei maximaler 
Anspannung wenig einbringen wird, weil wir in der nächsten 
Periode unsere Hauptarbeit darauf richten werden, die Bedingungen 
zur Produktion von Produktionsmitteln vorzubereiten. Erst nach- 
dem wir, wenn auch nur in minimalem Umfange, die Möglichkeit 
einer Wiederherstellung der Transport- und Produktionsmittel 
gesichert haben, werden wir zur Produktion von Konsumartikeln 
übergehen. Somit werden die Werktätigen als unmittelbares fühl- 
bares Resultat der Arbeit in Gestalt von Gegenständen des persön- 
lichen Verbrauches erst im letzten, vierten Stadium des Wirtschafts- 
planes erhalten, und erst dann wird eine ernstliche Erleichterung des 
Lebens eintreten. Die Massen, die im Laufe einer langen Zeit noch 
die Bürde der Arbeit und der Entbehrungen tragen werden, müssen 
die voraussichtliche innere Logik dieses Wirtschaftsplanes begreifen, 
um fähig zu sein, ihn auf ihren Schultern zum Ziel zu tragen. 

Die Reihenfolge der oben vermerkten vier Wirtschaftsperioden 
muß nicht allzu absolut aufgefaßt werden. Wir beabsichtigen natür- 
lich nicht, unsere Textilindustrie sogleich völlig stillzulegen: wir 
können das allein schon aus militärichen Erwägungen nicht tun. 
Aber damit Aufmerksamkeit und Kräfte sich unter dem Druck der 
überall himmelschreienden Bedürfnisse und Nöte nicht zersplittern, 
ist es notwendig, an Hand des Wirtschaftsplanes als Grundkriterium 
die wichtigsten und Hauptsachen von den unwichtigeren und Neben- 
sachen zu trennen. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß wir 
keinesfalls den geschlossenen „nationalen“ Kommunismus an- 
streben : die Aufhebung der Blockade, und erst recht die europäische 
Revolution ‘.müßten die wesentlichsten Veränderungen in unserem 
Wirtschaftsleben hervorrufen, die Stadien seiner Entwicklung ver- 
kürzen und sie einander näher bringen. Aber wann , diese Ereig- 
nisse eintreten werden, wissen wir nicht. Und wir müssen so 
handeln, daß wir uns bei der allerungünstigsten, d. h. langsamsten 
Entwicklung der europäischen und der Weltrevolution halten und 
festigen können. Im Falle einer tatsächlichen Herstellung von Han- 
delsbeziehungen zu den kapitalistischen Staaten werden wir uns 
abermals von dem oben charakterisierten Wirtschaftsplan leiten 
lassen. Wir werden einen Teil unserer Rohstoffe im Tausch gegen 
Lokomotiven oder andere notwendige Maschinen hergeben, keines- 
falls aber im Tausch gegen Kleidung, Schuhwerk, Kolonialwaren: 
nicht die Konsumartikel sind bei uns an der Reihe, sondern die 
Transport- und Produktionsmittel. 

Wir wären kurzsichtige Skeptiker oder Kleinkrämer von Spieß- 
bürgerart, wenn wir uns vorstellen wollten, daß die Wiederher- 



Stellung der Wirtschaft ein allmählicher Uebergang vom jetzigen 
vollen wirtschaftlichen Zerfall zu dem Zustand, der dem Zerfall 
vorausging, sein wird, d. h. daß wir auf denselben Stufen, die uns 
hinabgeführt haben, wieder emporsteigen und erst nach einiger, 
recht langer Zeit unsere sozialistische Wirtschaft wieder auf den 
Stand zurückbringen werden, den sie vor dem imperialistischen 
Kriege eingenommen hat. Eine solche Vorstellung wäre nicht nur 
nicht tröstlich, sondern auch unbedingt unrichtig. Die Zerrüttung, 
die auf ihrem Wege unzählige Werte vernichtet und zerstört hat, 
hat in der Wirtschaft auch viele tote Routine, viel Muffiges und 
:Sinnloses vernichtet und dadurch den Weg freigemacht für einen 
Aufbau im Einklang mit den technischen Faktoren, über die die 
Weltwirtschaft jetzt verfügt. 

Wenn der russische Kapitalismus sich nicht von Stufe zu Stufe 
aufsteigend, sondern eine Reihe von Stufen überspringend, ent- 
wickelt hat, und in urweltlichen Steppen amerikanische Betriebe 
errichtet, so ist ein so forcierter Weg umsomehr der sozialistischen 
Wirtschaft zugänglich. Nachdem wir die böse Verelendung über- 
wunden, einige Vorräte an Rohstoffen und Lebensmitteln angehäuft, 
das Transportwesen gehoben haben werden, können wir eine ganze 
Reihe von dazwischenliegenden Stufen überspringen, uns den Um- 
stand zu Nutze machend, daß wir nicht durch die Ketten des Privat- 
besitzes gefesselt sind und daher die Möglichkeit haben, alle Unter- 
nehmen und alle Wirtschaftselemente einem staatlichen Einheitsplan 
unterzuordnen. 

So können wir z. B. zweifellos zur Anwendung der Elektrizi- 
tät in allen Hauptzweigen der Industrie und im persönlichen Ge- 
brauch übergehen, ohne nochmals das „Jahrhundert des Dampfes“ 
durchzumachen. Das Programm der Elektrifierung ist bei uns in 
einer Reihe von aufeinanderfolgenden Stadien vorgezeichnet, ent- 
sprechend den Hauptetappen des allgemeinen Wirtschaftsplanes. 

Der neue Krieg kann die Verwirklichung unserer wirtschaft- 
lichen Absichten verzögern; unsere Energie und Beharrlichkeit kön- 
nen und müssen den Prozeß der wirtschaftlichen Wiederaufrichtung 
beschleunigen. Aber in welchem Tempo sich die Ereignisse auch 
weiter entwickeln mögen, klar ist, daß allen unseren Arbeitsmobil- 
machungen, Arbeitsmilitarisierungen, Arbeitssamstagen und anderen 
Arten freiwilliger kommunistischer Arbeit — ein einheitlicher 
Wirtschaftsplan zugrunde gelegt werden muß, wobei die 
nächstliegende Periode von uns die volle Konzentration aller Energie 
auf die ersten, elementaren Aufgaben erfordern wird: Lebensmittel, 
Heizmaterial, Rohstoffe, Transportwesen. Keine Zerstreu- 
ung der Aufmerksamkeit, keine Zersplitterung 
der Kräfte, keine Untätigkeit. Das ist der einzige Weg zur 
Rettung. 



I I J I 


- 134 — 

Kollegialität und Ein zelvetyval tung. 

Die Menschewiki versuchen ihr Heil noch mit einer anderen 
Frage, die ihnen günstig scheint, um mit der Arbeiterklasse wieder 
auf vertrauten Fuß zu kommen. Es ist die Frage der Form der 
Verwaltung der Industrieunternehmen, die Frage des Kollegial- 
oder des Personalprinzips. Man sagt uns, die Uebergabe der Be- 
triebe an Einzelverwalter statt an Kollegien sei ein Verbrechen an 
der Arbeiterklasse und der sozialistischen Revolution. Es ist bemer- 
kenswert, daß als die eifrigsten Verteidiger der sozialistischen Revo- 
lution gegen das Einzelprinzip dieselben Menschewiki auftreten, die 
noch vor ganz kurzem der Ansicht waren, daß schon die bloße 
Losung der sozialistischen Revolution ein Hohn gegen die Ge- 
schichte und ein Verbrechen an der Arbeiterklasse sei. 

Der sozialistischen Revolution gegenüber schuldig sei, wie 
es sich herausgestellt habe, vor allem unser Parteitag, der sich für 
die Annäherung an das Einzelprinzip in der Industrieverwaltung 
ausgesprochen hat, in erster Linie bei den unteren Betriebsstellen 
und Fabriken. Es wäre jedoch die größte Verirrung, wollte man 
diesen Beschluß als Schädigung der Selbtsbetätigung der Arbeiter- 
klasse ansehen. Die Selbstbetätigung der Werktätigen wird nicht da- 
durch bestimmt und danach bemessen, ob drei Arbeiter an der 
Spitze eines Betriebes stehen oder einer, sondern durch tiefgehen- 
dere Faktoren und Erscheinungen: Aufbau der Wirtschaftsorgane 
unter aktiver Mitwirkung der Gewerkschaften, Aufbau aller Sowjet- 
organe durch die Sowjetkongresse, die Dutzende von .Millionen 
von Werktätigen vertreten; Hinzuziehung der Verwalteten selbst 
zur Verwaltung oder zur Kontrolle über die Verwaltung, — darin 
drückt sich die Selbstbetätigung der Arbeiterklasse aus. Sie kann 
vom Standpunkt der administrativen Technik aus richtig oder 
falsch sein, aber sie ist dem Proletariat nicht aufgezwungen, son- 
dern wird durch sein Urteil und seinen Willen diktiert. Es wäre 
daher eine grobe Verirrung, wenn man die Frage der Herrschaft 
des Proletariats mit der Frage der Arbeiterkollegien an der Spitze 
der Betriebe verwechseln wollte. Die Diktatur des Proletariats 
kommt in der. Aufhebung des Privateigentums über die Produk- 
tionsmittel, in der Herrschaft des Kollektivwillens der Werktätigen 
über den ganzen Sowjetmechanismus zum Ausdruck, keinesfalls 
aber in der Form der Verwaltung der einzelnen Wirtschaftsunter- 
nehmen. 

Hier muß auch gleich noch eine andere Anschuldigung zurück- 
gewiesen werden, die häufig gegen die Anhänger des Personal- 
prinzips vorgebracht wird. Die Gegner erklären: „Die Sowjet- 
militaristen wollen hier ihre auf militaristischem Gebiet gesammelte 
Erfahrung auf das wirtschaftliche Gebiet übertragen. In der 



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— 135 — 

Armee mag das Personalprinzip vielleicht gut sein, in der Wirt- 
schaft aber taugt es nicht. „Dieser Einwand ist in jeder Bezie- 
hung unrichtig.“ Es ist falsch, daß wir in der Armee mit dem 
Einzelkommando begonnen haben; sogar jetzt sind wir bei weitem 
noch nicht völlig zu ihm übergegangen. Falsch ist auch, daß 
wir die Personalform in der Verwaltung von Wirtschaftsunter- 
nehmen unter Hinzuziehung von Fachleuten erst auf Grund unserer 
militärischen Erfahrungen zu vertreten begonnen haben. In Wirk- 
lichkeit gingen und gehen wir in dieser Frage von der rein mar- 
xistischen Auffassung der revolutionären Aufgaben und schöpfe- 
rischen Pflichten des Proletariats aus, welches die Macht ergriffen 
hat. Die Notwendigkeit einer Kontinuität der früher angesammel- 
ten technischen Kentnisse und Gewohnheiten, die Notwendigkeit 
einer Heranziehung der Spezialisten, ihrer ausgedehnten Verwen- 
dung, damit die Technik nicht zurückgeht, sondern vorwärts- 
schreitet, dies alles haben wir nicht nur seit Anbeginn der Revolu- 
tion, sondern auch schon längst vor dem Oktober begriffen und an- 
erkannt. Ich glaube, wenn der Bürgerkrieg unsere Wirtschafts- 
organe nicht beraubt und ihnen alle festen, an Initiative reichen 
und selbstständigen Elemente genommen hätte, so wäre die Me- 
thode der Personalverwaltung auf dem Gebiete der Wirtschafts- 
verwaltung zweifellos früher und schmerzloser geübt worden. 

Einige Genossen sehen den Apparat der Wirtschaftsverwal- 
tung vor allen Dingen als Schule an. Das ist natürlich vollkom- 
men falsch. Die Aufgabe der Verwaltungsorgane ist, zu verwal- 
ten. Wer den Willen und die Fähigkeit hat, die Verwaltung zu 
lernen, möge die Schule, die Spezialschule für Instrukteure be- 
suchen, möge Gehilfe werden, möge beobachten und Erfahrungen 
sammeln, wer aber zum Mitglied eines Fabrikdirektoriums ernannt 
wird, tritt nicht in die Schule, sondern in ein verantwortliches 
administrativ-wirtschaftliches Amt ein. Aber wenn man diese 
Frage selbst vom beschränkten und daher unwichtigen Gesichts- 
punkte der „Schule“ aus betrachten will, so sage ich, daß beim 
Personalprinzip die Schule am allerbesten sein wird. Selbst wenn 
man einen guten Arbeiter nicht durch drei Unreife ersetzt, wird man 
bei Einsetzung eines Kollegiums von drei unreifen in ein verant- 
wortliches Verwaltungsamt diese der Möglichkeit berauben, sich 
'Rechenschaft darüber abzulegen, was ihnen fehlt. Jeder sieht sich 
bei der Entscheidung nach den anderen um und schiebt im Fall des 
Mißlingens auf die anderen die Schuld. 

Daß dies keine Prinzipienfrage ist, beweisen am besten die 
Gegner des Personalprinzips, indem sie für Werkstätten, für Zechen, 
für Bergwerke nicht die Kollegialität fordern. Sie erklären sogar 
- voller Empörung, nur Wahnsinnige könnten fordern, daß eine 
Werkstatt von drei oder fünf Personen geleitet werden könne: 



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es dürfe nur einen Zechenältesten geben, und weiter nichts. Wa- 
rum? Wenn die Kollegial Verwaltung eine „Schule“ ist, warum 
brauchen wir dann keine Schule unterster Stufe? Warum sollte 
man nicht auch in den Werkstätten Kollegien einführen? Wenn 
aber die Kollegialität für die Werkstätten kein heiliges Gebot ist, 
warum soll sie dann für Betriebe obligatorisch sein? 

Abramowitsch hat gesagt: da wir wenig Fachleute haben 

— daran sind, wie er Kautsky nachspricht, die Bolschewiki 
schuld — werden wir sie durch Arbeiterkollegien ersetzen. Das ist 
Unsinn.' Kein Kollegium aus Personen, die die betreffende Arbeit 
nicht kennen, vermag eine Einzelperson zu ersetzen, die diese 
Arbeit kennt. Ein Kollegium von Juristen kann einen Weichen- 
steller nicht ersetzen. Ein Kollegium von Kranken ersetzt nicht. den 
Arzt. Die Idee an sich ist falsch. Das Kollegium an sich gibt dem 
Unwissenden keine Kenntnisse. Es kann nur die Unkenntnisse des 
Unwissenden verhüllen. Wenn auf einen verantwortlichen admini- 
strativen Posten eine Person gestellt ist, so ist sie nicht nur allen 
anderen, sondern auch sich selbst sichtbar und erkennt klar, was 
sie weiß und was sie nicht weiß. Aber es gibt nichts Schlimmeres, 
als ein Kollegium von unwissenden, schlecht vorbereiteten Arbei- 
tern auf einem rein praktischen Posten, der Spezialkenntnisse er- 
fordert. Die Mitglieder des Kollegiums befinden sich in einem Zu- 
stande dauernder Verlegenheit, gegenseitiger Unzufriedenheit und 
tragen durch ihre Hilflosigkeit Schwankungen und Verirrungen 
in die Arbeit hinein. Die Arbeiterklasse ist äußerst interessiert 
daran, ihre Verwaltungsfähigkeit zu steigern, d. h. zu lernen, aber 
das wird auf dem Gebiet der Industrie dadurch erreicht, daß die 
Betriebsleitung periodisch vor dem ganzen Betrieb Rechenschaft 
ablegt, wobei der Wirtschaftsplan für ein Jahr oder für den laufen- 
den Monat erörtert wird, — und alle Arbeiter, die ein ernstes 
Interesse für die industrielle Organisation zeigen, werden von den 
Leitern des Unternehmens oder von Sonderkommissionen regi- 
striert, auf entsprechenden Schulen ausgebildet, die mit der prak- 
tischen Arbeit des Betriebes selbst eng verbunden sind, darauf an- 
fangs auf weniger werantwortungsvolle, später auf verantwort- 
lichere Posten gesetzt. Auf dieser Weise werden wir viele Tau- 
sende und späterhin Zehntausende erfassen. Die Frage des Drei- 
männerkollegiums und Fünfmännerkollegien aber interessiert nicht 
die Arbeitermassen, sondern bloß den zurückgebliebeneren, schwä- 
cheren, zu selbständiger Arbeit weniger tauglichen Teil der Arbei- 
terbureaukratie der Sowjets. Der fortgeschrittene, bewußte und 
feste Administrator ist naturgemäß bestrebt, den ganzen Betrieb 
in seine Hand zu bekommen, sich und anderen zu zeigen, daß er 
zu verwalten versteht. Wenn es aber ein schwächlicher Admini- 
strator ist, der nicht fest auf den Füßen steht, dann möchte er sich 



I I J I 


— 137 — 

an einen anderen anlehnen, denn im Verein mit anderen wird seine 
Schwäche unbemerkt bleiben. In dieser Kollegialität ist ein sehr 
gefährliches Element enthalten — die Auslöschung der persönlichen 
Verantwortlichkeit. Wenn der Arbeiter fähig, aber unerfahren ist, 
braucht er einen Führer; unter dessen Leitung wird er lernen, 
und morgen werden wir ihn zum Leiter eines kleinen Betriebes 
ernennen. Auf diese Weise wird er vorwärtsschreiten. ln einem 
zufälligen Kollegium aber, wo die Stärke und Schwäche eines jeden 
unklar ist, wird das Gefühl der Verantwortlichkeit unweigerlich 
erstickt. 

Unsere Resolution spricht von der systematischen Annä- 
herung an das Einzelprinzip, natürlich nicht mit einem Feder- 
strich. Hier sind verschiedene Varianten und Kombinationen 
möglich. Wo der Arbeiter allein fertig werden kann, werden wir 
ihn zum Betriebsleiter machen und ihm einen Fachmann als Ge- 
hilfen beigeben. Wo der Fachmann am Platze ist, werden wir ihn 
zum Chef machen und ihm einen Gehilfen, auch zwei oder drei, 
aus der Zahl der Arbeiter beigeben. Und schließlich, wo das 
Kollegium seine Arbeitsfähigkeit durch die Tat bewiesen hat, 
werden wir es beibehalten. Das ist das einzige ernste Verhalten 
zur Sache, und nur auf diese Weise werden wir zu einer richtigen 
Organisierung der Produktion kommen. 

Es gibt noch eine Erwägung gesellschaftlich-erzieherischer 
Art, die mir als die wesentlichste erscheint. Die leitende Schicht 
der Arbeiterklasse ist bei uns zu dünn gesät. Es ist dies die Schicht, 
die die heimliche Verborgenheit gekannt, die den Revolutionskampf 
geführt hat, im Auslande gewesen ist, in den Gefängnissen und in 
der Verbannung viel gelesen hat, politische Erfahrung, einen weiten 
Gesichtskreis besitzt, — und es ist der kostbarste Teil der Arbeiter- 
klasse. Dann folgt das jüngere Geschlecht, das unsere Revolution 
von 1917 bewußt durchgeführt hat. Das ist ein sehr wertvoller 
Teil der Arbeiterklasse. Wohin man auch blickt — auf den 
Sowjetaufbau, auf die Gewerkschaften, auf die Parteiarbeit, auf die 
Front des Bürgerkrieges, — stets und überall spielt diese Ober- 
schicht die Führerrolle. Die wesentlichste Regierungsarbeit der 
Sowjetmacht in diesen 2% Jahren bestand darin, daß wir manö- 
vrierten, indem wir die vorgeschrittene Arbeiterschicht von einer 
Front an die andere hinüberwarfen. Die weniger vorgeschrittenen 
Schichten der Arbeiterklasse, die aus den Tiefen der Bauernschaft 
stammen, sind zwar revolutionär gesinnt, aber noch zu arm an 
Initiative. 

Die Krankheit unseres einfachen russischen Mannes besteht 
im Herdenwesen, im Mangel an Persönlichkeit, d. h. in dem, was 
unsere reaktionären Narodniki besangen, was Leo Tolstoi in der 
Gestalt des Platon Karatajew verherrlichte: der Bauer löst sich 

c v<V 


i 



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138 — 

in seiner Gemeinde auf, er ordnet sich dem Acker unter. Es ist 
völlig klar, daß die sozialistische Wirtschaft sich nicht auf Platon 
Karatajew gründet, sondern auf dem denkenden initiativereichen, 
verantwortlichen Arbeiter. Diese persönliche Initiative muß im 
Arbeiter erzogen werden. Das Personalprinzip bei der Bour- 
geoisie ist der eigennützige Individualismus, die Konkurrenz. Das 
Personalprinzip bei der Arbeiterklasse widerspricht weder der 
Solidarität noch der brüderlichen Zusammenarbeit. Die Sozia- 
listische Solidarität kann sich nicht auf den Mangel an Individu- 
alität, auf das Herdenwesen stützen. Aber gerade die Individu- 
alitätslosigkeit verbirgt sich häufig hinter der Kollegialität. 

Die Arbeiterklasse hat viele Kräfte, Begabungen, Talente. Es 
ist nötig,*daß sie sichtbar sind, sich im Wetteifer kundtun. Das 
Personalprinzip auf administrativ-technischem Gebiete trägt dazu 
bei. Und darum ist es höher und fruchtbringender als das Prinzip 
der Kollegialität. 

Schlußwort zum Be rieht • 

Genossen, die Argumente der menschewistischen Redner, ins- 
besondere die von Abramowitsch, zeigen vor allem eine völlige 
Losgerissenheit vom Leben und seinen Aufgaben. Der Beob- 
achter steht am Ufer eines Flusses, der notwendig durchschwom- 
men werden muß und erörtert die Eigenschaften des Wassers und 
die Stärke der Strömung. Hinübergeschwommen muß werden — 
das ist die Aufgabe! Unser Kautskyaner aber tritt von einem 
Fuß auf den anderen. „Wir leugnen nicht“, sagt er, „die Not- 
wendigkeit hinüberzuschwimmen, zugleich aber sehen wir als Re- 
alisten Gefahr, und nicht nur eine, sondern mehrere: die Strö- 
mung ist rasch, es gibt unterirdische Klippen, die Leute sind er- 
mattet usw. usw. Aber wenn man euch sagt, daß wir die Not- 
wendigkeit des Hinüberschwimmens selbst leugnen, so ist das nicht 
richbg, — keinenfalls richtig. — Schon vor 23 Jahren haben wir 
die Notwendigkeit des Hinüberschwimmens nicht geleugnet. . .“ 

Darauf baut sich alles auf, von Anfang bis zu Ende. Erstens, 
sagen die Menschewiki, leugnen wir nicht die Notwendigkeit der 
Verteidigung und haben sie nie geleugnet, folglich leugnen wir 
auch die Armee nicht. Mit Verlaub, aber wo in aller Welt, mit 
Ausnahme kleiner religiöser Sekten, gibt es denn überhaupt Leute, 
die die Verteidigung „überhaupt“ leugnen. Ihr sagtet und schriebt 
in euren Zeitungen: „Nieder mit dem Bürgerkrieg !“ zu einer Zeit, 
da die Weißgardisten uns bedrängten und uns das Messer an die 
Kehle setzten. Jetzt, während ihr unsere siegreiche Abwehr nach- 
träglich billigt, wendet ihr eure kritischen Blicke neuen Aufgaben 
zu und belehrt uns. „Im allgemeinen leugnen wir die Arbeits- 
pflicht nicht“, sagt ihr, aber . . . „ohne juristische Nötigung 4 . Aber 



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— 139 — 

\ 

in diesen Worten liegt ja doch ein ungeheuerlicher Widerspruch! 
Der Begriff der „Pflicht“ an sich schließt schon ein Element der 
Nötigung ein. Der Mensch ist verpflichtet, ist gezwungen 
etwas zu tun. Wenn er es nicht tut, so wird er offenbar einen 
Zwang, eine Strafe erleiden. Hier kommen wir zur Frage: welche 
Art von Zwang? Abramowitsch sagt: „Wirtschaftlicher Druck — 
ja, aber keine juristische Nötigung“. Der Vertreter des Metall- 
arbeiterverbandes, Gen. Holzmann hat trefflich die ganze Scho- 
lastik eines solchen Systems gezeigt. Schon beim Kapitalismus, 
d. h. beim Regime der „freien“ Arbeit ist der wirtschaftliche Druck 
von der juristischen Nötigung nicht zu trennen. Um wie viel mehr 
also jetzt ! . 

ln meinem Bericht habe ich klarzulegen versucht, daß die Ge- 
wöhnung der Werktätigen auf neuer gesellschaftlicher Grundlage 
an neue Arbeitsformen und die Erzielung einer höheren Arbeits- 
produktivität nur möglich ist durch gleichzeitige Anwendung ver- 
schiedener Methoden — wirtschaftliche Interessiertheit, juristische 
Nötigung, Einfluß einer innerlich harmonischen Wirtschaftsform, 
Repressalien, sowie vor und nach allem — ideelle Einwirkung, 
Agitation, Propaganda, endlich allgemeine Hebung des Kultur- 
niveaus, — nur durch die Kombination aller dieser Mittel kann ein 
hoher Stand der sozialistischen Wirtschaft erreicht werden. 

Wenn schon beim Kapitalismus die wirtschaftliche Interes- 
siertheit unvermeidlich verbunden ist mit juristischer Nötigung, 
hinter der die materielle Macht des Staates steht, so kann im Sowjet- 
staat, d. h. im Uebergangsstaat zum Sozialismus, zwischen wirt- 
schaftlicher und juristischer Nötigung überhaupt keine Grenzlinie 
aufgerichtet werden. Bei uns befinden sich alle lebenswichtigen 
Unternehmen in den Händen des Staates. Wenn wir dem Drechs- 
ler Iwanow sagen: „Du bist verpflichtet, gegenwärtig auf den 

Sormowowerken zu arbeiten, wenn du dich weigerst, so erhältst 
du keine Lebensmittelration“, — was ist das dann: wirtschaftlicher 
Druck oder juristische Nötigung? 

In einen anderen Betrieb kann er nicht eintreten, denn alle 
Betriebe sind in den Händen des Staates, der diesen Uebergang 

nicht zülassen wird. Der wirtschaftliche Druck verschmilzt sich 

/ 

also hier mit dem Druck der staatlichen Repressalie.. Abramo- 
witsch will augenscheinlich haben, daß wir als Regulator der Ar- 
beitskraftverteilung nur die Erhöhung des Arbeitslohns, die Prämie 
usw. benutzen sollen, um die erforderlichen Arbeiter in die wich- 
tigsten Betriebe zu locken. Darin besteht offenbar seine ganze Idee. 
Aber wenn man die Frage so behandeln will, so wird jeder ernste 
Arbeiter der Gewerkschaftsbewegung begreifen, daß das die reinste 
Utopie ist. Auf freien Zustrom von Arbeitskraft vom Markt können 
wir nicht hoffen, denn dazu müßte der Staat über genügend große 


10* 



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— 144 — 

Hilfsquellen in Form von Lebensmitteln, Wohnungen und Trans- 
portmitteln verfügen — d. h. über gerade die Bedingungen, deren 
Schaffung erst bevorsteht. Ohne ein vom Staat planmäßig organi- 
siertes massenweises Hinüberwerfen von Arbeitskraft nach den An- 
forderungen der Wirtschaftsorgane werden wir nichts zuwege 
bringen. Hier zeigt sich uns der Zwang der Notwendigkeit in 
seiner ganzen wirtschaftlichen Schwere. Ich habe euch ein Tele- 
gramm aus Jekaterinburg vorgelesen über den Gang der Arbeiten 
in der Ersten Arbeitsarmee, — dort ist gesagt, daß durch das 
Uralkomitee für Arbeitsflicht über 4000 qualifizierte Arbeiter 
durchgegangen sind. Von wo sind sie gekommen? Hauptsächlich 
aus der ehemaligen dritten Armee. Man hat sie nicht nach Hause 
gelassen, sondern an ihren Bestimmungsort befördert. Aus der 
Armee hat man sie dem Komitee der Arbeitspflicht übergeben, das 
sie nach Kategorien verteilt und auf die Betriebe geschickt hat. Das 
ist — vom liberalen Standpunkt aus — eine „Vergewaltigung“ der 
Freiheit der Person. Die erdrückende Mehrheit der Arbeiter ging 
jedoch gern an die Arbeitsfront, wie vorher an die Kampffront, 
da sie begriff, daß höhere Interessen dies erfordern. Ein Teil ging 
wider Willen. Diese wurden gezwungen. 

Der Staat muß — das ist, versteht sich, klar — die besten 
Arbeiter durch das Prämiensystem in die besten Lebensbedingungen 
versetzen. Aber das schließt nicht nur aus, sondern setzt im 
Gegenteil voraus, daß der Staat und die Gewerkschaften — ohne 
die der Sowjetstaat, seine Industrie nicht aufbauen kann — irgend- 
welche neue Rechte auf den Arbeiter erhalten. Der Arbeiter 
feilscht nicht einfach mit dem Sowjetstaat, — nein, er ist dem Staate 
verpflichtet, ist ihm allseitig untergeordnet, weil es s e i n Staat ist. 

„Wenn man uns einfach erklären würde“, sagt Abramowitsch, 
„daß es sich um die gewerkschaftliche Disziplin handelt, dann läge 
natürlich kein Grund vor zum Lanzen b rechen ; aber was hat damit 
die Militarisierung zu tun?“ Gewiß, es handelt sich zum bedeu- 
tenden Teil um die Disziplin der Gewerkschaften, aber um die Dis- 
ziplin neuer, produktioneller Gewerkschaften. Wir leben 
in einem Sowjetlande, wo die Arbeiterklasse herrscht, — was 
unsere Kautskyaner nicht begreifen. Wenn der Menschewik Rub- 
zow gesagt hat, daß von den Gewerkschaften in meinem Bericht 
nur Fetzen und Flick übriggeblieben seien, so ist darin ein Körn- 
chen Wahrheit enthalten. Von den Gewerkschaften, wie er sie 
begreift, d. h. von den Gewerkschaften des trade-unionistischen 
Typus ist tatsächlich nur wenig übriggeblieben, aber die gewerk- 
schaftiich-produktionelle Organisation der Arbeiterklasse hat in den 
Verhältnissen Sowjetrußlands die gewaltigsten Aufgaben. Welche? 
Natürlich nicht Aufgaben des Kampfes mit dem Staat für die In- 
teressen der Arbeit, sondern Aufgaben des Aufbaus der sozialis- 



i i 


— 141 — 

tischen Wirtschaft, Hand in Hand mit dem Staat. Eine solche 
Gewerkschaft ist eine prinzipiell neue Organisation, die sich nicht 
nur von den Trade-Unions, sondern auch von den revolutionären 
Gewerkschaften in der bürgerlichen Gesellschaft unterscheidet wie 
die Herrschaft des Proletariates sich unterscheidet von der Herr- 
schaft der Bourgeoisie. Der Produktionsverband der regierenden 
Arbeiterklassen hat nicht dieselben Aufgaben, nicht dieselbe Dis- 
ziplin wie der Kampfverband einer geknechteten Klasse. Bei 
uns sind alle Arbeiter verpflichtet, den Gewerkschaften 
anzugehören. Die Menschewiki sind gegen diese Ordnung. Das 
ist ganz begreiflich, weil sie tatsächlich gegen die -Diktatur 
des Proletariats sind. Darauf läuft letzten Endes die ganze 
Frage hinaus. Die Kautskyaner sind gegen die Diktatur des Pro- 
letariats und damit auch gegen alle ihre Folgen. Die wirtschaft- 
liche Nötigung ebenso wie die politische sind nur Formen für das 
Zutagetreten der Diktatur der Arbeiterklasse auf zwei eng ver- 
knüpften Gebieten. Freilich, Abramowitsch hat uns tiefgründig 
nachgewiesen, daß es beim Sozialismus keinen Zwang geben wird, 
daß das Prinzip der Nötigung dem Sozialismus widerspricht, daß 
beim Sozialismus das Pflichtgefühl, die Arbeitsgewohnheit, die An- 
ziehungskraft der Arbeit usw. usw. wirken wird. Das ist unstreitig 
so. Aber diese unbestreitbare Wahrheit muß erweitert werden. 
Denn die Sache ist ja die, daß es beim Sozialismus auch den 
Zwangsapparat, den Staat, nicht geben wird — er wird völlig auf- 
gehen in der Produktions- und Konsumkommune. Trotzdem führt 
der Weg zum Sozialismus über die höchste Anspannung der 
Staatsorganisation. Und wir machen jetzt mit euch gerade diese 
Periode durch. Wie eine Lampe vor dem Erlöschen noch einmal 
hell aufflammt, so nimmt auch der Staat, bevor er verschwindet, die 
Form der Diktatur des Proletariats an, d. h. des schonungslosesten 
Staates, der das Leben der Bürger von allen Seiten gebieterisch 
erfaßt. Diese Kleinigkeit nun, diese ganz kleine Geschichtsstufe — 
die Staatsdiktatur — hat Abramowitsch und in seiner Person der 
ganze Menschewismus, nicht bemerkt und ist über sie gestolpert. 

Keine andere Organisation, außer der Armee, hat den Men- 
schen bisher mit so hartem Zwang erfaßt wie die staatliche Organi- 
sation der Arbeiterklasse in dieser schwersten Übergangsepoche. 
Eben darum sprechen wir von der Militarisierung der Arbeit. Es 
ist das Schicksal der Menschewiki, hinter den Ereignissen dreinzu- 
hinken und die Teile der revolutionären Programms anzuerkennen, 
die ihre praktische Bedeutung bereits verloren haben. Der Mensche- 
wismus bestreitet heute — obgleich mit Wenn und Aber — nicht 
mehr die Berechtigung des Strafverfahrens gegen die Weißgardisten 
und die Deserteure aus der roten Armee, — er ist nach seinen 
eigenen traurigen Erfahrungen mit der „Demokratie“ gezwungen, 



I I J 


— 142 — 

das anzuerkennen. Er hat es scheinbar begriffen — einen Posttag 
zu spät — daß man Auge in Auge den gegenrevolutionären Banden 
gegenüber sich nicht mit Phrasen darüber begnügen kann, daß der 
rote Terror beim Sozialismus nicht erforderlich sein wird. Aber 
auf wirtschaftlichem Gebiet suchen die Menschewiki uns immer 
noch — auf unsere Söhne und insbesondere auf die Enkel zu ver- 
weisen. Die Wirtschaft muß indessen von uns sofort, ohne Zögern 
aufgebaut werden, unter Verhältnissen des unseligen Erbes der 
bürgerlichen Gesellschaft und des noch nicht beendeten Bürger- 
krieges. 

Der Menschewismus wie überhaupt das ganze Kautskyaner- 
tum steckt tief in den demokratischen Banalitäten und sozialisti- 
schen Abstraktionen. Immer wieder zeigt es sich, daß Aufgaben 
der Uebergangsperiode, d. h. der proletarischen Revolution für ihn 
nicht existieren. Daher die Lebensunfähigkeit seiner Kritik, seiner 
Hinweise, Pläne und Rezepte. Es geht nicht darum, was in 20 — 30 
Jahren sein wird, — dann wird selbstverständlich alles bedeutend 
besser sein, sondern darum, wie wir uns heute aus dem Zerfall 
herausarbeiten, wie wir jetzt die Arbeitskraft verteilen, wie wir 
heute die Arbeitsproduktivität steigern, wie wir speziell mit den 
4000 qualifizierten Arbeitern verfahren sollen, die wir im Ural 
der Armee entnommen haben. Sollen wir sie frank und frei laufen 
lassen: „Sucht, wo es besser ist, Genossen?“ Nein, so konnten 
wir nicht handeln. Wir setzten sie in Militärzüge und schickten 
sie in die Fabriken und Betriebe. 

„Wodurch unterscheidet sich denn“, ruft Abramowitsch aus, 
„euer Sozialismus von der ägyptischen Sklaverei? Ungefähr auf 
dieselbe Weise haben die Pharaonen ihre Pyramiden gebaut und 
die Massen zur Arbeit gezwungen“. Eine unnachahmliche Ana- 
logie für einen „Sozialisten“. Hierbei ist wieder dieselbe Kleinig- 
keit außer acht gelassen: die Klassennatur der Macht! Abramo- 
witsch sieht keinen Unterschied zwischen dem ägyptischen Regime 
und dem unsrigen. Er hat vergessen, daß es in Ägypten die Pha- 
raonen, die Sklavenhalter und Sklaven gab. Nicht die ägyptischen 
Bauern haben durch ihre Sowjets beschlossen, die Pyramiden zu 
bauen — dort herrschte die hierarchische Gesellschaftsordnung der 
Kasten — und die Werktätigen wurden von der ihnen feindlichen 
Klasse zur Arbeit gezwungen. Bei uns wird der Zwang von der 
Arbeiter- und Bauernmacht im Namen der Interessen der werk- 
, tätigen Massen verwirklicht. Das ist es, was Abramowitsch nicht 
bemerkt hat. Wir haben in der Schule des Sozialismus gelernt, daß 
die ganze gesellschaftliche Entwicklung auf die Klassen und ihren 
Kampf begründet ist, und daß der ganze Gang des Lebens dadurch 
bestimmt wird, welche Klasse an der Macht steht, und um welcher 
Aufgaben willen sie ihre Politik durchführt. Das begreift Abra- 


I I O I 


— 143 - 

% $ 

mowitsch .nicht. Vielleicht kennt er das alte Testament sehr gut, 
der Sozialismus aber ist für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. 

Auf dem Wege liberal-oberflächlicher Analogien einherschrei- 
tend, die mit der Klassennatur der Staaten nicht rechnen, könnte 
Abramowitsch (und die Menschewiki haben das früher wiederholt 
getan) die rote und die weiße Armee identifizieren. Hier, wie da, 
fanden Mobilmachungen vornehmlich der Bauemmassen statt. 
Hier, wie da, wurde Zwang angewandt. Und. hier, wie da, gibt 
es nicht wenig Offiziere, die dieselbe Schule des Zarismus durch- 
gemacht haben. Dieselben Gewehre, dieselben Patronen in beiden 
Lagern, — wo ist da ein Unterschied? Ein Unterschied ist vor- 
handen, und von ihm zeugt das Schicksal Judenitschs, Koltschaks 
und Denikins. Bei uns wurden die Bauern von den Arbeitern 
mobilgemacht; bei Koltschak — von den weißgardistischen Offi- 
zieren. Unsere Armee schloß sich zusammen und festigte sich — 
die weiße zerfiel zu Staub. Nein, es gibt einen Unterschied 
zwischen dem Sowjetregime und dem Regime der Pharaonen, — 
und nicht umsonst haben die Petersburger Proletarier ihre Revo- 
lution damit begonnen, daß sie die Pharaonen *) von den Glocken- 
türmen Petersburgs herunterschossen. 

Einer der menschewistischen Redner hat im Vorbeigehen 
den Versuch gemacht, mich als Verfechter des Militarismus über- 
haupt hinzustellen. Seinen Nachrichten zufolge zeigt es sich, daß 
ich nichts mehr und nichts weniger verteidige als den deutschen 
Militarismus. Ich soll versichert haben, daß der deutsche Unter- 
offizier ein Naturwunder und daß alles, was er tut, unnachahm- 
lich sei . . . Was habe ich nun in Wirklichkeit gesagt? Nur dies, 
daß der Militarismus, in dem alle Züge der gesellschaftlichen Ent- 
wicklung ihren vollendetsten, ausgeprägtesten und schärfsten Aus- 
druck finden, von zwei Seiten betrachtet werden kann; erstens von 
der politischen oder sozialistischen — und da hängt es voll und 
ganz davon ab, welche Klasse an der Macht ist; und zweitens von 
der Organisationsseite, als System strenger Pflichtverteilung, ge- 
nauer gegenseitiger Beziehungen, bedingungsloser Verantwortlich- 
keit, rauhen Gehorsams. Die bürgerliche Armee ist ein Apparat 
zur bestialischen Knechtung und Unterdrückung der Werktätigen; 
die sozialistische Armee ist ein Werkzeug zur Befreiung und Ver- 
teidigung der Werktätigen. Aber die bedingungslose Unterord- 
nung des Teils unter das Ganze ist ein Zug, der allen Armeen 
gemeinsam ist. Das rauhe innere Regime ist untrennbar von der 
militärischen Organisation. Im Kriege hat jede Lotterei, jeder 

*) So nannte man die zarischen Polizisten, die der Innenminister Pro- 
topopow Ende Februar 1917 aui den Hausdächern und Glockentürmen 
postierte. 



I I O I 


— 144 — 

Mangel an Gewissenhaftigkeit, sogar die einfache Unpünktlich- 
keit nicht selten die schwersten Opfer zur Folge. Daher das Stre- 
ben der militärischen Organisation, die Klarheit, die Formulie- 
rung, die Genauigkeit der Verhältnisse und der Verantwortlich- 
keit bis aufs höchste zu steigern. Derartige „militärische“ Eigen- 
schaften sind auf allen Gebieten geschätzt. In diesem Sinne eben 
habe ich gesagt, daß jede Klasse in ihrem Dienst diejenigen von 
ihren Mitgliedern hochschätzt, die bei sonst gleichen Eigenschaf- 
ten eine militärische Schulung durchgemacht haben. Der deutsche 
— sagen wir mal — Dorfwucherer (Kulak), der als Unteroffizier 
die Kaserne verlassen hat, war für die deutsche Monarchie und 
bleibt für die Republik Eberts wertvoller und kostbarer als der- 
selbe Kulak, der keine militärische Schulung durchgemacht hat. 
Der Apparat der deutschen Eisenbahner wurde auf eine bedeutende 
Höhe wesentlich durch die Heranziehung von Unteroffizieren und 
Offizieren zu administrativen Aemtern im Verkehrswesen gebracht. 
In diesem Sinne können wir schon einiges vom Militarismus lernen. 
Gen. Zyperowitsch, einer unserer hervorragendsten Gewerkschafts- 
funktionäre, hat uns hier bezeugt, daß der gewerkschaftliche Ar- 
beiter, der eine militärische Schulung durchgemacht, etwa den ver- 
antwortlichen Posten eines Regimentskommissars im Laufe eines 
Jahres bekleidet hat, dadurch für die Gewrkschaftsarbeit keineswegs 
schlechter geworden ist. Er ist in die Gewerkschaft als derselbe 
Proletarier vom Scheitel bis zur Sohle zurückgekehrt, weil er für 
die Sache des Proletariats gekämpft hat; aber er ist gestählt, männ- 
licher, selbständiger, entschlossener zurückgekehrt, weil er sich 
in verantwortlichen Lagen befunden hat. Er hat einige Tausend 
Rotarmisten, vornehmlich Bauern, von verschiedenem Bewußtseins- 
grad leiten müssen. Er hat mit ihnen Siege und Mißerfolge, An- 
griffe und Rückzüge erlebt. Es gab Fälle von Verrat seitens des 
Kommandobestandes, Aufstände der reichen Bauern, Fälle von 
Panik, — er stand auf seinem Posten, hielt die weniger bewußte 
Masse im Zaum, gab ihr die Richtung, feuerte sie durch sein Bei- 
spiel an, strafte die Verräter und Drückeberger. Diese Erfahrung 
ist eine große und wertvolle Erfahrung. Und wenn der ehemalige 
Regimentskommissar in die Gewerkschaft zurückkehrt, so wird er 
ein nicht übler Organisator. 

In der Frage der Kollegialität sind die Argumente 
Abramowitschs ebenso lebensfremd wie in allen anderen Fragen, — * 
die Argumente eines unbeteiligten Beobachters, der am Flußufer 
steht. 

Ab ramo witsch hat uns erläutert, daß ein gutes Kollegium 
besser ist als eine schlechte Einzelverwaltung, und daß einem 
guten Kollegium ein guter Fachmann angehören muß. Das ist 
alles vortrefflich, — warum nur stellen uns die Menschewiki nicht 


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— 145 — 

\ 

einige hundert solcher Kollegien zur Verfügung? Ich glaube, daß 
der Oberste Volkswirtschaftsrat ausreichende Verwendung für sie 
haben wird. Aber wir, die wir nicht Beobachter, sondern Arbeiter 
sind, müssen aus dem Material bauen, das vorhanden ist. Wir 
haben Fachleute, von denen etwa ein Drittel gewissenhaft und 
kenntnisreich ist, ein zweites Drittel — halb gewissenhaft und 
halb kenntnisreich, während das letzte Drittel gar nichts taugt. 
In der Arbeiterklasse gibt es viele begabte und selbstlose Leute. 
Einige — leider nur einige — von ihnen besitzen bereits die not- 
wendigen Kenntnisse und Erfahrungen. Andere haben Charakter 
und Fähigkeiten, aber keine Erfahrungen und Kenntnisse. Noch 
andere haben weder das eine noch das andere. Aus diesem Mate- 
rial müssen Betrieb- und sonstige Leitungen geschaffen werden, 
und hier kann man sich nicht auf Gemeinplätze beschränken. Vor 
allem muß man alle die Arbeiter auswählen, die schon durch die Er- 
fahrung bewiesen haben, daß sie Unternehmen leiten können und 
diesen die Möglichkeit geben, auf eigenen Füßen zu stehen, — 
diese Leute wollen selbst die Einzelverwaltung, weil die Fabrik* 
Verwaltungen keine Schule für Zurückgebliebene sind. Ein Ar- 
beiter, der eine Sache gut versteht, will verwalten. Wenn 
er beschlossen und befohlen hat, so muß sein Beschluß durch- 
geführt werden. Man kann ihn absetzen, das ist eine andere 
Sache, aber solange er Herr ist, — beauftragter, proletarischer 
Herr, — leitet er das Unternehmen voll und ganz. Wenn man ihn 
in ein Kollegium von Schwächeren setzt, die in die Verwaltung 
eingreifen, wird nichts Vernünftiges herauskommen. Einem sol- 
chen Arbeiter-Administrator muß man einem Fachmann als Ge- 
hilfen beigeben, einen oder zwei, je nach dem Unternehmen. Wenn 
kein geeigneter Arbeiter- Administrator vorhanden ist, wohl aber 
ein gewissenhafter und kenntnisreicher Fachmann, dann werden 
wir ihn an die Spitze des Unternehmens stellen, ihm 2 — 3 hervor- 
ragende Arbeiter als Gehilfen beigeben, so daß jede Entscheidung 
des Fachmanns den Gehilfen bekannt ist, ohne daß sie das Recht 
haben, die Anordnung rückgängig zu machen. Sie werden Schritt 
für Schritt die Arbeit mit dem Fachmann durchführen und einiges 
lernen, und nach einem halben oder ganzen Jahre werden sie selb- 
ständige Posten einnehmen können. 

Abramowitsch hat, nach seinen eigenen Worten, das Beispiel 
jenes Friseurs angeführt, der eine Division und eine Armee befeh- 
ligte. Richtig! Was Abramowitsch aber nicht weiß, das ist dies: 
wenn bei uns die Genossen Kommunisten angefangen haben, Regi- 
menter, Divisionen und Armeen zu befehligen, so liegt der Grund 
darin, daß sie früher Kommissare bei fachmännischen Befehlshabern 
waren. Die Verantwortung hatte der Fachmann, welcher wußte, 
daß er, wenn er einen Fehler begeht, die volle Verantwortung tra- 



gen muß und nicht sagen kann, daß er nur „Konsultant“ oder 
„Kollegiumsmitglied“ sei. Gegenwärtig stehen bei uns in der 
Armee auf den meisten Befehlsstellen, besonders auf den niedrigen 
d. h. politisch wichtigsten Stufen, Arbeiter und vorgeschrittene 
Bauern. Wie aber haben wir angefangen? Wir stellten auf die 
Kommandoposten Offiziere, die Arbeiter aber stellten wir als Kom- 
missare hin, und sie lernten, lernten erfolgreich, und haben es 
gelernt, den Feind zu schlagen. 

Genossen, wir stehen vor einer schweren, vielleicht vor der 
schwersten Periode. Schweren Epochen im Leben der Völker und 
Klassen entsprechen harte Maßregeln. Je weiter, desto lichter wird 
es werden, desto freier wird sich jeder Bürger fühlen, desto un- 
merklicher wird die nötigende Gewalt des proletariscyen Staates 
werden. Vielleicht werden wir dann auch den Menschewiki die 
Herausgabe von Zeitungen erlauben, wenn nämlich die Menschewiki 
noch so lange existieren sollten. Jetzt aber leben wir im Zeitalter 
der Diktatur, — der politischen wie der wirtschaftlichen. Und die 
Menschewiki fahren fort, diese Diktatur zu untergraben. Wenn wir 
an der Front des Bürgerkrieges kämpfen und die Revolution vor 
Feinden schützen, das Blatt der Menschewiki aber schreibt: „Nieder 
mit dem Bürgerkrieg!“ — so können wir das nicht zulassen. Dik- 
, tatur ist Diktatur, Krieg ist Krieg. Und jetzt, wo wir zur höchsten 
Konzentration der Kräfte auf dem Felde des wirtschaftlichen Wie- 
deraufbaues des Landes übergehen, bleiben die russischen Kautsky- 
aner, die Menschewiki, ihrem gegenrevolutionären Berufe treu: 
ihre Stimme klingt nach wie vor als Stimme des Zweifels und der 
Zersetzung und Untergrabung, des Mißtrauens und Zerfalls. 

Ist das denn nicht ungeheuerlich und lächerlich, wenn auf 
diesem Kongreß, wo anderthalb tausend Arbeiter versammelt sind, 
die die russische Arbeiterklasse verkörpern, wo die Menschewiki 
weniger als 5 Prozent, die Kommunisten aber ungefähr 90 Prozent 
ausmachen, Abramowitsch uns sagt: „Laßt euch nicht von solchen 
Methoden verleiten, wo ein einzelnes Häuflein das Volk ersetzt“. 
„Alles durch das Volk“, sagt der Vertreter der Menschewiki, 
„keinerlei Kuratoren über der werktätigen Masse! Alles durch 
die werktätigen Massen, durch ihre Selbstbetätigung“ ! Und wei- 
ter: „Eine Klasse ist durch Argumente nicht zu überzeugen!“ So 
seht euch doch nur diesen Fall an : da ist die Klasse ! Die Arbeiter- 
klasse ist hier vor uns und mit uns, und gerade das verschwindend 
kleine Häuflein der Menschewiki sucht sie durch spießbürgerliche 
Argumente zu überzeugen! Ihr wollt die Kuratoren dieser Klasse 
sein. Aber sie hat ilye hohe Selbstbetätigung, und diese Selbst- 
betätigung hat sie unter anderem auch darin gezeigt, daß sie euch 
abwarf und vorwärts ging ihren eigenen Weg! 


IX. Karl Kautsky, Heine Schule 

4 

und sein Buch. 

Die österreichische marxistische Schule (Bauer, Renner, Hilfer- 
ding, Max Adler, Friedrich Adler) wurde in früherer Zeit nicht 
selten der Schule Kautskys gegenübergestellt, als versteckter Oppor- 
tunismus dem — echten Marxismus. Das erwies sich als völliges, 
geschichtliches Mißverständnis, das die einen länger, die anderen 
weniger lange irre führte, aber letzten Endes sich mit voller Klar- 
heit offenbarte: Kautsky ist der Begründer und der vollendetste 
Vertreter der österreichischen Fälschung des Marxismus. Während 
die wirkliche Lehre von Marx die theoretische Formel der Aktion, 
des Angriffes, der Entwicklung der revolutionären Energie, der 
vollendeten Führung des Klassenschlages ist, verwandelte sich die 
österreichische Schule in die Akademie der Passivität und des Aus- 
weichens, wurde vulgär-historisch und konservativ, d. h. reduzierte 
ihre Aufgabe darauf, die Erscheinungen zu erklären und zu recht- 
fertigen, statt sie auf die Aktion und auf die Niederwerfung zu 
richten, sie erniedrigte sich bis zur Rolle der Dienerin der laufenden 
Bedürfnisse des parlamentarischen und gewerkschaftlichen Oppor- 
tunismus, setzte an Stelle der Dialektik gaukelhafte Spitzfindigkeit 
und verwandelte sich letzten Endes trotz des großen Tam-Tam des 
vorschriftsmäßigen revolutionären Phrasenschwalles in die sicherste 
Stütze des kapitalistischen Staates mitsamt der sich über diesem 
erhebenden Throne und Altäre. Wenn der erstere in den Abgrund 
stürzte, so trifft die österreichische marxistische Schule keine Schuld 
dafür. 

Was den österreichischen Marxismus auszeichnet, ist der Ab- 
scheu vor der revolutionären Aktion und die Angst vor ihr. Der 
österreichische Marxist ist fähig, eine Unmenge von Tiefsinn in der 
Erklärung des gestrigen Tages zu entfalten und einen beträcht- 
lichen Wagemut in der Prophezeiung für den morgigen Tag zu 
zeigen, — aber für den heutigen hat er nie einen großen Gedanken, 
keine Voraussetzung zu einer großen Aktion. Der heutige Tag 



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- 14 « — 

geht für ihn unter dem Andrange von kleinen opportunistischen 
Sorgen verloren, welche nachher als unverrückbares Glied zwischen 
Vergangenheit und Zukunft ausgelegt werden. 

Der österreichische Marxist ist unerschöpfbar, wenn es sich 
um das Ausfindigmachen von Ursachen handelt, welche die Ini- 
tiative hindern und die revolutionäre Aktion erschweren. Der 
österreichische Marxismus ist eine gelehrte und gespreizte Theorie 
der Passivität und der Kapitulation. Es ist, versteht sich, kein Zu- 
fall, daß gerade in Oesterreich, in diesem durch unfruchtbare natio- 
nale Gegensätze zerrissenen Babylon, in diesem die Unmöglich- 
keit der Existenz und der Entwicklung verkörpernden Staate, die 
pseudo-marxistische Philosophie der Unmöglichkeit einer revolutio- 
nären Aktion entstanden ist und sich gekräftigt hat: 

Die angesehensten Austro- Marxisten stellen, jeder in seiner 
Art, eine gewisse „Individualität“ dar. In verschiedenen Fragen 
gingen sie nicht selten auseinander. Es gab sogar politische Diffe- 
renzen unter ihnen. Im allgemeinen sind es aber die Finger ein- und 
derselben Hand. 

KarlRenner bildet den prachtvollsten, künstlich gezogenen, 
in sich selbt am meisten verliebten Vertreter dieses Typus. Die 
Gabe der literarischen Nachahmung oder, einfacher, der stilisti- 
schen Täuschung ist ihm in hohem Maße gegeben. Seine feier- 
lichen Maiartikel stellten eine vortrefflich stilisierte Kombination 
der allerersten vortrefflichsten Worte dar. Da aber sowohl die 
Worte, wie ihre Zusammenstellung in gewissem Umfange ihr 
eigenes selbständiges Leben führen, so weckten die Artikel van 
Renner in den Herzen vieler Arbeiter das revolutionäre Feuer, 
welches ihr Verfasser, wie es scheint, nie gekannt hat. 

Der Firlefanz der österreichisch-wienerischen Kultur, die Jagd 
nach der Aeußerlichkeit, nach dem Rang, nach dem Titel war Renner 
in höherem Maße eigen, als seinen übrigen Kommilitonen. Im 
Grunde blieb er stets nur k. u. k. Beamter, der sich der marxisti- 
schen Phraseologie vörzüglichst zu bedienen verstand. 

Die Verwandlung des Verfassers eines durch seinen revolutio- 
nären Pathos berühmt gewordenen Jubiläumsartikels über Karl 
Marx in einen operettenhaften Kanzler, der den skandinavischen 
Monarchen seine Gefühle der Hochachtung und Dankbarkeit kund- 
gibt, stellt eines der gesetzmäßigsten Paradoxe der Geschichte dar. 

Otto Bauer ist gelehrter, prosaischer, ernster und lang- 
weiliger als Renner. Man kann ihm nicht die Fähigkeit in Abrede 
stellen, Bücher zu lesen, Tatsachen zu sammeln und Schlüsse zu 
ziehen — entsprechend den Aufgaben, die ihm die praktische Politik 
stellt, die von den anderen gemacht wird. Bauer hat keinen poli- 
tischen Willen. Seine Hauptkunst besteht darin, in den brennend- 
sten praktischen Fragen mit allgemeinen Redensarten davon zu 



149 


kommen. Sein Denken, — sein politisches Denken — führt stets 
mit seinem Willen ein Parallel- Dasein — sein Denken ist des Mutes 
bar. Seine Arbeiten sind stets nur gelehrte Kompilationen des 
begabten Schülers eines Universitätsseminars. Die schändlichsten 
Taten des österreichischen Opportunismus, die niedrigste Kriecherei 
der deutsch-österreichischen Sozialdemokratie vor den Machthabern 
fanden in Bauer ihren tiefsinnigen Ausleger, der sich mitunter ehr- 
erbietigst gegen die Form äußerte, dem Wesen aber stets zustimmte. 
Wenn es bei Bauer mal vorkam, daß er etwas ähnliches wie Tem- 
perament oder politische Energie an den Tag legte, so doch aus- 
schließlich in dem Kampfe gegen den revolutionären Flügel — in 
der Anhäufung von Gründen und Tatsachen, sowie Zitaten gegen 
eine revolutionäre Aktion. Seine Höhe erreichte er zu jener Zeit 
(nach 1907), als er, noch zu jung, um Abgeordneter zu sein, die 
Rolle des Sekretärs der sozialdemokratischen Fraktion spielte, sie 
mit Material, Zahlen, Ideenersatz versorgte, sie anleitete, Konzepte 
verfaßte und sich selber als Triebkraft von großen Taten erschien, 
wo er doch in Wirklichkeit blos der Lieferant von Surrogaten und 
Falsifikaten für die parlamentarischen Opportunisten war. 

Max Adler repräsentiert eine ziemlich komplizierte Abart 
des austromarxistischen Typus. Er ist ein Lyriker, ein Philosoph, 
ein Mystiker — der philosophische Lyriker der Passivität, wie Ren- 
ner ihr Tagesschriftsteller und Rechtsgelehrter, wie Hilferding ihr 
Volkswirtschaftler, wie Bauer ihr Soziologe ist. Max Adler fühlt 
sich zu eng in der Welt der drei Dimensionen, obgleich er sich sehr 
komfortabel in dem Rahmen des Wiener spießerlichen Sozialismus 
und des habsburgischen Staates plazierte. Die Vereinigung von 
kleinlicher advokatischer Sachlichkeit und politischer Kleinmütig- 
keit mit unfruchtbaren philosophischen Anstrengungen und billigen 
Kunstblüten des Idealismus, gewährten der durch Max Adler ver- 
tretenen Abart einen besonders faden und abstoßenden Charakter. 

Rudolf Hilferding, wie auch die anderen, trat in die 
deutsche Sozialdemokratie fast als Rebell ein. Aber als Rebell öster- 
reichischen Schlages d. h. stets bereit, ohne Kampf zu kapitulieren. 
Hilferding hielt die äußere Beweglichkeit und Unstetheit der öster- 
reichischen Politik, in der er erzogen war, für revolutionäre Ini- 
tiative und forderte im Laufe einer ganzen Reihe von Monaten, frei- 
lich in den bescheidensten Ausdrücken, von den Führern der deut- 
schen Sozialdemokratie eine entschlossenere Politik. Aber die 
österreichisch -wien er Unstetigkeit färbte bei ihm sehr schnell ab. Er 
unterwarf sich bald dem mechanischen Rhytmus Berlins und dem 
automatischen Geistesleben der deutschen Sozialdemokratie. Seine 
geistige Energie setzte er auf dem rein theoretischen Gebiete um, wo 
er freilich kein großes Wort gesprochen hat, — kein einziger 
Austro- Marxist hat auf irgendeinem Gebiet ein großes Wort ge- 



1 I J 


— 150 — 

sprochen, — wo er aber nichts destoweniger ein ernstes Buch 
schrieb. Mit diesem Buche auf dem Rücken, wie ein Gepäckträger 
mit schwerer Last, trat er in die revolutionäre Epoche ein. Aber 
auch das gelehrteste Buch kann den Mangel an Willen, Initiative, 
revolutionärem Instinkt, politischer Entschlossenheit, ohne die eine 
Aktion unmöglich ist, nicht ersetzen . . . Mediziner von Bildung, 
ist Hilferding zur Nüchternheit geneigt und trotz seiner theoreti- 
schen Vorbildung ist er der primitivste Empiriker auf dem Gebiete 
der politischen Fragen. Die Hauptaufgabe des heutigen Tages 
besteht für ihn darin, nicht aus dem Gleis zu geraten, das ihm vom 
gestrigen Tage vermacht worden ist, und für diesen Konservatismus 
und spießbürgerliche Morschheit eine gelehrt- wissenschaftliche 
Rechtfertigung zu finden. 

Friedrich Adler ist der sich am wenigsten gleichblei- 
bende Vertreter des austro-marxistischen Typus. Er erbte von 
seinem Vater ein politisches Temperatment. In dem kleinlichen 
Aufreiben der Kämpfe mit der Verworrenheit der österreichischen 
Verhältnisse erlaubte Friedrich Adler seiner ironischen Skepsis, die 
revolutionären Grundlagen seiner Weltanschauung endgültig zu 
zerstören. Das vom Vater ererbte Temperament stieß ihn in die 
Opposition gegen die von seinem Vater geschaffene Schule. In ge- 
wissen Momenten konnte Friedrich Adler geradezu als revolutio- 
näre Negierung der österreichischen Schule erscheinen. In Wirk- 
lichkeit war und blieb er ihre notwendige Vollendung. Sein explo- 
siver Revolutionarismus bedeutete scharfe Anfälle der Verzweiflung 
des österreichischen Opportunismus, der sich von Zeit zu Zeit vor 
seiner eigenen Nichtigkeit scheute. 

Friedrich Adler ist Zweifler bis ins Mark seiner Knochen: er 
glaubt nicht an die Masse, an ihre Tätigkeit zur Aktion. Während 
Karl Liebknecht zur Zeit der höchsten Triumphe des deutschen 
Militarismus auf den Potsdamer Platz trat, um die unterdrückten 
Massen zu offenem Kampfe aufzurufen, ging Friedrich Adler in 
ein bürgerliches Restaurant, um dort den österreichischen Minister- 
präsidenten zu ermorden. Durch seinen vereinzelten Schuß machte 
Friedrich Adler den erfolglosen Versuch, seinen eigenen Zweifeln 
ein Ende zu machen. Nach dieser hysterischen Anstrengung ver- 
fiel er in einen Zustand noch vollkommener Entkräftung. 

Die schwarz-gelbe Meute des Sozial Patriotismus (Austerlitz, 
Leuthner usw. besudelte den Terroristen Adler mit dem ganzen 
Geifer ihres Pathos von Feiglingen. Als aber die scharfe Periode 
vorüber war und der verlorene Sohn aus dem Zuchthause mit dem 
Glorienschein des Märtyrers ins Vaterhaus zurückkehrte, zeigte er 
sich als doppelt und dreifach kostbar für die österreichische 
Sozialdemokratie. Der goldene Glorienschein des Terroristen 
wurde von den erfahrenen Falschmünzern der Partei in klingende 


I I J I 


- 151 — 

Münze der Demagogie umgeprägt. Friedrich Adler wurde zum 
Kronbürgen vor den Massen für die Taten der Austerlitz und 
Renner. Glücklicherweise unterscheiden die österreichischen Ar- 
beiter die sentimental-lyrische Entkräftung Friedrich Adlers immer 
weniger von der hochtrabenden Abgeschmacktheit Renners, der 
hochtalmudischen Unfruchtbarkeit Max Adlers oder von der analy- 
tischen Selbstgefälligkeit Otto Bauers. 

Die Feigheit des Denkens der Theoretiker der austro-marxis- 
tischen Schule offenbarte sich voll und ganz angesichts der großen 
Aufgaben der Revolutionszeit. In seinem unsterblichen Versuch, 
das Sowjetsystem in der Verfassung Ebert-Noskes zu verankern, 
gab Hilferding nicht nur seinem eigenen Geiste, sondern auch dem 
Geiste der gesamten austro-marxistischen Schule Ausdruck, die 
mit Beginn der revolutionären Epoche versuchte, sich genau um 
so viel mehr links von Kautsky zu stellen, um wieviel sie bis zur 
Revolution nach rechts gestanden hat. 

Von diesem Gesichtspunkte aus ist die Ansicht Max Adlers 
über das Sowjetsystem höchst lehrreich. 

Der Wiener eklektische Pilosoph erkennt die Bedeutung der 
Sowjets an. Sein Mut geht soweit, daß er sie adoptiert. Er pro- 
klamiert sie direkt als Werkzeug der sozialen Revolution. Max 
Adler ist, versteht sich, für die soziale Revolution. Jedoch nicht 
für die stürmische, barrikadenhafte, terroristische, blutige, sondern 
für eine vernünftige, sparsame, ausgeglichene, juristisch-geheiligte, 
im philosophischen Revier approbierte. 

Max Adler scheut nicht einmal davor zurück, daß die Sowjets 
gegen das „Prinzip“ der verfassungsmäßigen Einteilung der Macht 
verstoßen (in der österreichischen Sozialdemokratie gibt es nicht 
wenig Tölpel, die in einem solchen Verstoß einen groben Mangel 
des Sowjetsystems sehen!), im Gegenteil sieht Max Adler, der An- 
walt der Gewerkschaften und Rechtskonsulent der sozialen Revo- 
lution, in der Vereinigung der Macht sogar einen Vorzug, der den 
unmittelbaren Ausdruck des Willens des Proletariats gewährleistet. 
Max Adler ist für den unmittelbaren Ausdruck des Willens des 
Proletariats, jedoch nicht auf dem direkten Wege der Machtergrei- 
fung vermittels der Sowjets. Er bringt eine sichere Methode zum 
Vorschlag. In einer jeden Stadt, in einem jeden Bezirk und Distrikt 
müssen die Arbeitersowjets die Polizisten und die sonstigen Be- 
amten „kontrollieren“, ihnen den „Willen des Proletariats“ auf- 
zwingen. Wie wird aber die „staatsrechtliche“ Stellung der Sow- 
jets in der Republik der Seitz, Renner und Konsorten sein? Darauf 
antwortet unser Philosoph : „Die Arbeiterräte werden letzten Endes 
so viel staatsrechtliche Macht erhalten, wieviel sie sich durch ihre 
Tätigkeit sichern werden“. (Arbeiter-Zeitung Nr. 179, 1. Juli 1919). 



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Die proletarischen Sowjets sollen allmählich in die politische 
Macht des Proletariats hineinwachsen, wie früher — der 
Theorie des Reformismus nach — alle proletarischen Organisatio- 
nen in den Sozialismus hineinwachsen sollten, was aber durch un- 
vorhergesehene vierjährige Mißverständnisse zwischen den mittel- 
europäischen Staaten und der Entente und durch alles, was daraus 
folgte, ein klein wenig verhindert wurde. Dem sparsamen Pro- 
gramm des planmäßigen Hin ein Wachsens in den Sozialismus ohne 
soziale Revolution war man zu entsagen gezwungen. Dafür er- 
öffnete sich die Aussicht des planmäßigen Hineinwachsens der 
Sowjets in die soziale Revolution — des unbewaffneten Aufstandes 
und der Machtergreifung. 

Damit die Sowjets in den Aufgaben der Bezirke und Distrikte 
nicht untergehen, schlägt der mutige Rechtskonsulent — die Pro- 
paganda sozialdemokratischer Ideen vor! Die politische Gewalt 
bleibt nach wie vor in den Händen der Bourgeoisie und ihrer Hel- 
fershelfer. Dafür kontrollieren aber die Sowjets in den Bezirken 
und Distrikten die Reviervorsteher und Oberwachtmeister. Und 
der Arbeiterklasse zum Trost und gleichzeitig zur Zusammen- 
fassung ihres Denkens und ihres Willens wird Max Adler an 
Sonntagen Vorträge halten über die staatsrechtliche Lage der 
Sowjets, wie er früher Vorträge hielt über die staatsrechtliche Lage 
der Gewerkschaften. 

„Auf diesem Wege, — verspricht Max Adler, — wäre die 
staatsrechtliche Regulierung der Lage der Arbeiterräte, ihr Gewicht 
und ihre Bedeutung auf der ganzen Linie des staatlichen und 
öffentlichen Lebens gesichert und — ohne Diktatur der Räte — 
hätte das Rätesystem einen Einfluß gewonnen, wie es einen grö- 
ßeren auch in einer Räterepublik nicht haben könnte, zu gleicher 
Zeit hätte man diesen Einfluß nicht mit politischen Stürmen und 
wirtschaftlichen Zerstörungen zu bezahlen gebraucht“. (Eben da). 
Wir sehen, Max Adler bleibt zu allem anderen auch noch im Ein- 
verständnis mit der österreichischen Ueberlieferung : die Revolution 
zu machen ohne mit dem Herrn Staatsanwalt in Konflikt zu 
geraten. 


Der Stammvater dieser Schule und ihre höchste Autorität ist 
Kautsky. Seinen Ruf als Hüter der marxistischen Orthodoxie, 
namentlich nach dem Dresdener Parteitag und der ersten russischen 
Revolution sorgsam behütend, schüttelte Kautsky von Zeit zu Zeit 
mißbilligend sein Haupt aus Anlaß der am meisten kompromit- 
tierenden Böcke seiner österreichischen Schule. Nach Beispiel des 
verstorbenen Victor Adlers halten Bauer, Renner, Hilferding — alle 
zusammen und jeder einzeln — Kautsky für zu pedantisch, zu 


i i 


— 153 — 

• ^ 

plump, jedoch für den sehr geehrten und ganz nützlichen Vater und 

Lehrer der quietistischen Kirche. 

Kautsky hat seiner eigenen Schule zu ernsten Befürchtungen 
zur Zeit seines revolutionären Höhepunktes, zur Zeit der ersten 
russischen Revolution Anlaß gegeben, als er die Machtergreifung 
durch die russische Sozialdemokratie für notwendig erkannte und 
den Versuch machte, die theoretischen Schlüsse aus den Erfah- 
rungen des Generalstreiks in Rußland der deutschen Arbeiterklasse 
beizubringen. Der Zusammenbruch der ersten russischen Revolu- 
tion hat den Entwicklungsgang Kautskys auf dem Wege des Radi- 
kalismus jäh abgebrochen. Je unmittelbarer die Frage der Massen- 
aktion durch die Entwicklung in Deutschland selbst gestellt wurde, 
desto ausweichender wurde die Stellung Kautskys zu ihnen. Er 
marschierte am Ort, trat zurück, verlor die Sicherheit, und die 
pedantisch-scholastischen Züge seines Denkens traten immer mehr 
in den Vordergrund. Der imperialistische Krieg, der alle Unbe- 
stimmtheit tötete und alle Grundfragen auf die Spitze trieb, ent- 
blößte den ganzen politischen Bankrott Kautskys. Er verwirrte 
sich sofort aussichtslos in der einfachsten Frage der Bewilligung 
der Kriegskredite. Alle seine Schriften darauf sind Varianten ein 
und desselben Themas: „Ich und meine Konfusion“. Die russische 
Revolution hat Kautsky endgültig getötet. Durch die gesamte vor- 
hergehende Entwicklung ist er in eine feindselige Stellung zum No- 
vembersiege des Proletariats gebracht worden. Das wmf ihn un- 
abwendbar ins Lager der Gegenrevolution. Er wurde der letzten 
Ueberreste des geschichtlichen Spürsinns verlustig. Seine weiteren 
Schriften verwandelten sich immer mehr in gelbe Litteratur des 
bürgerlichen Marktes. 

Dem von uns kritisierten Büchlein Kautskys haften dem Aeuße- 
ren nach alle Merkmale eines sog. objektiven wissenschaftlichen 
Werkes an. Um die Frage des roten Terrors zu untersuchen, ver- 
fährt Kautsky mit all der ihm eigenen Umständlichkeit. Er beginnt 
mit dem Studium der gesellschaftlichen Verhältnisse, die die große 
französische Revolution vorbereiteten, sowie der physiologischen 
und sozialen Ursachen, die der Entwicklung der Grausamkeit und 
der Humanität auf der gesamten Ausdehnung der Geschichte des 
Menschengeschlechtes förderlich sind. In seinem dem Bolsche- 
wismus gewidmeten Büchlein, wo die Frage auf 154 Seiten be- 
handelt wird, erzählt Kautsky ausführlich, womit sich unser ent- 
ferntester menschenähnlicher Urahne ernährt hat und spricht die 
Vermutung aus, daß er, vorwiegend von Pflanzennahrung lebend, 
diese doch hie und da durch kleinere Tiere, Raupen, Würmer, Rep- 
tilien, evtl, auch nicht flügge kleine Vögel ergänzte. (Siehe Seite 
85). Mit einem Wort, nichts hätte zu der Annahme veranlaßt, 
daß von einem solchen höchst respektablen und zum Vegetari6- 


ii 



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— 154 — 

mus scheinbar geneigten Urahnen so blutgierige Nachkommen ihre 
Herkunft nehmen können wie die Bolschewiki. Seht, auf welch 
solide wissenschaftliche Basis die Frage vonKautsky gestellt ist! . . 

Hier aber, wie es nicht selten mit Erzeugnissen solcher Art vor- 
kommt, verbirgt sich hinter dem akademisch-scholastischen Gewand 
ein boshaftes politisches Pamphlet. Es ist eines der lügenhaftesten 
und gewissenlosesten Bücher. Ist es denn auf den ersten Blick 
nicht unerhört, daß Kautsky den abscheulichsten Klatsch über die 
Bolschewiki von der reichen Tafel der Havas, Reuter und W. T. B. 
aufliest, und auf diese Weise unter einer gelehrten Kappe die Ohren 
des Ehrabschneiders hervorlugen läßt. Aber diese unsauberen 
Details sind nur ein Mosaikschmuck auf dem Grundton der soliden 
gelehrten Lüge, gerichtet gegen die Sowjetrepublik und die in ihr 
führende Partei. 

Kautsky schildert in den düstersten Tönen unsere Grausamkeit 
der Bourgeoisie gegenüber, welche angeblich „keine Neigung zum 
Widerstande gezeigt hatte“. 

Kautsky brandmarkt unsere Grausamkeit gegenüber den 
Sozialrevolutionären und Menschewiki, Vvelche angeblich „Schat- 
tierungen“ des Sozialismus seien. 

Kautsky schildert die Sowjetwirtschaft als Chaos der Zer- 
setzung. 

Kautsky schildert die Tätigen in den Sowjets, wie auch die 
gesamte russische Arbeiterklasse als eine Bande von Egoisten. 

Mit keinem einzigen Wort erwähnt er eine Silbe von dem in der 
Geschichte — dem Umfange der Niedertracht nach — unerhörten 
Betragen der russischen Bourgeoisie, von ihren nationalen Ver- 
rätereien: von der Auslieferung Rigas an die Deutschen zu „päda- 
gogischen“ Zwecken, von der Vorbereitung einer ebensolchen Aus- 
lieferung Petersburgs; davon, wie sie sich an fremdländische 
Armeen, an die tschechoslowakische, an die deutsche, an die pu- 
mäpische, an die englische, an die japanische, an die französische, 
an die arabische und an die der Neger um Hilfe wandte, von all 
ihren für Ententegelder angezettelten Verschwörungen und Mord- 
anschlägen, davon, wie sie die Blockade nicht nur zu tötlichen 
Erschöpfung unserer Kinder gebrauchte, sondern auch um syste- 
matisch, unermüdlich, beharrlich die unerhörtesten Lügen und Ver- 
leumdungen in die Welt zu setzen. 

Er erwähnt mit keinem einzigen Wort die gemeinsten Verun- 
glimpfungen und Vergewaltigungen, die unserer Partei durch die 
Regierung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki vor dem No- 
vembersturz zugefügt worden sind, von der strafrechtlichen Ver- 
folgung einiger Tausend verantwortlicher Parteigenossen, auf Grund 
der Anklage wegen Spionage zugunsten des Hohenzollerndeutsch- 
land, von der Beteiligung der Menschewiki und der Sozialrevolutio- 




1 I J 


— 155 - 

näre an allen Verschwörungen der Bourgeoisie, von ihrer Zusam- 
menarbeit mit den Zarengenerälen und Admiralen — Koltschak, 
Denikin und Judenitsch, von den terroristischen Akten, die von den 
Sozialrevolutionären im Aufträge der Entente vollbracht worden 
sind, von den Aufständen, die von den Sozialrevolutionären für das 
Geld der auswärtigen Gesandtschaften in unserer Armee angestiftet 
worden sind, die im Kampfe gegen, die monarchistischen Banden 
des Imperialismus verbluteten. 

Kautsky erwähnt mit keinem einzigen Wort, daß wir nicht nur 
zu wiederholten Malen erklärten, sondern auch in der Tat unsere 
Bereitschaft bewiesen, wenn auch durch Konzessionen und Opfer, 
dem Lande den Frieden zu sichern; daß trotz alledem wir gezwun- 
gen sind, einen anstrengenden Krieg an allen Fronten zu führen, um 
die Existenz unseres Landes zu behaupten, um seine Umwandlung 
in eine Kolonie des englisch-französischen Imperialismus zu ver- 
hindern. 

Kautsky spricht kein Wort davon, . daß das russische Prole- 
tariat gezwungen ist, für diesen heroischen Kampf, in dem wir die 
Zukunft des Weltsozialismus verteidigen, seine Hauptenergie, die 
besten und die kostbarsten seiner Kräfte herzugeben, sie ihrer 
wirtschaftlichen und kulturellen Aufbautätigkeit zu entziehen. 

In seiner ganzen Broschüre erwähnt Kautsky nichts davon, daß 
anfangs der deutsche Militarismus mit Unterstützung seiner Scheide- 
männer und der Nichteinmischung seiner Kautskys, daraufhin der 
Militarismus der Alliierten mit Unterstützung des Renaudels und der 
Nichteinmischung der Longuets uns mit einer eisernen Blockade 
umringte, uns alle Häfen entriß, uns von aller Welt abschnitt, mit 
Hilfe von besoldeten, weißgardistischen Banden kolossale, an Roh- 
produkten reiche Gebiete besetzte, und für längere Dauer uns von 
dem Baku-Naphtha, von der Donez-Kohle, vom Getreide des Don 
und Sibiriens, von der Baumwolle Turkestans abschnitt. 

Kautsky erwähnt kein einziges Wort davon, daß in diesen, in 
ihrer Schwierigkeit noch nie dagewesenen Verhältnissen die rus- 
siche Arbeiterklasse im Laufe von fast drei Jahren einen heroischen 
Kampf gegen ihre Feinde auf einer Front von 8000 Kilometer ge- 
führt hat und führt, daß die russische Arbeiterklasse es verstand, 
an Stelle des Hammers zum Schwerte zu greifen, und eine mächtige 
Armee geschaffen hat, daß sie für diese Armee ihre erschöpfte 
Industrie mobilisierte, daß sie diese trotz der Verheerung des 
Landes, über das die Henker der ganzen Welt die Blockade und den 
Bürgerkrieg verhängten, kleidet, ernährt, bewaffnet, versorgt, 
transportiert eine Millionenarmee, die zu siegen gelernt hat. 

Von allen diesen Umständen schweigt sich Kautsky in seinem 
Büchlein, gewidmet dem russischen Kommunismus, aus. Und sein 
Schweigen ist die grundlegende, fundamentale Kapitallüge, freilich, 

n* 



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— 15 « — 

eine passive, aber eine verbrecherischere und garstigere als die 
aktive Lüge aller Gauner der internationalen bürgerlichen Presse 
zusammengenommen . 

Die Politik der kommunistischen Partei verleumdend, sagt 
Kautsky nirgends, was er eigentlich will und was er vorschlägt. 
Die Bolschewiki traten nicht allein auf dem Schauplatz der russi- 
schen Revolution auf. Wir sahen und sehen auf ihr — bald an der 
Macht, bald in der Opposition — Sozialrevolutionäre (nicht 
weniger wie fünf Gruppierungen und Strömungen), Menschewiki 
Maximalisten, Anarchisten . . . Absolut alle „Schattierungen inner- 
halb des Sozialismus“ (um in der Sprache Kautskys zu reden) er- 
probten ihre Kräfte und zeigten, was sie wollen und was sie können. 
Dieser „Schattierungen“ gibt es so viel, daß zwischen den benach- 
barten auch nur eine Messerschneide durchzustecken fast unmög- 
lich ist. Die Entstehung dieser „Schattierungen“ ist nicht zu- 
fällig: sie stellen sozusagen die verschiedenen Varianten der An- 
passung der sozialistischen Parteien und Gruppen an die Verhält- 
nisse der größten revolutionären Epoche dar. Es scheint, daß vor 
Kautsky eine genügend vollständige politische Tastatur liegt, um auf 
diejenige Taste hinzuweisen, die den richtigen marxistischen Ton in 
der russischen Revolution gibt. Aber Kautsky schweigt. Er ver- 
wirft die bolschewistische Melodie, die sein Gehör beleidigt, aber 
er sucht nicht nach einer anderen. Die Lösung ist einfach: der 
alte Tanzmusikant weigert sich überhaupt, auf 
dem Instrumente der Revolution zu spielen. 







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Statt eines Nachwortes. 

Dieses Buch erscheint zum II. Kongreß der Kommunistischen 
Internationale. Die revolutionäre Bewegung des Proletariats hat, 
während der seit dem I. Kongreß verflossenen Monate, einen großen 
Schritt vorwärts getan. Die Stellungen der offiziellen, offenen 
Sozialpatrioten sind überall untergraben. Die Ideen des Kommu- 
nismus gewinnen immer größere Verbreitung. Das offizielle, 
zur Lehre erhobene Kautskyanertum ist . stark kompromittiert. 
Kautsky selbst bildet jetzt im Schoße der von ihm selbst geschaf- 
fenen „unabhängigen“ Partei eine wenig maßgebende und ziemlich 
lächerliche Figur. 

Trotzdem beginnt der geistige Kampf in den Reihen der inter- 
nationalen Arbeiterklasse erst gäörig zu entbrennen. Wenn wir 
eben sagten, daß das zur Lehre erhobene Kautskyanertum auf dem 
Sterbebette liegt und die Führer der sozialistischen Zwischenpar- 
teien sich beeilen, es zu verleugnen, so spielt doch das Kautskyaner- 
tum als spießerliche Stimmung, als Tradition der Passivität, als 
politische Feigheit, noch eine große Rolle an den Spitzen der 
Arbeiterorganisationen der ganzen Welt, ohne für diejenigen Par- 
teien eine Ausnahme zu machen, die einen Hang zu der III. Inter- 
nationale an den Tag legen und die sich ihr sogar formell an- 
geschlossen haben. 

Die U. S. P. D., die auf ihr Banner die Diktatur des Proletariats 
geschrieben hat, duldet die Gruppe Kautskys in ihren Reihen, deren 
gesamte Bemühungen darauf gerichtet sind, die Diktatur des Pro- 
letariats in Person ihres lebendigen Ausdrucks — der Sowjetmacht 
— theoretisch zu kompromittieren und in Verruf zu bringen. Unter 
Verhältnissen des Bürgerkrieges ist ein derartiges Zusammenleben 
nur insofern und bis dahin denkbar, als und bis die Diktatur des 
Proletariats für die führenden Kreise der „unabhängigen“ Sozial- 
demokraten ein frommer Wunsch bleibt, ein formloser Protest gegen 
den offenen und schändlichen Verrat der Noske, Ebert, Scheidemann 
und anderer und — nicht zuletzt — ein Werkzeug der Wahl- und 
Parlamentsdemagogie. 




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— 158 — 

Die Lebensfähigkeit des formlosen Kautskyanerhims ist am 
grellsten an dem Beispiele der französischen Longuetisten zu er- 
sehen. Jean Longuet überzeugte auf die aufrichtigste Weise sich 
selber und lange Zeit versuchte er auch andere zu überzeugen, daß 
er mit uns Hand in Hand gehe und nur die Zensur von Clemen- 
ceau und die Verleumdungen unserer französischen Freunde Loriot, 
Monatte, Rosmer und anderer unsere Waffenbrüderschaft ver- 
hindern. Indessen genügt es, eine beliebige parlamentarische Rede 
Longuets kennen zu lernen, um sich zu überzeugen, daß der ihn von 
uns trennende Abgrund momentan vielleicht noch tiefer ist, als in 
der ersten Periode des imperialistischen Krieges. Die nun vor dem 
internationalen Proletariat stehenden revolutionären Aufgaben sind 
ernster, unmittelbarer und kolossaler, direkter und ausgeprägter 
geworden wie vor 5 — 6 Jahren. Die politische Rückständigkeit 
der Longuetisten, der parlamentarischen Vertreter der ewigen Passi- 
vität ist auffallend geworden denn je, obgleich sie formell in den 
Schoß der parlamentarischen Opposition zurückgekehrt sind. 

Die italienische Partei, die zur III. Internationale gehört, ist 
keineswegs frei vom Kautskyanertum. Was die Führer anbelangt, 
so trägt ein beträchtlicher Teil von ihnen die internationalistische 
Ausrüstung nur von amtswegen und infolge des Zwanges von 
unten. In den Jahren 1914 — 1915 war es der italienischen sozia- 
listischen Partei weitaus leichter, als den anderen europäischen 
Parteien, ihre oppositionelle Stellung zum Kriege zu bewahren, so- 
wohl weil Italien um 9 Monate später wie die anderen Länder in den 
Krieg eintrat, als auch insbesondere aus dem Grunde, daß die 
internationale Lage Italiens in diesem Lande sogar eine mächtige 
bürgerliche Gruppierung — Giolittianer im weitesten Umfange 
dieses Wortes — schuf, die bis zum letzten Moment der Ein- 
mischung Italiens in den Krieg feindlich blieb. Diese Umstände 
gestatteten der Italienischen sozialistischen Partei, ohne tiefste innere 
Krisis der Regierung die Kriegskredite zu verweigern und über- 
haupt außerhalb des interventionistischen Blocks zu bleiben. Da- 
durch aber verlangsamte sich unzweifelhaft der Prozeß der inneren 
Klärung der Partei. Zur III. Internationale gehörend, duldet 
die Italienische Sozialistische Partei bis zum heutigen Tage Turati 
und seine Anhänger in ihrer Mitte. Diese sehr weite Gruppierung 
— leider ist es uns schwierig, ihre quantitative Bedeutung in der 
Parlamentsfraktion, in der Presse, in den Partei- und Gewerkschafts- 
organisationen irgendwie genau festzustellen — stellt eine weniger 
pedantische, weniger dogmenhafte, mehr deklamatorische und 
lyrische, aber trotzdem die schlimmste Form des Opportunismus, 
das romanisierte Kautskyanertum dar. 

Die versöhnliche Stellung zu den kautskyanischen, longue- 
tistischen, turatistischen Gruppierungen maskiert sich gewöhnlich 



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— 159 — 

durch die Erwägung, daß die Zeit der revolutionären Aktionen in 
den betreffenden Ländern noch nicht gekommen sei. Aber eine 
derartige Fragestellung ist vollständig falsch. Niemand fordert 
von den dem Kommunismus zuneigenden Sozialisten, daß sie eine 
revolutionäre Umwälzung für die nächsten Wochen oder Monate 
anberaumen. Was aber die III. Internationale von ihren Anhängern 
fordert, das ist die Anerkennung nicht in Worten sondern in der 
Tat, daß die zivilisierte Menschheit in die revolutionäre Epoche 
eingetreten ist, daß alle kapitalistischen Länder den größten Er- 
schütterungen und dem offenen Klassen ringen entgegengehen und 
daß die Aufgabe der revolutionären Vertreter darin besteht, für 
diesen unabwendbaren und nahenden Krieg die notwendigen geisti- 
gen Waffen und die organisatorischen Stützpunkte vorzubereiten. 
Diejenigen Internationalisten, die es für möglich halten, zur Zeit mit 
Kautsky, Longuet und Turati zusammenzuarbeiten, an ihrer Seite 
vor die Arbeitermassen zu treten, verzichten in der Tat auf die 
geistige und organisatorische Vorbereitung des revolutionären Auf- 
standes des Proletariats, ganz abgesehen davon, ob dieser einen 
Monat oder ein Jahr eher oder später stattfinden wird. Damit der 
offene Aufstand der proletarischen Massen sich nicht in einem ver- 
späteten Suchen von Wegen und Führung zersplittert, ist es not- 
wendig, daß weite proletarische Kreise bereits jetzt lernen, den 
ganzen Umfang der vor ihnen stehenden Aufgaben zu erfassen und 
deren vollständige Unverträglichkeit mit allen Abarten des Kauts- 
kyanertums und des Kompromißlertums einzusehen. Ein wirklich 
revolutionärer d. h. kommunistischer Flügel muß sich vor dem An- 
gesicht der Massen allen Gruppierungen der Unentschiedenheit und 
Halbheit, den Schulmeistereien, den Anwälten und den Sängern der 
Passivität entgegenstellen, vor allem seine Positionen, in erster Reihe 
die geistigen, dann die organisatorischen, die offenen, die halb- 
offenen und die streng geheimen festigen. Der Zeitpunkt der for- 
mellen Trennung von den offenen oder verkappten Kautskyanern 
oder der Zeitpunkt ihrer Verjagung aus den Reihen der Arbeiter- 
partei wird, versteht sich, von Erwägungen der Zweckmäßigkeit, 
entsprechend der Situation bestimmt, aber die gesamte Politik von 
wirklichen Kommunisten muß nach dieser Richtung hin eingestellt 
sein. 

Aus diesem Grunde scheint es mir, daß dieses Buch immerhin 
nicht verspätet ist, — zu meinem größten Bedauern, wenn nicht 
als Verfasser, so doch als Kommunist. 

17. Juni 1920. 


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